ehen, was aus 6er Sache würde. WiEch, sie kaufte Las hellblaue Seidenzeug, und Guschi redete mit der nächsten Kundin e&ertfo süß. Er verstand sein Geschäft: Karrel seufzte, wie er es bemerkte. Er konnte die alten Röcke und Hosen niemals so glühend anpreisen, wie er sollte. Scheu drückte er sich in dem großen Warenhaus herum und erschrak fast, als Guschi ihn mit einem Male auf die Schulter klopfte. „Run, Karret, wo ist der Schinken von zu Hause?"
„Ich habe keinen gekriegt!" stotterte der andre, und sein Be- kannter lächelte geringschätzig.
„Ihr seid Kaffern! 3a, das seid ihr! Aber sage mir, wo deine Tante Marenka wohnt. Ich möchte sie einmal besuchen. Handelt sie noch immer mit Ähren und Wertsachen? Änd gibt sie Geld daraus?"
„Ich weiß es nicht," erwiderte Karrel bestürzt, aber er gab die gewünschte Adresse.
Guschi lachte wieder über ihn. „Du weißt auch rein gar nichts! Deine Tante hat ein großes Pfandgeschäft, und sie soll viel Geld verdienen. Du muht mich einmal bei ihr einführen."
Ein Ladenmädchen rief nach ihm; er warf den Kopf in den Racken, schalt über die ewige Sklaverei und ging langsam an seinen Platz zurück, wo er wieder Seidenstoffe verkaufte. Immer mit dem süßen Ton in der Stimme und mit einem verführerischen Lächeln, so daß Karrel ihn von neuem bewunderte. Ach, der war so fein, so geschickt, was wollte er bei Tante Marenka und ihrem Hunde? Freilich, wenn sie reich war--
Karrel dachte einen Augenblick darüber nach, und auch darüber, weshalb sie ihn schon zweimal nach dem Abendbrot eingeladen und ihm nicht einmal ein Glas Mer gegeben hatte, wo sie doch solchen guten Appetit bei feinen Eltern zeigte. Aber dann vergaß er sie und dachte erst wieder an sie, als er zum Neujahrsabend bei ihr eingeladen wurde zu Berliner Pfannkuchen mit Punsch. Karrel freute sich. Das Weihnachtsfest war langweilig gewesen, mit viel Arbeit und keiner freien Zeit. Aber er hatte dreißig Mark geschenkt und einen fast neuen Anzug zum Einkaufspreis erhalten, der ihm besser stand als der Rock von seinem Großvater.
Als er zu seiner Tante kam, machte er große Augen. Guschi saß neben ihr im Sofa und begrüßte ihn sehr liebevoll. „Run. alter Junge, wie geht's? Wir sehen uns ja niemals! Du hast es wohl höllisch sauer! Aber, durch Nacht zum Licht! Richt wahr, gnädige Frau?"
Tante Marenka war gar nicht böse, daß Guschi sie gnädige Frau -nannte. Sie lachte und schenkte Punsch ein. Dann berichtete sie von ihren Erfahrungen im Geschäft, und Guschi erzählte von den feinen. Bon dem billigen Seidenzeug, das er den Damen verkauft hatte, von den kleinen Mädchen, vor denen er sich nicht bergen konnte, von allerlei Skandal aus der Gesellschaft. Tante Marenka hörte aufmerksam zu, berichtete, was sie wußte, und unterhielt sich ausgezeichnet. Karrel aber langweilte sich Er mochte nicht gern vom Betrügen reden hören, und daß es so viel Schlecht tigfeit in Hamburg gab, konnte er sich auch nicht denken.
(Fortsetzung folgt.)
Die Geschichte der Barbara Bach.
Skizze von P aulrichard Hensel.
