Ausgabe 
7.6.1924
 
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mung der jungen Gräfin zu. Sie bewahrte den Druck als etn sehr teures Heiligtum! doch lehnte sie die Widmung ab in einem Dries, der noch nach seinem Tode bei den Papieren des Meisters gefunden wurde, später aber auf unerklärliche Weise verloren ging. So ist der Wortlaut uns nicht mehr erhalten, jedoch der Sinn und Inhalt, der nach den Berichten eine in klaren Worten gefaßte Mahnung gewesen ist: daß auch die größte Kmrst des größten Meisters nur eine Dienerin des Lebens sei, aus dessen ewigen Tiefe.: ihre Sterne einen Trost herleuchten dürften in einem demütig ge­borgten, nicht im eigenen Licht.

Ob dieser Brief ihm auch zum Aergernis geworden ist, hat nie jemand erfahren: doch will man wissen, daß die fünf Sonaten! die mit der sechzehnten beginnend ganz ohne Widmung erschienen find, während alle früheren seinen Freunden und Freundinnen na­mentlich gewidmet wareir, heimlich den Damen jener Grafentvchter tragen, deren schönste Musik er einmal spielen durfte.

Des Helden Kampf mit dem ZchMsal.

Don Hans F. K. G ü n t h e r*).

Es ist seltsam bestellt mit dem Schicksal des Helden. Be­greifen wir seine Schicksalsschau, so begreifen wir ihn und seine ganze Welt.

Ws er die Fünfte Symphonie schrieb, die einer der tiefsten Blicke ins Heldische ist, sprach Beethoven über das Hauptthema des ersten Satzes:So klopft das Schicksal an die Pforte." Er hatte schon einmal in der Dritten Symphonie, der Eroika, den Helden gekündet, und damals hatte es zuversichtlicher geklungen: Ich will dem Schicksal in den Aachen greifen! Unb fürwahr, die Fünfte Symphonie spricht von düsterer Erkenntnis, dunkler als die Dritte. Der Held und fein Schicksal hatten sich brennen­der Aug in Auge geblickt. !

Wir haben gesagt: der Held ergreift sein Schicksal als eine Aufgabe, seine Aufgabe. Seine Liebe, fein Haß, seine Verant­wortung, feine Einfamkeit alles versteht er als Fragen des Schicksals nach seinem Wert als Mann und Held.

Zu wollen diesen Kreuzestod, zu wollen diese Fleischesnot, zu wollen diese Seelenqual, erst das stellt dich zur Königswahl!" (Ibsen, Brand.)

Der Held ergreift sein Leben als Seine Aufgabe. Der Löwe seines Schicksals sprang ihm in den Weg, und schon ringt er Brust an Brust, greift ihm in den Aachen und möcht ihn doch zugleich inbrünstig umfassen, seinen Feind, seinen Freund un­erbittlich gegen unerbittlich ringen sie, keuchen sie und jauchzten doch gerne des ebenbürtigen Kampfes des Kampfes, der in der ungeheuren Einsamkeit wie in einer Wüste gekämpft wird.

Der Held liebt sein Schicksal, am stolzesten dann, wenn es ihn zermalmen will, denn es ist seines und er spürt, wie eS' den Kampf ernst nimmt. Schicksalsgläubig ist der Held, weil er sein Schicksal unerbittlich will, der Unerbittliche. Freier Wille uv^eier Wille, so lautet des Helden Frage kaum. Wie sollte der Gläubige fragen, der Schicksalsgewisse? Weil er in den Anfängen steht, weiß er, daß die zwölf Werke des Helden sein ganzes Tagwerk und seine ganze Kraft verlangen. Darum will er getreu fein bis in den Tod. Weil es zu ihm gehörst, sich selber treu und stets der Gleiche zu fein, weiß er, daß auch 'fein unerbittliches Schicksal das gleiche bleiben wird das ist heldische Erkenntnis.

