Ausgabe 
8.3.1924
 
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trat leise näher. Die Sonne schien herein, und von draußen hört» man Vogelgezwitscher. Im Bett lag Theodor auf dem Rücken mit offenem Munde, schnarchend.

Eine Welle betrachtete ihn Köhler, dann schüttelte er den Kopf und ging still hinaus.

Freiheit, die ich meine.

Bon Max Dürr.

Freiheit ist gewiß etwas Schönes: in welchem Menschen regt sich nicht das Verlangen, ein freier Mann zu heißen und sein Leben so zu gestalten, wie es jedem selbst beliebt? Aber wohl­verstanden, zwischen Freisein und Freisein ist ein gewaltiger Unter­schied. Frei fein von Zwang und Fessel ist etwas anderes, als frei sein von Zuch! und Sitte, und wer frei ist von dem Wachtgebot eines über ihm stehenden Herrn oder Aussehers, der ist noch lange nicht frei von seinen unsichtbaren Gebietern, die manchen schlimmer be­herrschen als Sklavenvögte, und ich meine damit die Leidenschaften, ob sie nun Zorn, Rachgier und Eifersucht oder Reid und Habsucht heißen. And wenn man es bei Licht besieht, so ist recht eigentlich jeder Mensch bei Lebzeiten dazu da, um zu dienen, sei es, daß er demjenigen dient, der ihn deshalb anstellt, oder dem Staat und« der Gemeinde, so ihm das Anfi geben, oder der Allgemeinheit überhaupt, und der. der niemand oder zu nichts dient, wird mit Recht als ein unnützer Fresser angesehen.

Lebte einmal in einem hübschen kleinen Städtchen des Ober­lands ein Wirt, der nicht recht und nicht schlecht war, sein Geschäft ordentlich imstande hielt, so es fein Ruhen war, den Wein nicht allzu stark mischte, auch sonst kein Deutelschneider war, kurzum noch lange nicht zu den Schlechtesten im Städtchen zählte. Rur daß er zuweilen, was man so heißt, das Maul voll zu nehmen pflegte und am allermeisten tat er sich drauf zu gute, ein freier Mann zu sein und niemand untertan zu heißen.

Also führte er auch gerne das Wort, wenn die Gäste am Tische saßen, und sprach viel von Freiheit und Menschenwürde, und dem einen sprach er zu lieb und dem andern zu leid und der dritte dachte, man läßt ihn schwätzen und es singt jeder Vogel auf dem Daum 'fo gut als er eben kann. Anterdrs kam auch einmal einer in die Wirtschaft, war Verwalter bei einer größeren gräflichen Herr­schaft und hatte klein angefangen, sich aber durch lange und treue Dienste zu seiner jetzigen Stellung aufgeschwungen, war auch dem Herrn Grafen, wie er sagte, fast gar unentbehrlich geworden, stand aber trotjbem in der Achtung unseres Wirtes Kilian nicht eben hoch, weil er ein seltener Gast in der Wirtschaft war, auch der An­sicht zuneigte, zu Hause und in der Familie sei es auch nicht ge­rade unbehaglich,

Da er nun sein Schöpplein Braunbier forderte, brachte es ihm der Wirt, stellte es auf den Tisch und bot ihm ein Wvhlbekomms oder auch nicht, setzte sich wieder zu den anderen und begann von Freiheit loszulegen und von Sklaverei, von Anabhängigkeit und von Knechtschaft, und da einer mit einem Seitenblick auf den Herrn Verwalter am Rebentisch in gedämpftem Tone darauf anspielte, wie es dieser fo schön habe auf der Wellt, lebte von feinen Ge­halt und ohne Sorg», ob die Frucht ansetzt oder ein Hagelwetter kommt und die Ernte vernichtet, und möchte er es auch so gut haben wie dieser Herr, so sagte der Wirt mit lauter Stimme: Ob gut oder schlecht, aber ich möchte kein Fürstenknecht sein und ob man ihn nun Herr Verwalter heißt ober nicht, so ist mir das einerlei, denn wenn der Herr Graf pfeift, so ny i,6 er tanzen, und ist mir lieber, daß ich mich einen freien Wann kann nennen.

