Schriftleitung: Dr. Friedr Wilh. Lange. — Druck und Verlag her Brühl's-ben Aniv-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gieken.
habt, denn es gift für mich, die Ehre des Hauses Herrenbruch zu wahren." ~ , , . , ,
Die Kussm ging die Treppe hinab. Jammer gähnte und folgte ihr nach Herr Josias blieb oben am Geländer der Treppe stehen.
Die Russin stieß das Tvr auf. Als sie das Gesicht des ohnmächtigen Mannes erkannte, hob sie die Hände auf, wich zurück und rief ins Haus hinein: „Herr Josias, sie bringt uns den Rittmeister! Ihn hat die Seuche!"
Der Pfarrherr fragte aus dem Hause von der Treppe herab: „Sie bringt uns die Seuche?"
. Rief da trotzig Gottliebens Stimme herauf: „So Ihr uns fortweiset, Pfarrherr, so reite ich dahin, wo wir Tod oder Barm» Herzigkeit finden!" , „
„Kind!" schrie die Kuffin und hängte sich in die Zugel des Rosses. „Kind! Geh uns nicht dahin!" Dann wendete sie sich zur Pforte und rief in den Gang hinein: Herr Josias, helft! Sie will uns verlassen!"
Herr Josias war die Treppe hinab gestiegen. Angst ergriff ihn, er könne Gottliebe verlieren. Darum sagte er: „Mag der Rittmeister bei uns liegen um Christi Barmherzigkeit willen. Aber tragt ihn in den alten Knechtsverschlag im Stalle. Mehr darf und mag ich nicht gewähren!" .
Ohne ein Wort weiter zu sprechen, schwang sich das Fräulein vom Rost und umschlang den Leib des kranken Mannes. Schaudernd nur griff die Kuffin mit zu. Sie packte nur die Absätze der Reiterstiefel an, um ja nicht mit dem Kranken in Berührung zu kommen, so dast Gvttliebe fast allein die Last durch den Gang über den Hof in den Stall trug.
Aus Stroh rüstete die Kuffin in dem Derschlag ein Soldatenbett, indes das Fräulein ins Haus eilte, um zu besorgen, was zur Hilfe not tat. Sie holte sich einen Stuhl, um neben dem Lager des Kranken zu wachen. Herr Josias brachte selbst Decken und Kissen herbei. Als aber alles endlich bereit war und der Kranke ruhte, fragte er zagend: „Wo hast du ihn gefunden, Kind?"
Gottliebe seufzte auf. Jetzt, da getan war, was getan werden mußte, ward sie unsicher und begann klagend: „Ich mache Euch viel Rot und Angemach, lieber Herr Josias, aber lasset mir'Zeit, dann will ich Euch sagen, was mir alles geschehen in den letzten zwei Tagen."
Sie setzte sich in den Stuhl zur Seite des Kranken. Hern Josias und die Kuffin standen im Stall neben den Pferden, weil ihnen der Pferdegeruch als Abwehrmittel gegen Krankheit und Seuche galt. Eine Stallaterne stand zu den Füßen des Stuhles und warf die Schatten des Lagers und des sitzenden Mädchens vergrößert an die graue, roh verkalkte.Wand.
Gottliebe hatte die Ellenbogen an die Hüften gepreßt und die Hände breit auf die Knie gelegt. Den Racken hatte sie auf die Lehne geschoben und die Augen geschlossen. So glich sie mit den seltsam von unten nach oben geschobenen Schatten im Gesicht dem Bilde einer Toten. Schweiß war ihr nach all der Anstrengung aus die Stirn getreten, der in großen Perlen, langsam über die Wangen zu rinnen begann, als wären es Tränen. Der Kranke stöhnte. Sie schaute auf, beugte sich nieder und fühlte mit der Hand seine Stirn, die ein kühler Lappen bedeckte.
