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em Abend vorher Alice und Maudfii fliegerGer Hast herühgÄm«» men waren.
Es war eine mich erquickende halbe Stande, denn ich kenne nichts Schöneres, als den Einblick in eine ruhige, von keiner Leidenschaft getrübte Foauenseele. Als wir von nnserm Spaziergangs heimkehrten, empfingen uns die Kinder tmb alles war Glück and Friede. Die Freundin übernahm es, mit Otto zu sprechen. „And um elf Uhr der Wagen," schloß sie. „Richt früher."
Und nun schlug es elf und mit dem Glockenfchlag erschien Friedrich auf meinem Zimmer, um meinen Koffer in den Wagen zu tragen. Ich folgte rasch, nahm Abschied von den Kindern, grob und klein, die mich auf dem Hausflur unten umstanden, mti> trat, einigermaßen erregt und bewegt, auf die Freitreppe hinaus, auf der ich Karolinen und Otto bereits erkannt hatte. Wer aber beschreibt mein Erstaunen, als ich neben ihnen Onkel Dodo stehen sah, 6er eben ein Paar dänisch-lederne Handschuh anzog und dadurch andeutete, daß er mich begleiten wolle. Mein nicht geringer Schrecken wurde nur durch das Komische seiner Erscheinung einigermaßen wieder ausgeglichen. Er hatte nämlich, tags vorher, seinen breitkrempigen Strvhhut verloren und sich infolge davon unter Ottos Vorrat eine höchst merkwürdige Kopfbedeckung ausgesucht, die, gerade modern, zwischen Bienenkorb und Feuerwehrhelm die Äiitte hielt und mit der alten Krempentraditivn ein für allemal gebrochen zu haben schien. Ich wollt' ihn darauf hin ansprechen, er aber, mit jener Hast und Quickheit, der meine Langsamkeit nicht annäherrü> gewachsen war, überholte mich und teilte mir in abwechselnd kurzen und dann wieder weit ausgeführten Sätzen mit, daß er vor dreizehn Minuten ein Telegramm erhalten habe, wonach gegen Erwarten, morgen schon der Delegiertentag der „Turner imb Hhgienisten von Ober- und Rieder-Barnim" abgehalten werden sollte. Ratürlich in Eberswalde. Da dürfe er nicht fehlen, und zwar um so weniger, als, unter Anlehnung an den Doktor Tannerschen Fall, die Frage nach der Aahrungsfähigkeit des Wassers in einer Kvmiteefttzung zur Erörterung kommen solle. Für ihn persönlich stehe die Sache fest, und bedürfe nur noch gewisser Einschränkungen. Lieber sogenanntes „Himmelswasser", eine von ihm herrührende Bezeichnung, unter der er, namentlich m Gebirgsgegenden, Degen und Tau verstehe, möge sich hinsichtlich seiner Mhrkraft, streiten lassen, aber was Fluh- und Quell-, oder gar Teich- und Seewasser angehe, so sei dasselbe seiner Ratur nach ein Infusum, ein Aufguß,, sozusagen Erdtee, drin sich verdünnt oder auch konzentriert, der Rährstvff aus hunderttausend Wurzeln befinde. Gott sei Dank werde man Ende September in Wiesbaden in der Lage sein, der Frage näher zu rücken und endgültige Beschlüsse zu fassen.
Die letzten Worte, von lebhafter Gestikulation Begleitet, wurden schon auf dem Wagentritt gesprochen, und kaum daß wir sahen und unsere Hüte noch einmal zum Abschied gelüstet hatten, als auch die Pferde bereits amzogen und uns vom Hof hinunter in die fruchtbare, mit Fabriken und Rübenfeldern überdeckte Landschaft hinaustrugen. _ , ,
„Eine prächtige Brise," sagte Onkel Dodo, während ich gerade den Rockkragen in die Höhe klappte.
