»Wa, was eilst 5a Jo?“ erwidert« der Schwager und schenkte Hm auf dos neu« ein. Das beste wäre, toerni du bei uns bliebst. Bei dem Glatteis, das wir heute 'Lacht hatten, kannst du leicht fallen.“
»Ich falle nicht, ich habe einen Stock mit einer eisernen Spitze bei mir, auf den kann ich mich stützen, wenn ich rutsche."
»Habt ihr schon mit dem Dreschen angefangen?" fragte Johann Enders feinen Schwager.
»Die ganze Zeit seither hatten wir mit dem Ausmachen der Dickrüben zu :un, übermorgen wollen wir mit dem Korn anfangen.“
„Was ich sagen wollte," lieh sich Peter Schmitt vernehmen, »dem Erbes von alffhofen sein Prozeß mit seinem Schwager wegen der Hinterlassenschaft seines Schwiegervaters ist jetzt auch vor dem Bezirksgericht in Mainz zu Ende gegangen. Der Erbes hat ihn verloren und muß die Kosten bezahlen. Da heißt es, wie die Alien schon gesagt haben: Was der Prozeß gekostet hat hüben und drüben, dafür hätte man eine goldene Schüssel machen lassen Wunen.“
„Der Erbes hätte ein Testament machen sollen.“ sagte der Metzger, »wer da will in Frieden sterben, der lasse fein Gut kommen an die rechten Erben."
Diefenlhäler mahnte zum Ausbruch: »Morgen früh um acht muß ich in meiner Schule stehen, wir haben zuerst Rechenstunde, da darf ich nicht verschlafen sein.“
Alle standen auf, Pelzkappen und Mützen wurden hervor» geholt, große Fausthandschuhe angezogen, Diesenthäler nahm seine lange Pfeife unter den linken Arm, mit der Rechten ergriff er seinen Stock. Die Gäste dankten für die 'Bewirtung, der Metzger sprach nach alter Sitte den Wunsch aus: »Jetzt wünsch ich euch, daß ihr das. was ihr heut« geschlachtet habt, gesund miteinander verzehrt.“
Als alle draußen auf der Straße waren, schloß Johann Enders das Hoftvr zu.
Es war ganz still im Dorfe, als Konrad Jung den Heimweg antrat. Der Vollmond war aufgegangen, es war eine grimmig kalte Macht, die Straßen waren spiegelglatt. Bald lagen die Häuser von Flonheim hinter dem heimwärts gehenden Manne, und das naßegdegene älffhosen tauch:« auf. Rasch war auch dieser Ort durchwandert, nun ging die Straße eine kleine Strecke durch ebenes Gelände, um dann in das Wiesbach al abzubiegen. Der Wiesbach kommt von Donnersberg her, rinnt durch Wald und Wiesen über Oberwiesen, wo er die bayerisch-hessische Grenze überquert, dann über Aiederwiesen nach Wendelsheim, weiter hin nach Armsheim, fließt am Wies berge, dessen Kapelle weit in das Land hinaus- g.üßt, vorüber und mündet Laubenheim gegenüber in die Rahe. Sonst hörte man in der stillen Macht sein Glucksen and Rauschen, in dieser Win.ernacht war er zugefroren.
Kein Lüftchen regte sich, es war so hell wie am Tage. Konrad Jung ließ seine Augen über das Feld glei en, die Schneedecke, die sich darüber brei eie, war wie Glas. Daß sie spiegelglatt war, sah er daran, daß die Hasen, die hungrig nach Nahrung suchten, alle paar Schritte ausrutschten und nicht recht vorwärts konnten. Auch die Bäume waren wie von Glas. Zuerst hatte sie der Schnee überdeckt, dann war dieser durch den Regen etwas erweicht worden, schließlich hatte sich durch die plötzlich eintreienbe Kälte die Masse in Eis verwandelt. Die Eisschicht, die auf den Zweigen lag, war dicker als ein Zoll. Konrad Jung beeilte sich gar nicht: denn er konnte sich an dem wundervollen Naturschauspiel nicht satt sehen. Seine kurze Pfeife brannte, und der Stachelstock gab auf der glatten Landstraße genügenden Halt.
