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Das deutsche Fährschiff trägt mich durch die Nacht wieder der deutschen Küste entaegen. In den letzten drei Wochen ha" sich vieles ereignet in Deutschland. Bayern Rheinrepnb ik Sachs-n! Die Teuerung ist weit über Weltmarktpreis gestiegen. Die Matrosen der Fähre kaufen ihre Lebensmittel in Dänemark Dort find sie billiger als daheim in Deutschland. Eine Gruppe von Eisenbahnern und Matrosen hat sich um mich gebildet. Mle richten die Frage an mich: Was wird werden? Keiner kann sie Nsen Aber ich fühle, daß in dieser einm Frage die Menschen wieder zu einer Gemeinschaft zusammenwachsen, die viel für unsere Zukunft bedeuten kann.
Die Leuchtfeuer von Warnemünde kommen in Sicht. Mir fahren zwischen den Molen hindurch und sind in Deutschland.
Hinter dem Küstenwald steigt die Sonne empor....
Aus den AuszerchnEgem eines deutschen Handrver fellen.
Die deutsche Literatur ist reich an Memoiren und Auto» viographien, darunter sind Werke, die wie Goethes „Aus meinem Leben", die Autobiographien Jung-Still ngs, Ludwig Richters und des Malers von Kügelgen unvergängliche Bedeutung haben. Es ist Kar, daß diese Literaturgattung fast durchweg in die Kreise leitet, die geistig führend sind. Staatsmänner, Gelehrte Dichter, Künstler, Feldherren berichten ihrem Bocke über ihre Erlebnisse und Erfahrungen, während Bauern, Handwerker und Arbeiter, also Männer, die überhaupt wenig schreiben, kaum dazu kommen, Aufzeichnungen zu machen. Mitteilungen persönlicher Art gerade aus diesen Kreisen sind für die Kultur- und Geistesgeschichte sehr wertvoll. Als Paul G o e h r e vor etwa 20 Jahren die Autobiographie des Arbeiters Fischer heraus» gab, begegnete man diesem Wecke in Deutschland mit all- seitigem Interesse. Ebenso hat das Buch von Karl Ernst „Aus dem Leben eines Handwerksburschen" viele Leser gefunden. Der Verfasser, der sich späterhin mit staunenswerter Energie dem Studium gewidmet hat und heute ka holischer Geistlicher in einer Schwarzwaldgemeinde ist, hat in jungen Jahren als Bäckergeselle ganz Deutschlaird, Oesterreich un) die Schweiz durchwandert und viele Jahre nachher in fesselndes Weise darüber berichtet. In volkstümlicher Weise hat auch der frühere Direktor der Friedberger Blindenanstalt Johann Peter Schäfer erzählt, wie er sich in seiner Jugend als Schneider» geselle durch die Welt geschlagen hat. Deshalb wird auch ein Buch, das soeben als Ar. 49/53 der von Prälat D. Dr. Diehl herausgegebenen „Hessischen Volksbücher" erschienen ist und uns von den Wanderfahrten eines deutschen Han3werksburschen berichtet, viele Leser finden, es ist das Buch, das unter der Bezeichnung „Aus dem Tagebuch eines reisenden Handrerkers" zum erstenmal 1845 an die Orffentstchkeit getreten ist und di« Lebenserinnerungen des Buchbinderin.isters Adam Hentz in Weimar darstellt. Professor Dr. jur. et phil. Karl Esselborn, der im Auffinden interessanter Memoiren aus der ä'irrer Zeit eine glückliche Hand hat und dem die „Hessischen Vo kcbücher" manchen wertvollen Zuwachs verdanken, hat das Buch herausgegeben, eine instruktive Einleitung dazu geschrieben und eine Reihe von Anmerkungen beigefügt, die über Einzelheiten Aus» kunft geben.
