Ausgabe 
8.11.1924
 
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Gießener HamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

Jahrgang (92^

Samstag, den 8. November

Nummer 5(

November.

Von Frida Schanz.

Lautlose Tage auf huschenden Sohlen;

Stuben im Dufte letzter Molen;

Zwischen Stämmen Licht wie von Kerzen; Flämmchen auf Gräbern, als brennten die Herzen. Erste, einzelne, glimmernde Flöckchen, Die wie von Christkindleins florenem Röckchen Auf die Erde getaumelt sind--

Flackernde Feuer;--heulender Wind.----

Eine Silberdistel die Sonne;--

Dämmerstunden voll huschender Wonne; Silbernes Blinzeln in grauer Luft;

Wildganszüge und Dratgansduft.

Winterstapel in Küchen und Kellern: Rote Aepfel auf zinnernen Tellern, Zuflucht an der Straße der Welt, Wo das Herz einmal Herberg hält.

Landesverrviesen.

Parabel von Hans Westenberger-Derltn.

Kürzlich traf ich zwischen den hohen Sanddünen der Rehrung, Hari an der Grenze Litauens, eine Erscheinung, von der ich nicht wuhte, ob ich sie als Mann oder Frau ansprechen sollte. Durch &en Sand watend strebte sie mit gesenktem Haupte der Grenze zu. Sie war anscheinend tief bekümmert.

..Merkwürdig!" dachte ich mir,wollen die Person doch mal ansprechen!" Lind ich rief laut:Mensch, wo w llrn Sie kenn hin? Wenn Sir keinen Pah haben, kommen Sie nicht weiter!"

Die Person blieb stehen und blickte mich erstaunt an:Woher wissen Sie? Kennen Sie mich? Mein Rame ist Mensch! Ich must aus Deutschland weg."

Warum denn?" fragte ich interessiert.Wollen Sie Geschäfte machen im Osten? Faule Sache jetzt!"

Geschäfte," sagte die Person, und lächelte boshaft in'sich hinein,Geschäfte, nein, ich will keine Geschäfte machen. Deswegen mutz ich ja gerade aus Deutschland heraus."

Da ich zweifellos ein sehr dummes Gesicht machte, fuhr sie fort:Ja, sehen Sir, mein Rame ist Mensch, nichts weiter wie Mersch nur Mensch Ich hatte früher vi le Freunde in Deutschland, z. D. die Mutter Aja und ihren Sohn, den Hans und viele andere Aber nach und nach sind sie alle weggrstorben. Run wollte ich mir neue Freunde suchen. Ich ging von Stadt zu Stadt, grüßte diesen und jenen, um ihm meine Freundschaft anzubieten, aber überall wurde ich abgewiesen, alle halten keine Zeit. Was denken Sie, sagten sie mir, wir haben zu tun und sie seufzten, Derpflich- prngen über Beipflichtungen, Sitzungen, Kalkulationen, Steuern, Bilanzen; manche fuhren mich grob an, ich solle ihnen nicht die kostbare Zeit rauben. Ich liest mich aber nicht stören. Allmählich wurde jedoch die Polizei auf mich aufmerksam und ich wurde festgenommen. Da ich auf die Frage nach meiner Staatsangehörig­keit keine Auskunft erteilen und auch keinen Beruf angeben konnte sondern einfach erklärte, ich bin in der ganzen Welt zu Hause und Mein Beruf ist, Mensch zu sein, wurde ich als unzurechnungsfähig angesehen und als lästiger Ausländer landesverwiesen In Deutschland," sagte der Polizeidirektor,ist für Sie kein Platz Die Produktion mutz gehoben, das Wirtschaftsleben in Gang ge­bracht werden. Wir brauchen Arbeit, Arbeit und noch einmal Arbeit. Alles andere ist Larifari. Binnen vierundzwanzig Stun­den sind Sie über die Grenze. Entlassen. Der Rächste!" Sehen Sie, und nun bin ich auf dem Wege zur Grenze. Ich habe keinen Freund in Deutschland gefunden."

Das ist sehr traurig," fiel ich ein,kommen Sie denn noch einmal wieder?" In diesem Moment sah ich mechanisch zur Ahr Mein Gott, in zwanzig Minuten ging mein Dampser! , Entschul­digen Sie," rief ich schnell, indem ich mich schleunigst empfahl ich mutz heute abend noch zu einer dringenden Besprechung zur Stadt. Ich habe tatsächlich keine Zett."

2er Mensch taut an zu lachen. Aber ich hatte tat­sächlich kein« Zeit mehr.

Don Meer zu Meer.

,z. Wie man in Kanada reist, beschreibt unser dortiger ^-Korrespondent in einem sehr anschaulichen Brief aus Vancouver von Ende Oktober. D. Red.

