Jahrgang (92$

Samstag, üenjO. Mai

Nummer 20

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Sieben dem Kandelaber einer elektrist am Fahrdamm, wo der Verkehr am laute!

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Der Mann im blauen Kittel kam aber nicht.

Angstklopfenden Herzens, Verzweiflung im Mick, starrte der msch noch immer in das unoetminßert lebhafte Gewühl

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Frische Fahrt.

Bon Joseph von Eichendorff. Laue Luft kommt blau geflossen, Frühling, Frühling soll es sein! Waldwärts Hörnerklang geschossen, Mut'ger Augen lichter Schein: And das Wirren bunt und bunter Wird ein magisch wilder Fluß. Sn die schöne Welt hinunter Lockt dich dieses Stromes Trust.

And ich mag mich nicht bewahren! Weit von euch treibt mich der Wind, Auf dem Strome will ich fahren, Von dem Glanze selig blindI Tausend Stimmen lockend schlagen, Hoch Aurora flammend weht. Fahre zul Ich mag nicht fragen. Wo die Fahrt zu Ende geht!

Mutter.

Skizze von Kuno Bernhard.

Die breite Grobstadtstrabe war. wie täglich um die Abend­stunde, von einem sinnverwirrenden Verkehr erfüllt.

Dichtbeseyte Züge der elektrischen Straßenbahn polterten unter unaufhörlichem Geläut auf doppelten Geleisen dahin. Tutend knat­terten Automobildroschken, in eiliger Fahrt schwerfällig rasselnde Lastwagen überholend. An den Fahrdämmen entlang bewegten sich allerlei Karren und Gefährte von Händlern, deren Rufen samt dem Geklingel zahlreicher Fahrräder von dem Getrappel der Pferde und dem Lärm der Wagen rasselnd verschlungen ward.

Da es um die Stunde war. wo sich die Danken, die groben Warenhäuser und kaufmännischen Kontore schließen, so wanderten unter den Massen der Fußgänger, auf dem Asphalt an den Häu­sern, Scharen von jungen Leuten und ganze Reihen geputzter Geschäftsmädchen einher.

Rur noch, sobald ein fremdes Augenpaar das seine traf, erhob er den müden, schmerzenden Arm. Dann ruhte gewöhnlich der fremde Blick sekundenlang in dem seinen, bis er. gleichgültig oder ein wenig verlegen, vorbeiglitt.

Längst brannte den hilflos in dem Kasten Liegenden ein wühlender Hunger. Denn schon vor Stunden hätte ein Mann in einfachem Arbeitskittel, dessen elende Kammer er mitbewohnte, kommen und ihn holen müssen.

Mit Lust begann er sich vorzustellen, wie jener grobe Mensch ihn täglich von der Qual des stundenlangen Hockens auf beti Straße befreite. Hetzt aber jetzt muhte aus den Schwär­men vorüberströmender Leute, aus diesem endlosen Schreiten von Beinen und Kleidern, sein schwerer Tritt sich endlich nahen!

Sn fiebernder Sehnsucht sah er den Mann bereits sich nieder» ducken, und wie immer, schweigend und mürrisch, den kurzen Strick am Kasten ergreifen. Auf den holpernden Röllchen ging es dann im dichten Gedränge einher, das sich rings erhob wie die Wände eines Schachts, bis ihn eine abgelegene Gasse in ihr stilles Düster aufnahm.

Oester und öfter sank es schon vor seine Augen wie schwarze Schleier. Er stützte die schwachen Arme auf den Boden, schob mit grober Mühe sich und den Kasten dicht an den Kandelaber heran und lehnte, von der Anstrengung zum Erlöschen erschöpft. Kopf und Schulter an die eiserne Rundung.

War es das Denken an die baldige Heimfahrt, war es der stundenlange Eindruck des lärmenden Verkehrs er fühlte sich plötzlich auf brausendem Meer, von Wogen und Wellen gedreht und gewirbelt, allein in furchtbarer Einsamkeit. Er sah in einem fleinen Kahn, schwankte unb wankte auf unb ab, unb um ibn, über ihm war ein Brausen, nichts als Brausen.

, , Snt SSaßn halber Bewußtlosigkeit umklammerte er den Rand seines Kastens. Es bestand kein Zweifel: das Holz war kalt und naß. Run spürte er auch auf den Händen, aus Gesicht und Racken, kalte tippende Reize. Er hörte wieder das Rasseln der Wagen, den polternden Gang der Elektrischen: das Schlürfen und Tap­pen unzähliger Füße. Unb plötzlich merkte er, daß alle Lich­ter brannten und auf der glänzenden Fläche des Asphalts sich spiegelten!

