— 182 —
„Oh, ure schade — er hat immer gemkrft sogute jvkes — so gute Witze,"
„3a, und nur einen einzigen, der schlecht war," sagte ,ich, „und deshalb liegt er jetzt da drinnen."
„Oh, usnn einer joke kranke? Oh, tat's itice — junger Mann, maken Sie auk jvkes, hahahahahah?“
„Nein," sagte ich, „das ist Ernst."
„Oh, serr good — serr good — hahaha."
Äm Abend wollten sie wieder Lieder haben. Aber ich sagte, ich sei so heiser.
„Verdammte Ziererei," sagte der Koch, und stieb mit dem Fuße an den Seilhausen an.
„Weist der Teufel," sagte er, „warum sie jetzt die Seile da mitten auf das Deck gelegt haben, diese Schafs köpfe — ah, Verzeihung —“
Er war mit dem Rücken an zwei Damen gestohen. Ich erschrak.
Das war ja — Waud — das Mädchen mit.den großen Augen. Und ihre Mutter wandte sich zu mir und bat in fliehendem Deutsch:
„O, wollen Sie uns heute abend ein paar deutsche Lieder singen — es ist das Festessen zu Ehren des Kapitäns — und wir wären sehr froh — wirklich sehr froh, wenn Sie Kommen würden."
Ich war verwirrt. Ich sah auf Maud. Sie hatte ihre Augen niedergeschlagen. Dann kam mir der Rachmittag in den Sinn — wie ich, am Kamin angelehnt, in mein Avtizbuch einen letzten Brief ,an meine Lieben schrieb— wie ich an die letzte Flaschenpost dachte, der die Testamente und die Briefe im allerschlimmsten Falle anvertraut wurden — wie ich voll Gedanken mit den Absätzen meiner Stiefel gegen die Bretter klopfte, unter denen das Feuer glastet« und glimmte ... fingen —? jetzt —? „Rein," sagte ich entschlossen, „es tut mir leid, ich kann nicht fingen heute abend."
„O, wie das uns leid tut — nichts für ungut.“
Das Mädchen mit den großen Augen hatte es gesagt und "mich voll angeblickt dabei. Hol mich der oder jener, dachte ich; aber wenn sie mich vorhin so angesehen hätte — ich hätte wirklich gesungen.
Der grobe Schifsskoch hatte zugehört.
„Brav," sagte er, „brav, daß Sie denen drüben keine Extrawurst braten wollen," und klopfte mir aus die Schulter.
Bei dem „brav!" mußte ich wieder an den Kapitän denken, heute früh. Auf einmal kam der Oberaufwärter, suchte mit den Augen im Kreis herum, entdeckte mich und sagte:
„Der Kapitän läßt Sie bitten."
Mechanisch folgte ich ihm, und schon stand ich vor dem Kapitän in der Kajüte.
„Och habe noch eine Ditte an Sie," sagte er, „singen Sie heute abend bei unferm Abschiedsesfen, fingen Sie —"
„Aber —" stotterte ich.
„Sie haben bewiefen, daß Sie rechtzeittg schweigen können — beweisen Sie nun auch, daß Sie rechtzeittg reden — daß Sie singen können, wenn es not tut.“
„Wenn es not tut?“ fragte ich erstaunt.
„Ja," sagte er, „es tut not. Sehen Die, irgendwer hat unten den Kajüten Passagieren verbreitet, die Leute im Zwischendeck seien ganz verstört — es habe sich etwas ereignet — etwas, was das ganze Schiss betrifft — ich vermute, einer der Matrosen hat nicht ganz dicht gehalten — wenigstens nicht so dicht, wie wir bis jetzt das Feu... — ah, die glimmende Baumwolle da unten halten — und — nun, Die verstehen — wenn da heute, gerade heute abend, ein Mann aus dem Zwischendeck bei uns sänge — verstehen Sie — fröhliche Lieder sänge — dann wäre das Gerücht mit einem Schlag ersttckt — wäre alles gut — und morgen — morgen (Herrgott, wie hob sich seine breite Brust), wenn wir dann im Hafen! sind — ist alles gut — ist alles gut ...“
Er hatte bei den letzten Worten ins Leere gesttert. Plötzlich sah er mich scharf an.
„Ich darf also auf Sie zählen? — In einer Viertelstunde — ich danke Ihnen — danke Ihnen herzlich.“ And wieder drückte er meine Hand, daß mir alle Knochen krachten.
Drei Minuten später stöberte ich meinen Koffer im Zwischendeck durch, legte meine besten Sachen an, kämmte mich, bürstete mich — so gut ichs konnte ohne Spiegel...
Und dann stand ich im großen Speisesaal. Es glitzerte um mich her. Wie blind war ich. Mein Lebtag war ich nicht aus einer sv feinen Abendgesellschaft gewesen. Leute schwirrten um mich her. Kein Wort verstand ich.
Als jetzt der Kapitän auf mich zukam und zu mir vor allen Welt ein paar Worte sagte, wollte die blöde Befangenheit nicht von mir weichen. Ich ärgerte mich über mich selbst.
Da sah ich, wie am Büfett vorne ein Auswärter Rum übet einen Riesenpudding goß — sah ich, wie die blauen Flammen leckten — in die Höhe leckten ...
Unter meinen Dohlen fühlte ich es prickeln.
„Ich und der Kapitän, wir wissen es von euch allen allein) hier in dem Saale, daß wir auf Flammen sitzen — wir — ihr alle, schoß es mir durch meinen Kopf. Und mit einem Male war ich völlig unbefangen — was hatte es für einen Sinn, vor
Schristleitung: I. D.: Heinz Gorrenz. — Druck und Verlag bet
der vornehmen Gesellschaft befangen zu sein, wenn die Flammen an den Füßen leckten ...?