Es war eine der seltsamsten Rächte, die ich auf der Äeberfahrt nach Bombay erlebte. Der Ozean schlief, und die Luft war drückend, tote angefüllt mit vielen Rätseln, daß man sich nicht von ihr lösen konnte und die Schlafkabine mied, obwohl der Tag müde gemacht hatte Wir saßen in einer Ecke des Promenadendecks — ein kleiner Kreis der sich aus gleichgesinnten Menschen zusammengefunden hatte, seitdem die Heimat hinter dem Horizont verschwunden war. Änd daß gerade wir sechs Menschen uns immer wieder absonderten von der bunten Menge, die das Schiff bevölkerte, um mit uns allein zu sein, lag wohl daran, daß jeder mit dem Instinkt erlebten Leides in dem anderen einen Ritz spürte, etwas, das ihn verwandt machte mit der eigenen Seele. Wan sprach nicht darüber und fragte nicht, aber aus unserem Zusammensein in den hellen Rächten wuchsen Gespräche auf, die den Glanz der Innerlichkeit und des Dertrauens trugen. Und in der Nacht, von der ich spreche, in der kein Schlas kommen wollte, weil etwas Änerklärliches unser Blut schneller schlagen lieh-, kam es wie von selbst, daß der eine] anfing, von sich zu sprechen. Ein Mief, eine Erinnerung trieb ihn vielleicht. Änd nach ihm erzählte ein anderer — und viele Gedanken wurden aufgewühlt von Dingen, die wir unbewußt im Leben streifen, kaum ihrer achtend-, und die uns dann doch plötzlich in einen anderen Weg drängen. Vertrauen hieß die Melodie in den Worten des anderen. Ä-nd jeder von uns dachte wohl an den einen oder anderen Dag in der Vergangenheit, da er selbst mit banger Seele vor der Wahl ftanb und ... das Falsche wählte.
Lange hingen wir, als die Worte verstummt waren, unseren Gedanken nach, in die das einförmige Murmeln der Bugwellen drang. Da sagte Barbara Dach, die Frau mit den silbernen Locken an den Schläfen, von der niemand mehr wußte, als daß sie von kaum gekannter Güte war:
„Ich will Ihnen auch eine Geschichte erzählen. Ihnen allem. Denn nicht immer ist das zum Erzählen, was wir als reichstes Erleben in uns tragen. Und es ist zu viel Scheu in uns, andere an dem teiknehmen zu lassen, was uns selbst fassungslos machte. Aber
Straße, fa Ser Wolf & Schmidt ihr Quartier aufgeschlagen hatten.
war Än Heiner Laden, vor dem alte Röcke und Hosen hingen Hn& in dem eine entsetz llche Lust war. Karrel erschrak zuerst, denn er hatte geglaubt, ein Hamburger Laden wäre etwas Hübscher als der Laden in feinem Dorfe. Doch das Erschrecken half ihm nichts: elin sehr alter Herr Schmidt nahm ihn in Empfang, sagte kaum guten Tag und ließ ihn gleich den Laden kehren. Karrel wohnte im Hause. Bei Frau Wolf, -die in der dritten Etage Zimmer mit Kaffee vermietete und die ihm eine kleine Spelunke überlieh, in der er sich kaum umdrehen konnte. Änd geradeüber war eine Speisewirtschast, in der es fettige Suppen und zähes Rindfleisch gab. _
Wenn Karrel abends ganz allein aus seiner Kammer war. dann kämpfte er manchmal mit fernen Tränen und hatte schreckliches Heimweh. .
Aber meistens war er so müde, daß er sehr bald emschttes. Herr Schmidt ließ ihn den ganzen Tag an den alten Kleidungsstücken arbeiten; dann mußte er von ihm die doppelte Buchführung lernen, und westn noch Zeit übrig war, mußte er den Keinen Wölfen bei den Schularbeiten helfen. Hnb die ersten Sonntage kam er nicht aus. Herr Schmidt sagte, er solle sich erst ins Geschäft einleb-en, und gab ihm vormittags Briefe zu kopieren, und nachmittags gingen Herr und Frau Wolf mit den größeren Kindern aus, urü> Karrel mußte auf den Kleinsten Pasten: denn das Mädchen mußte meistens notwendig auf einen Ball.
Sv kam es, daß Karrel kaum Zeit sand, an Guschi zu denken, wenn er's tat, nur mit scheuer Bewunderung. Der hatte es viel besser als er, weil er viel feiner war. Gr hatte wohl gehört^ wie Guschi von seinem Geschäft gesprochen hatte, und tote, vornehm es dort war: wieviel Herrschaften dort kauften, und wie gut die jungen Leute behandelt wurden. Zu Wolf & Schmidt kamen keine vornehmen Herrschaften: nur Männer, die sich schnell etwas Lberzuziehen kaufen wollten, die bei jedem Groschen handelten und manchmal laut scheltend wieder weggingen, weil ihnen alles zu tixnr
Gr tat fein möglichstes, um die Prinzipale zufriedenzustellen, und diese stießen nicht mit ihm herum, sondern liehen ihn nur scharf arbeiten.