Also war nicht schwer zu merken, auf wen die Rede gemünzt war. und dachte der Verwalter vielleicht sein Teil, ließ sich aber gleichwohl nichts anmerken, trank sein Schöppleig und bestellte ein neues, forderte auch nach einiger Zeit ein Stück Brot zu essen, und da es der Wirt brachte und das Salz auf Lkmi Tisch fehlte, fo bat er mit höflichen Worten, ihm solches herbeizuschaffen, weil er sich dachte, daß Brot und Salz allzumal gut ist und soll man nicht in den teeren Magen hineintrinken. Nachdem es ihm aber leidlich geschmeckt hatte und auch das Bier nicht übel mundete, fo rief er den diensteifrigen Wirt zum vierten Wale und bat um eine Zigarre, verlangte auch nach einer Weile zu zahlen und machte die Zeche wohlverstanden, es war noch in der guten alten Zeit genau fünfunddreißig Pfennig.

Da nun das Geld auf dem Tjsch lag und der Wirk die Rickel­und Kupfermünzen einstrich, auch nach hergebrachter Sitte ein Wörtlein des Dankes hören ließ, fo schmunzelte der Gast und sagte: Eia, Herr Wirt, ist nichts zu danken, denn es ist alles gut und recht gewesen, so das Bier und das Brot, ist auch die Zeche nicht gar zu hoch, wenn schon Ihr wohl ein gut Stück Geld daran ver­dient."

Meinte der Wirt, der andere beliebe zu scherzen, lächelte ein wenig säuerlich und erwiderte:Sicherlich werde ich, wenn 3br öfter kommt, noch ein reicher Mann werden, denn an jedem Schop­pen Bier habe ich zwei Pfennig, an der Zigarre einen und an dem Brot auch einen Pfennig, so es gut geht. Macht mein Gewinn nach Adam Riefe sieben Pfennige, ohne das Salz und das Zündholz, das 2hr frei dazu bekommen habt."

Entgegnete der andere gang- ernsthaft:Zuvor habt Ihr mich einen Fürstenknecht gescholten, Ihr aber seid um sieben Pfennig»

willen des Fürstenknechts Knecht gewesen und sechsmal auf feinen Ruf gelaufen und habt Euch dessen auch nicht geschämt. Also lasset mir meinen Dienst und ich will Euch den eurigen lassen."

Das war eine scharfe Lehre für den Wirt Kilian zum braunen Bären und mußte er wohl oder übel alles einstecken, fprach auch zeitlebens nicht mehr von Fürstenknechten, wenn der Verwalter oder ein aoberer Bediensteter der Herrschaft in feine Wirtschaft kam.

Merke: Was dem einen recht ist, ist dem andern billig. Dienen ist keine Schande, sondern es kommt darauf an, wem und wie man dient, und wenn einer feine Dienste treulich erfüllt, ob sie hoch oder nieder sind, mag er ein rechter Mann heißen. And zum an­dern: Freiheit ist eine seltene Gabe und nicht jeder, der den freien Wann im Munde führt, besitzt deswegen Freiheit, sondern zumeist ist er, und wäre er der ungebundenste Wann, wenigstens in seinem Sinne, dennoch mit einem guten, starken Faden oder einer Schnur oder gar einer Kette gefesselt, sonst wäre er kein Mensch.

Die Urform des deutschen Hauses.

