Ausgabe 
7.10.1924
 
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Vorplatz. Aber präzise, präzise.

den und eigentlich unaufgeklärt. And sie liegen da (denn es sind ihrer mehrere) wie noch lebendig und die HaMt gibt npch und macht eine Kute, wenn Sie mit dem Finger draufdrücken . . . >And dann zurück und zu Tisch . ."

Könnten wir nicht vielleicht," unterbrach rch,erst in die Gruft steigen und dann in die Pfarre ..."

Meinetwegen. Versteh, versteh. Bst Ihnen fatal, von der Mumie direkt hier wieder einzutreffen und gleich danach zu Tische zu gehn. Aber ich bitte Sie, Lektor, wie kann man so feinfühlig sein? Da hort zuletzt alles ach und Sie können kein belegtes Butterbrot essen, wenn zufällig einer begraben wird."

Kann ich auch wirklich nicht."

Prachtvoll. Was im Zeitalter der angegriffenen Verven alles vvrkommt . . . Aber wie Sie wollen... Erst in die Gruft also und d a n n zum Pastor. And dann nach Haus und zu Tisch.

And dann?" ,

Ich denke, wir überlassen das der historischen Entwicklung.

Offen gestanden, mich persönlich würd' es beruhigen, genau zu wissen, was vorliegt, und was in Sicht steht."

Grt. Meinetwegen auch das. And so schlag' ich denn vor, wir bestimmen Otto, gleich nach Tisch den Pirschwagen anspannett zu lassen. Gr stützt etwas, aber das gehsört Mit dazu. Dann be­suchen wir den alten Oberförster. Er ist froh!, wenn er mal ein anderes Gesicht sieht. And dann in den Wald hinein oder noch besser draußen am Wald entlang. Es ist jetzt freilich nicht viel los und die Hirsch' und Rehe schreiten einher wie im Paradies« (beiläufig, ich habe solche Bilder gesehen, ich glaube in Florenz) aber in drei Stunden wird doch wpM was zum Schutz kommen. Vesper fällt aus und für einen Äordhäuser sorgt der ObeMrster. Das ist wichtig, denn bei Sonnenuntergang wird's kühl. And dann nach Haus, wo uns die Jungen erwarten. And ich glaube, mit Sehnsucht. Denn wir wollen am Abend noch ein Feuerwerk abbrennen, auf der Liebesinfel, immer vorausgesetzt, daß der gute Otto, wegen seiner Eremitage, nichts dagegen hat. And nun Gott befohlen. Ich sehe, datz Friedrich uns schon auf die Finger guckt und abräumen will. And hat auch recht. Alle Wetter, schon vcht . . . Au revoir, Doktor. In einer Stunde drautzen auf dem

Der Tag verlief programmähig und die Dämmerung war längst angebrochen, als wir nach mehrstündiger Fahrt im Walde durch die hier und da schon ein paar Lichter zeigende Dorfstratze heimkehrten und vor dem etwas zurückliegenden Herrenhause hielten. Ich war zu Schuh gekommen, selbstverständlich ohne zu treffen, Otto dagegen hatte zwei Birkhühner in seiner Jagdtasche. Schon auf der Dortreppe sahen wir uns von den Kindern umringt, die, voll Eifer und unter beständigem Ausschauen nach ihm, auf die Rückkehr des Onkels gewartet halten. Dieser kannte nichts Schöneres als solche Reugier und Angeduld und war gleich wieder unten, um dem Kasten mit Feuerwerk in eine kleine Gondel zu verladen, in der man, unter Benutzung eines vom Teich aus durch alle Partien des Parkes sich hinschlängelnden Grabens, bis an die ziemlich weitab gelegene Liebesinfel fahren wollte. Was nicht Platz hatte, ging zu Fuß und benutzte die kleine Dogenbrücke. Die Aufregung, in der sich alles befand, gestattete mir, unbemerkt im Hintergründe zu bleiben und mich auf mein Zimmer zurück­zuziehen. Ich war todmüde von dem Bad und dem Pastor und dem Pirschwagen und warf mich aufs Sofa und schlief ein.

