- 167
Hütte lag Sonntagsriede. Dom Venter Tal herauf drang aus dunstig-blauer Liefe harmonisches. Kuhglockengeläut. Man sah vor der sonnbeschienenen Hütte aus moosigem Feldgrund, und schaute auf die Schnee- und Eishäupter der südlichen Oetztaler Alpen. Die Eisfelder des Similaunkopfes strahlten im Glanz der August- sorme, Der Similaun ist die Grenzscheide zwischen Oesterreich und dem von Italien „eroberten" Südtirol. Sein südliches Bergmassiv fällt ins Etschtal äb uni)1 zu seinen Fähen liegt Meran, die gewesene Perle Deutsch,-Südtirols. Wohl rascheln dort im südlichen Klima die Palmenblätter im Winde und reifen die Trauben, Mandarinen und Apfelsinen, doch der sonnige Glanz, der zu Vorkriegszeiten über den Dillen und den Weinlauben, dem Glaspalast und dem bunten Leben der Stadt des Südens lag, ist verblaht. Italien hat sich darin breit gemacht und zwar, wie mir erzählt wurde, nicht dre Elite. Emporkömmlinge, Neureiche und dunkle Gestalten.. Ja, der Krieg und der „Frieden" von St. Germain!
Die Führer, die gestern abend unsere Hütte verliehen und zu Tal wanderten, um die sonntägliche Frühmesse nicht zu versäumen, kommen erst gegen 11 Uhr zur Hütte. Sechs Tage lang gehen ste ihrem gefahrvollen „Vergbrot" nach, der SoÄntagmvrgen gehört der Kirche.
Wir drei „ Führerlose" brechen auf zum Vernagthaus am Fuße des Vernagtgletschers über dtzn herrlichen und bequemen Höhen- weg. Die Älpenvereinssektion Würzburg, die Eigentümerin dieser Hütte, hat sich als Bewirtschafterin die „umfangreiche Kreszenz" ausgesucht, die dieses Amt schon seit Jahren mit Schwung aus- fÜllt. Wie sie geht und steht schätzt man sie auf mindestens zwei Zentner. „Do ist's kreuzfidöl, do is a Gsangerl z'Haus und Tanz ..." — erzählte mir ein Wiener Alpinist. Die führt ein strenges Kommando, backt aber einen vorzügllchen Schmarren.
Die dicke „Kreszenz" hats verschuldet, daß wir in die Mjttags- fvnnenglut hineinliefen: halb zwöf älhr zeigte die älhr, als wir den Kamm der Moräne des Guslarferners hoch stiegen. Wir betraten den Gletscher. Mit langsam klatschenden Schritten gings über den von der Sonne aufgeweichten Oberschnee. So stampfen wir, zahlreiche wassergefüllte Gletscherspalten überquerend, der Höhe zu. Der Fels der Kesselwandspitze bringt Rettung: in flottem Tempo klettern wir zum Brandenburger Jöchl (3300 Meter) empor. Ein herrlicher Ausblick in unendliche klare Ferne. Unter uns zahllose Gletscherfelder im blendenden Sonnenlicht, umkränzt von steilen Felskämmen.
lieber eine abschüssige Felswand gehts hinab zum Kefselwand- serner, von dessen jenseitigem älfer das Brandenburger Haus her- uberschimmert, und nach einer Stunde erreicht wird. Die Hütte liegt in eisiger Höhe (3290 Meter) mitten in einem Kranz von riesigen Gletscherbecken auf freier Felszinne. Man wird nicht sagen können, daß die Berliner Alpenvereinssektion „Mark Brandenburg", die dieses herrliche Touristenhaus erbaute, kein Empfinden für alpine Schönheit hatte.
Die Schneeschuhe, die im Flur der Hütte standen, "erregten mein Interesse. Sie waren Eigentum des Hüttenverwalters, der mir aber die schlanken Hölzer bereitwillig überliest. Freuderfüllt nahm ich sie unter den Arm und stieg hinab zum Gletscher, der mit Neuschnee bedeckt war.
