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Am völlige Sicyerheit zu haben, rvtrd- angesichts des hohen Jnnendrucks der Beton nicht ohne weiteres auf die zackige Bergwand aufgestampft. Sehr leicht verbleiben bei dieser groben Arbeit kleine Zwischenräume in welche die Auskleidung vom Jnnen- drua hereingepreßt werden könnte. Tritt erne solche Bewegung ein, dann reiht der Beton, und der Stollen ist undicht. Deshalb wird hinter Las ausgestampfte Material, also zwischen seinem Bücken und dem Granit, ein Gemisch von Zement und feinstem Sand- in flüssigem Zustand unter sehr hohem Druck eingespritzt. Die Werkzeuge, die hierzu benutzt werden, Lorkretinjektoren genannt, füllen jeden Spalt und jede Ritze vollkommen aus. Am das Rohr auf seiner Innenseite wasserdicht zu machen, bezieht man es mit Tor- kretspritzbeton einer erst vor wenigen Jahren erfundenen neuen Detvnart, die für den gesamten Wasserbau außerordentlich nutzbringend geworden ist. Der Torkret wird durch Druckwasser und Druckluft auf die Innenwand geschleudert, wo er eine sehr feste, gut haftende und wasserdichte Schicht bildet. Doch noch immer fühlt sich die Stolkenwandung rauh an. Das durchströmende Wasser würde durch die Reibung an der so gestalteten Wand Kraft verlieren. Das Aufträgen einer letzten Putzschicht sorgt deshalb- dafür, daß sie vollkommen glatt wird. Durch sorgfältiges Aeberstrei- chen mit feinen Instrumenten sucht man auch die geringsten Vorsprünge und Vertiefungen zu beseitigen.
In unabsehbarer langer Reihe leuchten die elektrischen Lampen im Stollen. Ihr Schein wirft Strahlen, von dem hellgrauen Glattputz zurückgewvrfen. Cs ist, als sei eine Festbeleuchtung auf dem Wege zu unserm Schloß entzündet worden. Rur wenige Jahrzehnte sind» vergangen, seit die Stollenarbeiter beim Schein kläglicher Leuchten rauchenderOellämpchen, ihr Werk verrichten muhten. Der Fortschritt zur Jetztzeit, die beinahe Tageshelle zu den Arbeitsstätten unter Tag bringt, ist ungeheuer, unvergleichlich groß im Verhältnis mit'nahezu allen anderen Techniken.
Doch nun stutzt unser Fuh. Der schmale Weg weitet sich. Wir stehen an der Schwelle einer Höhlung im Gebirge, deren Wände sich trotz aller Lampenstrahlung im Dunkel verlieren. Die Hammer- schläge, die bis jetzt dumpf geklungen haben, werden plötzlich heller, das Wort, das lange Zeit nur gepreßt von den Lippen zu kommen schien, fliegt frei auf, nicht mehr überschnell zurückgeworsen durch allzunahe echvgebende Wände. Frische, kühle Luft strömt über unsere Häupter, wir fühlen wieder die gewohnte freie Weite. And siehe! Ein Stückchen hellen Himmels leuchtet zu uns herein, ein kleiner, kreisrunder Ausschnitt nur, wie am Ende eines Fernrohrs, aber es ist die Sonnenseite der Welt, von der wir uns eben noch weit, weit abgetrennt fühlten. Denn wir sind mehr als I1/2 Kilometer vom Stollenmund hierhergegangen, und der Granit des Bergs lagert mit einer Mächtigkeit von mehr als 60 Meter über uns.
Dreizehn Meter Durchmesser und elf Meter Höhe hat der Dom, in dessen Mittelpunkt wir stehen. Das Grau des Glattputzes kleidet auch ihn aus. And diese letzte Einfachheit wirkt schon wieder wie ein Schmuck. Sie verleiht den: Raum den Ausdruck schweren Ernstes und zusammengefaßter Kraft. Man fühlt das künftige Hindurchströmen des kraftb-ringenden Wassers voraus bei Betrachtung der sanften, alle Stöße Hintanhaltenden Abrundungen, die jegliche Kante, jede Durchschneidung erhalten haben. Das Schmiegsame der Flüssigkeit hat dadurch in dem harten Beton seinen Ausdruck gefunden. Ragend steigt die zylindrische Bekrönung der Kuppel zum lichten Tag empor. Mdlos hoch scheint der Schacht, endlos wie das Sehnen der im Dunkeln lebenden Menschheit nach dem Licht. -
Wir sind im Wasserschloß, in das der Stollen von 3 Meter- Durchmesser auf der einen Seite mündet, um die Weitung an genau gegenüberliegendem Ausschnitt wieder in gleicher Form zu verlassen. Mvnatelanger Arbeit hat es bedurft, um dem Berg diesen Hohlraum obzugewinnen. Vom kalten Standpunkt der Technik betrachtet, ist es nichts als ein Stoßfänger. Freilich, ein ganz unentbehrlicher Teil der Krafterzeugungsanlage.