*

Eine Stunde mochte ich so geschlafen haben, als ich von einem seltsamen Summen und Dröhnen erwachte. Mein erster Gedanke war, datz es Kopfweh sei, vielleicht von Erkältung, und so ging ich denn auf das noch offen stehende 'Fenster zu, um es zu schließen. Aber wie war ich überrascht und erschrocken, als ich im selben Augenblick einen Feuerschein über den Parkbäumen wahrnahm und nun auch in aller Deutlichkeit hörte, datz es die Feuerglocke war, die mir das Summen und Dröhnen im Kopfe verursacht hatte. Da hinaus lag die Liebesinsel und keine fünfzig Schritte weiter rechts standen die Dorfscheunen am Rande des Parkes hin. Ich lief treppab, um zu fragen; aber niemand war da, den alten Hühnerhund abgerechnet, der mir, von seiner Binsenmatte her, wedelnd entgegenkam und mich ansah, als ob er fragen wolle, ,was denn eigentlich los sei?'Ja, Karo, wer es wüßte! Ich weiß es auch nicht."

So trat ich denn, um doch etwas zu tun, auf die Veranda hinaus, zählte die dumpfen, langsamen Schläge, die sich fort- pflanzten, und mitunter war es mir, als ob auch von Dins- und Minsleben her die Sturmglocke dazwischen klänge.

Sv horchend und zählend, sah ich endllch, datz Maud und Alice den schräg Wer die Parkwiese laufenden Kiesweg herunter» kamen. Gott sei Dank. And nun springen sie, während sie schon von drüben her grüßten, in die Strickfähre und zogen sich bis zu mir herüber.

Ich bitt' euch, Kinder, was gißt es?"

Alles schon vorbei."

And nun erzählten sie, datz eine der Onkel Dodoschen Raketen aus das alte Dach der Eremitage gefallen und infolge davon der ganze Rohr- und Rindenbau rasch niedergebrannt sei.Wir krie­

gen nun eine besseve" sagte Alice.Papa war auch in Sorge der Scheunen halber und Alfred lief, um die Spritze zu holen. And deshall» haben sie gestürmt. Es war aber eigentlich nicht nötig."

And die Mama?"

Run di« kriegte natürlich ihren Weinkrampf. Als aber Onkel eine Ressel ausriß und sie damit schlagen wollte, weil er sagte, das helfe," da schlug es um und sie kriegte nun den Lachkrampf und gleich daraus erholte sie sich wieder."

And kommen sie bald?"

Ich wundere mich, datz sie noch nicht da sind."

Ich meinerseits hatte nicht Lust, der Entwicklung dieser Tragi­komödie beizuwohnen und bat deshalb die Kinder, mich bei den Eltern entschuldigen zu wollen. Ich hätte Kopsweh. Aich unt^ diesen Worten zog ich mich auch wirlich zurück und schlief mild ein. Aber es war kein rechter Schlaf. Immer sah ich eine Rakete steigen und dann gab es einen Puff und dann fielen drei Leucht­kugeln nieder und dazwischen stürmte die Feuerglocke. Menschen sah ich nicht, mit Ausnahme Frau Karolinens, die, weitzgelleidet und weinend, auf einer Rasenboschung saß und vor ihr Onchl Dodo mit einer Ressel. Ich konnte den Traum nicht abschütteln und war froh, als ich um fünf Ahr aufwachte.Früh, sehr früh," Aber es patzte mir gerade, datz es so früh war, und rasch auf­springend, zog ich mich an und ging «uf die Veranda hinunter, wo die beiden Ehegatten um Punkt sechs Ahr ihr erstes Frühstück zu

nehmen pflegten.

