Ausgabe 
9.2.1924
 
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Gietzener Zamllienblätter

Unterhaltungzbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang (92^ Samstag, öeny.Zebruar' Nummer 6

Sterne.

Don Ferdinand Avenarius*).

Zu den Verschwiegenen droben, den Sternen, sandten die Menschen Schweigendes Heimliches stets, das sich dem Tage verschloß:

Ihnen gestand, was sich selbst sie kaum noch gestanden, die Hangsrau, And von ihnen erbat zagend der Jüngling die Braut.

Eie befragte das Weib, vom Aeberglücke beklommen.

Am das Werden, das hold unter dem Herzen sie fühlt'.

Sein ErkeimendeS auch besprach der Dichter mit ihnen.

Sein verlorenes Glück suchte bei ihnen der Greis.

»2 st das, was ich erahne?" der Denker fragt' es die Sterne.

Ihnen bekannte zuerst, was er beschlossen, der Held.

Tausend Opferrauchsäulen aus schlank aufbrennenden Seelen, Sv Lurch Jahrtausende hin hoben allnächtlich zu Euch

Traumsam Irdisches auf, einst fremd nur lächelnde Stemel

And Ihr Schweigenden, Ihr nahmt es geduldig in Hut.

Drängt aber heute zu Euch den Sehnenden fragende Fülle, Taut mit dem Himmlischen sanft Heimisches tröstend herab.

Dostojewski als nationaler Erzähler.

Die Oeffnung des Nachlasses der vor kurzem verstorbenen Witwe Dostojewskis durch die Sowjetregierung hat neben einer Reihe wertvoller Bruchstücke aus früheren Fassungen oder Am- arbeitungm Dostvjewskischer Romane auch die für die literarische Forschung überaus wichtigen, von der Witwe aber immer ängstlich zurückgehaltenen Briefe Dostojewskis an den russischen Dichter Apolon M a i k v w zu Tage gefördert. Der um die Gesamtausgabe der Werke Dostojewskis sich vor vor allen verdient machende Ver­lag A. P i t> c r & E o. in München legt die bisher veröffentlichten Bruchstücke und Briefe in einer ausgezeichneten Aebersetzung und kritischen Bearbeitung von Alexander Eliasberg unter dem Titel »Petersburger Träume" gesammelt dem deutschen Publi­kum vor. Sie geben außerordentlich interessante Einblicke in das Schaffen Les grossen Russen und werden dazu beitragen, sein Wesen und sein dichterisches Wollen uns verständlich zu machen. Wir teilen hier Stellen aus einem aus Florenz im Mai 1869 an seinen Freund Maikow gerichteten Bries mit, der zeigt, wie Dostojewski die Dichtkunst dem allslawischen nationalen Erziehungsprogramm di en st la r zu machen sucht. Er schreibt dort:......meine Idee be­

stand damals darin (jetzt will ich einige Worte über sie sagens, daß es gut wäre, eine Reihe von Heldengesänqen, Balladen, Liedern, kleinen Poemen und Romanzen, nennen Sie es, wie Sie wollen in schonen, berückenden Versen erscheinen zu lassen, in solchen Ver­sen, die sich ganz von selbst,-ohne jede Anstrengung dem Gedächtnis einprägen, wie es immer bei tiefsinnigen und schönen Versen der Fall ist: in diesem Falle hängen der Inhalt und sogar das Vers- mast der Gedichte von der Seele des Dichters ab und entstehen plötzlich, vollkommen fertig sogar unabhängig von ihm selbst in feiner Seele... Hier will ich eine bedeutende Abschweifung machen: ein Poem erscheint meiner Ansicht nach in der Seele des Dichters wie ein Edelstein, wie ein Diamant vollkommen fertig, in seinem ganzen Wesen, und darin besteht die erste Handlung des Dichters als eines Schöpfers, der erste Teil seiner Arbeit. Wenn Sie wollen, so ist sogar nicht er der Schöpfer, sondern das Leben, das mächtige Wesen des Lebens, der lebendige Gott, der seine Macht in der Vielgestaltigkeit der Schöpfung an verschiede­nen Orten vereinigt, am häufigsten in einem großen Herzen und in einem mächtigen Dichter; wenn also nicht der Dichter selbst

*) Der zehnte Band der Kunstwart-Bücherei (bei G. D. Callweh in München) ist dem Heimgegangenen Führer Ferdinand Avenarius gewidmet. Der jetzige Herausgeber des Kunstwort, Wolfgang Schumann, gibt in einer sorgfältigen Auswahl von Gedichten einen guten Aeberblick über das dichterische Schassen von Avenarius. Auch dieses Bändchen kann aber nicht darüber hinwegiäufchen, datz Avenarius' eigentliche Bedeutung nicht in seiner eigenen dichterischen Betätigung lag, sondern vornehmlich in seiner Rolle als Wegweiser und Anreger für unsere literarische vnd allgemein kulturelle Welt.