Mit zitternden Händen suchte er seine Decke zu fassen, die. den Kasten polsternd, zugleich seine Verstümmelung verhüllte. Die Decke war schwer und naß, und darunter brannte es wie Feuer.

Run hörte er noch, wie eine Frauenstimme sagte:Daß so etwas auf der Straße geduldet wird!"--Da kam die schwarzg

Macht von neuem. Der Halt neben ihm wich. Er wollte schreien, doch die Zunge band eine lähmende Starrheit. So glitt er, bereits bewußtlos, nach rückwärts aus, der Kasten kippte, und der elende Rumpf schlug ohne Laut auf das Pflaster hin.

Sogleich bildete sich trotz des Regens ein Menschenauflaus. Man hörte erregte Stimmen. Mehrere Schutzleute erschienen. And etliche Minuten später eilte ein Krankenwagen der Stätte des Anfalls zu.

Es dauerte im Krankenhaus lange Zeit, bevor die Bewußt­losigkeit des Anglücklichen in einen schweren Schlaf überging. Der Arzt gab sich diesmal keine sonderliche Mühe mit einer Wieder­belebung. Bei der Antersuchung sagte er:Keine zwölf Stunde« mehr," und fügte mit einem warmen Klang des Mitleids beb Sft ja auch das beste so."

Als der Tag graute und die Stunde kam, wo in der Groß-, stadt die Tausende von Arbeitern zum täglichen Broterwerb auf® brechen, bemächtigte sich des Schlafenden eine seltsame Anruhe. Sn fein dämmerndes Bewußtsein drang nämlich unerbittlich der Gedanke ein, er müsse aufstehen, und sich wie jeden Morgen aus die Straße fahren lassen.

Halb träumend und noch in den Fesseln tiefen Schlafes, war­tete er darauf, daß die Dielen feiner Kammer, auf denen er sich gebettet glaubte, unter den schweren Tritten seines Kame­raden zu dröhnen begännen. Heden Augenblick müßten ihn nun dessen derbe Hände fassen, jeden Augenblick müßten ihn nun feiner rohen Stimme anheben:Wach auf, wach auf! Ob man nun Beine hat oder nicht, gearbeitet werden muß!

Er wunderte sich, daß ihn sein Gefährte noch immer nicht wachschüttelte.

Er lauschte angstvoll durch seinen leiser und leiser werden­den Schlummer. Doch in der Kammer blieb alles still.

Da ging infolge der schrecklichen Stille langsam die grausame Gewißheit in ihm auf, daß sein Genosse sich wieder einmal an seine Arbeit begeben hatte, ohne ihn zu wecken.

Ein qualvoller Tag stand nun bevor! Anfähig, sich Essen zu verdienen, mußte er, am Boden kriechend wie ein Tier, bis an den fernen Abend warten!

Er lauschte, im Halbschlaf schwer atmend, noch einmal

Doch als wiederum kein Schritt, kein Dielenknarren die tiefe Stille unterbrach, fließ er, von Verzweiflung überwältigt, einen jammernden Schrei aus: und wachte von dem Schall der eignen Stimme auf.

Eine nie geschaute heitere Helligkeit umgeb ihn.

Er erblickte über sich die weiße Decke eines hohen Zimmers, die in sanfter Rundung in hellgrüne Wände überging. Von ßee Decke herab hing, glitzernd und mit buntem Glas verziert, eine elektrische Lampe. And als sein Blick, verwundert und ent­zückt, weiterschweifte, bemerkte er plötzlich, daß am Fußende de- Bettes, in grauem Kleid und mit weißer Haube, eine Schwester faß. Zwei dunkle Frauenaugen blickten ihn groß und mitleids­voll an.

Gießener Hamilienblcitter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

rd>en Bogenlampe, nahe

_ . ____ ______esten brandete, bemerkte

man am Boden eine seltsame Gestalt.

Sn einem schmalen Kasten, der mit plumpen Rollen ver­sehen war, hockte dort ein ärmlich gekleideter Mensch. Der vor­beiströmenden Menge zugewandt, hielt er denen, die nahe an seinem Kasten vorübergingen, immer wieder mit flehender Ge­bärde ein armseliges Bündel Schnürbänder entgegen. Das ein­gefallene Leidensgesicht und die erschreckende Kürze des Kastens ließen erkennen, daß dem Menschen beide Beine fehlten.

Richt einmal kam es vor, daß aus der Masse sich jemand löste und dem Anglücklichen eine Münze gab.

Die trüben Augen in dem bleichen Gesicht, dessen Hua end vor knöcherner Magerkeit kaum zu erkennen war, starrten voll wilder Angst in die erbarmungslos vvrübereilende Menge.