Natürlich Hatte Karrel gleich Dante Marenka besuchen wollen, aber sie hatte ihm eine Karte geschrieben, daß sie viel zu (tun; hätte und ihm Bescheid sagen wollte, wenn sie ihn brauchte. Änd dann kud sie ihn an einem Sonntagabend nach dem Abendbrot ein, tote sie ausdrücklich dabei bemerkte. Karrel durfte ausgehen: Frau Most -hatte nichts dagegen, obgleich sie hinzusetzte, daß die Lehr- tfcnge nicht so verwöhnt werden müßten, wie es in der Welt überhaupt Mode wäre, daß junge Menschen verwöhnt würden. Karrel achtete nicht darauf. Er freute sich so, einmal auf die Straße zu kommen und einmal etwas andres zu sehen als alte Männerkleidung. Gr fand auch gleich die Sttaße, in der seine Tante wohnte. Sie lag nicht weit von seiner eigenen entfernt und hatte an diesem Sonntagabend etwas Düstres, Einsames.
Aber das Haus, in dem Tante Marenka im Erdgeschoß wohnte, war recht stattlich, und- Karrel zog mit einigem Herzklopfen die Klingel. Die Tante öffnete ihm, hieß ihn kurz willkommen; und führte ihn in eine behagliche Wohnstube. Hier braute eine Lampe auf dem Tische, an den Wänden standen mehrere Schränke; auch ein Keiner Geldschrank, vor dem ein Hund lag, der Karrel mit leisem Knurren empfing. Tante Marenka war noch nicht alt. Eigentlich hatte sie ein hübsches Gesicht und sehr große glänzende Augen, die sie fest auf den jungen Menschen heftete, während sie ihm einen Stuhl anbot und- ihn berichten ließ: von Wolf & Schmidt, und was er dort zu tun habe. Sie schien sehr zufrieden, daß, er noch keine freie Zeit gehabt hatte.
„So muß es sein! Die Lehrlingszeit ist zum Lernen da; schreib mir nicht nach Haus, daß du es schlecht hast; die Heidebauern können nicht verstehen, daß man in Hamburg arbeiten muß.“
Wenn die Tante sprach, dann zeigte sie ihre weißen Zähne und 'hatte etwas Fremdarttges, das Karrel sonst niemals ausgefallen war. Sie war auch nicht so freundlich, wie wenn sie bei seinen Eltern auf Besuch war. Nachdem er ausgefragt war und alles be- cmtwortet hatte, durfte er wieder gehen, und er war nicht ungut frieden damit.
Nun kam die Weihnachtszeit, und der alte Kleiöerladen machte großartige Geschäfte. Karrel begriff nicht, woher die vielen alten Docke kamen, die Herr Wost immer wieder herbeibrachte, aber er verstand schon, sie zu verkaufen und alle Schelte über die hohen Preise geduldig einzustecken.
Kurz vor Weihnachten nahm Frau Wolf ihn einmal mit in ein großes Geschäft, wo es brennende Tannenbäume gab und freie Schokolade und Gott weiß, was sonst noch. Die Wolf scheu Kinder waren natürlich auch dabei, und Karrel mußte darauf achten, daß sie im Gewühl nicht verloren gingen und nicht mehr Kuchen aßen, als sie durften. And wie er den einen Jungen hinter ebnem Tische suchte, aus dem lauter Seidenstoffe lagen, sah er plötzlich Guschi, der hinter ihm stand, einen blauen Stoff zierlich auseinanderfaltete und mit füßer Stimme dazu sprach: „Dies wird Ihnen reizend- stehen, meine Gnädigste! Gerade für Ihre Figur und Ihre zarten Farben eignet sich die Schattierung am besten!"
Die Käuferin, mit der Guschi sprach, war eine Frau, die manchmal bei Schmidt & Wost handelte. Sie war dick, häßlich und hatte ein blaurotes Gesicht. Änwillkürlich blieb Karrel stehen, um zu