Frei blickte ich umher. Deutlich sah ich alle Köpfe an den Tischen. Unbestechlich sah ich in das Lichtgeflimmer. Sah ich aus die schillernden Kleider, auf die hastenden Kellner, auf den freundlich nickenden Kapitän —
Da — ganz dicht vor mir — wie hatte ich es aber auch mtö übersehen können — faß das Mädchen mit den großen Augen und blickte mich an.
Und dann fang ich frisch und fröhlich — drei Volkslieder, drei schalkhafte, schmetterte ich in den Saal hinein — und dann noch eins — und schließlich noch ein fünftes. Und es war ein freundliches Ricken und Klaffchen — und ein Danke schön und Maud stand auf mit ihrer Mutter und sagte ein Paar Worte — und der Kapitän stand auf und gab mir die Hand — gab mti5 fo fest die Hand und so lange, daß ich tuscheln hörte — und dabei war ich zurückgetreten, um zum Abschied noch ein letztes, ebl übermütiges Liedchen zu fingen.
Plötzlich spürte ich ganz deutlich, wie meine Füße, wie meins Sohlen warm wurden — heiß wurden ...
Um Gotteswillen! Das war doch! nicht das Feuer — das Feuer von den Baumwollballen, die da unten brannten — glimmten, wie der Kapitän sagte ...
Jetzt spürte ich es brennend heiß — nein, da war kein Zweifei — der lang zurückgedrängte Ruf „Feuers — Feuer!“ kroch mtc langsam den Schlund herauf. Ich fing jetzt zu begreifen an, wie'- dem armen Kellner heute früh zu Mute war.
Aber mit einem letzten Willensaufgebvt stopfte ich das Wort zurück — da ward mir schlecht — ganz hundeschlecht — ich faß noch, wie der Kapitän hinzusprang, mich aufsing, mit der Hand auf den Boden reichte — hörte, wie er mir ins Ohr flüsterte:
„Aber es war ja nur die Heizung — die.Luftheizung, aus ,6er Sie standen ...“
Und dann schwanden mir die Sinne.
Als ich wieder wach war, fand ich mich in einer sonderbaren Lage: zwei Männer trugen mich, angeSetbet, wie ich war, die lange Schiffstreppe herunter. Einer hatte mich am Kopfe, der andere an den Füßen.
„Gott sei Dank,“ sagte der eine, als ich die Augen auffchlug, „Gott sei Dank, daß Sie aufgewacht sind — wir sind fast die letzten."
„Was — die letzten?" fragte ich und fühlte mich wieder völlig munter.
Da stellten sie mich auf die Erde und hielten mich. Und ich sah die „Patria" vor mir, die im Hafen lag. Und ein Gebraus« ist im ganzen Hafen. Dicht gedrängt stehen die Menschen und sehen alle auf die „Patria".
Und die Feuerwehr ist auf gefaßten mit mächtigen Spritzen und Schläuchen, die fie alle auf das Schiff "gerichtet halten, aber ohne daß sie spritzen — ohne daß sich auf dem Schiffe auch nur die kleinste Flamme bemerken läßt.
Und nochmals sehe ich das Schiff entlang und entdecke den Kapitän, neben sich einen Mann mit dem Feuer Helm.
„Also sind wir nicht die letzten," will ich sagen. Und mit einem Male kommt mir die Erinnerung an all das Schreckliche zurück, an das Feuer unter den Füßen, an die Lieder, die ich sang, während es im Schiff schwelte ...
»Da — jetzt haben sie die Luke ausgehackt!“ sagte einer neben mir.
Und ich sehe, wie vom Schiffe eine Flamme, eine Riesenflamme in den Himmel schießt.
Mutter.
Es gibt ein Wesen, das alle Schmerzen lindert, alle unheilvollen Härten mildern kann: die Mutter! Gott gab sie uns, um mit ihren keuschen Küssen einen Tropfen Honig in den Wermut des Lebens zu träufeln; Gott sandte sie an unsere Wiege, damit, wenn wir die Augen öffnen, die Flügel ihrer Liebe uns all das Dunkel des Horizontes verhüllen, dem wir entgegengehen, um in ihm zu kämpfen und uns den Tod zu erobern. Gott wollte, daß ihre Hände die unfrigen zum ersten Gebete falten, und daß jßr Lächeln die .Morgenröte der Unendlichkeit unserer Hoffnungen sei. Sie ist die Tugend, die Barmherzigkeit, der bessere Teil des Herzen-, der wehmutsvolle Laut der Seele, das unsterbliche Kleinod der Unschuld, das selbst unter der Heuchelei und den Verstellung-» fünften des rohesten, brutalsten EharakwrS noch immer Vorhand«! bleibt. Wenn ihr eine gute Regung in eurer Brust.fühlt, das Verlangen, eine Träne zu trocknen, einem Unglücklichen beizustehen, euer Brot mit dem Hungrigen zu brechen, euch in Hen Tod zu stürzen, um das Leben eueres Rächsten zu retten ... .blickt euch vsi, und ihr werdet gleich einem Schutzengel, der euch den,Gedankeü des Guten eingibt, — den geliebten Schatten euerer Mutter an euerer Seite finden. Die Vernunft, die Bücher, die Schulen, ßez Vater geben uns die Ideen; die Gefühle flößen und .immer die Mütter ein; die Mütter find eS, die den Aharakte« bilden. Willy R e e s e - Weimar.
Drühl'fchen Univ.-Buch- und Steindruckersi, R. Lana«. Gießen.


