Gietzener Zamilienblatter
__Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
Jahrgang (92^ Samstag. Sen U- Oktober NmnmeH
Hoffnung.
Don Dogislaw von Selcholv.
Was will der Stunde Not bedeuten I Was tut's, wenn dir ein Traum zerrann I Schon oft kam nach Kollin ein Leuthen! Nur eins ist not dazu: ein Wann!
Karrel und sein Freund.
Don CharlotteNiese.
Karrel hatte Herzklopfen, als der Personenzug langsam in di« kleine Station auf der Heide einfuhr und er in die dritte Klaffe «imfieigen muhte. Denn Tante Marenka aus Hamburg hatte geschrieben, dah er vierter Klaffe fahren sollt«, und obgleich sie die Reise nicht bezahlte, so wollte er doch tun, was sie sagte. Hatte sie ihm doch einen Platz in Hamburg besorgt, einen feinen, wie sie sagte. Dort sollte er als Lehrling eintreten, und Pater mtd Mutter Hatten sich nicht wenig gefreut. Alle Kaufleute werden bekanntlich reich: Hein Roth, der im Dorfe einen Laden hatte, einen, in dem man alles kaufen konnte, war gleichfalls ein wohlhabender Mann. Aber vierter Klasse mutzte man zuerst fahren, wenn man Glück haben wollte: es war schlimm, daß dieser Zug keine führte.
Nun, vielleicht schadet es nichts, wenn man sonst rechnen konnte und ehrlich war. Der Lehrer hatte gleichfalls gesagt: „Last ihn nur zwischen die Heringe kommen!" DÄm er dachte, in Hamburg handeln die Kaufleute alle mit Heringen, und war ein wenig von oben herab, weil er doch mehr gelernt hatte als die Heringsprinzen. Was sollte Karrel auch andres werden als Kaufmann? Sein ältester Bruder erhielt den fleinen Bauernhof, der zweite wurde Knecht bei ihm, und der dritte studierte auf den Schulmeister, was nicht wenig Geld kostete. Karrel war der letzte von den Jungen, und er wollte versuchen, viel Geld zu verdienen. Dann brauchte seine Schwester Mal« nicht immer bei der hochmütigen Hvfbäuerin zu bleiben, die sie so schlecht behandelte, urib die kleine Trine, die Jüngste von allen Kindern, die noch in di« Schule ging und nur ein Paar schwere Holzpantoffel hatte, sollt« dann von ihm ein Paar braune Stiefel haben, wie die Stadtleute sie trugen, und vielleicht auch noch ein himmelblaues Kleid.
Ja, es war schön, an dies« Dinge zu denken, und obgleich Karrel der Abschied schwer geworden war, so freute er sich doch, in einem feinen Eisenbahnzuge zu sitzen und nach Hamburg zu fahren. Das war eine herrlich« Stadt, Tante Marenka hatte ihm oft davon berichtet. Tante Marenka war die Witwe vom Bruder seines Vaters, und sie hatte ein Geschäft in Hamburg. Onkel Fritz hatte sich seine Frau aus der Polackei oder noch weiter her mitgebracht: daher hatte sie den komischen Namen und war auch anders als die Leute auf der Heide. Sie kam jeden Sommer auf den Bauernhof von Kar. ,-ls Vater, trank sehr viel Milch ah noch mehr Brot und Speck und schenkt« dafür einig« Sachen, di« nicht zu gebrauchen waren. Ein Dlumenbukett aus Papier, einen alten Wandleuchter Und ähnliche Dinge. Sie war geizig, und vielleicht ging auch ihr Geschäft nicht gut: heutzutage waren die Zeiten natürllch schlecht. Aber sie hatte doch Karrel eine Stelle bei Wolf & Schmidt besorgt, und sie erlaubte, dah Karrel sie manchmal, natürlich nach dem Abendbrot, besuchte. Darüber Hatte sich Karrels Mutter am meisten gefreut, denn sie hatte in der Zeitung gelesen, wieviel lln= taten gerade am Abend passierten, und Dante Marenka wustte noch mehr Geschichten. Hamburg ivar schlecht, eine böse Stadt, und wer sich nicht in acht nahm, der konnte wohl zu Schaden kommen. Ihr« dunkeln Augen funkelten, und ihr scharfgeschnittenes Gesicht wurde noch düsterer, wenn sie davon sprach. Karrel wurde beinahe ängstlich, wenn er an die Gefahren dachte, denen er entgegenging, und dann sah' er aus dem Zuge in di« flache Landschaft, an der er vorübersuHr. Die Heide war ein wenig rot, denn drz September regierte noch mit seinem warmen Sonnenschein und den vielen weihen Fäden in der Luft. Nun gab's auf dem väterlichen Hof bald frischen Honig und große Gravensteiner Aepfel — ach, war es nicht dumm, vom Hause Wegzugehen, wenn es dort so schön war? 2lber Woff & Schmidt verlangten gerade jetzt einen Lehr- ting, Und Tante Marenka wäre böse geworden, toeim Karrel nicht nun en wäre. Er schluckte ein wenig, und dann fiel ihm ein, Mutter ihm ein großes Paket in das rotwollene Taschentuch
geknüpft hatte, das er bei sich führte.