Eisenbahnfahrten von längerer Dauer pflegen die wenigsten von uns zu den besonderen Annehmlichkeiten des Daseins zu zählen. Wenn einer bei uns zwei Rächte in der Bahn zubringen mutz (was ia nur bei relativ weiten Reisen Vorkommen wird), so fühlt er E bedauernswertes Geschöpf, das nach beendeter Fahrt min­destens ein bis zwer Tage Ruhe nötig hat.

Anders drüben, jenseits des großen Leiches. Wenn Sie von Montreal aus denTrans-Continental" benutzen, reisen Sie in k?stunden glatter Fahrt durch ganz Kanada bis an die Küste des Pazifischen Ozeans und werden sich in Vancouver genau so frrsch und unermüdet an Land begeben, wie Sie in Montreal den Zug bestiegen. And dabei haben Sie eine ununterbrochene Fahrt das^von BeAta aus «ns, wie weit

, Aarum bas Fahren hier so angenehm ist? Run, für den transkontinentalen Verkehr haben die Bahngesellschaften, in Ka- nada m erster Linie, die Canadian Pacific Railwah und die Ca- nadlcm Rational Ph besondere Spezialzüge gebaut, die wohl be- zuglich Bauart, Gewicht, Federung und Ausstattung der Wagen wie hmsichtlich der Zusammensetzung den besonderen Bedürfnissen entsprechen. Auf einen Mangel komme ich noch. Lang schlank elegant die Form der rot lackierten Wagen, schwer von Gewicht und vorzüglich gefedert, so daß die Züge über die Weichen sausen wo welche sind!ohne daß Sie irgendwelche Erschütterungen verspüren. Alle Wagen haben Rainen, darunter fremdartig an- mutende: Remegos, Rapinka, Rakufp, Glen Eagle, Glen Otter wohl Erinnerungen an die Indianer, die in den weiten Gebieten' die heute der Zug durcheilt, vor 50 Jahren noch unbeschränkte Herrscher waren.

, , Sie in Montreal den Zug besteigen dieser Bahnhof baiwirküche Bahnstelge, im Gegensatz zu den meisten Bahnhöfen nach Westen zu, bei denen der Bahnsteig durch einen niedrigen höl- zernen Laufgang repräsentiert wird werden Sie von braunen und schwarzen Rigger-Porters in Empfang genommen, deren Ob­hut Sre nun für die Dauer der Reise anvertraut sind Zum Teil ganz gewandte, aufmerksame und dienstwillige Burschen aber auch «rwere! Don irgendwelcher Anterwürfigkeit gegenüber den Weißen Reisenden jedenfalls keine Spur. Sie geben auch zu daß fies besser haben oben in Kanada; im Süden unten, da freilich ist' nv lustice".

Zum Ein- und Aussteigen seht Ihnen der Porter einen plüsch- vezogMen Tritt hin, denn der Wagen ist so hoch, und der Bahn­steig so medrig, daß Sie ohne Hilfsniittel nicht hinein oder heraus rönnen. Ich habe jedenfalls mal den Versuch gemacht von der Plattform des Aussichtswagens der Kürze halber her­unterzuspringen: die Folge war ein verstauchter Fuß.

Aussichtswagen ach so, ich habe Ihnen ja noch gar nicht; erzählt, wie so ein Trans-Kvntinental-Zug zusammengesetzt ist. Also zuerst kommt der Speisewagen, breiter und bequemer möbliert als bei uiis und ausgezeichnet bewirtschaftet. Strahlend begrüßte unser Reisegenosse aus Rvrddeutschland die großen und trefflich zubereiteten Portionen, die ihm nach derSchnippelei" der Schiffs- mahlzeiten wieder mal ein in Hamburger Dimensionen gehaltenes Zleisch- oder Fischsteak boten. An den Speisewagen schließen sich Zwei, der dreiStandard Sleeper", das sind Schlafwagen mit Zections', keine geschlossenen Einzelabteile, sondern ein großer Raum mit Mittelgang rechts un& links, von welchen oben und unten je 12 Betten hergerichtet werden, die nur durch einen großen gemeinsamen Vorhang gegen den Gang abgeschlossen werden. Am L,age wird der Vorhang abgeknöpft, das obere Bett in die Wagen­decke hinaufgerlappt, das untere Bett durch Entfernen des Mittel- Polsters in zwei gegenüberliegende Sitze verwandelt, und in we­nigen Minuten ist so aus dem Schlafwagen ein offener, Heller und luftiger Tageswagen mit 24 Sitzen geworden. An dem einen Wagerrende befindet sich der gemeinsame Wohnraum für die männ- llchenBenutzer des Wagens für die Damen am anderen Ende rt? Wagens mit Ledersofas ausgestattet, um gleichzeitig als Amichsalvn zu dienen, ferner mit drei Waschbecken, fließendem, hechem und kaltem Wasser, Spülbecken zum Mundausspülen, Be­hältern mit hygienischen Trinkbechern aus Papier versehen, so ledergalls daß man morgens seine Toilette in aller Ruhe und Bequemlichkeit vornehmen könnte, wenn nicht der Raum schon in