Der Professor, der ein Freund einfacher, naturgemäßer Lebens» sveise war, suchte ihn zu gröberer Sparsamkeit zu bringen. „Du bist doch verlobt," sagte er ihm gelegentlich, „und willst möglichst bald heiraten. Das ist durchaus richtig. Dab unsere gebildete Jugend im allgemeinen so spät zum Heiraten kommt, ist wider die Natur und ein schwerer Uedelstand. Aber dem entgehst du nur, wenn du dich gewöhnst, einfach und sparsam zu leben.
„Deine Eltern verdienen viel, aber sie besitzen kein gröberes Vermögen. Deine Braut ist auch nicht reich. Also müßt Ihr verstehen, mit wenig auszukommen. Dein Bater gibt dir einen reichlichen Monatswechsel —- nach meiner Auffassung: einen viel zu reichlichen. Davon solltest du dir auf die Sparkasse tragen: tatsächlich kommst du nicht einmal damit aus. Ich erkläre dir aber, dab ich dir niemals auch nur eine Mark leihen werde. Ich will nicht mitschuldig werden an deinem Hang zum Luxus. Wieviel könntest du allein dadurch sparen, daß du dir das Rauchen ab» gewöhntest, und wie förderlich wäre das für deine Gesundheit; du siehst ja schon fast gelbgrün aus."
Theodor sah das alles ein; er versprach, das Rauchen zu unterlassen. Aber seine Ausgaben wurden nicht kleiner.
Seine Begeisterung für das „Pädagogium" war im Laufe weniger Monate in Unzufriedenheit umgeschlagen; der Unterricht genügte ihn nicht mehr, langweilte ihn gröhtenteils; die Kost schien ihm unzulänglich; durch die Hausordnung fühlte er sich zu sehr beengt. Eines Tages kamen dazu persönliche Reibungen mit jüngeren Mitschülern, die ihn hänselten und in seiner Arbeit störten. So erklärte er Professor Köhler, ein längerer Aufenthalt in dem. „Pädagogium" sei ihm unerträglich. „Wozu brauche ich mich überhaupt um das Reifezeugnis abzuquälen? Ich will ein paar Semester an großen Universitäten Hörer sein und mich dann als freier Schriftsteller oder Dramaturg betätigen."
Köhler erwiderte ihm: „Du wirst ganz anders geachtet, wenn du hen Doktortitel hast. Dafür ist aber das Reifezeugnis Borbedingung. Wie unsicher und reich an Enttäuschungen ist zudem die Existenz als freier Schriftsteller! Man schickt mit großer Hoffnung eine Arbeit ein: wochenlang, monatelang oft keine Antwort. Wie vieles wird endlich abgelehnt wegen „Raummangels", ohne daß es überhaupt gelesen und geprüft wurde. Wenn du den Doktortitel hast, so sicherst du dir doch etwas bessere Behandlung. Du findest aber eher einmal Anstellung in der Leitung eines angesehenen Blattes oder als Dramaturg an einem bessrren Theater."
Teodor widersprach dem allen nicht; in dem „Pädagogium" aber könne er nicht länger bleiben.
Was mm tun? Wieder entschloß sich der Professor, Theodor zu helfen, dah er ganz frei nach eigenem Bedürfen und Ermessen fein Leben und sein Arbeiten gestalte. Er schrieb an seine Eltern, sie mochten sich mit seinem Austritt aus dem „Pädagogium" einverstanden erklären; er ging mit ihm auf die Wohnungssuche — unter zwei elegant möblierten Zimmern tat es Theodor freilich nicht —; er sorgte ihm für tüchtige Privatlehrer; er erklärte sich endlich bereit, mit ihm selbst noch griechische Lektüre zu treiben: neben ihrer gewöhnlichen Zusammenkunft am Donnerstag abend verabredeten sie noch für einen zweiten Abend in der Woche gemeinsame Lektüre von Platos „Phaedon".