Der .Stollen geht ein Stück weiter noch durch das Gebirge, dann schließt sich an ihn eine eiserne Rohrbahn von 900 Meter Länge, die mit einem schrägen Abfall von 310 Meter hinuntersteigt zum Turbinenschacht im Krafthaus. Befinden sich die Maschinen in Betrieb, dann sind Stollen und Rohrbahn mit dahinschießendem Wasser von 6 Atmosphären Druck gefüllt. Im Wasserschloß steht die Flüssigkeit unter Benutzung des aufsteigenden Schachtes gerade so hoch wie im Staubecken hinter der Sperrmauer. Gäbe es den offenen Teil in der Entnahmeleitung nicht, und würde der Ausfluß im Kraftwerk oder am oberen Ende der Druckrohre durch die hierfür vorgesehenen riesigen Schieber plötzlich geschlossen, weil man die Turbinen oder die Druckrohre entlasten will, dann müßte das in seinem Absturz Zäh gehemmte Wasser die lange Entnahmeleitung an irgend einer Stelle zersprengen. Denn der gewaltigen in ihm wohnenden lebendigen Kraft wäre die vorgesehene Auswirkungsmöglichkeit plötzlich genommen, und- da sie nicht im Augenblick zu verschwinden vermag, müßte sie sich zerstörend entladen. 1
Da wirkt nun die Anlage des Wasserschlosses wie eine Sicherung in der elektrischen Leitung. Das zur freien Luft sich öffnende Gebäude ist die schwächste Stelle der Entnahmeleitung. Der Rückstoß des Wassers mutz sich deshalb- stets hier und damit unschädlich auswirken. Sobald der Absperrschieber geschlossen wird, staut sich das Wasser in der aufsteigenden Rohrbahn und- im anschließenden
Teil des Stollens zurück. Die rückflutenöen und die vom Stausee vorwärtsströmenden Wassermassen treffen sich im Wasserschloß, wildbrausend bäumen sie sich auf, stürmen im Dom empor, brodelnd und rauschend- schlägt der Wasserspiegel im Schacht um 7 bis 8 Meter in die Höhe. Damit ist aber die gefahrdrohende Rückstoßkraft auch schon abg-eöämpst, insbesondere deshalb, weil sie die gesamte Wassermasse in der 13 Meter weiten Halle hat in Bewegung setzen müssen. Der Wasserspiegel im Schacht schaukelt kurze Zeit hin und her, dann ist er beruhigt. Der Stollen und die Stauanlage sind unerschüttert geblieben.
Anser Wasserschloß ist also nichts anderes als ein Rückschlagventil, das vor dem Hauptteil des Stollens und dem großen Staubecken liegt. Es schützt die wichtigsten Bauteil« gegen alle Gefahren, die von der lebendigen Kraft des Wassers drohen. Betrachten wir den eigentümlichen Ramen der Einrichtung genau, so finden wir, daß die Silbe Schloß Hier nicht im Sinn von Palast sondern so wie beim Wort Türschloß verstanden werden soll. Die äußere Form läßt freilich das erstere glauben, sowohl hier, wo die Anlage sich im Berginnern befindet, wie noch mehr in den meisten anderen Fällen, wo sie als hochgemauerter Dau mit bekrönender, durchschlitzter Kuppel frei am Dergabhang steht. Die Wortauslegung bleibt auch schließlich gleichgültig. Dieser Verschluß ist ein Schloß, das an Großartigkeit des Eindrucks mit manchem romantischen Prachtbau wetteifern kann.
Das wehrhafte Fräursin.
• Von Friedrich Freksa.
(Fortsetzung.)
