Ausgabe 
10.5.1924
 
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Begriff von einem Philosophe«, als einem die Art des gewöhn­lichen Verkehrs verabscheuenden, unzugänglichen und unverständ­lichen Manne so gründlich zerstört und den wahren Begriff ihnen gegeben habe, indem er gezeigt, wie der Philosoph jede, auch die kleinste Sache, ihrem vielseitigen Nutzen und den entferntesten Wirkungen nach aufsasse.

Dom Turme schlug es dreiviertel; Kant wurde einsilbiger und blickte öfter nach dem Korridor, ob die erwarteten Gäste nicht bald eintreten wollten. Er hatte Hunger, was uns nicht wundern darf, da er seit nahezu vierundzwanzig Stunden nur den Tee von heute morgen genommen hatte. Zum Glück für ihn waren die beiden, außer ihm Eingeladenen, Militärs, von denen größere Punknich» leit zu erhoffen war; der eine, General Meyer, Chef eines Dra­gonerregiments und Gouverneur, der andere ein jüngerer Oih* zier, Verwandter des Hauses. General Meyer war ein Jugend­freund des Herrn von Gimborn gewesen, mit dem er in einigen Feldzügen gekämpft hatte; dabei wußte die Gräfin, daß er auch ihrem Professor angenehm sein werde, denn in seinem Hause hatte Kant vor einer Anzahl von Jahren ein Kolleg über Mathe­matik und physische Geographie gelesen, und Meyer war es, der, als einst Kant bei ihm sein Glas über das kostbare Gedeck gegossen hatte, rasch auch seinen Rotwein umstieß, und da es sich eben um die Dardanellen handelte, mit dem Finger im Wein ihre Rich­tung abzeichnet«.

Man faß zu Tisch; der Kabeljau, eine Lieblingsspeise Kants, fehlte nicht unter den ersten Gerichten.

/Bei einer vollen Tafel," bemerkte Kant gelegentlich,wo die Wenge der Gerichte nur aus das lange Zusammenhalten der Gäste abgezweckt ist, geht die Unterredung gewöhnlich durch drei Stu­fen: Erzählen, Räsonieren und Scherzen. Man erzählt die Neuig­keiten des Tages, zuerst einheimische, dann auch auswärtige, durch Privatbriefe und Zeitungen eingelaufene.

Wenn dieser erste Appetit befriedigt ist, dann kommt es an bas Räsonieren, und nun wird die Gesellschaft schon lebhafter. Denn weil beim Vernünfteln über einen und denselben auf die Dahn gebrachten Gegenstand die Verschiedenheit derBeurteilung schwerlich zu vermeiden ist und jeder doch von der seinigen eben nicht die geringste Meinung hak, so erhebt sich ein Streit, der den Appetit für Schüssel und Douteille regt und nach dem Maße der Lebhaftigkeit des Streits und der Teilnahme an derselben auch gedeihlich macht.

Weil aber das Vernünfteln immer eine Art von Arbeit und Kraftanstrengung ist, diese aber durch einen reichlichen Genuß der Speisen endlich beschwerlich wird, so fällt nun die Unterredung natürlicherweise auf das bloße Spiel des Witzes, zum Teil auch, den anwesenden Frauen zu gefallen. Bei diesen tun die kleinen mutwilligen, aber nicht beschämenden Angriffe auf ihr Geschlecht die Wirkung, sich in ihrem Witze selbst vorteilhaft zu zeigen. Lind so endigt die Mahlzeit mit Lachen, welches, wenn es laut und gutmütig ist, die Natur durch Dewegung des Zwerchfells und der Eingeweide ganz eigentlich für den Wagen zur Verdauung und zum körperlichen Wohlbefinden bestimmt hat."

Genau nach dieser Auseinandersetzung verlief das Mahl. Ein Gespräch über das Wetter war auf dem Gang zu T.sch unvermeid­lich. Darauf hielt Kant, der sich viel mit den Einflüssen der Luft und der Luftelektrizität auf fein Befinden beschäftigte und die Be­obachtungen anderer einzog, um daran Bemerkungen und Schlüsse zu knüpfen. Dann gaben die Kämpfe der Engländer mit den Nord­amerikanern, Pombals Reformen und einige Neuigkeiten aus der administrativen und militärischen Welt unerschöpflichen Stoff, und unvermerkt war man insÄäsonieren" geraten, indem die Neu­angekommenen etwas von den Königsberger Größen, dem Pack- hosverwalter Hamann und dem Stadt- and Kriminalrat Hippel zu hören wünschten. .'