Theodor wünschte sehnlich, schon jetzt an der Universität ein paar Borlesungen zu belegen. Professor Köhler riet ihm ab: das werde ihn zu sehr zersplittern; er müsse alle Energie auf die Vorbereitung zur Reifeprüfung verwenden. Wenn er Jidy dazu auch zwingen müsse, so sei das eine ihm besonders nützliche Willensübung. Und die Beschäftigung mit der Mathematik und der lateinischen Grammatik und Stilistik, so wenig angehend sie ihm fei, sie gebe ihm doch eine wertvolle Schulung des Denkens, die auch seinem Schriftstellerberuf zugute komme. Theodor entgegnete ihm: gerade wenn er sich zu so manchen Arbeiten zwingen müsse, so brauche er dringend als Gegengewicht und zu seiner geistigen Anregung Beschäftigung, die ihn von selbst fessele; darum möchte er eine Vorlesung über das neuere Drama belegen. Köhler gab schliehlich nach, ja er gab ihm noch einen Empfehlungsbrief an den Rektor mit, um seine Immatrikulation ihm zu erleichtern.
Schon zwei Tage darauf begegnete ihm Theodor auf der Straße mit der Mütze einer als besonders „vornehm" geltenden Studentenverbindung.
Köhler war geradezu entsetzt. Er sah in dem herkömmlichen Verbindungswesen ein Hemmnis ernsten Stadiums, eine Verführung zu unsozialem Standesdünkel und zu luxuriöser ünd ünge- funder Lebensführung. Er bereute es jetzt, Theodor den Austritt aus dem Pädagogium und die Immatrikulation erleichtert zu haben; trotz aller beschwichtigenden Worte seines Schützlings kam er sich gleichsam überlistet vor; er begann ihn für leichtsinnig und oberflächlich zu halten.
Auch die Platv-Abende bereiteten ihm eine schmerzliche Ent- täuschung. Anfangs war Theodor mit Feuereifer dabei. Aber bald war er aus diesem oder jenem Grunde nicht vorbereitet oder ermüdet, und er bat dann feinen „Meister", lieber mit ihm zu plaudern und den „ollen Griechen" beiseite zu lassen. Schließlich stellte Köhler die Plato-Lektüre überharrpt ein.
Es schien Theodor auch gar nicht unwillkommen zu sein, diesen Abend wieder für sich zu haben. Seitdem er nicht mehr an die Hausordnung des Pädagogiums gebunden war, hatte er fernen
geselligen Verkehr sehr erweitert; besonders bewegte er sich gern in Schauspielerkreisen. Gr galt da als ein „nobler" junger Herr, der gern zu einer Flasche Wein einlud oder bei Geldverlegenheit aus der Rot half.
Professor Köhler hatte das Gefühl, daß mehr und mehr eine innere Entfremdung zwischen ihm und seinem jungen Freunde Platz griff. Ein kleiner Vorfall brachte ihm das schmerzlich zum Bewußtsein. Eines Tages ging er zufällig an dem Hause vorbei, in dem Theodor wohnte. Dieser kam gerade durch den Borgarten heraus, ohne den Professor zu sehen, da ec beschäftigt war, sich eine Zigarette anzünden. Als er ihn bemerkte — er konnte Nichtwissen, dah, er ihn schon vorher beobachtet —-, ließ er heimlich die Zigarette fällen und kam ihm lächelnd entgegen, um ihn zu begrüßen. So hielt also Theodor sein Versprechen, nicht zu rauchen, und so stand es mit seiner Offenheit ihm gegenüber, auf die er sich bisher unbedingt verlassen!
So sehr auch Theodors Bater nach dem Grundsatz verfuhr: „Leben und leben lassen," so waren ihm doch allmählich die Ausgaben seines Sohnes zu hoch geworden. Denn dieser kam mit seinem reichlich bemessenen und später noch erhöhten Monatswechsel nicht aus; wiederholt hatte er noch dem Vater gestehen müssen, daß er Schulden habe, die dieser in seiner Gutmütigkeit immer wieder gedeckt hatte, freilich nicht ohne manchen ernsten Vorwurf. Run wollte der Baier wenigstens wissen, wie es denn mtt Theodors Prüfungsaussichien stehe, da er mittlerweile schon fast anderthalb Jahre von zu Hause fort war.
Er schrieb also an seine Lehrer, aber der Bescheid, den diese — fast übereinstimmend — gaben, war wenig erfreulich: ec sei nicht unbegabt, aber er arbeite nicht ausreichend genug; er sei vor allem innerlich nicht bei der Sache; er habe wohl zu viel Ablenkung.