Indem wendeten die beiden kranken Reiter ihre Rosse und trabten auf uns zu, mit blassen Gesichtern, aus denen große Augen fieberhaft glühten. War ein Anblick zum Erschrecken, als ob Tod oder Pestilenz dahergeritten kämen.
Mein Bruder gab seiner Stute erschreckt die Sporen. Da ersah ich meine Freiheit und galoppierte davon. Kannte einen schma-. len Pfad- durch Tann und Sumpf von meinen nächtlichen Streifen. Der barg mich, und ich verhielt mich still in der Deckung bis zur Rächt. Am so mehr gedachte ich jetzt mein Recht auf Fenstäde zu suchen. Setzte mich wieder aufs Roh, das wohl ausgeruht war, und- ritt trotz meines Hungers in die Rächt.
Als ich auf die Straße gelangte, hielt ich fleihig Ausschau nach rechts und- links, ob nicht da mein Widersacher lauerte. Da sah ich neben dem Graben an einem Baume zwei Pferde und neben dem Baume lagen zwei röchelnde Männer. Alsbald erkannte ich die beiden Reiter, durch die ich gerettet ward. Den Herrn Achatius von Söllern fand ich in Decken gerollt, neben ihm lag sein graub-ärtiger Genosse im Schüttelkrainpf mit emporgezogenen Knien. Der streckte sich nur noch ein paarmal, dann entfloh rhm der Odem, und er starrte regungslos zum Mondlicht empor. Den kranken Herrn Achatius legte ich auf sein Roß und gedachte auch das Pferd des andern mitzuleiten. Aber es mochte nicht von dannen gehen und drängte zu seinem stillen Herrn zurück. Da ließ- ich es denn stehen und barg den Kranken, denn ich war es rhm doppelt schuldig, um der gottgefügten Rettung willen und der gastlichen Ehre unseres Hauses."
Es waren schwere Wochen, die sich nur langsam und zögernd von dem Lsbensknäuel des Fräulein Gottlieb« ahspannen. Allein sah sie neben dem Kranken, der in seinem Fieber lag, Ramen her- ausstieh, die sie nicht kannte und von Schlachten und Plünderungen fabelte. Rur dis zur Tür wagte sich die Kuffin und fragte von ferne nach den Wünschen des Fräuleins. Einmal war des Rachts Herr Josias gekommen und hatte sich nicht entsagen können, den Scheitel des schlafenden Mädchens zu streicheln. Davon war sie erwacht und hatte im dunklen Stalle das Gewand- des Pfarr- herrn verschwinden sehen wie einen Traumschatten.
Selbst Jammer, der Hund, schnupperte mit der Rase mißtrauisch in den Verschlag hinein. Leide, die Katze, war das erste Wesen des Hauses, das sich zu längerem Aufenthalt einstellte. Eines Morgens fand- sie das Fräulein auf ihrem Schatze liegen.
Harte Arbeit und- mancherlei Ekel war zu überwinden, um den hilflosen, schweren Mann zu pflegen, dessen Leib- vom Fieber geschüttelt ward. Aber aus des Kranken Reden erkannte sie ein gutes Mannesgemüt. Das war keiner von den wüsten Gesellen, wie sie sich in der üb-ergorenen Zeit so häufig fanden, sondern ein Krieger, der da mit dem Tode rang.
Am fünften Tage kam der Rittmeister zum ersten Male zum Bewußtsein. Mit großen, offenen Augen sah er das schöne Mädchen in gutem Gewände an seiner Seite sitzen. Er fragte: „Seid Ihr es selbst, Fräulein, die Ihr mich pflegt?"
Gottliebe nickte. Der Kranke ward unruhig. Er schaute sich nach rechts und- links um und ward des armseligen Derschlages gewahr, in dem er ruhte. Seine Gedanken flogen zurück, suchten Erinnerungen und zwangen die Worte von seinen Lippen: „Wo ist mein Wachtmeister?"
„Ich bitte Euch, faßt Euch in Geduld," bat Gottliebe, „wir haben Euch ausgenommen, denn ich fand Euch krank am Strahen- rande liegen."
„Krank am Straßenrand«?" fragte der Rittmeister und schaute das Fräulein an. „Bin ich denn nicht nach Schloß Herrenb-ruch geritten? And Ihr? Ich sah Euch doch schon einmal? Aber mich dünkt, Ihr wart ein Wann und trüget einen Reiterhut."


