Gietzener Hamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang (92^ _______________Dienstag, den y. Dezember Nummer 60

Weihnachtslegende.

Don Alice Freifrau von Gaudh. 3n heiliger Macht flogen Hand in Hand Drei Englein Hinab in Las jüdische Land. Sie wollten die seligste aller Fraun Und das göttliche Kind in der Krippe schaun. Der Stern von Bethlehem war noch wach Lind strahlte mild auf das flache Dach. Sie suchten die Pforte und fanden sie bald Lind lugten wechselnd Lurch heimlichen Spalt. Sie riefen und baten und klopften ganz sacht, Dis Joseph behutsam ausgemacht.

Im Stall war es dämmrig. Sie schwebten heran Und schauten Len schlummernden Heiland an. Der eine hob die Ampel empor Und breitete schattend sein Flüglein davor. Der zweite schob sanft in des Kindes Hand Ein Sternlein, gefunden am Himmelsrand.

Der dritte hat fromm vor der Krippe gekniet Und sang mit süßer Stimme ein Lied. Da zog ein Lächeln, göttlich und licht, Aeber des himmlischen Kindes Gesicht. Für alle Zukunft hat es geweiht Die Feier der heiligen Weihnachtszeit: Die strahlende Leuchte, den Weihnachtsstern Lind das fromme Lied zum Preise des Herrn.

Advent.

Don Ada Daronin Fircks.

Lim den Flügel geschart in geheimnisvollem Halbdunkel stehen Kinder.Stille Äacht, heilige Macht!"

Sie singen zögernd und als müßten ihre Stimmen nach den Klängen suchen. In ihren Augen wiederleuchtet matt das Licht der einzelnen Kerze, die was dem Gezweig des kleinen Advent- baumes heraus spärlichen Schein wirst. Eines Machtfalters Flü­gel verbrennen an der Flamme, Last es einmal leise a flüstert und sich die riesenhasten Schatten an den Wänden für Augenblicke be­wegen. Sie betasten gespenstisch, was ihnen im Maume begegnet, sie greifen danach, erreichen es.Nichts wie kleine Schatten sinh wir," sagen sie,Schatten eines unansehnlichen Tannenbäumchens, das ihr Menschen gefällt habt, weil es eure Adventstradition so verlangt."

Lind dennoch sind sie unheimlich. Sie betasten unsere Zimmer­wände in der Düsterkeit, wie sie unser Gewissen betasten. Sie drin­gen in das tiefste Dunkel ein, als Wegbereiter, als Verkündigers dessen, was Glücklichen gebracht werden soll, jenen, denen das Schimmern in deir Aesten die Richtung zeigt.

Lind leise und zögernd wie das Flackern der einsamen Kerze, wie das Lasten des Schattenbildes singen die Kinder. Gin wenig befangen noch durch die weihnachtslose Zeit, die lang und fast end­los dem heutigen Adventstage vorausging. Nun aber, nun leuchtet ihnen das erste Licht. Ihre Augen schauen verwundert, ängstlich.

Heiligkeit heute!--Stille!

Doch ein zweites Licht wird am kommenden Sonntag diesem ersten zur Seite leuchten, das wissen sie. Die Schatten werden dann weniger unheimlich sein und weniger groß. Und ein drittes wird helfen kommen, endlich auch noch das vierte.

Der Kinder suchende Stimmen werden heller, deutlicher. Ihre Augen strahlen trotz der Dunkelheit, ihre Herzen erwachen, fangen an zu schlagen in Ungeduld . . .

Stille--heilige Macht."--um aus dieser jubellvsen

Zeit, in unmäßiger Freude jenem Weihnachtszittern der Jahr­hunderte entgegenzugehen!

Wie das Lied der Weihnacht erwachte.

Don Max Jangnickel.

Man schrieb in Wittenberg das Jahr 1534. Draußen wars Winter mit kaltem Schneelicht.

Luther saß in seiner Studierstube, vor lauter Akten und Dücherbergen, und wühlte sich, schreibend und blätternd, wie ein Bergmann in einen tiefen Schacht hinein.

Um seine Deine herum kroch ein kleine- Mädchen, das mochte ivohl so an hie fünf Jahre fein.

Es war langzöpfig, Hatte große, lachende Augen und hieh Magdalena. Luther lächelte, schob die dicken Akten zur Seite und sann vor sich hin. Er fühlte ein leises, zärtliches Glockenspiel in seinem Herzen. Draußen rüttelte der Schneesturm.--

Luther griff zum Federkiel und er bildete Verszeile auf Vers» »eile. Und jede Zeile kam ihm vor, als wäre sie eine Säule zu einem Kirchlein. Und.er schrieb und schrieb.

