Ausgabe 
11.11.1924
 
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Dis In dem heißen Hirn wie Blasen aufkochenden Bilder ver­wirrten den Kranken. Wieder versank er in die unklaren Dorstel­lungen des Fiebers, das ihn abermals zwei Tage in seinem Banne Hielt.

Als er aufwachte, fragte er:Ich bin also nicht auf Herren­bruch?" Er Lachte nach und lauschte.Herrenbruch? Dürfte ja auch nicht so sein, denn ich wäre der Gast des Sir Stuart Hamilton. Hörte ich nicht seine Stimme, fraft er mich fortwies, weil ich di- Seuche hatte? Uni) Ihr, Fräulein, wer seid Ihr, daß Ihr Euch getrauet, den Seuchekranken aufzunehmen?"

Ich bin Fräulein Gvttliebe von Herrenbruch und nahm Euch auf, so gut ichs vermochte, um die Ungastlichkeit, die Euch wider­fahren. wettzumachen."

Der Kranke horchte in sich hinein und sagte:Mern Puls ist schnell. Es ist noch Fieber in mir."

Bald hatte Gvttliebe die Gewißheit, das Leben des Ritt­meisters gerettet zu haben. Gemach vernahm der Herr Achatius vom Tode des Wachtmeisters, und lückenlos wuchs ihm zusammen die Geschichte von seiner Abweisung im Schloßtor bis zu seiner Unterkunft im Verschlage des Stalles vom Pfarrhause zu Emm- springe.

Die Schwäche in ihm war noch groß, so groß, dah er selbst in Len wachen Minuten die Augen geschlossen hielt. Als eines Tages Das Fräulein Gottliebe neben dem Ruhenden sah, geschah es, dah der Herr Josias mit ernster Miene in den Stall trat im'Mantel und Stiefeln, und mit einer Pelzmütze gegen das Wetter auf dem Kopf. Er sagte:Habe heute eine seltsame Pflicht zu erfüllen,- Gottliebe. Muh hinaus auf Herrenbruch, möchte aber zuvor Euch abbitten, dah ich den Kranken nicht in mein Haus genommen habe, sondern im Stalle ruhen lieh. Droben auf Herrenbruch haben sie die Seuche auszusperren gedacht, aber.sie ist troh Graben und Zugbrücke hineingelangt und hat sich Opfer geholt: einen Knecht, eine Magd und . . . deine Mutter, Gottliebe!"

Das Mädchen atmete tief auf und legte den Kopf zurück. Sie war bläh geworden, aber sie sagte mit fester Stimme:Meine Mutter!" . . . Herr Josias, sprecht für mich an Ihrem Grabe ein Gebet. Indes will ich hier bleiben und das für sie tun, was sie an dem Kranken auf Herrenbruch hätte tun müssen."

Lange sah Gvttliebe starr auf ihrem Stuhle und- gedachte der Mutter unü Les Vaters, von dem ihr nur ferne, blasse Erinnerun­gen geblieben waren. Ein C&Vfö stand lebhaft vor ihr. Der Dater war im Winter überraschend aus dem Feldzüge gekommen. Als die Mutter im Hofe seine Stimme vernahm, war sie ihm auf der Treppe entgegengestürzt. Schloß Gottliebe die Augen, so sah sie Len grvhen Kopf des Vaters mit der hohen Stirn und dem brau­nen Bart vor sich, in dem sich das Gesicht der Mutter verbarg. Aber dann wuchs jenes andere Bild in ihr auf: die Mutter in Sir Stuarts Armen! Und ein Schluchzen rang sich aus ihrer Brust.

Da fühlte sie eine heihe Hand an ihrem Knie tasten und ihre gerungenen Hände ergreifen. Der Herr Achatius richtete sich in seinem Bett auf und sagte:Wer tat Euch weh, Fräulein Gott­liebe?" _

Sie sagte:Die Seuche, die Euch verschont hat, rih die Mutter Hinweg. Der Tod sprang über Graben und Mauer. Sir Stuart Hamilton vermochte nicht ihn abzuwehren!"

Gvttliebe schwieg. Als leiste sie einen Schwur, sagte sie endlich laut zu sich:Ich hasse Sir Stuart Hamilton als meinen bittersten Feind!"