Gin« kunstvoll Bereitete süße Schüssel bildete den Anlaß und MeBergang zu den Scherzen des Nachtisches. Indem Kant die Bereitung der Speise mit wirklicher Kennerschaft besprach, sandte er einige kleine Pfeile auf die Jüngste der Anwesenden unddas Frauenzimmer" überhaupt. Er hatte erfahren, daß Sophie eine begeisterte Anhängerin der Musik sei und selbst eine große Fertig­keit in der Behandlung des Klaviers besitze. So warf er denn eines seiner beliebtesten Tischthemas aus, dasjunge Frauen­zimmer" sollte sich ebenso von einem Koch in der Kochkunst unter­richten lassen, als von dem Musikmeister in der Tonkunst, weil sie sich bei ihrem künstigen Manne, er sei wer er wolle, Ge­lehrter oder Geschäftsmann, weit mehr Achtung und Liebe erwer­ben würde, wenn sie ihm nach vollbrachter Arbeit mit einer wohl­schmeckenden Schüssel ohne Musik, als mit einer schlechtschmecken- den mit Musik ausnehmen möchte. Einmal war ihm bei einer sol­chen Gelegenheit von einer Dame erwidert worden:Es ist doch, lieber Herr Professor, wirklich, als ob Sie uns alle bloß für Kö­chinnen ansähen." Sophie dagegen trat mit Humor in den Kampf ein und meinte, Musikbetrieb und gutes Essen seien, um philo­sophisch zu reden, keine sich ausschließenden Begriffe, und gute Musik schmecke nach einem guten Essen um so besser. Da der Ge­neral die Bemerkung beibrachte, in Schottland sei es in/pt be­sten Häusern der Brauch, den Töchtern in der Kochkunst von einem Koch Lektionen geben zu lassen, erklärte Sophie es unter

dem Beifall aller für noch besser, wenn diese Lektionen durch dis Mutter erteilt würden, und Frau von Gimborn begann die Mutter Sophies als ein Muster aller häuslichen Tugenden zu rühmen, die sie nicht ohne Erfolg auf die Tochter zu übertragen bemüht gewesen sei.

Die ganze Unterhaltung, wie sie Sophie führte, war dem Gelehrten äußerst gemäß. Er sah es gern, wenn jemand In seiner Rühe, während er selbst sich durch den Andrang seiner Ideen oft von dem Hauptgegenstande ableiten ließ, den Faden des Ge­sprächs festhielt, und Sophie hatte dies in ausgezeichneter Weise verstanden. Er sagte sich im stillen, daß sie das besitze, was er als das Eigentümliche der Frauen im Gegensätze zu dem sogenannten tiefen Verstand" der Männer bezeichnet hatte, nämlich dens ch ö- nen Verstand". Auch häusliche Eigenschaften annehmen zu dür- sen, war ihm eine angenehme Ergänzung des Bildes.

Nach Tisch, als er sich mit der Gräfin über das Mädcheln. unterhielt und ihr Alter auf dreiundzwanzig bestimmte, während die Gräfin mindestens sechsundzwanzig glaubte annehmen zu müs­sen, sprach er immer im Tone der psychologischen Unter­suchung die Vermutung aus, sie werde wohl längst schon ihr Herz vergeben haben, und es dürfe dem Künftigen Gutes pro­phezeit werden.

