Ausgabe 
8.3.1924
 
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Gießener zamilienblatter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang Samstag, den 8. März Nummer lv

WslLgeheimnis.

Don Hermann Stehr,

Sich«! es erfüllt sich jeden Augenblick des Weltalls unbegreifliches Geschick, daß Gott aus seinem Himmel niederschwebt und als Gestalt sich aus der Erde hebt,

Woher denn hat das Gras den leisen Laut, tixtS zuckt wie Augenfeuer, ruht es übertaut? Wie kommts, wenn Wasser mit Gemurmel geht» durch Wiesen, daß du glaubst, sie zu verstehn?

And rührt der Wind dem Baume Ast um Ast, erschrickst du ost, als winkte er dir fast, 2ii Dächten braust der Wald, als zog vorbei ein Kriegsheer mit verworrenem Geschrei, Der Sang der Vögel rührt dich seelentief, als ob es dich mit eigner Stimme rief, und aus dem Blick der Tiere mit Gewalt faßt dich verwunschen eigene Gestalt.

Was niemals sprechbar, nie durchs Wort gebannt, als ew'grr Traum sich überm Geiste spannt, schaust du in tausend Bildern ausgedrückt. Du nennst es stammelnd Gott und bist entzückt.

Die Geschichte vom Rauschen.

Von Hermann Stehr*).

Das Licht war von dec Wimper des Ewigen geglitten, und nach der langen, langen Finsternis wandelte die Erde in der Schön­heit der Sonne durch den Baurn. Die frohe Erde genoß ihr junges Glück, und der Amfang ihrer Seligkeit wuchs und baute sich als leuchtender, blauer Kreis in die Unendlichkeit des Weltalls. Als Gott der Herr das sah, sagte er zu sich:Siehe, nun hat die Erde Ihren Himmel."

Die freundlichen Gedanken des Ewigen sanken zur Erde nieder, und ihre willige Scholle schuf daraus die zarten Leiber der kleinen Pflanzen, die ihre Blätter um sich ausbreiteten und dann ihr buntes Gesicht zum Himmel wendeten, Gott entgegen, ohne zu er­müden, solange über die Sonne nicht die Dacht des Schlafes kam. Wenn aber das Dämmern immer dichter das Licht verhüllte, so legten sie ihre Köpfchen auf die Blätter und warteten geduldig, bis das Auge der Sonne wieder aufging. Darauf begannen, sie von neuem ihren stummen Dienst. Sie erhoben ihre Blätter, die süß und weich waren, wie die Händchen winziger Kinder, und wenn sie ihr Gesicht wendeten, so erbebte ihr Leib in großer Freude.

Aber nichts hatte eine Stimme auf der ganzen, weiten Gottes- erde. Wie der glühende Traum einer stillen Seele rann Tag um Tag von den Bergen. Die Wasser reihten lautlos Welle an Welle. Regungslos hing das schimmernde Tuch der Lust über der Erde und selbst das Gewölk des Himmels wandelte geräuschlos seine Farben und schlüpfte stumm aus Gestalt in Gestalt. Das dauerte Tag um Tag und Dacht um Dacht und wurde nicht anders. Der Atem der Erde geriet in Stocken und lag sengend in ihrem ge­heimen Munde. Die Hitze der Luft stieg, das Auge der Sonne rötete sich an seiner eigenen Glut. Das Gewölk des Himmels zit­terte wie im Fieber, uird wenn die Pflanzen ihre Blätter in die Wasser senkten, um sie zu kühlen, wurden sie schwarz und ver­welkten; denn auch die Wellen waren warm geworden und gin­gen ihren Weg mit glasig-irren Augen.

Die Erde leidet an ihrer Inbrunst," sagte nachdenklich die ewige Vorsicht zu sich.Ich will ihr eine Stimme geben, daß sie sich nenne. Sie soll entzweit sein in sich. Ihre Seele gehe einher zwischen dem Ruf des Mundes und ihrem Wesen immerdar.

Also sprach der Herrgott, der sah, daß sein Frieden auf Erden eine Krankheit geworden war, erhob sich von seinem Sitze, sank auf die Kraft seiner Flügel und eilte durch das Weltall. Der Donner seiner Schwingen erfüllte den Raum, und die Säulen des Seins bebten Die Welten zitterten bei seinem Dorüberflug wie Küch­lein unter dem Gefieder des Adlers. Als die Fittiche des Ewigen über die Erde hinstrichen, rüttelte er sie, daß eine Deckseder sich daraus lvslöste. Sie sank hernieder und bohrte sich drunten mit ihrer Spitze in den Boden, der den Abhang eines Berges bedeckte.

) Aus der hier kürzlich besprochenen SammlungDie deutsche Novelle" des Verlages Friedrich Lintz in Trier.