Es ist ein Spruch des Ritters, den er oft bedenken mutz: Ich gang zu der Tür aus oder ein, so steht der Tod und wartet mein.

Er hat den Grimmen erlebt, der alle schlägt mit der Knochenfaust, daß sie umbrechen mitten im Leben. Er weih, daß der Tod hinter allen Türen steht und tourtet; und wo sie einen, hintoegtragen, da muh der Held am meisten sich erhärten: in ihm schlägt ein liebendes Herz. Er freut sich des Daseins ami höchsten, der Lebendige. Aber der Tod gibt feiner Freude den glutvollen Kelch, den er kosten will, auf daß er alles wisse. Dann begreift er im Angesicht des Todes das Lebendige und spürt, wie er vom mächtigen Strom des Geschehens getrunken habe. So geschieht ihm in der Mitte seines Lebens, daß er der Wissende ward, der gerüstet steht. Fortan lebt er lebendiger wissend und sein Frohmut ist auf einmal dunkler geworden.

Er bleibt der Schicksalsgläubige: die rinnende Sanduhr küm­mert ihn kaum. Er mutz es glauben: sein Schicksal wird ihm seinen Tod bringen, und ist er getreu geblieben, wie Beethoven bis in den Tod, so ist ihm zugelegt die Krone des Lebens, ein Tod, der Sein Tod sei so mag er vollenden wie Beethoven, dem ein Gewitter getobt hat, dah er die Faust noch ballen durfte im Sterben.

*) Die obigen Ausführungen des durch feine Deutsche Aassenkunde weithin bekannt gewordenen Verfassers ent­nehmen wir mit Erlaubnis des Verlags I. F. Lehmann in München der eben erschienenen zweiten Auflage seines Werkes Ritter, Tod und Teufel. Der heldische Gedanke. (Preis geh. 3 QRt., gebb. 4,50 Mk.)

Der Rest ist Schweigen! Bedarf es der Worte noch? Dur der Held weih vom Schicksal das ist der Stotz, der ihn rüstet. Seht sie an, die nordischen Männer mit dem hellblonden Haar, von denen die 2sländersagas berichten! Auf ihrer un­erbittlich kargen Insel, deren Landschaft selbst ein Sinnbild des Schicksals ist, haben sie ein heldisches Leben, haben fie kraft ihres reinen, nordischen Bluts eine hohe Gesittung in die Wirklichkeit geschaffen, vor der wir verstummen müssen. Sie waren schicksalsgläubig und verschwenderisch kühn, sie haben Winland entdeckt, das man später Amerika genannt hat, sie haben in ihren Wikingschiffen die kühnsten Fahrten gewagt, haben zu Hause das Beste, der Edda gedichtet, haben einen adligen Bauernstaat begründet und durch heldische Gesetze er­halten, haben es dahingebracht, daß jeder Einzelne Und auch die Frauen ihres Stammes sich eingefchworen fühlten auf ein verschwendend kühnes Heldentum. Sie haben ihr Dasein als ein Schicksal ergriffen, Männer und Frauen, Mütter und Söhne.

Aus dem Schicksalsgedanken allein kann heldisches Beben stammen.

Verschlungen sind im Schicksal des Helden die beiden Dinge: das Geschehen der Welt draußen, der Welt, die tausendfältig auf den Menschen eindringt, ihn zu vernichten, und der Will» zu einem festen Wachstum, der drinnen im Helden sich auf» stemmt und lebt. Der Held will sich selber treu sein und stets der Gleiche in jedem Geschick: so hat er einen Kamps aufzu­nehmen, täglich und mächtiger von Tag zu Tag, den Kampf um sich selbst und für sich selbst, einen Kampf gleichsam auf, zwei Schlachtfeldern, deren eines in der eigenen Brust liegt, wo es um des Helden Sittlichkeit geht, und das andere draußen in der Welt und Wirklichkeit, wo es ihm darum geht, datz er das Tüchtige, um das er in sich gerungen hat, jetzt unverzagt hineinwirke in das Leben seines Volkes. 3m Schicksal des Helden sind verschlungen: sein Wesen, das er ewig will, und die tausendfältige Macht der Zeit, in die er hineingeboren ist. Run soll er feine Sendung wissen, nun soll er aus der Brandung der Zeit den einen klaren Ruf heraushören, der ihm die Sehne strafft, den Auf, der ihn aus seinem tiefsten Schlaf wecken muß, daß er aufbricht, noch in der Rächt, und plötzlich weiß, wohin. So wird ihm Bestätigung.