So entschloß sich denn Theodors Bater, ihn wieder nach Hause kommen zu lassen, zumal auch Professor Köhler dies für das Beste erklärt hatte. Sehr schwer war diesem der Rat geworden. Zweimal hatte er den angefangenen Brief zerrissen: mit Schrecken hatte er gemerkt, wie ein Gefühl von Verachtung und Haß gegen Theodor ihm dis Feder geführt hatte: soviel Begabung, soviel Begeisterungsfähigkeit für Ideale und doch- alles entwertet durch klägliche Willensschwäche!
Professor Köhler war nicht der Mann, sich von leidenschaftlicher Bewegung fortreihen zu lassen und die Schuld für das, was ihnr mißriet, bei anderen zu suchen. Strenge ging er mit sich selbst ins Gericht: „Habe ich ihm nicht doch vielleicht zu tvenig Liebe und Fürsorge erwiesen? Bin ich feiner Eigenart wirklich gerecht geworden? Wirkte nicht vielleicht insgeheim der egoistische Trieb in mir, daß ich einen geistigen Sohn haben wollte nach meinem Bilde? Und dann kann ich von einem so jugendlichen, temperamentvollen Menschen soviel Voraussicht, Besonnenheit, Selbstbeherrschung verlangen? Oder sollte überhaupt mein Grundsatz vertrauensvoller, freiheitlicher Erziehung nicht tn allen Fällen anwendbar fein?" Er wurde sich über die Antwort nicht klar, ja er geriet in eine gewisse innere Unsicherheit und begann an seinem pädagogischen Geschick zu zweifeln. Dabei nahm er sich aber vor, alle Gefühle der Entfremdung und Wneigung gegen Theodor zu überwinden und bis zu seiner Abreise ihm in erhöhtem Grade väterliche Fürsorge zu erweisen.
Theodor schien von dem, was in seinem bejahrten Freunde vorging, nichts zu merken. Auf die Nachricht, dah er nach Hause kommen solle, hatte er sofort alle seine Stunden abgesagt, auch die Vorlesungen besuchte er nicht mehr. Er begann zu packen, aber Tag um Tag und Woche um Woche verstrich, ohne daß er abreifte. Bei Köhler ließ er sich nur noch sehr selten blicken; er war völlig durch seine geselligen Derpflichtungen in AnsvruH genommen. Endlich setzte er auf wiederholtes Drängen seines Vaters bestimmt seine Abreise fest. Am Tage vorher nahm er von Professor Köhler Abschied: liebenswürdig und unbefangen wie immer plauderte er mit ihm. in herzlichen Worten dankte er ihm für alle seine Siebe und Fürsorge.
Ein paar Stunden später, am Rachmittage, brachte ein Bot« Professor Köhler folgenden Brief:
„Mein verehrter väterlicher Freund!
Ich habe noch eine Bitte an Sie, so groß, daß Sie vielleicht erschrecken. Ich brauche Geld, sofort, und zwar tausend Mark, (to weih, dah Sie es sich zum Grundsatz gemacht, mir nichts zu leihen, aber ich bitte Sie: diesmal tun Sie es! Es gehörte viel dazu, daß ich mich soweit vor Ihnen demütige, aber seien Sie dessen versichert, ich konnte nicht anders.
Fragen Sie mich nichts Räheres, kommen Sie nicht zu mir. Geben Sie dem Boten einen Scheck mit. — Glauben Sie mir: es hängt für mich alles davon ab, ob Die meine Bitte erfüllen.
Bruno Theodor."
Köhler antwortete: „Ich bleibe meinem Grundsatz treu."
In der Rächt konnte er wenig schlafen. Eine gewisse Unruhe und Sorge trieb ihn schon in der Frühe des nächsten Tages zu Theodor. Dieser wollte um acht Uhr fahren; schon um ein halb acht war Köhler in seiner Wohnung. Er trat ein: Der Geruch von Zigarettendampf drang ihm entgegen; auf dem Tische standen einige Gläser, z. T. noch mit Weinresten, auf dem Boden ein paar teere Flaschen.
Die Tür zu Theodors Schlafzimmer stand offen. Der Professor