Wurzeln liefen alsbald von ihr aus, und das Land tränkte sie mit feinen Säften, die darin auf- und niedersteigen und ihre Form wandelten nach den Gesetzen der Erde. Ihr schimmernder Schaft wurde ein Stamm, hart wie Stein und rissig anzusehen gleich den Felsen. Ihre Fahne aber verwandelte sich in ein grünes Gefieder. Das hob und senkte sich an tausend Aesten und Zweigen. Ehe sich dreimal der Morgen erneut hatte, war das Rausch«» heimisch geworden auf der Erde, die dahinein ihre Seele goß, die sonst stumm in den Tiefen gelegen hatte, ihr Glück und ihrer» Kummer, ihr Lachen und ihre schwere Weisheit, und allemal, wenn das Rauschen seine grünen Schwingen rührte, f£ang es, als strichen die Fittiche des Annennbaren vorüber.

Dun war der erste Daum erschaffen, und die Luft stand um ihn und lauschte erstaunt, was seine grünen Zungen redeten. Sie war in jener ersten Zeit schon wie heute, sehr schwatzhaft und konnte nichts bei sich behalten. Dachdem sie eine Weile schweigend zn- gehört hatte, belud sie sich mit so viel Rauschen, als sie zu tragen imstande war, und eilte davon, um ihren leiblichen Schwestern, Len Wolken, zu melden, was sich Deues ereignet hatte. Die standen fernab am Himmel in lautloser Blässe.

Die Luft stieg immer höher. Als das Rauschen die Welten des Weltalls fühlte, dehnte es sich, zu einem großen Brausen und war kaum mehr zu bändigen. Die Wolken konnten ein Bangen nicht bemeistern, ihr Herz pochte so gewaltig, daß sie am ganzen Leibe zitterten. Endlich, wurden sie ganz grau vor Schrecken und flohen am Himmel dahin. Die Luft schrie ihnen aus Leibeskräften zu, sich doch nicht zu fürchten. Die Wolken aber wollten nicht hören, sondern eilten ohne Umsehen immer weiter. Der Schweiß troff nur so von ihneir und fiel in großen Tropfen zur Erde. Zuletzt konnten sie nicht mehr, lagen wie erschlagen und fielen darauf er­schöpft hinter die Berge.

Die Luft halte das Rauschen unterdes auch verloren. Sie lieh sich mißmutig in die Ebene nieder. Dach einigem Brüten aber raffte sie sich auf und war heiterer als sonst; denn sie hatte eine gar leichte Seele. Während sie hin und her ging, probierte sie, ob das Rauschen nachzumachen sei. Allein, so sehr sie sich auch zusammen­nahm, sie brachte nichts heraus als einen langen verschwommenen Ton. Der flog nur weniger über die blauen Blumen des Ginsters. Außer den kleinen Blüten vernahm sie nur noch die Sonne mit ihren allgegenwärtigen Strahlen. Sie wurde von dem eintönigen Suinmen der Luft so müde, daß sie vergaß, die Dämmerung von ihren Augen zu verscheuchen und vorzeitig einschlief.

Der Gesang der Luft ging auch gemach in ein traumhaftes Lallen über. Die kleinen Pflanzen falteten ihre Blättchen, die weich und süß waren wie die Händchen winziger Kinder, neigten das bunte Köpfchen zur Seite und schlummerten auch ein.

Da war es wieder Dacht, und der blaue Himmel wachte allein, hoch und still. Die Erde aber redete ununterbrochen mit dem grünen Rauschen, das ihr Gott geschenkt hatte. Sie redete schon allenthalben mit ihm, denn es waren kleine Flügelein pon dem ersten Baum ausgegangen, die in sich lebendiges Rauschen trugen. Die flogen überall umher, und fanden sie eilten Ott, trp gut zu wohnen schien, sanken sie nieder und wuchsen und rauschten, wie es sein mußte Bald hatten alle Erhebungen der Erde ihr Rauschen. Die hohen Berge ein mächtiges, tiefes, das wie Brausen klang; die Hügel ein mildes, singendes, und es vchrr, als trügen sie d«s Flügel der Wildtaube, die über dem Reste kreist. Die Luft redoch lag noch immer über die Ebene hin und schlief, und niemand war da, der das viele Rauschen nahm und es forttrug. Da flog es auf die Erde nieder und gab seinen Geist auf. Es wurde ein schwarzer schwerer Schatten, der über den Berg hinunter rieselte.

Er kam bis an das Wasser und siel hinein. Als er aber die lebendigen Wellen berührte, bekam er seinen verlorenen Gmst wie­der verwandelte sich und wurde, was er gewesen: etn fröhliches Rauschen Die Wellen freuten sich, auch eine Stimme zu haben und ließen ihre Seele hineinfließen. Die Wasser Haven ein tieferes, vielfältigeres Innere als die Erde, und ihr Rauschen war balo em Schluchzen, bald ein Singen, und manchmal redete es mit den dnn- feln tmb-greiflichen Lauten eines uranfänglichen Tiefsinnes.

'So trugen die Wasser das Rauschen aus dem Gebirge, immer weiter in das Land hinein und noch viel, viel weiter. Sfte glänz­ten und zitterten vor Glück, so ost sie die tiefen Augen des Him­mels auf sich ruhen fühlten. ..

Aus den Bächen wurden Flüsse, aus den Flüssen Strome. Es kam zuletzt so viel Rauschen zusammen, daß es die wandernd«» Wasser kaum zu ertragen vermochten. Sie blieben stehen und ba- beten das unübersehbare Meer. Das Rauschen der ganzen Erde