Ausgabe 
9.2.1924
 
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Funkenstvecke, wir sprechen daher heute nicht von einer Funken-, sondern von einer Wellen-- oder Radiotelephonie.

Den gewaltigsten Fortschritt brachte jedoch ein ziemlich un­scheinbarer Apparat, der während des Weltkrieges bis in die vordersten Stellungen vvrdrang. Lautverstärker nannte man ihn, er wurde in der vordersten Linie meist dazu benutzt, die Gespräche des Feindes zu belauschen. Benutzte der Gegner für seine auf einem Draht geführten Telephongespräche als Rückleitung die Erde, dann brauchte man nur 2 Erdleitungen möglichst nahe an die seiitdliche Stellung heranzubringen, und man konnte zwischen ihnen die schwachen Erdströme aufsangen, die von den feindlichen Appa­raten erzeugt waren. Diese Ströme schickte man durch den obere !genannten Lautverstärker, und konnte dann im diesseitigen Unter­land die Telephongrspräche des Feindes abhören. Schade nur, bah drüben der Feind schon dieselbe Ginrich ung hatte, dah er auf diese Art mitunter wutze, wann etwa die Feldküche oder die Ab­lösung herankam und dann die Zufahrtstrabe mit Feuer belegte. Auch die Funker benutzten die Lautverstärker, wenn die ankommen­den Zeichen so schwach waren, datz man sie nur mit Mühe auf- Nehmen konnte, ebenso wurden sie benutzt, wenn in der Draht- telephonie die Lautstärke zu gering war. Wer sich diesen Laut­verstärker genauer ansah. der beobachtete durch kleine Fenster zwei oder drei Röhren in der Form von Glühbirnen, in deren Mitte befand sich ein glühender Faden, umgeben zunächst von einer Draht- spirale und dann noch einmal von einem Metallzylinder. Dazu gehörte noch eine Akkumulatorenbatterie von etwa 6 Bolt und eine Batterie, die aus lauter kleinen Taschenlampenelementen be­stand. Wußte die Bedienungsmannschaft auch sehr wohl diese Apparatur zu handhaben, so durfte man doch nicht fragen, wie die Derstärkerwirkung zustande komme denn dann bekam man die widersinnigsten Antworten. Roch gefährlicher war es, sich bei einem Vorgesetzten nach der Wirkungsweise des Lautverstärkers zu erkundigen; ich habe immer aus der Lautstärke des Anpfiffs, den ich dann bekam, auf den Grad der Ankenntnis in Sachen der Gleichkathodengitterröhre schließen können. Dabei war es gar keine Sckmnde, wenn man darüber nichts wnhte, da irgendwelche Ber- öffentlichungen während des Krieges mit Fug und Recht verboten teuren.

Diese Kathodenröhre stammte ursprünglich gar nicht aus der Wellentelegtaphie, sondern ihr Stammbaum geht zurück auf die oben erwähn en, nahezu luftleeren Röhren, zu denen ja noch die Rön gmröhre gehörte. Diese Röhren bedurften zum Betrieb recht hoher Spannung, es zeigte sich aber, dab man mit wesentlich ge­ringerer Spannung schon auskam; wenn man die nega.ioe Elek­trode, die Kathode, glühend machte, dann ging schon bei gewöhn­lichen Retzspannungen ein Strom durch die Röhre, selbst bann noch wenn man die Luftverdünnung in der Röhre auf das äuberst Mögliche steigerte. Man errtärt das damit, datz von der glühenden Kathode kleinste elektrische Teilchen, sog. Elektronen, ausgehen und hinüber nach dm andern tat en Elektrode, der Anode, wandern. Das ist aber immer nur in der einen Richung möglich, damit wird eine solche Röhre zum Gleichrich er und ist darum auch als Detek­tor verwendbar. Do laufen also hier die beiden Zweige, die sich lange ganz unabhängig voneinander entwickelten, die Bakuum­röhrentechnik und bie Wellentechnik in ber Gleichkathobenröhre wieder zusammen. Ihre volle Bedeutung aber bekam diese Röhre erst, als dm Amerikaner Lee de Forest zwischen der Anode jenem von ber Akkumulatorenbatterie geheizten Faden und der Kathode, dem Zylinder, noch die erwähnte Spirale, das sog. Gitter, ein- fügto und diesem eine Zuleitung durch die Glaswand hindurch gab. Führte man diesem Gitter die schwachen ankommenden Ströme zu, dann beeinfluß e ber Wechsel in der Gitterfpannung den Elektronen­strom, der ja durch das Gitter hindurch muhte, ganz bedeutend, erdrosselte" ihn. Schaltete man in bi'sen Strom, der eben von jener aus lauter kleinen Elementchen bestehendenHochspannungs- Batterie" geliefert wurde, noch ein Telephon ein. so waren dre Stromschwankungen in diesem schon viel besser hörbar. Genügte das nicht, dann fügte man noch eine zweite und eine dritte Ver- stärkungsröhre hinm, indem man den Stromkreis der einen immer wieder mit dem Gitter der nächsten Röhre verband, bis die Laut­stärke befriedigte. So konnte also die Röhre nicht wir als Detektor, fonbeim auch als Derstärier dienen, ja b i der sogenannten schaltung ist dieselbe Röhre beides zugleich.