Ein sonniger Augusttag und Bretter unter den Fühen! Rasch gleiten die Schi über die salzige Schneedecke. Der Gletscher zeigt nur wenig Spalten. Fester Firnschnee überbrückt diese lebenver- fchlingenden Tiefen. Vom Kesselwandjoch fällt der Gispanzer steil ab: ich steige hoch bis zum Felsrand, der vom Gletscher durch tiefe Schrunde getrennt liegt und fahre zu Tal. Erst langsam, Schleifend ziehend, zögernd und tastend nach Gletscherspalten. Die Fläche zeigt keine offenen Risse, drum lustig weiter. Ich steige wieder den Gletscherhang hoch und beschleunige das Tempo. Scharfe ?erissene Schwünge und etliche Stürze auf die Nase beleben die xahrt. Langsam schlendere ich wieder der Höhe zu und fliege über die weist glitzernde Wand. Bergeslust, Winterfreude! — jauchzt das Herz. „Tiuhu" hallts hinaus in die Sttlle der Eiswelt. Am Brandenburger Haus drüben sieht man das Schwenken der Taschentücher. älnd wieder jage ich über die Eisfläche, begleitet vom eigenen Schatten, den die Abendsonne über das glänzende Weih wirft. „Ratsch, ratsch ..." — die Schneedecke einer Gletscherspalte hat dem Druck der Schier nachgegeben. Einen Augenblick das Gefühl der älnsicherheit, weiter gehts! Telemarkkurven schwächen das Tempo ab. Gefahr? Daran denk ich nicht.
Mein Blick fällt auf tausend Spitzen, die im Abendgvld erglänzen. Losgelöst von aller Erdenschwere, allein im stillen Berg- Weltfrieden, stehe ich ergriffen und staune über die Erhabenheit Und Gröhe des Schöpfers, der diese Riesen mit wuchtiger Faust formte. Und wie ein köstlicher Rausch überkommt es mich. Mein Blut hämmert in den Schläfen, singt durch meine Adern. Frei in unendliche Höhe trägt mich ein leiser Jubelton des Sieges, überwunden zu haben die Gefahren und Hemmnisse der Dergwelt mit meiner menschlich-lleinen Kraft. Schon erblassen die Berghäupter in fahler Dämmerung. Wie tausend Gedanken und Fragen stürmen die letzten um sie spielenden Lichter in rätselhafte Ferne. Und ich fühle aus großem Schweigen, als zöge ein Kindertraum über mein Sinnen. Süßer Trost und Friede quillt wie aus trunkenem Born mir zu, un& darauf als köstliche Perle schimmert ein neuer Strahl sonnigen Lebens. . .
Und ich will ihn mitnehmen und hegen, wenn grauer Alltag wieder mich umspinnt.
Onkel Dodo.
Don Theodor Fontane.
(Fortsetzung.)
Ach wollte mich dagegen verwahren, er schnitt mir aber die Gelegenheit dazu nicht nur durch eine Handbewegung, sondern auch durch ein lauteres Sprechen seinerseits ab und fuhr fort: „Also das Programm. Unser Sechsuhrbad haben wir versäumt und ■ mn Bad unmittelbar nach dem Frühstück geht nicht. So geb' ich Sie denn bis neun Uhr frei. Sie sehn, ich bin nicht so schlimm, wie Sie vielleicht meinen. Auch weiß ich recht gut, ein Mann wie Sie will sich mal sammeln oder einen Brief schreiben. Nicht wahr? Ich seh's Ihnen an, daß Sie viel Briefe schreiben, eine schreckliche Angewohnheit, und wer sie mal hat, wird sie nicht wieder los. Also bis neun. Un& um neun gehen wir eine Stunde spazieren, halten uns nach dem Jnslebener See hin und nehmen das versäumte Frühbad nach.... Sie schwimmen doch?"
Ich schüttelte den Kopf.
„Ei, ei. Aber es tut nichts, un5' wenn etwas passiert, ich kann tauchen hole Sie wieder herauf. Unser zweites Frühstück nehmen wir dann unmittelbar nach dem Bade. Für den Platz lassen Sie mich sorgen. Keine tausend Schritt hinter dem See liegt der Burgberg, hundertachtzig Stufen, etwas steil; da klettern wir hinauf, setzen uns auf eine Steinbank un& haben das schattige Buchengezweig über und die sonnige Landschaft vor uns: erst den See mit dem breiten Rohrgürtel und den wilden Enten, die beständig auffliegen und niederfallen, mal schwimmen und mal tauchen un& bei dieser Gelegenheit ihres Daseins besseren Teil in den blauen Himmel strecken. Und dann kommt ein Wind über den See und fächelt uns an und schüttelt die Bucheckern vom Daum, wenn es schon welche gibt, ich bin meiner Sache nicht sicher, unSi dabei sitzen wir und verzehren ein Solei und überfliegen den blauen Strich der Berge bis zu dem alten Brocken hinauf, der mit seinem Backofenprofil die ganze Vorgrundsherrlichkeit überragt."