Der zweiten Hälfte der Vermutung beistimmend, widersprach die Gräfin doch der erfteren auf Grund bestimmter Anzeichen, welche allerdings nur dem Auge der Frauen erkennbar seien. Ueber das lebhafte Interesse des Profefsors für die junge Fremde machte sich die Gräfin keine besonderen Gedanken, denn, wie sie ihn als für den Junggesellenstand vorherbestimmt ansah. so schien ihr jede Hoffnung auf Aenderung dieses Zustandes entschwunden, seit Kant es war vor wenigen Jahren einer jungen, schönen, sanften Witwe feine Neigung zugewendet, aber mit seinem An­träge so lange gezögert hatte, bis ein anderer mit rascher Hand sie in sein Heim führte.--

Nach einigen Tagen, welche die beiden Damen auf Besuche und Einladungen verwendeten, fuhren sie nach dem Gute, das Frau von Gimborn zugefallen war und das in der Nähe.von Moditten lag. Schon auf dem Hinwege kehrten sie mit den Em­pfehlungen der Gräfin und Kants im stattlichen Forsthaufe ein. Als sich ihnen auf dem Gute manches Unerfreuliche zeigte, die Zimmer verwahrlost, die Rechnungen schlecht geführt waren und aus manchen Anzeichen der Verdacht der Untreue gegen den In­spektor rege wurde, schien es angemessener, von diesem sich nicht die bei einem Aufenthalt im Schloß unvermeidlichen kleineren Gefäl­ligkeiten erweisen zu lassen. Schnell war der Entschluß gefaßt, nach dem Forsthause zurückzukehren und dort für die nächsten Tage um Quartier zu bitten, um so das lästige Fahren zu und von der Stadt zu vermeiden.

Frau Wobser hatte mit einer wortarmen, aber sonnenartigen Freundlichkeit die Herzen der beiden Damen bei ihrem ersten Eintreten gewonnen; als echte Westfalin taute sie erst allmählich zur Gesprächigkeit auf. Den Oberförster hatten sie noch nicht ge­troffen, er sollte von einer entfernteren Schonung erst abends nach Hause kommen. Eben, als die Fäden der verwickelten Verwandt­schaft zwischen Sophie und der Frau Oberförsterin entwirrt waren, trat er ein.

Das war eine hohe, breitschulterige Gestalt mit frischen Far­ben, blondem, wallendem Bart und kleinen, blitzenden Augen unter den dichten, rötlichen Brauen. Er wäre das Bild eines alten Deutschen gewesen, hätte ihn nicht der Zopf verunstaltet, dessen sich wenigstens für seine Waldgänge trotz der Mode zu entschla- gen, er nicht Mut genug besaß. Eine liebenswürdige, kavalier­mäßige Art, wie wir sie bei den wirklichen Forstleuten oft finden, ging durch sein ganzes Wesen. Dieses Bild also hatte Kant vor­geschwebt, als er an dem Abschnitte von den Nationalcharakteren schrieb, in welchem er den deutschen Charakter als eine glückliche Verbindung englischen und französischen Wesens schildert, nur daß der Deutsche weit mehr frage, was die Leute von ihm ur­teilen mögen und so die Schwachheit habe, sich nicht zu erkühnen, Original zu sein, obgleich alle Talente dazu vorhanden seien.

Als Frau Wobser die Merkwürdigkeit ihres Hauses, die Stube Kants, den Damen zeigte, jammerte sie darüber, daß dieser überaus tressliche Mann, der so sehr verdiene, durch eine Frau glücklich zu werden, noch immer als Junggeselle mit dem abscheu­lichen Lampe hause. Sie verbreitete sich über die oberflächliche Art des gegenwärtigen Geschlechts der Königsbergerinnen, welche nut darauf sähen, daß ihr Liebster jung sei und stattlich aussehe und Zeit habe, den ganzen Tag ihnen Komplimente zu machen; diese seien allerdings des Kant nicht wert. Frau von Gimborn, welche, da Sophie schwieg, sich allein an diesem Gespräch beteiligte, warf ein, daß auch Herr Kant selbst dem Stande der Ehe nicht sonder­lich geneigt scheine,, indem ihr einige Bemerkungen hierüber be­richtet worden seien, wie zum Exempeldas conjugium beweise schon hinlänglich, daß beide Ehegatten an einem Joche tragen, und in ein Joch gespannt sein, könne doch keine Glückseligkeit ge­nannt werden", worauf Frau Wobser eifrig wurde und meinte, es müsse nur einmaldie Rechte" kommen.

(Fortsetzung folgt.)

Schriftleitung: Dr. Friede Will). Lange. Druck und Verlag der Drühl'schen Univ.-Buch- und Gteindruckerei. A. Lange, ©leben.