Manchmal lauschte er, nach unten, zu seinen Füßen. Und o .basste er den Liebreiz aus den Augen seiner Magdalena. Und der Kinderliebreiz wurde zum bunten Fenster im Kirchlein.

Das kleide Mädchen war eben dabei, Luthers Schuhriemen auszulösen. Fast war sie fertig und warf den einen Schuh an die Lutherlaute, die in der Ecke, wie ein listiger Fant, im Dun­keln stand. Die Laute klirrte und tönte. Leuchen jubelte und jauchzte und lachte. Luther nahm das Lachen, das Helle, klingende Kinderlachen, und baute einen strahlenden Altar daraus für sein Kirchlein.

Und nun sang die kleine Luthertochter; ein ungeschicktes Kinder» fingen.

Und das Kindersingen flog in das Lied, das der Doktor baute, und wurde zu läutender Glocke darin.

Luther war fertig, und er strahlte und griff seine kleine Tochter, setzte sie aus seinen Schoß und las, den blonden Kinderkopf an seine Brust gelehnt:

Dom Himmel hoch da komm ich her, ich bring euch gute neue Mär, der guten Mär bring ich so viel, davon ich singen und sagen will!"

Draußen schneite es immer mehr.

Der Kalender wartete sehnsüchtig auf das Ehristkind, das mit grüngoldenen Flügeln durch die Winterwolken fliegen sollte.

Und Luther las singend und lächelnd immer mehr. Und die Bittschriften, die hoch und dick in der Fensternische lagen, lauschten.

Und ihm war, als habe er auf feinem Schwße, warm in die Arme gedrückt, einen Engel eingefangen.

Die Nainthalerin.

Eine Weihnachtsgeschichte aus den Ostalpen von Helene Raff.

CHristabsnL!

Weißverschneit die Berge, schneeverhüllt die Felder. Frühe Dämmerung deckt die Berge und Felder, daß alles verschwimmt in einem unbestimmten blaufahlen Schein. Die Macht zieht heraus, die Christnacht, die aller Wunder und Geheimnisse voll ist. Wo um Mitternacht goldener Wein aus den Brunnen flteßt, wo die Bäume prangen mit goldenen und silbernen Blüten. Und wo gar das Vieh im Stall die Sprache erhält und eine Stunde lang sich mit Menschenstimme unterredet.

Don all solchen Heimlichkeiten der gnadenreichen stlacht raunt und tuschelt das geschäftige Weibervolk in der Küche des Rain­thalerbauern. Die junge saubere Bäuerin freilich, die redet nicht viel mit. Die sonnt sich im Glanz ihrer noch neuen Regentenwürde. Vor nicht gar lang ist sie noch Magd gewesen, hier wo sie heute schafft und regiert. Tüchtig rührt sie sich, das muh ihr der Meid lassen. Für alles sorgt und denkt sie; grad langt sie in den großen Schmalzkübel zum Backen, da stößt ihr ein Kinderköpfel, das sich fragend aufreckt, beinahe den Kübel aus der Hand.

Mutter, wann kommt 's Christkind?" Ungeduldig macht die Frau fich los von dem Bübchen, schüttelt auch das kleine Mädel ab, Las sich mit der gleichen Frage ihr ans Fürtuch hängt.Herv- schast, so gebts ein' Ruh! Werdt's es wohl derwarten können! Ueberall gehn die Kinder einem im Weg um. Damit schiebt si« die zwei hinaus. Die Mägde plinken einander zu. Ja, ja, Stief­kinder!

Die Jungdirn aber hat andres im Sinn. Mit einer Pfanne, drin die drei zuerst angerührten, zuerst gebackenen Krapfen, witscht sie aus der Küche hinaus. Will sie einen beschenken? Äh nein: die Kamerädinnen wissen es besser, kichern drum so listig. Wer mit den ersten Weihnachtskrapfen rund um das Haus läuft, der sieht am Eck den Zukünftigen stehen. Mo, der Rohknecht, der ihr nachsteigt, wird schon so gescheit sein und ihr in den QBfeg laufen! Oder ist ihr ein andrer bestimmt? Manche meinen überhaupt, Laß solcher Fürwitz sündhaft ist.

Die Bäuerin hat wohl gesehen, wie die Junge hinausgeschlüpft ist. Da fällt ihr ein, wie sie selber vor zwei ZÄHren ach toi* das lind alt« Geschichten! Aber während die fleißigen Hände ihr