Ausgabe 
11.11.1924
 
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Gietzener Zamilienblätter

___Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

Jahrgang |92< Dienstag, den November " Hummer 52

Allerlei Nachdenkliches.

Don F. Rehnelt.

. , Es Mbt Idealisten, welche glauben, daß durch Beseitigung so­zialer -Unterschiede das Dasein verbessert werden könnte. Um die Antwort auf die Frage zu finden, ob dies überhaupt möglich sei, braucht man sich nur ihre Gesichter zu betrachten. Von Laufend Bluten Les gemeinen Gänseblümchens sind nicht zwei einander voll­kommen gleich.

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Die Sage vom irdischen Paradies ist kein Märchen. Die Erde rst auch heute noch ein solches, nur die Menschen machen es sich gegenseitig zur Hölle.

Ein Jurist sagte mir einmal: Recht hat nicht der welcher Recht rojJ0? c.rn das Recht bekommt. Man kann den bitteren Rachsatz hrnzufügen: Und der andere hat Unrecht.

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Das Wort Lebensgefährtin kommt von Lebensgefahr.

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Die Menschen werden geboren um zu sterben. Die dazwischen liegende Zeit ist einem Buch mit weißen Blättern vergleichbar das zuruckgegeben werden soll. Viele halten es nicht einmal äußer» lrch sauber, andere machen ein Kassenbuch daraus, bei nicht we­nigen bleiben die Seiten leer oder werden mit verworrenem Text gefüllt. Auch gibt es Menschen, dir es achtlos von sich werfen, weil sie damit nichts anzufangen wissen und nur wenige verstehen es, ihm wertvollen Inhalt zu geben.

Jungbrunnen.

Von Anna Kapp st ein.

In einer schon südhaft grellen Sonne glimmt und gleißt das steinige Bett der Rhone. Pappeln, säulenschlank und düster, säu­men die Ufer. Schon hoch oben aus den breiten Aussichtsfenstern der Lötschbergbahn, die sich nach dem Austritt aus dem mehr denn 14 000 Meter langen Tunnel vom Felsfuß deö Bietschhorns und des Breithvrns nach der Stadt Drig am Simplvntunnel hinab- fchlängelt, nimmt man diese Kette von Ausrufungszeichen wahr. Und die Rhone hat wohl ein Recht, nachdrücklich auf sich auf­merksam zu machen. Der Rhein hat viele Quellen, deren Begeg­nung den jungwilden Gesellen bildet, der noch nach dem Aus­fluß aus dem Bodensee dir tollen Sprünge von Schaffhausen und von Lauffen macht und in Basel noch ungebärdig gegen die Qua­dern der Brückenpfeiler tobt. Der Ursprung der Donau ist um­stritten. Die feierliche Fassung derDonauquelle" bei Donau­eschingen gilt vielen nur als eine schöne Geste.

Aber die Rhone entstammt überhaupt nicht brauner Erde. Die Rhone ist eine Tochter des Gletschers, gleich der schaum­geborenen Göttin dem reinsten Elemente sich in unirdisch leuchten­den, smaragden schillernden Weiß endwindend. Furka- und Grinfel- paß grüßen in ihre lawinenumdonnerte Wiege.Im Gletsch" ist der Ort benannt, wo an ihrem jungen Sauf erste Menschensied- lungen sich gründeten.

Ein finsteres Felfentor will ihr den Weg zu den Matten, die sie wässern soll, versperren. Sie überrennt es, und die Alpweiden blühen! Liefer noch kränzen die Weinlauben ihre Hänge und in dem zarten, rankenden Grün der Weinstöcke stehen schwärzlich und starr die Pappeln. Freundliche Städtchen in Obstgärten; Roten an Len Mauern; Sprühwasser, Lie vom Gewände, springen; Schluch­ten, die sich seitlich unter Umfeldern verheißend öffnen.

Leuk-Susten ... der Talkessel weitet sich. Ein silberner Duft erfüllt ihn. Dom Berge glänzt Montana mit feinen Hotelpalästen. Westlich verblauen im Sonnendunst die Wipfel. Sehnsucht folgt der Rhone zu den Blumenborden des Genfer Sees, zu dem Sagen­lande der Province, deren graue Olivenwälder der Frühling mit Lem Rosa der Mandel- und Pfirsichblüte sprenkelt, zu den von afrikanischen Winden wunderwirkend überhauchten Gestaden des Mittelmeeres, in das ihr Delta mit müde gewordenen Wellen sich verströmt.

Sehnsucht strebt auch empor zu den Drücken und Klüften Ler Dala, die von Norden unter den Eiswüsten am Lötschenpaß sich, ins Rhonetal stürzt.

Eine Zahnradbahn nimmt den Sehnsuchtsweg. Erste Station; Leuk-Stadt, MittelalterromantikLeuca fottis", war einst turm­bewehrte Festung von bewegter und blutiger Geschichte. Das

Dlschofsschloß bestätigt der auf vorgelagertem Bergkegel gebau­ten Stadt des weiteren ihre Bedeutung im Wallis und darüber hmaus Der Fremde empfindet stärker ihr italienisches Gepräge, nicht überall angenehmster Art. Schwarze Wuschelhaare von ^"en Wirtinnen, die in unaufgeräumter Gaststube in trüben Glasern einen gelben Wein servieren, der allerdings so feurig ist wie ihre Augen wecken Erinnerungen an Trattorieen in Neapel. Aber bas braucht kein Typus zu sein. Man mag als morgen® frufcr Wanderer dem die Hotels sich noch nicht öffnen, Pech geyam haben. Köstlich tiefschattige Gänge unter Linden- undKa- stanrenbaumen und auf den Aeckern Mais- Kartoffeln und Wein und Rosen in den Gärten ...