Dem Menschen der vorgeschichtlichen Zeit, dem Regen und Schnse, Sturm und Blitz vom Himmel dräute^ war es vor allem darum zu tun, Schutz gegen die verheerenden Gewalten von oben zu suchen. Da hält er die Hände über das Haupt, duckt sich unter Baumkronen, kriecht in Hohlen, wühlt sich in Wohngruben, ein Dach, will er haben, das ihn schirmt. Aus diesen Ursachen heraus kann Man die Grundformen des Hausbaus herleiten. Roch begeg­net man im masurischen Sumpfgebiet solchen Argebilden: in die Erde gesteckte Stangen, durch dünne Aeste zu zwei Rahmen ver­bunden, von SHilfrohrbündeln bedeckt, lehnen gegeneinander wie ein Kartenhaus. Das ist die reine Dachhütte, die uns auch noch in manchem Schafstall und Torfschuppen im Oldenburgifchen, man­cher Moorbauernwohnung im Bremer Geestgebiet entgegen tritt. Eine vielleicht noch ältere Hüttenform verbirgt sich in den Wäl­dern des Harzes und Sauerlandes; von Kohlenbrennern und Holz­fällern sind Stangen In Kegelgestalt zusammengelehnt, über einem vieleckigen Grundriß zur Spitze vereinigt, mit Zweigen und MooS bekleidet. Don diesen Urformen der Hütte hat die Kunst des Dach­baues ihren Ausgang genommen, aber es ist ein langer, mühseliger Weg, der von der Dachhütte zur Wandhütte und von dieser zum Hause führt. An den primitiven Schafställen, die noch In Olden­burg und in der Lüneburger Heide, im Hümmling oder im Moor bei Worpswede auf tauchen, sieht man, wie ein rauher Erd- und Steinwall die Grundlage für den Dachbau bildet. Aber von folchem Erdwall zur Lehm- oder Mörtelwand ging es nicht fo schnell, denn manche Art gewachsenen Steins schützt nur unvollkommen ge­gen Rässe und Kälte, und nicht jede Lehmart taugt zum Wand­bau. Die Uranfänge unseres deutschen Hauses haben wir daher im Holzbau zu suchen. Die Landstriche im östlichen und mittlerem Deutschland waren ja reich an Bäumen, und mit wenigen Beil­hieben ließ sich, dem Baumstamm das Material zur Aufeinander» schichtung von Wänden abgewinnen. Solche Primitiven Holzhäuser gibt es noch heute in Ostpreußen, wohin sie vielleicht die Philip» bauen aus dem Innern Rußlands mitgebracht haben. Auch die Dleicherhütten der Ammerländischen Bauernhöfe scheinen auf den ersten Blick noch eine Urform darzustellen. Aber nähere Betrach­tung zeigt, daß eine Fülle mühsam gesammelter Erfahrungen zwi­schen dem hölzernenKartenhaus und der Bleicherhütte liegt Hier ist bereits eine einfachste Bildung einer späteren Zeit vor­handen, in der nicht mehr die rohen Raturhölzer zufammengefügt sondern bearbeitete Hölzer von geschickter Hand verbunden wur­den. Der Zimmermann tritt auf als der erste Baumeister des deutschen Hauses.

Es war ein heute in seiner Bedeutung kaum noch ermeßbarer Schritt, den die Entwicklung des Hausbaus tat, als sich aus zwei Ständern und einem auflagernben Querholz ein Bock oderStuhl" fügte. Solch ein Dachstuhl ist kein einfacher Raumabschluß mehr. Die Wände sind nun nicht mehr Dachträger und Raumbegrenzung zugleich, fondern der Hauserbauer kann Dachstühe und Aaumgrenze von einander trennen. Der Raum muß nicht mehr am Dachträger endigen, sondern er kann sich, wenn der Stuhl ungefüllt bleibt darüber Hinausdehnen. Stellen sich im Stuhlrahmen die Ständer in dichtere Reihe und schieben sich wagerechte Riegel vor, bang wächst ein Holznetz, das von leichten Stoffen zur Wand ausgefüllt werden kann. Die Wand gliedert sich in Rahmen und Füllung. Der Fachwerkbau entsteht, die uralte echtdeutsche Bauweise, die Wohl unabhängig von anderen Gegenden im deutschen Rorden er­funden worden ist. Der Fachwerkbau greift über den schweren Blockbau der Frühzeit hinaus; er ist nicht mehr dunkel, schwer und ungegliedert, sondern spricht sich warm und gemütvoll aus im bunten Wechsel von Pfosten und Fläche, von Hell und Dunkel. Fast jeder deutsche Stamm und Landstrich hat ihn anders belebt und geformt, bald im Gefüge, bald in der Flächengliederung, bald in Zuschnitt und Schmuck. Die Zimmermannskunst bildet die Grund­lage dieser Bauart und erfüllt sie mit der reichen Phantasie und Gemütstiefe des deutschen Hanbwerksgeistes. Aus diesem ursprüng­lichen Fachwerkbau find dann beim Erblühen der Städte die stolzen und reichen Bürgerhäuser' erflanben, die noch heute die Zierde so manchen alten Ortes bilden, kraus und vielgestaltig, aber auch tiefsinnig und erfindungsreich wie ein Griffelwerk von Dürer.

Schriitleitung: Dr. Friede. Wilh. Lange. Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch» und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.