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fcg darüber 54ir. Darunter atmete dir Brust des endlosen Wassers tn ruhigen tiefen Stoßen nach dein Takt der Gestirne, die in den Höhen vorüberzogen.
So ist es geblieben bis auf den heutigen Tag der unrastvollen Menschenzeit. Noch immer wiegt das Bauschen sein Gefieder über den Meeren. Wer es hört, den ergreift es in tiefer Brust; denn die Seele kennt gar wohl die Fittiche ihres einigen Herrn.
Jugend, Religion und Gemeinschaft.
Gedanken aus einer akademischen Predigt.
Bon Professor v. Ha n s S chm idt.
Der Prophet Jeremia hat einmal, als er noch ein junger Mensch war — wohl etwa im Alter derer, die in unseren Hörsälen aus» und eingehen — eine bittere Klage an Gott gerichtet:
„Nie habe ich gesessen im Kreise der Lachenden, Nie war ich fröhlich nach Herzenslust!
Ob deiner Hand habe ich- einsam gesessen!"
Sein Gotteserleben machte ihn ungesellig. Wenn die jungen Män- ner seines Alters iich jauchzend ihrer Jugend freuten, wenn ihr Lachen und ihre Lieder über die Felder sollten, saß er grübelnd daheim, erfüllt von ernsten Gedanken und schweren Gesichten. Das ist Prophetengeschick. Der in besonderem Sinne von Gott Ergriffene und Berufene wird zu einem einsamen Mann. Aber gilt das nicht von der Religion überhaupt? Führt sie, wenn sie nicht nur Gewohnheit und Herkommen, sondern wirklich Erlebnis ist, nicht immer aus der Gemeinschaft und in die Einsamkeit?
Wir sind hier in einem Baum der Universität. Hier ist tvahr- lich die Art gemeinsamen Lebens. Hier werden die frühen Freundschaften geschlossen, die oft lebenslang die einzigen bleiben. Wie fest liegen die Hände ineinander, wenn man sich vor dem Kolleg auf der Treppe begegnet. Wie herzlich klingt das „Du", mit dem einander zu nennen man sich später so selten entschließt. Ach den Friedhöfen im Felde flatterte manchmal an dem rohen Holzkreuz ein buntes Band. Der darunter begraben war. hatte es um die bloße Brust gelegt, als er hinauszog, ein Symbol besten, was ihm das Schönste gewesen war, des engen und innigen Mi einander.
Dieser Sinn für Gemeinschaft ist nich. nur hier zu Haus; er ist jugendlich überhaupt. Wie klingt er aus dem schönen Wanderlied, das erst jüngst in der Arbeiterjugend entstanden ist:
„Wenn wir schreiten Seit' an Seit',
Einer Woche Hammerschlag, Einer Woche Hänserquabern Zittern noch in unfern Adern, Aber keiner wagt zu hadern. Herrlich grüßt der Sonnentag!"
Auch hier der verbindende Rhythmus des gleichartig schwin» genden Lebens, auch hier das tiefe Glück der Gemeinschaft empfundener Jugend.
And doch — auch in dieser hohen Zeit der Freundschaft — das Tiefste, das Erleben einer Berührung mit Gott ist nichts Gemeinsames. Da steht jeder für sich allein.
Ich habe gestern in zwei sehr von einander verschiedenen Büchern geblättert, in Martin Bubers schöner „Legende des Baal Scham" und in Johannes Müllers neuesten „Blättern zur Pflege persönlichen Lebens". Zufällig stieß ich auf ein paar Abschnitte, die dem gleichen Gegenstand galten, sie sprachen vom Erlebnis des Morgens.
„Gin Frommer," so heißt es frei Martin Buber, „stand im ersten Morgendämmer am Fenster und rief zitternd: Bor einer kleinen Stunde war noch Nacht und jetzt ist Tag. Gott bringt den Tag herauf! And er war voll der Angst und des Zitterns. Auch sprach er: Jeder Geschaffene soll sich vor dem Schöpfer schämen; wäre er vollkommen, wie ihm bestimmt war, dann müßte er erstaunen und erwachen imb entbrennen über die Erneuerung der Kreatur zu jeder Zeit und in jedem Augenblick."