Die Landschaft engt und weitet sich. Eng sind die Schluchten dre der Zug auf pfeilerschlanken Brücken übersetzt, dicht die Wal- Lungen darein er sich wühlt, düster die Gründe, an deren Steile der Bück Hinabtaucht. Dann eine Kehre und die Welt liegt offen im Licht bis weit zum blauen Horizont, und, hinter soeben' durchfahrenen Wäldern breiten sich besiedelte Rücken mit Kirch- dorfern. In der Nähe der Flecken Albinen, der den Weg zu Tal

Leitern kürzte. Sie hängen schauerlich in der Wildnis der Felsenriffe, nach Verwitterung nur mangelhaft ausgebessert mit . Zweigen, die vom Baum gebrochen und als Sprossen eingefügt wurden. Auf diesen berüchtigten Leitern von Albinen steigt der Aelpler sicher, auf dem Rücken noch sein Kalb oder sein Lamm

Äeber dem Brausen der Wasserstürze, über Tannen und Fich- tert. mild und wiesengrün das Leuker Hochtal, von großen weißen Lilien überblüht, wie Kinder sie zur Prozession in Händen tragen, von uns als Gartenblumen nur gekannt, gleich den Narzissen die überm Genfer Dee in wilder Schönheit wachsen. Der Boden da die Wien wurzeln, ist durchspült von warmen Quellen. Es sind ihrer zweiundzwanzig, von denen bisher fünf gefaßt wurden. Eine große Zukunftsarbeit harrt der Dadeverwaltung. Spuren weifen auf alte Römerzeit, in der das Bad bereits bekannt und geschäht war. Die -Unruhen der Völkerwanderung ließen es ver­fallen, bis Hirten und Jäger es von neuem entdeckten. Schon im 13 Jahrhundert genoß es Ruf, trotz des mühsamen Zugangs Lawinen haben ihm übel mitgespielt in feiner fast einundeinhalb­taufend Meterlage unter der Gemmi. Die Gegenwart weiß, sich durch Sperrwälle dagegen zu schützen. Bad Leuk ist kein Luxus- vrt. Die Bade- und Kureinrichtungen beschränken sich auf Zweck­mäßigkeit. Seine Thermalquellen sollen Wunder verrichten, wo alle anderen Heilmittel versagten. Die trockene Hochgebirgsluft unterstützt die Kraft des Wassers, das einer Unzahl der verschie­densten Leibesschäöen entgegenwirkt. Halbe Tage lang verbleiben die Kranken in der molbigen Zauberflut. Zur Unterhaltung hat man ihnen Gesellschaftsbäder eingerichtet, zwei für beide Ge­schlechter in geräumiger Halle, in der Männlein und Weiblein über die Sperre in der Mitte sich die Bälle des Gesprächs zuf- werfeH können. Für beschaulichere Naturen gibt es schwimmende Tische. Diese werden durch ein Lesepult erhöht, und der Badende vertieft sich in seine Zeitung. Bücher von Wert müßten ja wohl auf Gummipapier gedruckt werden, falls eine vergnügliche Spritz­welle drüberhinfährt. Auf diesen behaglich schaukelnden Tischen reicht man nach ärztlicher Verordnung auch Las Frühstück ins Bad. Diese äußerst drollige Einrichtung hat Lenk fast bekannter in der Welt gemacht als seine staunenswerten Heilquellen selbst und seine unerhörte Lage am Fuße des drohend dunkelen Gemmi- stockes, an dessen jäher Flanke der Paßweg aus Getrümmer, un­heimlich auf überhängenden Schroffen schwebend, ins zerklüftete Gewände klimmt.

Die Wintermenschen lieben Lenk als Sportgelänöe. Sein ge­schütztes Hochtal zwischen bezwingbaren Gipfeln, das freundliche braune Dorf der Aelpler, ein wenig abseits der Hotels und Bade­häuser, seine auf sanften Wegen zugänglichen Wälder sind Lockung den Muskelleuten und Träumern. Seine Brunnen rauschen Hoff­nung den Verzagten. 7

Monte Vetita.

Im verschwommenen Klostergärtchen des platzbeherrschenüen Metropolhvtels in Locarno, als ein sanfter Regen herniederrreselte, vor dem ich mich unter breiten Palmenfächern barg, las ich di« Einladung:Das Klima ist das günstigste des Kontinents za allen Jahreszeiten . . . Wärme unß Sonnenschein des Südens und das Kraftvolle des Nordens . . . Besonderer Vorzug des Monte Beritä: Länge der Svnnenbescheinung nahezu unüber­troffen. Tagestemperatur wie Nizza . . . Lind noch einmal: Trocken, fast windsrei und sehr sonnig . . ." Das entschied. Der