„Tag, Karrel!" sagt« da eine Stimme neben ihm, und der Angeredte wandte sich dem Sprecher zu, der bis dahin hochmütig
aus dem Fenster geblickt Hatte, so dah man fein Gesicht nicht sehen konnte. Nun griff er gleich nach einem Butterbrot. „Ich darf doch zulangen, Karrel? Wir haben ja immer alles geteilt!"
„Duscht, bist du es eigentlich?" fragte Karrel Betroffen, und dieser lachte etwas von oben herab.
„Kennst du mich denn nicht mehr? Wir sind doch zusammen in di« Schule gegangen!" Er wollte noch nach einem Butterbrot langen, aber Karrel packte den Nest wieder ein. Er tat es weniger aus Geiz als aus Ueberraschung. Guschi Sebers war nicht immer nett gegen ihn gewesen, und er hatte ihn doch sehr bewundert. Er wohnte damals eine Zeitlang mit seiner Mutter im Dorf und war viel feiner als die andern Bauernjungen. Er trug nie Holzpantoffel, immer weihe Hemdkragen und Sonntags einen bunten Schlips. II nb dann lernte er auch beffer als die andern« Daher kam er nachher nach Hannover, well er da in der Schule weiterkommen konnte, und es hieß, daß er Pastor oder Doktor werden sollte. Aber nun sah er neben Karrel in dem Zuge, trug «inen feinen Sommeranzug mit bunter Wäsche und lächelte er« Haben.
„Was willst du denn auf Reisen gehen, Karrel? Ist es nicht besser bei dm Heidschnucken?"
Karrel lachte. Ja, es war beffer bei -den Heidschnucken, obgleich fein Vater keine hatte, aber er wollte nun doch Kaufmann werden, sind fo berichtete er, dah er als Lehrling bei Woff & Schmidt in Hamburg eintreten sollte.
Guschi hörte ihm gelangweilt zu. Seitdem das Butterbrotpaket verschwunden war, schien er es zu bereuen, Karre! airgeredet zu haben. Auf der letzten Stattvn war ein junges Mädchen ein-- gefitegen, das er auf den Fuh zu treten versuchte und das M kichern begann. Da lächelte auch Guschi holdselig und war erst wieder für Karrel da, als die Schöne bald ausstieg. Gustav Sebers war auch ein ganz andrer Kerl als Karrel. Dieser war ein wenig krumm gewachsen, hatte große rote Hände und trug einen Anzug, mit dem sein berftorßener Großvater sich Sonntags geputzt hatte. Der Dorfschneider hatte ihn allerdings etwas verändert, aber der junge Mensch machte doch den Eindruck eines alten Mannes, während Gustav geradezu etwas Vornehmes hatte. Karrel sah selbst ein, dah er nicht fein genug für Guschi war, und als nun ein Geschäftsreisender einstieg und sich zwischen die beiden setzte, da wunderte sich Karrel keinen Augenblick, dah Guschi mit diesem vornehmen Herrn gleich eine Unterhaltung begann und weise über- Hamburg redete. Er hatte schon fett einem Jahr eine Stelle als Kaufmann da und war nur auf .Urlaub gewesen. Und er gebrauchte einige Ausdrücke in fremder Sprache, di« Karrel nicht verstand und die ihn mit Ehrfurcht erfüllten.
In Harburg stieg der Reisende wieder aus, und als die große Drücke über die Elbe kam und der Rücken des Breiten Stromes mtt großen und kleinen Schiffen bleckt war, da begann Karrel doch! ein wenig zu zittern. Lieber Gott, wie sollte er sich in dem großen Hamburg zurechtsinden, dessen Türme und graue Muser im Hintergrund auftauchten? Trvstfuchend griff er wieder zu seinem Taschentuch und freute sich, dah Guschi ihn wiederkannte, in das angenehme Dutterbrotpaket griff, tüchtig davon ah und einige ermutigende wenn wir uns begegnen, kannst du mich immer um Rat fragen. Worte sagte. „Sei man nicht zu bange! Ich bin ja auch da, und Allerdings bin ich in einem sehr feinen Geschäft und habe feiner? Umgang. Aber vielleicht treffen wir uns gelegentlich. Du kannst mir mal ’ne Karte schreiben, wenn Beine Mutter einen Schinken geschickt hat."
Ach, das würde Mutter nie tun; sie war sparsam und muhte ihre paar Schinken verkaufen; aber Karrel wagte dies nicht M sagen. Er fühlte sich geehrt, daß Guschi so fange mit ihm sprach und ihm jetzt oite) Hie große Insel Wilhelmsburg zeigte, über dis der Zug gemütlich schlenderte. Da kam noch eine Drücke, ragend« Masten, ein Gewirr von Häusern, und endlich fuhr der Zug in di« dunkle Halle des Hauptbahnhofs.
Karrel wußte später niemals, tote er an gekommen und sich zu Woff & Schmidt hingefragt hatte. Guschi hatte ihm nicht geholfen. Der Hatte einen ebenso seinen jungen Wann getroffen, tote er selbst war, und war ohne Gruh verschwunden. Karre! war zu verwirrt, dies zu bemerken. Gr hatte mit feinen eigenen Angelegenheiten ja tun: und mit dem alten Spankorb, den er auf den Rücken neuntes muhte und in dem feine Habseligkeiten waren. Gepäckträger u«6 andre Menschen wollten ihm helfen und lachten über ihn; aber jedermann im Dorf« wußte, wieviel Spitzbuben eS in Hamburg aäb. und Karrel gelangte schwer beladen in die kleine düste«