Dieses Buch ist aus mehr als aus einem Grunde beachtenswert, zunächst deshalb, weil Adam Heust Augenzeuge wichtiger Zeitereignisse war. Er war 1780 in Mainz geboren Hefter die Zustände im alten Kurmainz berichtet er mit großer Anschau» lichkeit, namentlich zieht er die Kulturzustände in der alten Dischvfsstaidt am Rhein in den Bereich s iner Erörterungen. Ms zwölfjähriger Knabe erlebte er die Eroberung seiner Vaterstadt durch Custine, alle die Wandlungen, die die Stadt unter der Einwirkung der Fremdherrschaft in den beiden nächsten Jahrzehnten durchmacht, stellt er mit der Genauigkeit und Zuverlässigkeit eines scharf auffasfenden Zcitgmoffen dar. Im Jahre 1806 wohnt er in Weimar und beobachtet den Zusammenbruch des preußischen Heeres in Thüringen. Im Herbste 1813 macht er eine Geschäftsreise nach Leipzig und kommt dabei in di« Truppenbewegungen hinein, die der Schlacht bei Leipzig vorangingen, ebenso beobachtet er an seinem Wohnorte dm Rückzug der Franzosen nach dem Rhein mnd das Aachdrängen der Mliierten. Hentz berichtet von diesen Zeitereignissen manchen Einzelzug, der an dem Gesam"bilde nichts ändert, wohl aber neu« Bilder in den bekairnten Rahmen einfügt.
Besonders interessant sind die Mitteilungen des Verfassers über seine Wanderungen als Handwerksgeselle. Das Wanderleben des Handwerksburschen hat unstreitig besonderen Reiz. Ein Handwerksbursche, so sagt man, g'ht nicht um, er zieht frohgemut in die Welt, um seinen Gesichtskreis zu erweitern, um fremde Länder und fremde Menschen kennen zu lernen, er steht hier und da in Arbeit, macht aber mit der Arbeit Schluß, wenn die Frühlingsfonne scheint oder wenn der Wandertrieb in ihm wieder erwacht. Er sieht viel mehr als den Reisende, der mit dem Schnellzug das Land durchfährt. Deshalb haben die Zünfte in alter Zeit verlangt, daß der Geselle, wenn er Meister werden wollte, zuvor seine Zeit „erwandert" habe. Freilich darf sich der wandernde „Kunde" oder der „Walzbruder", wie er sich selbst nennt, weder vor Strapazen noch vor Entbehrungen ftirchten, öfters mutz er „platt machen", d. h. im Freien nächtigen, öfters „Kohldampf schieben", d. h. Hunger leiden. Aber auf Tage der Entbehrung kommen für ihn immer wieder Zeiten, da es ihm gut geht. Eine große Gefahr für den wandernden Gesellen ist es, wenn er nicht rechtzeitig mit dem Wanderleben Schluß macht und alsdann sein Leben lang auf der Landstraße bleibt. Adam Hentz war einer von denen, die ausgehen, um ihren Gesichtskreis zu erweitern. Er wucherte durch Süddeutschland, Oesterreich, Ungarn. Polen, Norddeutsch» land, Dänemark, den Harz und die Rheinlande: alles, was er schildert, hat den Reiz der Arsprünglichkrit. Interessante Bilder gibt er namentlich von den östlich gelegenen Gebieten. Das Leben der polnischen Juden, ungarische Wirtshäuser und Krankenhäuser, österreichisches, preußisches und französisches Militär»
richtet sich gegen die Ausfuhr norwegischen ShVergeldes. Der Kurs der norwegkschen Krone weist gegenüber der schwedischen ein bedeutendes Disagio auf. In beiden Ländern aber gilt das gleiche Silbergeld. Kein Wunder, wenn geschäftstüchtige ßeute versuchen, aus Norwegen die Wechselfilbermünzen nach Schweden zu exportieren, um sich dort das Agio zu verdienen. Zum Schaden des norwegischen Staates, der gezwungen ist, auf Verlangen norwegisches Silbergeld gegen schwedische Kronen zurückzunehmen. So hat auch Norwegen seine Dalutasorg m Trotzdem aber kann sich der Deutsche eines Lächelns nicht erwehren, wenn wm ihm tot Norwegen von dem Sturz der Krone erzählt, hie immer noch knapp zwei Drittel ihres Vorkriegswertes besitzt. Wir haben es „weitergebracht" als die Norweger, viel weiter....
