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steckte. Aber trotzdem war eS eine weise, fürsorgliche Fügung, die für uns alle zum Guten ausschlug, besonders für den Detter, der heute noch baumfest an bas Mirakel glaubt und seitdem wie umgewanbelt ist. So ist's also doch ein richtiges Pfingstwunder.
Beethoven und das Liebespaar.
Novelle von Wilhelm Schafer*).
Obwohl Ludwig van Beethoven in seiner ersten Wiener Zeit noch wenig von der Huldigung erfuhr, die wir ihm dankbar und staunend widmen würden, wenn er noch lebte, war er von der Bedeutung seiner Kunst doch schon erfüllt, und manches wird von der Heftigkeit berichtet, wenn einer ihm darin zuwider war. Besonders als er selber — noch im Besitz des äußeren Gehörs — in vornehmen Häusern abends am Klavier sich Horen heu in
gleichsam in einem unverbrüchlichen ya veantw ortet. Aber wie die beiden Stimmen sich vereinigten, nicht zu Zwiegesang, sondern zur klaren Einstimmigkeit, die mit Oktaven in groben Gängen ihren Hubel in jene Wehmut hüllt, darin das höchste Glück aller menschlichen Bereinigung stets in Todesnähe geführt wird: da waren die jungen Menschen in der Tür nicht mehr die Sinnbilder der Musik, da war Beethoven mit seinen zuckenden Händen, mit der innigen Gewalt seiner Töne nur noch der Musikant, der ihren Herzen horchend das Geheimnis ihrer groben Liebe sang, so daß der wundervolle Ding des Lebens, der in der Kunst behütet liegt, hier einmal ganz geschlosien war, indem die Wirkung der Musik gleichsam zu ihrem Ursprung zurückkehrte: aus den Herzen Lieser Liebenden in den Spieler, und aus seiner Seele, wie in einem dunsten See gestärt, hell zu ihnen zurückfliebmd.
Sie hatten bis zu dieser Stunde noch kein Wort der Liebe zueinander gesprochen und sie standen auch jetzt noch mit abge- w an dien Blicken gegeneinander da: doch waren ihre Seelen im süben Strom von diesen Tönen inniger vereint, als sie es Mmrls wieder werden konnten. Als darum nach dem stitlen Ausklang Ms freche Dondo einsetzte, darin die Kraft der Synkopen und die süßen Triller des Adagios im Aebermut zum Teufel geworfen und mit Armen und Beinen ein Tanz der Ausgelassenheit begonnen wurde: da faßte den jungen Menschen, der trotz aller ge= nvsfenen Sicherheit der Liebe noch die Hindernisse zwischen sich und seiner Geliebten sah, eine heftige Angst, dab im Trubel dieses ausgelassenen Töne alles wieder versinken könnte wie ein erträumtes Luftschlvb. Er hielt zwar noch den Pfeiler umfaßt und fester noch als vorher, aber nur, um nicht die Hariri nach ihr auszustrecken und schluchzend in Sehnsucht und Erlösung vor ihr hinzusinken. Auch lieb er alle Dorsicht fahren und begann die Augen fest auf sie gerichtet, mit heißen Flusterworten auf sie einzusprechen; indessen sich die Klänge, die so stark in ihren Seelen gewesen waren, von ihnen entfernten wie eine gleichgültige ^anz-
Sie gab ihm keine Antwort, stand nur noch immtzr wie von Seligkeit der Töne im Adagio beschüttet da und nahm die Hub« digung und das Geständnis dieser heiben, lungmannlichen Seele und die trotzige Kraft darin in einer traumhaften Erhöhung allen Gefühle hin. So daß, als nach dem langen Crescendo wo MS tiefe D im Baß wie der sichere Ernst einer nur außerDch noch scherzenden Seele liegen bleibt und nach einigen Oktavengangen immer wieder fast störend in den Tanz hinein ein C gerufen Mrd als eine letzte, fast fchon überflüssige Frage die sich Mnn wieder mit einer Art von Kopfschutteln über das Cis hinauf ganz in den Llebermut des Rondos hineinwirft um rm selben Augen- blick zu stocken, gleichsam sich im Danz der süßen Melodie erinnernd: so daß an dieser Stelle die beiden Llebenden von alle« Besinnung verlasien dastanden und in die Pausen zweimal hinein die heißen Flüsterworte des Zünglings allen vernehmlich Rangen.