Da fühlte sie einen Druck auf ihren Fingern und ward gewahr, dah Herr Achatius ihre Hände nicht losgelassen hatte.

*

Herr Josias Rottner schritt langsam in seinem Studierzimmer auf und nieder.

Es hatte sich beim Begräbnis der Frau Magbalis nicht nur ein Grab aufgetan, das dann wieder verschlossen wurde. Des Psarrherrn Blicke waren auch in die Seelen der beiden Männer gedrungen, die an dem Grabe stunden. Er hatte gesehen, wie Sir Stuart mit der behandschuhten Sianö- in die Erde gegriffen, um die drei Hände voll Staub' ins Grab zu streuen, wie es die Sitte gebietet. Es war eine herrische Bewegung im Zugreifen und Fort­werfen, während der Jungherr ungeschickt in der Erde wühlte. Gustav Friedrich besah wohl Fäuste, die packen, aber nicht fest­zuhalten vermochten.

Bei jeder Bewegung hatte der Bruder Gottliebens mit einem Blick Len älteren Mann gefragt, ob er auch das Rechte täte. Einer so starken inneren Abhängigkeit war Herr Josias noch nie in seinem Leben begegnet. Er gab es darum auf, ein gutes Wort für Gottliebe bei ihrem Bruder einzulegen, gewahrte er Loch, Latz der Engelschmann Herr des Schlosses war.

Still war er aus dem Gruftfriedhvf hinausgegangen in den Hof, um wieder in den Wagen zu steigen, der ihn heraufgeführt hatte. Als er sich in seine Decken gewickelt hatte und- sah, waren Sir Stuart und der Jungherr herangetreten. Sir Stuart hatte ihm im harten Tonfall bedeutet:Pfarrherr, wir bissen dem törich­ten Mädchen noch eine kurze Zeit Frist. Danach werden wir sie Holen, und sei es mit Gewalt . . . Sie steht unter meiner und ihres Bruders Obhut. So hat es die sterbende Mutter gewollt."

Hatte der Jungherr hinzu gefügt:Redet Gvttliebe ins Ge­wissen, Pfarrherri Uns tut, nachdem die Frau Mutter gestorben, eine Hausfrau auf Herrenbruch not."

Freiherrliche Gnaden können nicht also mit dem Mädchen verfahren!" hatte sich der Pfarrherr erdreistet zu erwiden.

Da hatte der Jungherr seinen englischen Lehrmeister angeschaut und gestammelt:Wir Verfahren nach Hausrecht, Pfarrherr!"

Sir Stuart Hamilton aber hatte Lem Kutscher zugerusen: Fahr zu!" und' dazu etwas in englischer Sprache geflucht, was der Pfarrherr nicht verstand. .

Sorgenvoll schritt der alte Wann auf und nieder, hatte er doch aus Lem Gesichte des Engelschmann ersehen, daß der sich auch durch den Teufel in der Hölle nicht von dem festgesetzten Vorsatze würde abbringen lassen.

Es klopfte an die Tür, und herein trat Gottliebe, blaß und bewegt. Sie sagte bittend:Verzeiht, daß ich zu Euch Dringe. Ich hatte gedacht, Ihr würdet in den Stall kommen, nyr von dem Be­gräbnis der Mutter zu erzählen.

Herr Josias sah Las Mädchen lange an.Es sind harte Menschen, die wider Euch stehen, Gvttliebe!" Das Fräulein nickte.

Da gab der Pfarrherr Kunde von allem, was geschehen war.

Das i Fräulein senkte den Blick nicht, sondern hörte ihn mtt großem, offenen Augen an, reckte das Kinn trotzig empor und sagte:Weiß nun, woran ich bin mit meinem Erzfeind! Mer ec soll mich nie ohne geladene Pistolen finden. Und er weiß, daß ich treffe! t r

Wie ein junger Ritter im Frauengewand stand sie bet dreien Worten da. Der Pfarrer erkannte die Aehnlichkeit mit dem Bru­der Doch war es nur eine Aehnlichkeit des Körpers, denn in Lieser schlanken Gestalt war spürbar ein fester Wille, dessen der Freiherr Friedrich ermangelte.