Ein Pferd stampfte. Sie sah auf und gewahrte in der Tür die Köpfe der Kuffin und des Herrn Josias. Sie fühlte ihre erwartungsvollen Blicke. Da besann sie sich und begann zu erzählen: „Als ich vorgestern hinausritt, kam mir der Gedanke, es sei unziemlich, das mir vom Vater zugehörige Gut in der Hand feindlicher Menschen zu lassen. And ich beschloß, nach Fen- städe zu reiten und den herzoglichen Rat und Justitiarius, Herrn von Donop, über mein Recht zu befragen. Als ich den letzten Wald von Fenstäde hinauftrabte, kamen mir im Hohlwege zwei Reiter entgegen, auf dir ich nicht acht hatte.
Schrie der eine plötzlich: „Ist ein Huf an Euerm Gaul locker!"
Als ich absprang, um nachzusehen, hatte er gewendet. Plötzlich ergriff er mich am Kragen und rief: „Haben wir den Vogel endlich?"
War es mein eigener Bruder, der mich gestellt hatte und mit dem blanken Schwert in der Hand mich zwang, mit ihm zu reiten. O, wie habe ich geflucht, daß ich nicht zu fechten vermochte! War und blieb wehrlos und mußte reiten, wohin sie es verlang-, ten, gegen Herrenbruch!
Wir waren schon vor dem Tore, als ich sah, daß die Zugbrücke aufgezogen war, hielten zwei Reiter davor, die schwach und jämmerlich auf ihren Mähren hingen.
Ries der eine: „Sagts dem Sir Stuart Hamilton, daß sein alter Kornett, Achatius von Söllern, krank vor dem Hause steht und für sich und seinen Waffengefährten um Anterkunft bittet, oder um geruhigen Tod."
Klang bald darauf die hochmütige Stimme Sir Stuarts zurück: „Lassen die Seuche nicht ein, Achatius von Söllern. Jst'S nicht um meinetwillen, geschieht's ums ganze Haus."
Fragt ich meinen Bruder: „Ist der Engelschmann Herr auf Herrenbruch, oder bist du's?"
„Er hat recht!" sagte mein Bruder.
„War unser Vorrecht bisher, Arme und Elende zu Bergenl" rief ich dawider.
(Fortsetzung folgt.)
Auf dem Friedhöfe waren drei Gräber in der Rahe der Mauer aufgeworfen, denn der Rittmeister halte verlangt, aus Soldaten- | toeife bis an die Gruben zu reiten. Sechs spanische Dublonen hatte er den Armen der Gemeinde sür diese Dergunuigung geschenkt.
Auf dem Friedhof erwartete Herr Josias mit einem Ratmann der Stadt, einem Schreiber und zwei Bütteln den Zug Allein die Wächter der Stadt hatten keine Menge im Zaum zu halten, denn außer drei oder vier alten Weiblein waren vielleicht noch zwei Bürger anwesend. Der Himmel war licht geworden, eui lmch.er Wind ging durch die Aeste der vom Sturm entlaub.«,.Baume Es raschelte im toten Laub, als das Fähnlein sich im Halbkreise ou Roß um die Gräber versammelte.
Herr Josias trat vor und wählte zum Text der Predigt den Spruch aus dem vierzehnten Kapitel des Jesaias: „And zu der Zeit, wenn dir der Herr Ruhe geben wird von deinem Jammer und Leid und von dem harten Dienst, darinnen du gewesen 6< fp wirst du ein solches Sprichwort suhren wider den König zu Babel. Wie ist es mit dem Treiben so gar aus und der Zins hat eut Ende? Der Herr hat die Rute der Gottlosen zerbrochen, die, Rute der Herrscher, welche die Völker schlug im (Summ ohne Aufhoren und mit Wüten herrschte über die Heiden und verfolgte ohne ,Barm Herzigkeit. Run ruhet doch alle Welt und ist stille und lauchzet srohllch.^ - T Josias fand schöne Worte von den Gewaltigen der Erde, deren am Ende ihrer Tage ein Stärkerer Herr wurde, der
Als er geendet, ritt der Rittmeister Achatius bis an den Jfarr- hsrrn vor, grüßte ihn und sagte mit lauter Stimme: »^ch danke Euch, Herr Josias Rottner, im Ramen merrwr Kameraden für letztes Geleit und Zuspruch zur Ewigkeit. Danach wendete er sein Roß zog den Hut und rief mit Kvmmandvstimme M die Mitte des Halbkreises: „Kameraden, ihr seid beurlaubt vom Fähn-
Rach^di^M^Worten wurden zum Erstaunen des Pfarr^rrn des Datsmannes und der anderen Bürger die Deckel der Sarge angenommen und siehe, sie waren leer.