Beinah gleichzeitig mit uns fuhr, von der andern Seite her. der Zug in den Bahnhof ein und in dem Menschenknäuel und eined echten Bahnhofsverwirrung auseinander gekommen, erfüllte mich eine Minute lang die Hoffnung, in ein Richtraucherkupee retirieren und so vielleicht entwischen zu können . . . Aber Onkel Dodo war auch Richtraucher und da sahen wir denn, unserer Versicherung nach, wieder glücklich beisammen und „freuten“ uns, nicht getrennt worden $u fein. „Bis Betlin hin," begann er, „läßt sich schon was reden. Wir hoben übrigens durchgehende Wagen. Es ist ihnen doch recht, meine Damen, wenn ich Luft mache?"
Diese letzten Worte waren an vier Damen gerichtet, die klugerweise bereits die Rücksitze des Wagens eingenommen hatten. Und so kam ich denn an das offene Fenstier und hatte die fiische Lust eines Schnellzuges aus erster Hand. Ich hätte protestteren und auf Schließung wenigstens eines Fensters dringen tonnen, aber ich kannte meinen Partner zu gut, um mich auf Erfolglosigketten einzulassen.
.Um sechs trafen wir auf dem Friedrichstrahen-Bahnhvs ein. Sine geplante „gemeinschaftliche Droschke", — die übrigens, Bei dem mir längst angeslogenen Kopf- und Zahnreihen, ziemlich irrelevant gewesen wäre — ging an mir vorüber, und Gott sei Dank einsamen Betrachtungen über „les defauts des vertus" der besten Menschen hingegeben, fuhr ich, zwischen den Pferdebahngeleisen der Dorvtheenstrahe, dem Tiergarten und meiner Wohnung zu.
Wie sich denken läßt, harrte meiner eine fieberige Macht.
Am anderen Morge naher, als ich mich, matt und angegriffen, an meinen Frühstücks tisch setzte, fand ich Bereits, unter Kreuzband, eine kleine Sendung vor. 3n der linken Anterecke stand Onkel Dodos 'Hamdi, mit der Zubemerkung: „In Eil." Es waren zwei von ihm selbst verfaßte Broschüren, eine kleinere: „In balnais salus“, und eine größere, die den Titel führte: „Beiträge zur Wiederherstellung des Menschengeschlechts". Aber auch hier war ein Stück Latinität nicht vergessen, und sowohl das Motto wie die Schluh- zeile der Broschüre lautete: mens sana in corpore sano.
sMres Sanatoriums aufnahm. So kam Pupin in Familien, wo er den gesellschaftlichen Schliff erhielt, den er selbst an sich so sehr vermißt hatte. Der Anterricht in der Keksfabrik ging daneben Petter u:to förderte Pupin so, dah er im Herbst 1879 die Aufnahmeprüfung zur Universität Aeuyork glänzend bestand; er wurde sogleich von allen Studienkosten befreit. Mehrere ©ejange aus der Mas und einige Reden Ciceros hatte er auswendig gelernt.
Das reiche Sportsleben der Aniversttät konnte Pupin sehr zu seinem LÄdwesen nur nebenbei mitmachen ; er hielt sich streng an sein Studium, so dah er fortlaufend Stipendien gewann, die ihm die Fortsetzung seiner Studien möglich machten. 3m dritten 3atyre erfreuten ihn seine Kommilitonen durch die höchste studentische Ehre, das Präsidium der „Klasse". Am Ende des vierten Jahres legte er die Schluß-Prüfung mit grohen Ehren ab.
Damals vermittelte die amerikanische Universität mehr eine allgemeine Bildung. Das eigentliche Berufsstudium folgte auf das vierte 3ahr. Pupin entschloß sich für ein naturwissenschaftliches Studium und wählte auf den Rat seiner Lehrer die dafür beste Schule: Er ging nach Cambridge in England, wo er zwar eine vorzügliche mathematisch-theoretische Ausbildung erhielt, aber den Phh sikun ter richt, den er gesucht hatte, nicht fand. Zwei Jahre später siedelte er nach Berlin über; dort erfüllte das Laboratorium von Helmholtz seine Wünsche. Seine Berliner Studienzeit fiel in das Jahr 1887 mit den grohen Entdeckungen von Heinrich Hertz, die nicht nur Pupin, sondern der ganzen Phhsikerwelt die Augen über das zu öffnen begannen, was Elektrizität ist.