And nun Johannes Müller: „Niemals am Tage sind die Bedingungen für das Wachsein der Seele so günstig wie in allen Herrgottsfrühe, wenn der Mensch aus den Armen seines himmlischen Baiers, in denen er die Nacht ruhte, wieder heraustritt ins Leben. Noch bleibt die Welt versunken, noch sind wir aller Beziehungen mit ihren. Einflüssen ledig, noch sind wir Auge in Auge mit der Ewigkeit, jenseits von Raum und Zeit, ganz im göttlichen Augenblick beschlossen. Da ist denn die Stunde, wo wir am ersten und deutlichsten die dunkeln Negungen der Seele spüren und ihre tiefe Stimme in uns wahrnehmen wie aus einer andern Welt. And darum ist sie so sonderlich die Stunde der Gnade, wo Gott aus dem verborgenen, uns unbewußten Wesen zu uns spricht."
Was hier von der ersten Stunde des Tages gesagt wird, das KU auch vom Morgen des Lebens, von der Jugend. Tief Atem 'imtfr, sieht der sich auf fein Dasein besinnende junge Mensch im Morgenduft der auf ihn zuschreitenden Zukunft. Sin tiefes erwartungsvolles Erstaunen durchbebt ihn vor dem Licht des Tages, das Gott ihm, gerade ihm und gerade f o nur ihm aufgehen läßt. Was wird der Dag bringen, wenn der Nebel fällt? Wcks wird er for&ern? Was wird er gelingen lassen? Eine zitternde Anruhe erfüllt die Seele.
Gin Wort Jesu, das nicht im Neuen Testament, aber auf einem ägyptischen Paphrusblatt und frei einem sehr alten Kirchenvater auf uns gekommen ist, tautet so:
„Nicht soll der Suchens« ruhen, bis er findet.
Wenn er aber findet, so wird er staunen.
„Wenn er aber staunt . . . so wird er Ruhe finden I"
Das ist ein Wort wie vom Gotteserleben des jungen Menschen. „Staunend" kommt er zur „Ruhe".
Berstohr es sich nicht von selbst, daß ein solches Erlebnis nun in tiefer innerer Einsamkeit geschenkt werden kann?
Ein Amerikaner hat das einmal durch ein Gleichnis veranschaulicht : Die Menschen, so sagte er, gleichen einem Wirbel von Sonnenstäubchen. Ihr rhythmischer Tanz, ihre leuchtende Bewegung ein enges Miteinander, eine unlösliche Gemeinschaft, aber keines vermag das andere in 'Wahrheit zu berühren oder gar mit ihm zu verschmelzen.
So gibt es im Wesen jedes Menschen, auch jedes noch so ge» meinsarnkeitsfreudigen jungen Menschen, ein Tiefstes, was er für sich allein hat. Dieser Einsamkeit kann niemand entfliehen, oder-er entflieht zugleich der Stimme Gottes, die in seinem Herzen redet. Wir sind alle — mit dem Apostel Paulus zu reden — „Haushälter über Gottes Geschehnisse" — ein jeder aber über ein ihm besonders, ihm allein befohlenes.
Neulich haben wir hier in der Aula bei einem Vortrag üfrerf die Wunder der drahtlosen Telegraphie ein einleuchtendes Experiment mit angesehen. Eine Stimmgabel wurde zum Schwingen gebracht. And siehe da, als sie zur Ruhe kam, da hörte man, wie, weit von ihr aufgestellt, ein anderes, gleich gestimmtes Instrument von selbst in gleichen Tönen schvang. So empfinden einander die von Gott berührten Seelen. Ohne Worte, die unmöglich wären, spüren sie am Schwingen und Anklingen im eigensten Innern die ähnliche Bewegtheit der Adern.
