Gießener MMenbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (92^ _________ Samstag, den 6. Dezember ________ Kummer 59
Stimmen in der Nacht.
Von Hedwig Forst reutet
Die Schritte der ©infomMt gehen ums Hau-, Man kann sie zur Nachtzeit hören.
Durch Tannenrauschen und Windgebraus Immer im Schnee die Schritte ums Haus And Stimmen von fernen Chören.
Wer rastlos war und sehr leise schlief, Darf wieder den Schlummer lernen.
And fühlt es wie Freude, dah jemand rief Mit sanfter Stimme dringend und tief .... O Stimme üher den Sternen I
O Stunde des Wachens, so fern aller Qual, Erfüllt von dem ewigen Lauschen.
Der Wind auf den Höhen, das Klingen im Tal, Du weiht es im Herzen: Dies war schon einmal, And es kam wie etn Flügelrauschrn.
Der Tag war wie Macht imb die Macht wie der Tag, So strömend von urtiefem Leben, Geheimnisvoll pochender Pulse Schlag, Der Lichtwende zu und dem schimmernden Tag, Don Mythen und Wunder umweben.
Sie kommt unabweisbar, so bittend und klar, So sicher durch alle Fernen.
And ruft um die dunkelste Zeit im Jahr — Weil dunkel immer das Heilige war — Die Stimme über den Sternen.
Nikolaus im Schnee.
Von F. Ern st.
Mein Vater besah in den Wäldern, die der Eifel nach Morden Srgelagert sind, eine ausgedehnte eigene Jagd; unabsehbar Wechten Laubbestünde, Kieferndickungen auf kiesigen Höhenzügen mit Sumpfigen Bruchstrecken ab. In einem schmalen Wiefental hatte er ich, weit ab von Dorf und Mühle, ein Jagdhaus erbaut, im Oktober war es eingeweiht worden und, um das köstliche Frost- Wetter und den Vollmond zu nuhen, wurde beschlossen, dort auch Mit uns Kindern das Mikolausfest zu feiern. Meine älteren Brüder Wurden zwar von der Schule in der Stadt zurückgehalten, meins schon erwachsene Schwester aber, Vater und Mutter fuhren mit. Ich war damals ein Anband, was es an Stropperei und Wildheit gab, wuchs in meiner siebenjährigen Seele bunt wie Ankraut auf. Lesen, Schreiben und Rechnen waren mir böse Feinde, wo aber ein Anfug auszuhecken war, wo ein Ball in den Glasschrank prallte, oder jemand vom Baum fiel, oder Machbars Hühner durch einen nächtlichen Angriff über zwanzig Gärten hin verteilt wurden, ober ein ganzes Säckchen Berliner Blau in einen kleinen Topf feinste Wäsche getan wurde, da war ich es. Als daher meins sanfte Mutter mit dem Finger drohte und meinte, drauhen im Eifelwald käme der Miklas vielleicht selbst nachsehen, ob die Kinder auch brav seien, käme mit Müssen oder mit der Rute, da wurde es mir doch etwas schummerig. And als meine Schwester mit dem widerspenstigen Blondhaar um die Stirn ihre kühle Altstimme hineinmischte und bemerkte: „Ma, du kriegst nicht eine Muh, aber zwei Muten!", da steigerte sich mein Anbehagen. Aber alles war vergessen, als die herrliche Reise mit der Bimmelbahn anfing und nachher der uralte gewaltige Landwagen vorfuhr. Die Eltern hatten noch ein paar Familien eingeladen, so dah zwölf Mann in den Hauptteil einstiegen, wir drei aber, meine Schwester, der Forstassefsor Hermeskeil und ich, im Rückensitz verstaut wurden, der wie ein Schwalbennest zwischen den mächtigen Hinterrädern des Kremsers thronte. So ging die Fahrt mit Hallo, Kinder- jubeln, dem Gebell der Hunde und lauter Anterhaltung der Alten in den tiefen Spuren, die von den Holzfällerkarren in den firnen Schnee eingeschnitten waren. Der Herr Hermeskeil sah links, ich in der Mitte in Wintermantel und warmem Wolltuch, und rechts Schwester Aenne. — Ich kam mir recht geborgen vor zwischen den beiden, konnte träumen, sah die schneebeschwerten Tannenäste nicken und fühlte mit angenehmem Gruseln hinter jedem Dusch Scharen von Zwergen und Riesen lauern. Dazu hörte ich Bruchstücke einer leisen Anterhaltung zwischen Aenne un& dem Forstmann, die sich von Gesellschaften her gut kannten. Er sagte: „Drei will ich ha