Der Taleinschniit, durch den man den Bach entlang nach Wen- delshrim gelangt, ist ziemlich tief. Steil steigt die Anhöhe auf der rechten Bachseite auf. oben breitet sich Wald aus, auf dem linken Ufer liegen Aecker und Weinberge. Am Eingang des Tales liegt die Altgeistermühle. Vichts regte sich in den Gehöfte zu so später Stunde, nur ein Hofhund kam, als er die Schritte des Vorübergehenden hörte, mit wütendem Gekläff an das Tor und ließ mit seinem Bellen erst nach, als sich die Schritte entfernt hatten.
UBieber war tiefe Stille über das Tal gebreitet, da ertönte aus dem Walde, der auf der Höhe liegt, ein Knall, ein Krach. Konrad Jung führ zusammen und faßte seinen Stock fester. Was war das? Jäger waren um diese Zeit doch nicht mehr draußen. Sollte das ein Wilddieb fein, der den armen, hungrigen, auf dem Glatteise üahinschleichenden Häschen nachstellte? lind nun Knall auf Knall, als ob da draußen ein Bataillon im Feuer stünde, dazwischen ein Rauschen, als ob die Aeste zur Seite gebogen tour» 5en, ein Knistern, als ob Feuer den Wald ergriffen hätte, aber es war kein Flammenschein zu sehen, es war ein richtiges Klein» gewehrseuer, wie es Konrad Jung vor neun Jahren gehört hatte, als er in Oberwiesen Heu geholt hatte und gerade das Gefecht zwischen ^Preußen und Freischülern am Schloßgarten zu Kirchheim- bolanden im Gange war. Da packte den Mann, der sich sonst nicht fürchtete, das Entsetzen, er griff sich an die Stirn. Träumte
er einen schreckhaften Traum o&er ging er wirklich auf der Landstraße zwischen ülffhofen und Wendelsheim? Der Wein hatte ihm doch nicht zugesetzt? Nein, seine Schritte waren fest, sein Geist war tlar. Eben erst hatte er an die Arbeit des nächsten Tages gedacht. Das Merkwürdige, daß er keine Menschenstiinme, auch nicht bett Laut eines Tieres Hörle, auch kein Lüstchen ging. Wilderer konnten auch kaum im Walde sein; denn bei Vollmond gehen diese nicht gern an ihr Werk, ülnd immer noch Knall auf Knall, bald schwächer, nun auch, wenn auch seltener, vorn Unten Dachufer her. Sn dem Warme erwach en alle die Geschichten, die er an diesem Abend gehört hatte, von dem Jammergeschrei im spanischen Kloster, von dem Nach.wandler in Metz, von dem Gepolter aus der Stiege des Adam Glöckner zu älffhofen. Sollte es doch Mächte und" Wesen übernatürlicher Art, geheimnisvoller Art geben, die dem Menschen namentlich zur Nachtzeit Verderben bringen? Der Mann, dem dieses äinerllärliche begegnete, glaubte, in dieser Rächt grau zu werden, die Füße wurden ihm schwer, aber mit Aufbietung aller Kräfte ging er weiter: denn er wußte, was es zu bedeuten hatte, wenn er in kalter Winternacht auf der Straße liegen bliebe.
Endlich hatte er die nach Alzey führende Straße erreicht, un& auf der Höhe wurde der Wendelsheimer Kirchturm sichtbar, di« Turmuhr schlug zwölf. Ab und zu kam vom Walde oder vom Felde noch ein Knall, dann wurde es still. Wieder lag die ruhige winterlich kalte Mvndscheinnacht über der Landschaft, als Kommtz Jung feinen Wohnort erreicht hatte.