Aber in der Mitte des Halbkreises entstand eine Bewegung Drei Reiter wurden vom Pferde herabgelassen und nut angelegte Eisenhaube Lederkoller und mit umgeschnalltem Gewehr tn die Särge gebettet. Dann wurden die Deckel wieder aufgesetzt und die Schrägen langsam in die Gruben Versenkb Der Trompeter blies dazu einen fröhlichen Marsch, während oas üahnleia an der ^rom- pete mit dem goldgestickten kaiserlichen Wappen darauf leise und lustig vom Winde geschwellt ward. Sie Kesselpauke rollte, und die Reiter zoaen aus den Halftern ihre Radschlohprstolen. Auf einen Wink des Rittmeisters brach die Marschmeloou ab. „ »euer! kommandierte Herr Achatius. And dreimal nacheinander entluden sich auf seinen Befehl die Pistolen über den offenen Graoern.
Danach steckten die Reiter die Pistolen wieder in die Halfter nahmen die Eisenhauben ab und sprachen ein Vaterunser. Alsdann warteten sie zu Pferde, bis die Schollen auf die Sarge gefallen und die Grabhügel gewölbt waren, ®iner hinter den andern gesetzt umritten sie dreimal das Grab, sprengten dann unter Trompetenklang und Paukenschlag zur Friedhvfstür hinaus um.
- Herrn Josias wollte solcher Brauch fast heidnisch und lästerlich erscheinen. Er gedachte dem Fräulein Gottliebe zu erzählen, was alles vonstatten gegangen sei. Aber als er zu Hause angÄangt war, kam ihm die Kuffin mit Besorgnis entgegen, denn das Fräulein war vom nächtlichen Ritt noch nicht zurückgekehrt.
Es ward Mittag und es ward Abend, und als das Dunkel hereinbrach, verhassten der Pfarrherr und seine Bedienerin beide, es müsse bald des Rößleins Hufschlag auf dem Pflaster klappern. Allein nichts ließ sich vernehmen, trotzdem der Regen aufgehort hatte und der Mond weiße Stille über die spitzen Giebel and die dunklen Gassen goß. _ ,
Stunde um Stunde verrann. Der Pfarrherr vermochte sich nicht von dem Tische zu trennen, an dem er wartend saß. Auch die Kuffin hatte sich ihm zugesellt und harrte ihm gegenüber stumm und starr Leide lag schlafend wie ein rötlicher Knäuel in ihrem Körbchen. Jammer, der Hund, schnarchte laut zu den Mßeii des Pfarrers, dem gemach vor Ermüdung die Lider zufielen. Am längsten widerstand die Kuffin dem Schlaf, aber endlich ließ auch sie den Kops auf den Arm sinken und schlief neben den Kerzen ein, die tiefer und tiefer brannten, bis sie bläulich zuckend verloschen.
Da tat es einen starken Schlag gegen die Hauspforte. Herr Josias und die Kuffin erwachten. Morgenlicht schien durch die Fenster. Die Kuffin hastete auf und schaute hinab'. Sie gewahrte draußen im Dämmerschein zwei Pferde. Auf dem einen sah ein Reiter aufrecht, das andere aber trug eine Gestalt, die über den Bug hing.
„Jesus Maria!" rief die Kuffin. „Was ist mit dem armen Käuzlein geschehen?"
Erklang des Fräulein Gottliebens Stimme von der Straße herauf: „Am Gottes Barmherzigkeit willen. Kuffin, nehmt diesen Mann auf. Ich will ihn selbst pflegen, so wie Ihr mich gepflegt