Rach diesem Tage, der Drohungen verhieß, verrannen die Stunden gemach und ruhig. Die Kuffin nahm sich der Pferde an und bewegte jie des Abends. Das fiel niemanden auf in der da­maligen Zeit, denn durch Krieg und Seuche waren die Männer rar geworden und viele Rkännerarbeit ward Lurch grauen ver- rietet.

Da der Kranke nicht mehr der stündlichen Pflege bedurfte, nahm das Fräulein wieder ihre Mahlzeiten gemeinsam mit dem Pfarrherrn ein. Sie berichtete mit Genugtuung, daß es thrmn Pfleglinge von Tag zu Tag besser ginge. Doch eine Wunderltch- keit die ihm geblieben war, dünkte sie als der Krankheit Rest. Jeden Tag gebrauchte er Worte, die etwa lauteten:Fraulein, könnt Ihr mir nicht einen Potentaten nennen, der Krieg fuhrt? Oder:An diesem gräßlichen Frieden werde ich noch zugrunde gehen!" Oder:Ihr müsset es glauben, diese Seuche, die uns Reiter überkommen hat, ist die Friedeitsseuche, oder.Werde nicht gesunden, so mir ein tüchtiger Krieg nicht die Knochen star.t.

So verrannen schier zwei Wochen, als eines Abends ans Harrs gepocht ward'. Die Kuffin meinte, es möge wohl ein Be­kümmerter aus der Gemeinde zum Pfarrherrn kommen, und öff­nete. Da ward sie von dreien überrannt, die ungestüm in den Gang drangen, durch das Haus eilten und es von oben bis unten durchsuchten. __ , , ,

Die Kuffin hatte, um sich zur Wehr zu setzen, von ungefähr ein Hvlzbeil ergriffen. Aus der Studierstube hörte sie den Pfarr­herrn rufen:Sie ist nicht im Hanse! Euch spreche ich das Recht ab, in mein Haus zu dringen. Das Fräulein steht unter meinem Schutze und dem Schuhe der Stadt."

Ist sie nicht hier, so ist sie bei ihrem Rosse!" erklang eine fremde hochmütige Stimme, die alsbald in der Kuffin die Er­leuchtung aufflammen lieft:Das ist Sir Stuart Hamilton! Laut schrie sie auf:Feindio, Fräulein! Feindio! Mordio! ,

Da hasteten die drei Eindringlinge die Treppe hinab in den Hof Doch an der Tür des Stalles fanden sie wehrhaft das Frau­lein' mit zwei Halfterpistolen in der Hand. Zwei andere steckten griffgerecht in ihrem Gürtelband. Ruhig und kalt zielte sie auf ihren Bruder:Wer einen Fuß von der Schwelle herabsetzt, ist Les Todes!

Die Kuffin schlich mit ihrem Hackbeil herzu, um zuzuspringen, wenn es not täte. Alsbald sah sie, wie Sir Stuart den Jungherrn zurückdrängte, und hörte wie er rief:Geht zu den Pferden! Ich spreche allein mit ihr!" Dann kreuzte er die Arme und sagte zum Fräulein:Rur um so mehr entzündet Euer Trotz meine Liebe! Schwache Weiber habe ich zu jeder Zeit meines Lebens verachtet. Immer habe ich gewünscht, ein Weib zu finden, in dem ein so kühner Geist wach sei, wie ihn das Fräulein Mathilde von Herrenbruch, meine einstige Besiegerin, besessen. Der Besitz Eurer Liebe allein würde von mir die Schmach tilgen, die mir vor Herrenbruch widerfahren. Und es müßte fürwahr ein heißes, stürmisches Geschlecht werden, das wir beiDe zeugten! Ihr seid zu Großem berufen und sollt nicht auf dem armseligen, deutschen Boden ein kümmerliches Los finden. König Karl rüstet, unD ich will ihm mein Schwert zur Verfügung stellen. Folgt mir. eine Herzvgkrone ist Eurer gewiß!"

(Fortsetzung folgt.)

Schriftleitung: Dr. Friede. Wilh. Lanae. Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.