Ausgabe 
7.10.1924
 
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Gießener Hamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

Jahrgang 1924 Dienstag, den 7. Oktober Nummer §2

Herbst wlrd's.

Don RudolfHerzvg. Schon weht ein Wind, ein faltet, Die Rosen liegen im Sand-.

Ein müder Sommerfalter Flattert auf meine Hand. Der Wald an den Weblingsstellen Bald nicht mehr das Ange labt, Und ich hab' das Blühen und Schwell«» Immer so fie6 gehabt.

Die Rächte zum Träumen laden, Wo ich noch jauchzen will Kameraden, ach Äamerafren, Was schweigt denn ihr schon still? Dahin seid ihr gezogen Die Straßen links und rechts. Das Brausen der Lieder verflogen Und das Klingen des Burschengefechts! Die farbigen Bänder bleichen, Und Becher um Decher bleibt leer; Aeber die Laute streichen Will kein Verliebter mehr.

Es hat euch von dannen getrieben Mit heimatbefangenem Sinn.

Allein bin ich übrig geblieben Gehör' ich denn nirgends hin?

Mein Herz, mein trotziges, wildes, Und wirst du nun plötzlich alt ? Statt des lachenden Frühlingsbildes Seh' ich den dürren Wald.

Hoch über ihm steuert nach Süden Ein drängender Kranichschwarm; Die Menschen, die wandermüden, Suchen den liebenden Arm. Ich halt' einen Ring in den Händen Don einer, die einst mir hold, Und kann nun das Auge nicht wenden Von dem Stückchen Heimatgold--

3m Zauber der Gletscher.

Don Josef Un old.

Ein herrlicher Tag stieg Wer das Stubai herauf, als wir die Rürnberger Hütte verliehen. Das tiefe Tal, in dem dicker Rebel wogte, lag in Halbdunkel. Rur über uns stirbt das Dämmer­licht, die Sterne verblassen, ein sonniger Julitag will werden.

Ein kalter Wind steigt über die Kämme der Feuersteine und treibt die schneeweihen Wanderwvlken an den Abhängen der Fels­grate entlang, hinauf in unendliche Höhe. Frierend stehe ich auf der Zinne der Steilwand, auf der die Hütte thront und blicke hinab auf die Gletscherzunge, sie ist nicht groh, auch der Gletscher nicht; er scheint am Aussterben zu sein. Mehr als der Gletscher fesseln hier die unter der Zunge liegenden abgeschliffenen Felspartien, die sogenannten Gletscherschliffe, die uns an die viele tausend Jahre zurückliegende Eiszeit erinnern. Der polierte glatte Felsabsturz fällt hier jedem Wanderer auf. Die Grenze dieses Schliffes reicht bis tief unter die heutige Vegetationsgrenze. In den Kalkalpen find diese Schliffe, die Spuren der Eiszeit, nirgends mehr zu finden. Rur das kristallinische Gestein, Gneis und Granit, das die Stu­baier Alpen beherrscht, ist der Verwitterung entgangen.

Geologen berechnen den Zeitraum von der letzten Eiszeit die Wissenschaft unterscheidet 4 Eiszeiten bis zur Jetztzeit auf 10 000 bis 20 000 Jahre. Für die älteren Abschnitte des Eis­zeitalters rechnet man mit weseintlich längeren Zeiträumen und der Forscher A. Penck hat die gesamte Dauer des Eiszeitalters zu etwa 240 Jahrtausenden veranschlagt. .Unfaßbare Zahlen, die in dunkle unergründliche Fernen führen. Und viele Forscher spre­chen von einer kommenden Eiszeit, die die blühenden Gefilde des Mittellandes verheeren würden. Rette Aussichten für unsere Rach­kommen!

Gin kalter Morgenwind verscheucht die Eiszeitgedanken und wir freuen uns des jungen Tages.Die Sonne dort, sieh, sie vergoldet die Feuersteinfpitze" schreit der kleine Doktor und stößt mich in di« Seite. Ja, in rosiges Licht ist die eisumkleidete Zacke getaucht. Auch die niedeve Spitze wird beleuchtet und bald

smrne^r 9<m8 Bestock im roten Flammenlicht der Morgen-

Wir drei stolperten gemächlich über Felsgeröll und Gletscher- mvrane zum Grat hoch. MitSteinmännle" ist der Weg be­zeichnet. Schon winkt das firngeschmückte Dreieck des Wilden Frei- gers von der Himmelshöh'. Wir stehen aus dem Grüblasferner der mit. hartem Firnschnee bedeckt ist. Ihn Gletscherspalten film» mem wir uns nicht und derMathematiker", dm: Dritte in un­serem Bunde, macht gar keine Miene, sein Seil zu entrollen und anzuserlen. Der Weg ist bequem.

