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Der arme Mensch blieb vor ©tannen lange stumm.

Erst als er den Hellen Sonnenslecken, die das Kleid der Schwester und die Tür beleuchteten, erkannte, daß der Tag längst angebrochen war, griff es wieder wie mit schweren Händen schreck­haft an sein Herz: er müsse auf die Straße und verkaufen.

Darum sagte er, mit vor Schwäche leiser Stimme:Wo bin ich denn? Ich muh ja fort!

Sogleich erhob sich die Schwester, trat an ihn heran und faßte nach seinem Handgelenk.Sie müssen nicht fort, HerrKeu- tnann," antwortete sie.Sie haben nur schlecht geträumt

Sie sprach diese Worte langsam, gütig und mit einer ruhi­gen Gewißheit. Sn ihren Zügen war eine stille Fassung, welcher ein tiefer, mehr ernster als heiterer Friede in ihrem Wesen zu entsprechen schien. m , ,,,

Wie sie nun still und aufmerksam seinen Puls zahlte, blickte der arme Mensch zu ihr empor. Der warme Druck ihrer lebens-. kräftigen Hand tat ihm wohl und wirkte beruhigend. Xlnb daß sie ihn, wie einen lieben Bekannten, bei seinem Kamen nannte, schuf eine vertrauensvolle Kähe von ihm zu ihr.

Kun lieh sie seine Hand sinken, schob ihre Uhr wieder hinter die Schürze, und schaute ihn mit ihren dunklen Augen an. Der Glanz eines langen, kampsesreichen Lebens und das Leuchten einer Seele war darin.

Hetzt will ich dem Herrn Doktor sagen, dah Sie ausge- schlafen haben," sagte sie.Wenn Sie irgend etwas wünschen, fo klingeln Sie. Ich komme so bald wie möglich wieder." Sie neigte zum Gruh das Haupt und ging leise und rasch aus dem $ Kun lag der verlöschende Mensch still und allein. Er hatte der Schwester nachgeschaut, und ihre volle und tüd>t:ge Gestalt, der eine frauenhafte Anmut eigen war, stand noch vor seinem innern Blick. Von den schneeweißen Ä ffen und der Decke seines Bettes her kam der frische Dust reiner Wäsche. Gr hob den Arm ein wenig und betrachtete das Linnen seines Hemds. Da fiel ihm auf, daß auch feine Hand hell und sauber aussah: und als er damit über die Lippen strich, empfand er, dah die Hand weich und geschmeidig war, und einen fremden Wohlgeruch an sich trU9®ine schluchzende, innige Dankbarkeit stieg in ihm aus. Wer natte wohl fein Bett zurecht gemacht? Wer hatte ihn gewaschen, ihn in das kühle, reine Hemd gekleidet? Ejr sehnte sich nach der Schwester und wendete den Mick nicht von der Tür.

Die Schwester kam! , , , ,

Gr lächtelte ihr entgegen, und sie streifte ihn mit freundlich dankendem Blick. Sie trug in der Hand eine Tasse, stellte sie aus den Tisch, dem Bett gegenüber, und sagte:Sie sollen versuchen, etwas zu genießen.

Gehorsam wollte er sich aufrichten, allein er sank mit leisem Stöhnen sogleich in die Kissen zurück.

Einen Augenblick, sprach sie,ich helfe Ihnen," Und schon beugte sie sich über ihn, legte den rechten Arm u#n seine beiden Schultern, und richtete die traurig leichte Last langsam auf.

Er sah die feinen, herben Falten in ihren Wangen: er sah die vielen silbern:n Fäden in ihrem sch iht g.scheitelten Haar: er fühlte die Wärme ihres Armes wohlig durch fein dünnes Hemd: und kam sich wunderbar geborgen vor.

Inzwischen führte die Schwester mit der linken Hand die Tasse an seinen Mund. Sie wollte den armen Menschen füttern, wie sie schon so viele Kranke gefüttert hatte.