Keinen so verletzend wie den blaffen Spieler, der beim ersten Mal aufzuckend noch seine Beherrschung wiederfand, beim zweiten Mal jedoch, wo mit dem langen Triller im Baß das wlle Presto einseheii muß — auch wohl aus der Erregung seiner Musik mit beiden Fäusten furchtbar in das Klavier hmelnhieb^emen Augenblick kopfschüttelnd wie ein irrsinniger mit offenen Munde dafaß dann auffprang und mitten tn die festlichen Räume, M das schöne Kerzenlicht, in die erschrockene Stille der andern und in die traumhaft verzerrten Gesichter der beiden ^ut und mit dem fremden Klang seiner rheinischen Stimme, wütend hineinschrie. „Für solche Schweine spiele ich nicht!
Niemals, solange die weiß und golden gestrichenen Wände dieses Hauses und die zart geblümten Möbel dastanden,vmrein ! solches Wort hineingefallen. Nun blieb es wie em von der Straße durch die splitternden Scheiben geworfener Otein da lugen, bis alles durcheinander rannte, ihn aufzuheMn. Noch immer ßanöert \ die beiden Liebenden in ihrer Tür aus dm Fülle ihrerDereiNi auna graufam aufgeschreckt und aller Verhüllung der Music beraubt wie nackt inmitten peinlich verlegener und hämischer Ge° | ^^Aber wenn bisher nur der hitzige Kaufmannssohn zu der I kühlen und schweigsamen Grafentochter gesprochen hatte, und wenn
nun einen Augenblick lang schien, als ob er wie em schlecht I erzogener Eindringliing in der durch ihn so pmnltch Störten^vor- I nehmen Gesellschaft dastehen sollte: nun endlich fan& aug) )te oae I Menschenwort zu solcher Kunst in ihrem Herzen, Mwohl die Herr- | tidven Lippen noch immer geschlossen blieben und nur m ihren Kblaum Lgen das Licht von allen Kerzen im Saäl auf einmal I hm feite. Erst schien es, als ob sie zuimend vor den tückischen I nrhtfiEer hin treten wollte, gleich aber hemmte sie den Schritt und wandte sich rückblickend und beide Hände nach
iBrem Partner zu. Der griff sie frei und kühn; und wahrend die- ienwen auf sprangen die noch gesessen hatten, und alle andern rm | Dann dieser seltsamen Handlung regungslos dastanden, gingen die I Liebenden vor aller Augen einfach und sicher umschlungen, stillen
I gend das Haus verließ, das er nach diesem Abend nicht mehr betrat, so oft und eindringlich er auch von vielvermogenden Freun- I den darum gebeten wurde. Als nach einigen Wochen Magert
Kampfes die öffentliche Verlobung der beiden preisgegeben wurde, 1 sandte er den ersten Druck der sechzehnten Sonate mit einer Wiü-
freien Fantasien. . .,
So war er mehrmals in einem adligen Haus geladen, wo ihn I die Tochter sehr verehrte, und weil er wußte, daß sie sein Spiel j verstand tote wenige, obwohl sie menschlich zu ihm in schöner I Kühle blieb so dachte er sie eines Abends zu überraschen, indem er vor einer größeren Gesellschaft in ihrem väterlichen Hause unvermutet statt einer freien Fantasie die fertige Sonate Nummer | sechzehn spielte. Jenes sonderbare Stück, das mit einer Akt von I Gelächter auf dem hohen G Beginnt und — über eine Oktave gleich einer Treppe in den Zirkus hinunterlaufend — ein kräftiges I Spiel der Synkopen vorführt, wie wenn statt der eleganten Dressur ! der hohen Schule ein tollkühner Reiter auf einmal die Miturkraft eines ungezähmten Hengstes bändigte, so daß die wilden Seitensprünge, statt die Musik zu stören, ihr eigentlicher und für die Zuhörer unerhörter Inhalt würden. , _ , „ I