Das reiche wissenschaftliche Leben, das von Helmholtz, Kirchhoff und anderen ausströmte, dämpften das starke germanenfeindliche Vorurteil Pupins. Einen eigentlichen Abschluß fanden seine Studien in Berlin nicht; er nahm die Berufung der Columbia- Aniversität in Reuhvrk auf den Lehrstuhl für mathematische Physik an und verheiratete sich mit einer Amerikanerin. Bald nach Beginn seiner Tätigkeit an der Columbia-Aniversität wurden die Röntgenstrahlen beginnt, und Pupin machte die ersten Röntgen- bilder in Amerika. Heute ist er noch Professor in Reuhvrk.
And nun zum SHluh einige Worte über die Erfindung, die Pupins Hamen in 6er ganzen technischen Welt bekannt gemacht hat, und zu ihrer merkwürdigen Geschichte: In Jdvor grasten dieQchsen auf einer Wiese mit tjartan Boden; daneben lag ein Maisfeld, das ttef gepflügt war, dahinter ein rumänisches Dorf, in das so mancher Ochse verschwand. Die jungen Burschen von Jdvor bildeten deshalb eine Postenkette an der Grenze. Am sich verständigen zu können, richteten sie sich eine Signalisierung ein, indem sie ihre langen Messer in den Boden steckten und die Signale durch Klopfen an die Messergriffe hervorbrachten. Die Töne konnten sie dann abhören, doch gelang dies nur auf dem harten Boden, dagegen! nicht -auf dem weichen Boden des Mais selbes.
Run fand Pupin später einmal in Paris eine Ausgabe der „Analytischen Mechanik", von La Grange, mit einer Therme einer „harten" Saite, längs deren sich die Wellen besser fortpflanzen, als längs einer gewöhnlichen Saite. Aus einer Schweizerreise mit seiner jungen Frau fiel ihm auf Grund der vielen Aehnlichkeiten zwischen mechanischen und elektromagnetischen Grscheidungen ein, dah schnell aufeinanderfolgende elektrische Wellen, wie in .elektrische Strome umgesetzte Schallwellen, wohl über einen „harten" Draht besser laufen mühten, als über einen „weichen". Diese elektrische „Härtung" des Drahtes erzielte er dadurch, dah er in gewissen Abständen auf Eisenkerne, gewöhnlich eiserne Ringe, gewickelte Spulen in die Leitungen einschaltete und so die Sprech- verstandigung ganz außerordentlich verbefferte, ja sie auf Kabeln von nur einigermaßen beträchtlicher Länge überhaupt erst möglich machte.
Die LÄensgeschichte Michael Pupins ist ein Beweis dafür, dah ein tüchtiger Kerl alle Hemmungen überwindet und sich die Stellung im Leben verschafft, die seinen Fähigketten entspricht.
Onltel Dodo.
Von Theodor Fontane.
(Schluß.)
Frau Karoline nahm meine Hand. „Ich sehe schon. Es sind ja nur vierzig Minuten von hier bis an den Bahnhof, aber Sie zittern schon bei der bloßen Möglichkeit einer Zugversäumnis. And so will ich Sie nicht weiter bitten. Im «September ist Kaltwasser- kongreh in Wiesbaden, wohin der Onkel unweigerlich geht. And so glaub' ich mich denn (immer vorausgesetzt, daß «Sie wollen), dafür verbürgen zu können, dah Sie den Faden, den Sie heute selbst durchschneiden, um jene Zeit ungestört wieder anknüpfen tonnen. Der Herbst ist unsere beste Zett und sie sind, wie «Sie tröffen, immer le bienvenu. And mm gäben «Sie mir den Arm, daß wir noch einen Spaziergang machen. Ich habe noch allerhand Fragen auf dem Herzen: die Kinder müssen cnis dem'Haus, Albert gewiß und auch Alfred und Artur. Aber ich schwanke noch, wohin und bin außerdem, aus Prinzip, gegen denselben Ort und dieselbe Schule für alle drei. . Da hängen sie dann zusammen und leben in sich hinein, anstatt aus sich heraus zu leben."
And bannt fuhren wir auf die Parkwiese hinüber und gfov gen in Geplauder den schräglaufenden Kiesweg hinauf, auf dem
Schriftleitung: Dr. Friedr, Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brüblfchen Aniv.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