ben!" und Aenne antwortete: „Richt einen!" And nach einer Weile murmelte er: „Also zwei!" und Aenne, als wenn sie böse wäre, antwortete Ebenso: „Wie ich sagte, nicht einen!" And dabei lachten sich die beiden an. der Forstmann bettelte und die Aenne blitzte mit den Augen. Bis wir schon im Schummerdunkel am Jagdhaus ankamen, wo der Waldhüter und seine Frau geheizt und alles hergerichtet hatten; dafür durften ihre vier Jungen die Bescherung mitmachen. Die eingeladenen Kölner Familien brachten auch noch zwei Kinder mit, so dah im ganzen sieben kleine Herzen dem Miklas entgegenpochten. Die Aenne war geschäftig, bot Kaffee und Kuchen rund und half der Mutter, während der Vater sich in einer Ecke mit dem Aufseher über die Jagd besprach. Als Aenne bei mir vorbeikam, fragte ich: „Was wollte der Hermeskeil dreimal haben?" „Drei Stücke Kuchen, du Frehllütsch nun weiht du es!" und schob mir ein zweites hin, war aber auch schon weiter. Anterdessen hatten uns die Großen, ohne dah wir es merkten, zusammen in eine Ecke geschoben, die vier Waldbuben, die zwei Kölner Kinder, die schon etwas älter waren, und mich. Da ging die Tür auf und herein trat Mikolaus mit dem Sack. O je, da wurde mein Herzchen schwer, er sah auch unheimlich aus. Eine hohe Bischofsmütze hatte er auf, so hoch, dah er sich bei der Tür bücken. muhte, und lange weihe Gewänder und eine Art Kasel lag um seine Schultern, ein moosgrauer Bart flimmerte im Lampenlicht, die grohe Rute aus Besenreis war unter dem linken Arm sichtbar. Die Waldbuben knieten nieder, da tat ich es auch, während die Kölner Pflanzen erst durch allerhand Zeichen der Eltern dazu gebracht werden muhten und kluge Gesichter schnitten. Nun fing der Niklas an zu reden, da stand einem das Herz fast still; das dröhnte in dem Wohnzimmer, als wenn eine schwere Glock« ginge. Was er sagte, weih ich nicht mehr, ich war so befangen' und in Schrecken, dah jeder Gedanke fortblieb. Die JagdaufseAr- buben bekamen schöne Geschenke und ein Lob für ihr Beten, für die Stadtjungen gab es auch etwas und nun stand er, der groh- mächtige Niklas, vor mir. And auf einmal bedrückte mich seine hallende Stimme, er wuhte alles, die Sache mit dem Berliner Blau und die mit den Hühnern, die meinen Vater 36 Mark gekostet hatte, und mit dem Glasschrank und mit der Aeberschwemmung auf dem Speicher, und den Fröschen im Schlafzimmer, alles wuhte er, mehr wie alles. And donnerte es mit seiner furchtbaren Stimme, zeigte mir die Rute und würde mich, das glaube ich noch heute, übergelegt haben, wenn in dem Augenblick nicht meine gute Mutter, der es wohl mehr als genug erschien, sich erhoben und eine Bewegung mit der Hand gemacht hätte. Da lieh der Bischof Niklas von mir ab, ging zu den Großen und begann dort feierlich zu reden und Geschenke cruszuteilen. Ich aber war so erschreckt und verstört, da ich doch zu Hause nie so etwas erlebt hatte, dah ich, ohne dah es in dem Tumult jemand merkte, leise aus dem Zimmer huschte. Ein Schritt zum Haustor, ein Schritt hinaus; die Kachelwärme drinnen lieh mich die Kälte der Dollmondnacht vergessen, ich hatte nur einen Gedanken: fort von der dröhnenden, furchtbaren Stimme, Flucht vor dein Niklas mit der Besenrute. And da ging es blindlings den Wald hinauf, zuerst auf einem schimmernden Fußweg, dann im tiefen Schnee, in Wacholderdickungen herein, ohne Gedanken, tapp-tapp mit den kleinen Fähen, immer weiter. Nun eine Wolke vor dem Mond, grausiges Düster im Anterhvlz, überschattet von ganzen Lasten Schnee, fröstelnd nun, als die Zimmerwärme verflogen war. Plötzlich Angst nach Hause, zur Mutter, zum Vater; Amkehr einen Hügel hinauf, einen Hügel hinab, rutschend, zitternd vor Kälte, bald in Schnee vergraben. Jetzt wurde es auf einmal ganz dunkel, kein Licht, nach allen Seiten recht finster, und Bäume, Bäume, Bäume. Da schrie ich. And rannte und fiel, und stolperte wieder auf und hörte verstört den Widerhall meiner Schreie, von Fichtentvänden und aus verschneiten Schluchten. And da weih ich noch, dah ich weinte, leise vor mich hin weinte und unter einem quer gebogenen Wacholderbusch sah. Das weitere erzählte meine Schwester. Als der grohe Bischof mit seiner Bescherung zu Ende war und gerade hinausgehen wollte, um wieder Herr Hermeskeil gu werden, rief einer der Kölner Jungen, dah ich hinaus sei und noch nicht zurück. In ein Paa» Augenblicken wuhte man, dah ich nicht im Hause sei. Mit der Hellsichtigkeit der Waldleute begriff Hermeskeil den Zusammenhang, rih meine Kleider vom Reck, lieh seinen Waldmann Witterung nehmen, Kasel und Bischofsmütze lagen am Boden, und Niklas sagte nur mit aufgerissenen Augen und erschreckter Stimme zu Aenne: „Er ist drauhen, bommen Sie, wir suchen!" And dann kreiste er wie ein Pfadfinder um das Haus, bis endlich, endlich der Hund eine Spur aufnahm, die den Berg hinan fü&rte. Dec