Nun aber war zum gleichen Abend ein junger Kaufmanns- I sohn geladen, der die Tochter des Hauses im geheimen und I weil sie eine Gräfin, er nur ein Bürger war — ohne Hoffnung I verehrte. Gin trotziger und feiner Mensch, der vor &er großen Devolution in Frankreich gewesen war und durch die schlimmsten I Greuel in der Hauptstadt ausgehalten hatte. Er war wie alle I guten Deutschen jener Zeit angeblasen vom Sturmwind Mr I Menschenrechte und ging mit seiner Gesinnung ui aöien &er rante» I vollen Thugutzeiten nicht unbehindert herum Durch die Bemu- Bungen einer freigcfinnfen Tante war er zum Abens geladen worden f mit seiner Tracht und Haltung der gezierten Gesellschaft zum I Teil eine unangenehme Erscheinung, so daß er felber^rlegen und trotzig wurde, äußerlich noch die emgelernteii Redeformen uns ! Verbeugungen mitmachte, durch die Haltung MS geschorenen I Nackens und den ungehinderten Blick seiner hellbraunen Augen I aber deutlich seine Auflehnung verriet. So daß ihn wiederum der Fürst Lichnowski. der als berühmter Gönner des jungen Komponisten auch zugegen war der gutgesinnten Tante als das le- I benbiqe Sinnbild der Beethovenschen Musik scherzhaft bezeichnen I konnte die aus den Hahdnschen und Mozartschen Fonnen genau I sv trotzig tote dieser junge Mensch ihr menschliches Gericht erhöbe.
Wie nun ins schimmernde Kerzenlicht, in das raufende Ge- I knister der seidenen Gewänder und in die lispelnden Schere oep alten Herren auf einmal — nach einer winkend ^gestellten Stllle — das trotzig-helle Gelächter der Sonate in die hämmernden Akkorde hinunterlief, um dann mit den gewohnten Cäufen Mr Salonmusik einen wilden Wirbeltanz auszufuhren, der immer wieder durch die Querfchläge der Synkopen gebändigt wurde, da verschwand das eingelernte fuße Lächeln der Hingebung an di Musik nacheinander von den Gesichtern. Z^n jungen Eolsichmied aber, der vor Erregung zitterte und Maß wurde, überkam es. ] tote toerni er selber auf einmal in diese zierlichen Gesilffchafts- räume hinein von seinen trotzigen Gedanken laut zu fh>-echen be- gänne. So überraschend war diese Gewalt für ihn, der ats dahin selten Musik gehört und sie als Spielerei fast verachtet, hatte, daß er zurückgelehnt an einen Türpfeiler mit beiden Händen das lackierte Holz umspannte und wie der angeschmieüete Prometheus, nur aufgerichtet, unvermutet manchem der Gaste zu der trotzigen Musik ein trotziges Schauspiel gab.
Wie dann endlich, aufatmend nach den starken Schlagen, das Adagio im Zauberspiel der Triller den Drang der Jugend noch einmal wiederholte und aufseiner MelMie nur eine ^zige fuße Bitte hinzutragen schien: da trat die schone Tochter des Haüsis, gleich überwältigt von der künstlerischen und menschlichen Betve- gun? dieses Ereignisses, vor aller Augen frei zu Mm jungen Menschm bin So daß sie - an Mn andern Pfeiler der Tür geahnt nur in gelasfener Schönheit aufgerichtet und fast ein toemg Mtnütig Mr trotzigen Musik zugeneigt - für. diejenigen, Me nn Nebensaal Mn Tönen lauschten, mit dem Jüngling ein Wäcktervaar zu Mm Daum darstellte, darin, von Mn Kerzen grell beleuchtet, Beethoven alle miteinander die Lebensgewalt seiner «ÄtÄÄ** «•*■" '«7.°-" ps im Diskant Beginnt und wie der aufsteigen- aleicb ihm von C zu D ansteigend, nur daß er Mts unsichere! Dmckenwerk Mr Fragen zweimal mit einem lang anhaltenden G
•) Dem von Ernst Lissau er geschickt as'sgetoäl'lten Sammel- band Geschichten von M u s i k un d Mu siker n des Ber
lages 3. Gngelhorn Nachf. entnommen.