der Schöpfer ist (das werden ganz besonders Sie zugeben müssen der Sie selbst Kenner und Dichter find, denn das Werk erscheint doch in der Seele des Dichters allzu endgültig, ganz und fertig), wenn er nicht selbst der Schöpfer ist, so ist jedenfalls seine Seel« das Bergwerk, in dem die Diamanten entstehen, die sonst nirgends zu finden sind. Dann kommt erst die zweite Tätigkeit des Dich­ters. die nicht mehr so tief und geheimnisvoll ist und ihn nur als einen Künstler begrifft: den Diamanten, den er erhalten hat z« schleifen und zu st.,,en. Hier ist der Dichter fast nur ein Juwelier, 2n dieser Reihe von Heldengesängen und Gedichten (als ich an diese Heldengesänge dachte, stellte ich mir manchmal IhrKon- stianzer Konzil"') vor) soll also mit Liebe und in unserem Sinne, von Anfang an im russischen Geiste die ganze russisch« Geschichte dargestellt werden, mit Betonung aller Punkte, in denen sie sich zeitweise und stellenweise gleichsam konzentriert und plötz­lich als Ganzes zum Ausdruck kommt. Solche alles erdrückend« Punkte kann man im Laufe des ganzen Jahrtausends an die zehn finden, vielleicht sogar mehr. Es gilt also, diese Punkte zu fassen und jedem und allen in einem Heldengesang zu erzählen, aber nicht als eine gewöhnliche Chronik, sondern als ein herzliches Poem, sogar ohne strenge Wiedergabe der Tatsachen (jedoch mit außerordentlicher Klarheit); den wichtigsten Punkt zu fassen und ihn so wiederzugeben, daß es sichtbar sei, mit welcher Tendenz er wiedergegeben wird, welche Liebe und Qual diese Idee kostete, Aber ohne Egoismus, oßne eigene Worte, sondern naiv, so naiv wie möglich, daß nur die Liebe zu Rußland allein als eine heiße Quelle sprudelte, und tonst nichts. Denken Sie sich nur, daß ich mir im dritten ober vierten Heldengesang (ich habe sie damals in Gedanken gedichtet und auch später noch lange an sie gedacht) die Eroberung Konstantinopels durch Mohammed II. vor­stellte (dies kam bei mir direkt und unwillkürlich als ein Helden­gesang aus der russischen Geschichte ganz von selbst und ohne jede Absicht; dann wunderte ich mich selbst darüber, daß ich die Eroberung Konstantinopels unbewußt und ohne Bedenken zu derrussischenGeschichte rechnete). Diese ganze Katastrophe in einem naiven und gedrängten Bericht: die Türken haben die Stadt in einem engen Kreise umzingelt; die letzte Rächt vor dem Sturmangriff, der beim Sonnenaufgang unternommen werden soll; der letzte Kaiser geht in seinem Palast« auf und ab (Der König geht mit großen Schritten"); er geht zum Muttergotiesbilde von Dlackerna beten; sein Gebet; der Sturmangriff; die Schlacht; der Sultan zieht mit blutigem Säbel in Konstantinopel ein. Der Leich­nam des letzten Kaisers wird aus Befehl des Sultans in einem Haufen Gefallener ausgefunden: man erkennt ihn an den mit Ad­lern bestickten Schuhen; die Heilige Sophia, der zitternde Patriarch, die letzte Messe, der Sultan reitet die Stufen in den Tempel hinauf (historisch), hält sein Pferd verlegen in der Mitte des Gotteshauses an, sieht sich nachdenklich und bestürzt um und spricht die Wort«: Das ist ein Haus, um darin Allah anzubetenI" Dana wirft man die Ikonen hinaus, zerbricht den Altar, errichtet eine Moschee und beerdigt die Leiche des Kaisers, während im russischen Zaren­reiche die letzte Vertreterin des Geschlechtes der Paläologen mit dem Doppeladler statt einer Mitgift einzieht; eine russische Hoch­zeit; Fürst Iwan III.2) tn seinem hölzernen Bauernhause statt eines Palastes, und in dieses hölzerne Bauernhaus kommt nun die große Idee von der allorthvdoxen Bedeutung Rußlands; hier wird der erste Stein zur künftigen Hegemonie im Osten gelegt, der Kreis der russischen Zukunft erweitert und die Idee nicht nur eines großen Staates, sondern einer ganzen neuen Welt geboren, der es beschieden ist, das Christentum durch die allslawische orthodox« Idee zu erneuern und der Menschheit einen neuen Gedanken zu bringen, wenn der Westen einmal ganz verfault ist; er wird aber dann verfaulen, wenn der Papst das Bild Christi endgültig verzerrt und damit in der verunreinigten westlichen Menschheit den Atheismus zeugt.

Es war nicht nur dieser eine Gedanke von dieser Periode: ich hatte noch den Gedanken, neben der Darstellung des im hölzernen Bauernhause wohnenden, klugen, von einer großen, tiefen Idee beseelten Fürsten, des in ärmlicher Kleidung neben ihm sitzenden Metropoliten und der »Fominischna"2), die sich in Rußland schon

') Ein bekanntes Gedicht von Maikow.

z) Iwan 111. (14401505), Begründer der Machtstellung Mos­kaus. war mit Sophia Paläolvgos, einer Richte des letzten byzan­tinischen Kaisers, verheiratet.

) Ssosja Fominischna der russische Rame der Sophia PaläolvaoS.