Sn der Backstube des Philipp Stelzel war Licht, der Bäcker war schon bei der Arbeit. Roch nie war dem erschreckten Manne, der jetzt wieder in der Rühr menschlicher Behausungen war, ei» Lichtschein so tröstlich und so willkommen gewesen wie dieser Lichtschein aus der Backstube. Er llopfte an den Fensterladen, da tat ihm der Bäcker auf. Da standen die großen Mulden, es roch nach Mehl und Brotteig Wenn man einige Stufen hinunterging, so kam man an den Backofen. Philipp Stelzel war gerade daran gewesen, die feurige Glut aus dem Ofen zu scharren: denn der Ofen war glühend, die Laibe konnten eingeschossen werden.
»Guten Abend. Philippi"
„Ei, Konrad, das ist ja ein später, oder soll ich sagen früh« Besuch."
»Sch war bei meinem Schwager zu Flonheim auf der Metzel» suppe."
„Da mußt du auch gehört haben, wie die Bäume auseinander» gekracht sind. Das war ja ein merkwürdiges Geknall, der Schnee und der Regen find zu Eis gefroren, und das Gewicht war so groß, daß überall die Aeste abgebrochen sind. Gerade wie ich über den Hof hinüber in meine Backstube gehen wollte, ging die Knallerei los. Die dicksten Aeste sind abgebrochen, nebenan in meinem Garten steht ein alter ZwetscheNbaum, der ist ganz vernichtet, der ganz« Stamm ist durch die Kälte auseinandergesprengt. Das ist ein Schaden, der in Jahren nicht wieder gut zu machen ist.
Es war dem Konrad Jung zu Mut, als habe ihm jemand eine schwere Last, unter der er gekeucht hatte, von der Schulter genommen. Daß er das nicht selbst gemerkt hatte, woher das Knallen kam, nahm ihn, nun Wunder. Ader er konnte ja die Bäume, die aus der Höhe standen, nich sehen, sodann war auch der Gegensatz zwischen der anfänglichen S ille der Rächt und dem Prasseln und Knattern, das dann einfetzte, so groß, daß es zu einer rechten Ue&erlegung nicht kommen könn e Mancher Bericht über scheinbar unerklärliches Geschehen, wie er ihn an diesem Abend vernommen hatte, ging wohl aus ähnliche äirsache zurück.
Konrad blieb noch eine Weile bei dem Bäcker sitzen, die Wärm« der Backstube tat ihm wohl. Er sah zu, wie die Brote eingeschossen wurden, dann sprach er noch eine Viertelstunde lang mit dem Bäcker und ging nach Hause. —
Sn den nächsten Tagen kamen von allen Seiten Aachrichten über den Schaden, der die Gemeinden im südwestlichen Rheinhessen und tveit über diesen Bezirk hinaus betroffen hatte. Sn der Wendelsheimer und in den benachbarten Gemarkungen war kein Daum verschont geblieben, viele waren bis zur Wurzel aus- einandergeborsten, die S.ämme waren gespalten, vielfach die Wurzeln ausgerissen, mitunter waren die Stämme, wie vom Sturm- wiird geknickt, unten abgebrochen Am meisten hatten die Wälder gelitten, ganze Schläge lagen übereinander, in den beiden darauffolgenden Jahren fällte man keinen einzigen Duchenstamm, die Holzmacher hatten damit zu tun, das durch den Eisbruch nieder- gebrochene Holz zu Haufen zu schich en. Am wenigsten waren di« Rußbäume beschädigt, diese starken Bäume hatten der Macht des Elementes getrotzt. Glücklicherweise waren Getreide und Rebstöcke durch das Eis. das darüber lag, geschützt gewesen, so daß die Korn- und Weinernte auch im Jahre 1859 ergiebig war. Richt die ^testen Leute erinnerten sich damals einer Naturkatastrophe dieser 2lrt, und noch weit hinaus in das zwanzigste Jahrhundert gedachten die, di« das erlebt hatten, des Eisbruches vom 18. November
Schriftleitung: Dr. Friede. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Drübl'schen Äniv.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