Es schien, als wollte er nicht trinken. Flüsternd bewegten sich seine Lippen, und hörte sie recht?Mutter" klang «s schüchtern, leise und verschämt, und noch einmal, mit einem glückseligen Lächeln auf den eingefallenen Wagen:Mutter."

Eine dunkle Kote stieg in das stille, verschlossene Gesicht der Schwester. Sie sprach kein Wort, aber sie schaute mit einem be­wegten, unbeschreiblichen Blick den Kranken an.

Aus dessen Gesicht ging eine Veränderung vor.

Das glückliche Lächeln erstarb, die tränenschimmernden Augen schlossen sich jäh, und von neuerlichrr tiefer Ohnmacht befallen, lag er wie leblos in der Schwester Arm.--

Kach Stunden erfüllte sich die wesenlose Kacht seiner Bewußt­losigkeit mit einem rauschenden Brausen. Menschliche Stimmen klangen hindurch wobei er deutlich den Schall schwerer Schritte, eine Männerstimme, das Geräusch aneinanderklirrender Instru­mente, und hin und wieder sanfte Worte aus Frauenmund unter­schied.

Diese Klänge der Außenwelt wurden aber immer wieder von dem Kauschen jener brausenden Finsternis verschlangen.

Gr konnte sich nicht bewegen and fühlte erschauernd, wie, an den Fingerspitzen beginnend, eine dumpfe Erstarrung sich lang­sam feiner bemächtigte.

Einmal gelang es ihm, irnrch die brausende Flut hindurch In ber er immer tiefer versank, die Augen aufzuschlagen.

Er begriff, baß er ausgestreckt auf dem Kuchen lag. Gr be­griff, daß sich jemand über ihn beugte: zwei dunste Frauenaugen ,,. eine ganze Fcauenfsele ... der Schwester, der Mutter schmer- zenreiches, nun unverhülltes Angesicht.--

Koch einmal, und noch ein letztes Mal, tauchte er aus den Schrecknissen der Kacht empor.

Änd jedesmal stand treu und lindernd das Frauenantlitz über ihm.

Der geheimnisvolle Lama-Rächer.

Don Dr. Ferdinand Ossendowsk i*).

Kach der zweitägigen Keife, die uns bei Schnee und scharfer Kälte über 1Z0 Meilen weit gebracht hatte, genossen wir die Kühe in der Hurte. Bel dem aus saftigem Hammelfleisch bestehenden Abendmahl unterhielten wir uns frei und sorglos, als wir plötzlich eine tiefe rauhe Stimme hörten:

Sayn guten Abend!"

Wir wandten uns von dem Feuerbecken zur Tür und sahen einen mittelgroßen, stark untersetzten Mongolen, der einen Mantel aus Hirschfell und eine Kappe mit Seiienstappen trug. In seinem Gürtel stak dasselbe große Messer in grüner Scheide, das wir auf dem wegeilenden Keiler gesehen hatten.

Amoursayn" erwiderten wir.

Er knüpfte geschwind feinen Gürtel auf und legte seinen Heber» zleher zur Seite. Kun stand er vor un3 In einem wunderbaren Gewand aus gelber Seide, das wie Gold glänzte. Sein glatt­rasiertes Gesicht, fein geschorenes Haar, sein Kosenkranz aus roten Korallen an der linken Hand und fein gelbes Kleid bewiesen klar, daß ein hoher Lamapriester vor uns stand, ein Lamapriester mit einem großen Totschläger, der unter einer blauen Schärpe versteckt war! Ich wandte mich nach unserem Gastf .eund und mei­nem mongolischen Führer Tzeren um und sah auf ihren Gesichtern Furcht und Verehrung. Der Fremde kam an das Feuerbecken heran und setzte sich nieder.

Als er von unserem mißglückten Versuch, durch Tibet vorzu­dringen, hörte, lauschte er mit großer Aufmerksamkeit und Sym­pathie:

Kur ich allein hätte Ihnen dabei helfen können, aber nie­mals der Karabantschi Hutuktu. Mil einem laissezpasfer von mir hätten Sie sich in Tibet überallhin begeben können. Ich bin Tushegoun Lama."