And so geschieht das Seltsame, daß denen, die einsam zu sein vermögen, atls der Tiefe erfüllter Einfamkeit, die Fähigkeit zur „Gemeinschaft" erwächst, wie das Neue Testament sagt, zur „Gemeinschaft im heiligen Geiste".
Jeremia, der Prophet, der so bitter über die 'Vereinsamung klagt, ist der einzige unter den alttestamentlichen Propheten, von dem wir ausdrücklich hören, daß er nachher und bis zum Ausgang seines- Lebens einen Freund gehabt hat, mit dem er im Innersten verbunden war.
Der Zohn.
Von August Friedwald.
(Schluß.)
Mit Theodor verabredete er nun für einen Abend in der Woche ein Plauderstündchen. Dazu fand sich dieser regelmäßig und sichtlich gern ein. lieber die Verhältnisse im „Pädagogium" sprach er sich anfangs sehr begeistert aus. Er lobte den Anter r icht, besonders den des Literatur-- und Geschichtslehrers, dem er sich auch persönlich näher angeschlossen habe. Gr lobte die Verpflegung und den Ton, der unter den Zöglingen herrschte; es seien alles Leute aus guter Gesellschaft. Nur daß er mit zwei anderen das Zimmer teile, war ihm nicht angenehm; es störe ihn im Arbeiten. Der Professor besuchte daraufhin den Leiter des Pädagogiums; er gewann dessen Interesse für Theodors literarische Begabung und erreichte auch, daß er ihm — ausnahmsweise — ein besonderes Zimmer zuwies. Darüber war dieser geradezu selig: jetzt könne er nach Herzenslust schaffen. Zn der Tat, schon nach vierzehn Tagen brachte er dem Professor eine größere Arbeit über den moderne» Naturalismus; sie sollte ihm zugleich als Unterlage für einen Vortrag in der Literaturstunde dienen. Der Aufsatz war nicht besonders übersichtlich angelegt, zeichnete sich auch nicht durch klare Begriffsbestimmung aus, war aber sehr grlvandt und unterhaltend geschrieben und bekundete außerordentliche Belesenheit. Aeber- haupt war neuere und neueste Literatur und dazu noch das Theater ausschließlicher Gegenstand von Theodors Interesse. Der Professor suchte das Gespräch oft auf andere Gebiete zu lenken; er suchte vor allem Theodors Teilnahme für politische und sozial« Fragen zu gewinnen. Der hörte zu, zeigte sich als höflicher Mensch auch ausmerksam, aber Köhler hatte den Eindruck, daß ihn das alles innerlich gar nicht berührte. „Aber Junge," rief er ihm M, „fühlst du denn gar nicht mit den Armen und Anglücklichen. Du lebst in Wohlstand, brauchst dir keinen Wunsch zu versagen, und dabei kannst du es ruhig mit ansehen, daß Hunderttausend^ in deinem Vaterland in elenden Wohnungen hausen, daß sie nicht wissen, wovon sie am nächsten Tage leben sollen und daß sie keinen Anteil haben an allem, was geistige Kultur heißt."
„Mein Gott," entgegnete Theodor, „was kann ich daran ändern ? And haben denn diese Geilte wirklich Bedürfnis und Verständnis für echte Geisteskultur? Aebrigens bin ich gar nicht ohne Teilnahme für ihr Geschick. Anter den neueren Dramen hat keines auf mich so starken Eindruck gemacht wie Gerhart Hauptmanns .Weber'." And- nun erging er sich über Hauptmann und sein« Stücke und Aufführungen, die er davon gesehen.
Wenig erbaut war der Professor davon, daß sein junger Freund recht kostspielige Lebensgewvhnheiten hatte. Gr kleidet« sich sehr elegant, besuchte viel Theater, stets auf dem teuersten Platz; er hatte bald zu einigen reichen Familien in der Stadt Zutritt gefunden; für die Gastfreundschaft, die er da genoß, suchte er sich durch kostspielige Aufmerksamkeiten und Geschenke erkenntlich zu zeigen. Gr trank zwar nicht übermäßig, aber er rauchte sehr stark, und mit Vorliebe die teuersten Zigaretten.