Damit ist es aber mit der Verwend mg der Elektronenröhre in der Radiotechnik noch nicht zu Ende, man kann dieses Aniversal- inftrument auch noch als Sender benutzen und mit ihm sehr reine ungedämpfte Wellen erzeugen, die sich für die Sprachübertragung Vorzüglich eignen. *

Eine Winternacht.

Bon Heinrich Bechtolsheimer, Dietzen.

(Schluh.l

Konrad, du hast mich nicht ausreden lassen," lieh sich Diefen- shäler vernehmen,ich wollte sagen: es gibt doch merkwürdige Dinge auf der Welt, die auch dem passieren, der nicht abergläubisch ist, Dinge, die man sich nicht erklären kann. Als ich 1807 *.n Heidel­berg von dem pfälzischen Kirchen- und Schulrat geprüft worden bin, wohnte ich bet einem alten Schneider. Der Wann las viel In der

Dibel und legte sich auf das Prophezeien. Sch weih noch sehe " genau, wie er gesagt hat, vom Osten her würden bald wilde Hei­den mit Kamelen über den Rhein kommen. Ein Kamerad, der da- mocks mit mir geprüft worden ist, hat über diese Prophezeiung gc- « < - , 6 aber die Russen 1814 hier durchmarschierten und die Kalmücken und Baschkiren Dromedare an der Leine führten, da habe ich an den alten Schneider denken müssen."

31jr habt recht," antwortete Konrad Jung,alles erklären können wir nicht. Wer von uns weih, was das mit dem Stern ist, der einen so langen Streifen hat und in der letzten Zeit am Himmel gestanden hat. Seit September ist er da, zum erstenmale habe ich hn gesehen, als ich vom Dellermarkte heimgegangen bin. Aber eit der vorigen Woche ist er verschwunden."

Wie wir am letzten Tage Trauben gelesen haben, habe ich ihn noch gesehen," erklärte Johann Enders,aber am nächsten Abend war er schon ziemlich bläh. Es toar ein schöner Stern, der Schweif so krumm wie der Schwanz eines Eichhörnchens."

Johann, du hast recht," sagte Diefenthäler,der Schweifstern von diesem Jahre war viel schöner als der von 1811, auf den ich mich noch gut besinnen kann. Gelt, Detter Valentin, den habt Ihr auch in der Erinnerung?

Ob ich den noch in ber Erinnerung habe," sagte ber alte En­ders,vom Mai bis Oktober stand er im elfer Jahr am Himmel. Damals war ich gerade in Mainz, weil ich in Spanien krank ge­worden toar, und habe lange Zeit im Lazarett gelegen. Dann bin ich zum Depot meines Regimentes gekommen. Solche Sterne haben etwas zu bedeuten, man sieht sie immer in fruchtbaren Jahren. Was haben wir im elfer Jahr für einen guten Wein gehabt! And alles toar so früh da, im Juli toar ber Kaiser Rapoleon in Mainz und hak schon Brot von ber neuen Ernte und elfer Traubenmost getrunken. Der Wein, der jetzt In den Fässern gärt, ist auch nicht schlechter als der siebenundfünfziger."