Bei Gustaf Cassel draußen in seinem idyllischen Landhaus auf Djursholm. Ich sitze dem bekannten Natiorralökmomen in s r em Arbeitszimmer gegenüber. Mit dem ergrauten K instlerkopf und den gütigen klaren Augen verkörpert er eine glückst he Einheit von Künstler und Gelehrten. Wir svrechan von Deutschland u >d seiner Zukunft. Cassel, der immer für die Anmöglichleit dr R'pava» lionsleistungen durch das verarmte Land eing treten ist, sieht diese Zukunst sehr düster. Wenn Deutschland zahlen mutz, müssen zwanzig Millionen Menschen auswandern oder sterben. And auch dann noch ist eine Leistung in dem .Umfang des Verlangten unmöglich. Aber noch gefährlicher erscheint ihn die allmäh ich? Vernichtung des Privatngnttums in Deutsch'and, was notwe'diger- weise zu einer Auflösung des Rei ches führen müsse Er er ähli In eindringlicher Art von der Konferenz in Genua und von Llchd George, der nun einsehe, wohin die Politik der Entente Deutschland gegenüber führen werde. Aber er ist ohne Hoffnung für uns, toenn wir zahlen sollen und ein neuer Zwang einsetzt. Ich scheine Von ihm in niedergedrückter Stimmung, aber dankbar für das tiefe menschliche Verständnis, das ein neutraler Gelehrter von Weltuf Meinem Vaterland entgegenbringt. Wolsten doch die National- ökvnomen und Polittker der Entente bald auf seinen warnenden Rus hören, ehe eS M spät ist. Aber manche lvarten auf dieses Zuspät....
In diesem „blonden Lande", wie einmal ein deutsches Serien« find über Schweden schrieb, sind die Menschen vor jener inneren Heiterkeit, die der natürlichen Harmonie aus Arbeit und Lek «ns» genu.fi entspringt. Kaum eine Hauptstadt Europas fsiegelt in ihren lebendigen und steingewordenen Aeusterungen den Charakter eines Volkes so klar wieder wie die Hauptstadt Schwedens. Auch hier Tradition und Fortschritt in Eintracht beieinander. Die Entwicklung Stockholms seit dem Kriege ist von erstaunlicher Intensität. Am Kaiarinahissen herum sind Wolkenkratzer «mpvrgewachsen, die mit ihrer Höhe die früher sichtbaren stet en Felswände völlig verdecken. Wenn man über Skeppsholmen mit seinen vornehmen altschwedischen Kasernenbauten wandert und über das Wasser hinüber nach Södrrmalm sieht, glaubt man sich in die „neue Welt" versetzt. Die Entwicklung trägt amerikanische Züge, ohne dabst ihren schwedischen Charakter zu vrrlie en. Das Straßenleben wird von der M nge in Rudeln auftretender Automobile beherrscht. Aeberall erscheint das Tempo gestrige ck. Die bunten Trachten der Dalkul'or die früher oft das Bild belebten, sind leider verschwund n Dafür entschädigt eine gediegene Eleganz, die ihre Träger mit den festlichen Bauten der Stadt in übereinstimmenden Gleichklang bringt.
Am Mälarufer haben sich die Stockholmer in den letzten Jahren ein Rathaus errichtet, dem sich an Eigenart und archt- tektonischem Feingefühl wenige Rathäuser der Welt zur Seite stellen- können. Es sind manch: Stilform m darin bereinigt, auch maurische und venetianische Anklänge. Aber der gewaltige Turm Mit dem flachen goldenen Helm ist von typisch schwedischer Art und hält das Ganze in einer monumentalen Geschlossenheit zusammen, die Erstaunen und Bewunderung erweckt. Es hat sich selten ein Dolkscharakter ein gleiches Ebenbild aus Stan geschaffen tote die Stockholmer in ihrem Rathaus am Mälarsee....