Ich sah ihn verwundert an, ihn mit soviel poetischer Emphase sprechen zu hören, aber er wiederholte nur „. . der die ganze Dorgrundsherrlichkeit überragt, und was am meisten in Betracht kommt, uns mit aller Dringlichkeit einlädt, ihn zu besuchen. Und er soll nicht lange mehr aus uns warten. Heut ist es zu spät; wir haben (mir immer wieder ein Vorwurf) die besten Stunden verschlafen, aber morgen, morgen. Wir machen's in einem Tag gnÄ bei Sonnenuntergang sind wir wieder zurück."
„Aber der Sonnenuntergang ist ja gerade das beste."
„Torheit. Erstens ist der Mittag Ebensogut wie der Abend, und wenn es blendet, was verkommt, so setzen wir eine blaue Brille auf. Und dann zweitens, und das ist die Hauptsache: ,das Ziel ist nichts und der Weg ist alles', ohne welche Wahrheit und Reiseweisheit die ganze Drockenieputation sich keinen Sommer lang halten könnte. Denn haben Sie schon je wen gesprochen, der vom Brocken aus was gesehen hätte? Ich nicht. Und ist auch nicht nötig. Worauf es ankommt, das sind die Stationen: in Hohenstein einem Wacholder, auf der steinernen Rinne üxü Belegtes, in Schierke zwei Seidel und auf dem Brocken zu Mittag. Aber im Freien. Und wenn es dann so fegt und bläst und man erst seinen Reisestock und dann einen Stein aufs Tischtuch legt, damit es nicht weggeblasen wird, sehen Sie, Doktor, das ist die Freude, darin steckt die Genesung. Ob Sie die Türme von Magdeburg sehn, ist gleichgültig und hat noch keinen gesund gemacht. Aber der Wind. Im Wind steckt alles; kennen Sie die Geschichte von Christus und Petrus? Ohne Wind wär' alles Pest und Tod. Es wär' eine mephitische Welt, wenn der Wind nicht wäre. Hab' ich recht? Der Wind ist die Gesundheit und das Leben, und es wundert mich, daß die Griechen keinen großen Windgott gehabt haben. Einen kleinen hatten sie."
Ich bestätigte.
„Run sehn Sie. Ja, der Wind, auf den kommt es an, und haben Sie den erst liebgeiwonnen, so wollen Die jeden dritten Tag hinauf. Und soweit bring' ich Sie noch. Und wenn mal ein Wetter kommt und einen in die Hütte treibt, zu Köhlervolk oder andern blutarmen Leuten, und wenn man dann das Wasser aus dem Schuh gießt und sich einen Friesrock anzieht, bis alles wieder an einer langen Ofenstrippe getrocknet ist, — sehen Sie, Doktor, das heißt leben und Leben genießen. Und so was müssen wir fils Ziel im Auge behalten. Aber das alles ist Zukunftsprogramm, und vorläufig und für heute (Sie werden doch nicht ausspannen?) sind wir noch auf dem Burgberg und begnügen uns mit ihm! und marschieren, statt auf den Brocken, in weitem Bogen auf die Pfarre zu, wo wir Hochwürden, ich wette zehn gegen eins, bei seiner Zeitung treffen werden. Ein scharmanter Mann, nur ein bißchen zu seßhaft und nicht loszukriegen von seinem knarrigen; Reitstuhl ■. . . Ich glaube, er bildet sich wirklich ein, er sähe zu Pferde. . . Nun, da haben wir denn unser Gtzspräch. Er hält zu Falk und will nicht nach Canossa. Sie doch auch nicht? Aber ich will Sie nicht in Verlegenheit bringen. Apropos, Haben Sie denn schon die Jnslebener Kirche gesehen und die Gruft?"
„Nein."
„Nun, dann müh der Küster ausschliehen, und Sie müssen wohl oder übel vom Pastor aus — der uns, wenn er nicht zu bequem ist, dabei begleiten kann — in die Gruft hinabsteigen Und die Mumien sehn. Das ist eine Besonderheit dieser Gegen-