Denkt euch, was meinem Vater selig im elfer Jahr passiert ist," sag'e Schmitt,ber toar damals Soldat und stand In Metz In Garnison. Einmal muh e er nachts, als ber Komet so schön leuchtete, einen Posten ablösen. Als er, von einem Korporal ge­führt, durch bie engen Gassen ging, sahen die zwei einen Mann im bloßen Hemde zum Dachfenster heraussteigen. Der Mann stieg das flache Dach hinauf und blieb dann oben zwischen zwei Schorn­steinen stehen. Still! Das ist ein Nachtwandler, sagte der Kor­poral. Die zwei Soldaten hatten sonst keine Angst, diesmal zit­terten sie aber, mein Vater konnte kaum sein Gewehr noch auf der Schulter halten. Endlich kam der Mann wieder das Dach herab und kroch wieder zum Dachfenster hinein."

Ihr lieben Lent'," meinte die Frau des Johann Enders, ihr erzählt aber Geschichten, dah es einen gruselt. Ich geh' heute abend nicht mehr allein in den Stall ober auf bie Gasse."

Marie, du hättest erleben müssen, was ich in Spanien erlebt habe," sprach der Großvater:Es kann 1808, auch 1809 gewesen fein, da lagen wir es war Sommer neben einem ganz aug­gebrannten Kloster im Biwak. Ich hatte geschlafen und gerade geträumt, ich wäre wieder zu Hause und fäete am Kirchenpfad Korn; da fließ mir ein Kamerad in die Seite und sagte: Hörst du nicht das Gejammer? Ich richte mich auf reibe mir die Augen, da höre ich aus dem ausgebrannten Kloster ein schreckliches Schreien. Cs klang, als ob dort viele Menschen umgebracht wer­den sollten. Sv was Schreckliches habe ich in meinem ganzen Leben nicht gehört. Unser Kapitän zog seinen Degen und beor­derte eine Halbkompagnie, bei ber auch ich toar, zum Durchsuchen des Gebäudes. Ich kann euch sagen, mir klarste bas Herz. Fackeln wurden angesteckt, wir durchsuchten alle Raume, es standen noch die Wände, sonst toar alles ausgebrannt. Wir gingen sogar In den Keller, es gab keinen Winkel, in den wir nicht hineingeleuchtet hätten. Nichts war zu finden als Steingeröll unb Schutthaufen. Kopfschüttelnd ging der Kapitän mit uns zum Biwakplatz zurück. Wir legten uns wieder hin, da ging bas Gejammer abermals los, es dauerte mindestens fünf Minuten lang bann wurde es wieder totenstill^ Keiner von uns sprach ein Wort, alle waren leichen­blaß, wir waren froh, als es hell wurde und wir abrücken konnten."

Da stand die junge Frau von ihrem SMhle auf und sagtet Jetzt gehe ich aber fort. Was ihr da erzählt, dah kann ich nicht mehr hören. Sind bas Gespräche für eine Mehelsuppe?"

Bleib nur da, Mariechen," beschwichttgte Diefenthäler,wir wollen von etwas anderem reden. Habt ihr eure Magd schon gefragt, ob sie Weihnachten wieder bei euch bleibt?"

Ja, sie wist wieder bleiben, sie hat aber einen großen Lohn gefordert, sie will jetzt 52 Gulden, 14 Ellen hänfenes Tuch 7 Ellen werkenes' Tuch, ein Paar Werktagsschnhe, ein Paar Sonntags­schuhe und einen Gulden 12 Kreuzer Mietgeld."

Das ist jetzt ein Umstand mit dem Gesinde " sagte ber Groß­vaterim zwelundzwanzlger Jahr, wie wir die große Mäuse­plage hatten, habe ich die Katharina Münch von Oberhausen ge­dingt für 21 Gulden unb bas Zubehör."

Von der Strahe her vernahm man einen dumpfen Ton, der Nachtwächter blies elf Ahr.

Es ist Zeit, dah ich mich auf den Weg mache," sagte Konrad Jung.