Ich wollte mit ihnen allein sein und ihnen mein Herz aus- schütten. r,,

Es war gut geplant und' auch wieder nicht. Denn ergentlrch hält' ich den Mißerfolg, der meiner harrte, voraussehen müssen. Ich fand nämlich Onkel Dodo bereits vor und wurde, von ihm mit scherzhaften Vorwürfen darüber überschüttet, erst beim Feuer­werk, dann beim Feuer und zuletzt bei der Kondolenz gefehlt zu haben. Ich entschuldigte mich, so gut es ging, und da Freund Otto mir von der Stirn herunterlesen mochte, datz ich allerlei zu sagen hätte, was Onkel Dodo nicht hören sollte, so nahm er diesen beim Arm und sagte:Komm, ich mutz dir noch unsre, neue Torfmaschme zeigen. Für den Doktor, wie du ihn nennst, ist es nichts."

And so gingen sie.

Karoline wies aus einen Schaukelstuhl und klingelte, datz man mir den Kaffee bringe. Dann sah sie mich freundlich an und sagte:Run, was gibt es, lieber Freund? Ich sehe, Sie haben was auf dem Herzen und ich will es Ihnen leicht machen. Ich fürchte, Sie wollen fort."

Ja, meine teuerste Freundin."

And keine Möglichkeit?"

Keine . . . Denken Sie doch, er will mich in die Berge schleppen. Aus den Brocken und in einem Tage hin und zurück. And überall ein Goldwasser oder ein Kirschwasser. And ich mache mir aus beiden nichts. And was soll ich auf dem Brocken? Er sagt ja selber, datz man nichts sehen könne. And im Freien will er mit mir zu Mittag essen und wir sollen einen Stein auf das Tischtuch legen, damit es nicht fortfliegt. Ich bitte Sie . . ."

Die lachte herzlich und sagte dann:Sie müssen fester sein und eigensinniger und nicht gehorchen."

Ach, meine teuerste Freundin," nahm ich wieder das Wort, Sie wissen ja selbst, daß das nicht geht. Einem unleidlichett Menschen gegenüber hat man ein leichtes Spiel, man kann ihm aus dem Wege gehen oder ihm in seiner Sprache antworten und er wird sich weder groß darüber wundern, noch es einem sonder­lich Übelnehmen. Qtoer gegen die Bvhemie gibt es kein Mittel. Es ist damit Pardon, Ihr eigenes Haus ist liberal und ich bin es auch es ist damit wie mit dem Liberalismus: er ist immer gut, schön um seiner selbst willen, ob er nun passen mag oder nicht. And wer da widerspricht oder auch nur leise zweifelt, ist ein schlechter Mensch. Es gibt nichts Schrecklicheres als die Menschheitsbeglücker pur force, die gewaltsam heilen, helfen oder gar selig machen wollen. Ich habe nichts gegen das Seligwerden aber, um den ewig alten Satz zu zitieren, wenn's sein kann arsf meine Fasson, und so möchte ich auch geheilt werden auf meine Fasson. Deshalb kam ich hierher, deshalb zu Ihnen, teure Freundin, die Sie gelernt haben, die Freiheit des Individuums zu respektieren. Oder auch nicht gelernt haben, denn.dergleichen lernt man nicht; das Beste hat man immer von Ratur. Es ist mir hier immer, als fiele ein leiser sommerlicher Sprühregen vom Himmel'und nehme mich unter seinen weichen und wohligen Man­tel. Ja, teure Freundin, so war es auch diesmal wieder. Da, mit -einem Male bricht Onkel Dodo herein und alles ist hin. Gy hat nicht den Weichen und wohligen Mantel, der Ruh und Frie­den oder doch äußere Stille bedeutet, er hat nur Dr. Fausts Sturmmantel, der überall chinfegt und segelt, und je schneller es geht und je mehr Zug und Wind es gibt, desto schöner dünkt es ihm. Ich habe nichts dagegen; es mag für ihn passen, abe< nicht für m i ch. And so will ich denn .fort, heute noch. Am zwölf geht der Zug von Halberstadt. Ich denke, wenn ich um elf Aho fahre, komme ich gerade zu rechter Zeit. Oder sagen wir lieber um halb elf."

(Schluß folgt.)

Schriftleituna: Dr. Friede. Wilb. Lange. Druck und Verlag der Drübllcben Aniv.-Bu-b- und Dteindr-ckerei. 5t. Lanae, Gießen.