Tushegoun Lama! Wie viele außerordentliche Erzählungen hatte ich schon über diesen Mami gehört. Ec ist ein russischer Kal- mück, der infolge der Propaganda, die er für die Unabhängigkeit! des Volks der Kalmücken trieb, zur Kegierungszelt des Zaren die Bekanntschaft vieler rufsischer Gefängn ffe machen mußte, und der aus demselben Grunde von den Bolschewist verfolgt wurde. Gr entkam nach der Mongolei und erlangte hier sofort großen Ein­fluß unter den Mongolen. Das war kein Wunder: denn er ist ein enger Freund und Jünger des Dalai Lama in Potala (Lassa) und der gebildetste aller Lamaisten, ein berühmter Heilkundiger und Doktor. In seinem Verhältnis zu dem Lebenden Buddha nahm et eine fast unabhängige Stellung ein. Er wurde zum Führer aller Kcmabenftämme der Wesimongol i und Zungarel. ja fein Emstuß reichte sogar bis nach Turkestan hinein. Seine Macht beruhte auf seinem großen Wissen in den Dingen des Mysteriums, wie er sich ausdrückte. Aber sie hatte auch, wie man mir sagte, zum großen Teil ihren Grund in der panikartigen Furcht, die er den Mon­golen einzuflößen verstand. Wer seinen Befehlen nicht gehorchte, kam um. Der älngeßorfame konnte niemals Tag und Stunde wis­sen, wann der strafende Lama, der merkwürdige und mächtige Freund des Dalai Lama, auftauchen würde. Ein Messerstich, eine Kugel oder ein Griff an die Kehle waren der kurze Prozeß, mit dem der Wundertäter strafte.

Außerhalb der Hurte heulte der Wind und trieb den gefro­renen Schnee gegen die scharf gespannte Filzumwandung. Durch das Geheul des Windes drang der Lärm mehrerer Stimmen, Schreien und Gelächter herein. Ich fühlte, daß es in dieser um» gcbung nicht schwer fein würde, einen herum stehenden Komaden an Binder glauben zu machen: denn die Katur selbst gab sich dazu her. Dieser Gedanke war kaum in mir aufgestiegen, als der Tushegoun Lama plötzlich fein Haupt erhob, mich scharf anfah und zu mir sagte: ,. . .

Es gibt in der Katur so manches, was trstr nicht kennen, und die Fähigkeit, das Unbekannt anzuwenden, läßt das Wunder entstehen. Aber diese Fähigkeit ist nur wenigen gegeben. Das

*) Wir entnehmen diese Szene dem fabelhaft spannenden BuchS i e r e, Menschen, Götte r", das Wolf vvn Dewall für die Frankfurter Societäts-Druckerei G. m. b.H. aus dem Amerikanischen übersetzt hat. Das Buch, eine der größten Sen­sationen unter den Keuerscheinungen d eses Jahres, sch Ideri dle abenteuerlichen Erlebnisse des polnischen Gelehrten Dr. Offen" dvwski in Sibirien und der Mongolei während der russischen Kevolutlon. Offendowski, der in Sibirien hoher rufsischer Be­amter war, floh vor den Bolschewiken in die unendlichen Wälder des Ural, er schildert nun das Leben eines modernen Kobinson, der monatelang als Höhlenmensch nur die Tiere des Waldes als Gesährten hat. Hm ihn sammeln sich dann eine Keihe russischer Flüchtlinge. Mit ihnen beginnt er eine roman­tische Fahrt durch die Mongolei, an Abenteuern mit seltsamen Menschen außergewöhnlich reich und mit feinem, psychologischem Verständnis für Land und Menschen des fernen Ostens ge­schildert. Das Buch wird verschlungen werden wie einst Kobinson oder Coopers Trapperromane, zumal es auch politisch inter­essante Ausschlüsse gibt über die Verhältnisse im innersten Asten, über die wir dank den vorbeugenden Maßnahmen der Sowjetregierung bisher nur höchst unvollkommen unterrichtet waren.