Auf der Freigerspihe fühlen wir uns dem Himmel nah. Tau- sende von Gipfeln schaut das Auge; blaue, plastische Ferne, ein JKeer von Felszacken, Schneewänden und Gletschern Das Herz stockt bei dem überwältigenden Anblick dieser Eiswelt

And drunten im Tal? ein großes wallender Rebelmeer das hmuberreicht über den Brenner bis zu den Zillertalern, die besonders deutlich zu sehen sind. Darüber goldene Sonne. Ruhe und Friede atmet das Himmelsblau. Die Erde ist unter uns unter uns der hastende Kampf sorgengeplagter Menschen. lind die Sonne gleitet hin über die dicken Wolkenballen dieses Meeres' es brodelt, es Hebt sich und senkt sich: Ebbe und Flut.

Weiß ist das Kleid der Gletscher, die in herrlichem Falten- wurf von den Schultern des Freigers wallen, und blau find die Gletscherschründe des wild zerrissenen Grünauferners. Aus dem Kranz der Rachbarberge, den wir heute noch durchstreifen, lenkt besonders der Kopf des Zuckerhütls die Aufmerksamkeit auf sich And über den SWgrat des Freigers hinweg fällt der Blick auf das herrliche Becherhaus (3173 Meter), das auf steilem Felskegel kühn in die Luft ragt. Die Alpenvereins-Sektion Hannover hat diesen prächtigen Hüttengipfel sich ausgesucht. Doch die Hütte ist nicht mehr unser! Sie wird vomClub alpino Jtaliano" verwaltet. Der unselige Frieden von St. Germain, der Oesterreich aufgezwun­gen wurde, hat die italienische Grenze mitten durch das Zauber­reich der vor uns ausgebreiteten Stubaier und Oetztaler Alpen g«qvgen. Man kann-sich die Zerschneidung dieser Felsriesen und Gletscherstrome gar nicht vorstellen. Sine mit uns auf dem Gipfel weilende Führerpartie macht uns aber auf die Grenzpfähle die aus drei Stangen gebildete Pyramide, aufmerksam, die von' ita­lienischenGrenzern" auf diese Eishöhen geschleppt wurden. Jo dos is fürchterli, wia die unsre Hütt'n zuagricht ham"!, jammerte der Führer.

Was soll hier obem in Eis und Schnee, in dem alten kern­deutschen Südtirol die Grenze? Es ist Heller Ansinn, die Berg- Heiligkeit so zu entweihen. Ganz zu schweigen von der Losreißung etwa 250 000 deutscher Männer und Frauen, die Deutsche siird und mit Italien nichts gemein haben.

Im Fels steigen wir abwärts, überqueren den Aebeltalferner und rasten dann am unbewirtschafteten Erzherzog-Karl- Franz- Josef-Schutzhaus, das, seitdem es italienisch ist, sich in einem ver­wahrlosten Zustand befindet.

Eine anderthalbstündige Kletterei am steilen Ostgrat des Wil­den Pfaffen verscheuchte den üblen Eindruck, den wir vom Karls- schuhhaus Mitnahmen. In dem festen Gestein klettert man leicht. Schwindelfrei muß man sein, denn der Blick in die Tiefe ist un­heimlich. Ein herrlicher Fernblick lohnte die Müh'. Rastlos gings weiter, hinab auf den Gletscher und zum schlanken Eiskegel des Zuckerhütls (3511 Meter), der höchste Gipfel der Stubaier. Die Sonne brannte mächtig und« erschwerte den Aufstieg. Auch war der Schnee schon so weich, daß der Schuh darin versank.

Doch oben aus der Spitze trank das Dergsteigerherz von dem göttlichen Zauber der immer mächtiger sich entsaltenden Eiswelt. Stumm blicken wir über die tausend Bergzacken, versunken in sv- ligen Bergfrieden. . .

Steigeisen und Pickel leisten beim Abstieg über den 60 Grad geneigten Firnhang unentbehrliche Hilfe. Ein Fehltritt nur und unser Körper saust viele hundert Meter den Firngrat hinab, viel­leicht in Gletscherspalten ...

Aeber die Pfaffenschneide unter schwerenr Schneegestampf er­reichen wir die Hildesheimer Hütte (2900 Meter). Auf kühn ge­schwungenem freien Felsriegel steht die traute Hütte über dem tiefen Windachtal.

Es war 5 Ahr morgens, als wir in der Hildesheimer Hütbi! geweckt wurden. Im Gesicht lösen sich ganze Hautfehen, und dts Lippen sind gesprungen; das sind die Folgen des Gletscherbrandes. Man wäscht das Gesicht deshalb lieber nicht, sondern salbt et, Als wir die gastliche Hütte der Alvenvereins-Sektion Hübet-