So haben die alten Zeiten ihr Schicksal gelebt. Darum glänzen die Taten unserer Väter alle. Aus einer vergangenen Zeit stammt dieses Lied einer Mutter, das ein Volkslied wurde und uns von der Daseinsgröße der früheren Zeiten zeugt:

3k hev fe nich up de Scholen gebracht, ik hev nich einmal över fe gelacht, fe gaent nich spelen up der ©traten, ik hev fe up de wilde See gefant, er en levesten Dader to söken. Dat Eine starf den bittern Dood, bat Ander starf von Hunger so groot, dat Drüdde worde gehangen, bat Derbe blef up be wilbe See boot, bat Difte flöt achter dem Lande.

Dieses düstere Lied und seine düstere Weise können geradezu als ein Beleg dafür gelten, baß eine vergangene Zeit ein Schicksal in sich und über sich empfunden hak. Das Schicksalsgefühl dieses Liedes, diese harte Erfahrung der Menschen, eine llnerbittlid> feit in sich zu tragen und Unerbittlichem täglich entgegenzu- stehen, ist unserer Zeit verloren gegangen. Es versteht sich, datz einzelne Menschen auch in unserer Zeit ihr Leben als ein Schicksal erfahren, es versteht sich, daß heldisches Leben einzelner Menschen auch heute möglich ist, aber Schicksalserfahrung und Heldentum als gestaltende Mächte einer ganzen Kultur, einer ganzen Gesittungseinheit so etwas ist heute unmöglich. Heldentum, gleichstrebend mit feiner Zeit, war e mal möglich, es ist heute unmöglich geworden. Gar nicht denkbar ist es, datz ein solches Lied, das aus düsterem Schicksal gestaltet wurde, datz solch ein Lied als ein Ausdruck übereinzelnen Empfindens, als eine gemeinsame Daseinserfahrung, von einem ganzen Stamm als Volkslied ausgenommen würde. Insofern ist ein solches Sieb unb sind noch viele Dolkslieder der Beleg für die Schicksalsgewitzheit früherer Zeiten, die noch von heldischem Leben wußten. Man muh genau scheiden fernen: einzelnes Heldentum haben wir im Weltkrieg tausendfach herrlich er­fahren, aber der Zeitgeist wars nicht, der die Helden schuf. Es war ein Geist alter Zeiten, ein Geist, der Männerkampf, Mehrung des Aeichs, Mannentreue, heldischen Hatz und alte Aache am Erbfeind in sich hatte, es war ein Ausbruch, über den alle Zeitechten so erstaunt waren, daß sie bald anfingenj, von Völkerversöhnung zu reden und den Helden als etwas Unzivilisiertes" verdächtigten, als etwas, das unsererfort­geschrittenen Kultur" nicht mehr würdig sei. Männer gibt es Wohl noch, aber der Zeitgeist ist weibisch darauf allein kommt es in dieser Betrachtung an. Schicksalsgefühl ist ein Ausdruck heldischer Zeit, ein kennzeichnender Ausdruck unserer Zeit ist die Lebensversicherung. Unserer Zeit bleibt alle Bedeu­tung des Todes ein verschlossenes Tor.

Schriftleitunq: Dr. Friedr Wilh. Lange. Druck und Verlag der Brübl'schen Univ.-Buch- unb Steindruckerei. A. Lange, Gießen.