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Schriftleitung: Dr. Friede. Wilh. Lange. Druck und Verlag der Drühl'lchen Llniv.-Vuch- und Steindruckerei. R. Lange. Dietzen.

Weinhändler, bald von einem Friedensrichter aus Mainz. 21t»« tHilde hatte viele vornehme Dertvandten, lauter Beamte, die über das Hessenland zerstreut waren. So sehr ich über jede Begegnung mit ihr erfreut war, so leidvoll war es mir hinterher stets zu Mut! denn ich wagte nicht, eine Werbung vorzubringen.

Da starb im Anfang des Jahres 1869 die Mutter der Ma­thilde Hagenbruch, die Tochter blieb noch einige Monate in der seitherigen Wohnung, dann hieß es, sie wolle zu Verwandten nach Mainz gehen, und der Dag der Abreise wurde schon mit aller Be­stimmtheit genannt. Da schloß ich mit meinen Hoffnungen ab. Leicht ging das nicht, ich Weitz, daß ich im Vorfrühling an einem Samstagnachmittag in den Wäldern zwischen Aack, Bechenheim und Aiä>erwiesen umherirrte, um meinen Schmerz zu beruhigen. Ich beschloß, mich um eine Stelle in Oberhessen umzutun, um den Schauplatz meiner Leiden fern zu sein. Ich schwankte zwischen zwei Schulstellen, einer in Vilbel und einer in Alsfeld, die zur Bewer­bung ausgeschrieben waren, und entschied mich schließlich für Alsfeld.

In diesen Gedanken ging ich eines Tages es war im Mai von Aack hinab nach Wendelsheim, um meine Bewerbung, die an den Grotzherzvg gerichtet werden muhte, dort zur Post zu geben. Als ich an dasMühlchen" gelangt war, kam zu meinem Erschrecken etwas anders habe ich in diesem Augenblick wirklich nicht empfunden Mathilde Hagenbruch von Wendelsheim her die Straße herab. Ausweichen konnte ich nicht mehr. Ich sehe sie heute noch vor mir, als ob das erst gestern gewesen wäre, sie trug ein mattgelbes Kleid, das mit weißen Spitzen besetzt war, nach der damaligen Mode einen kleinen Hut und hatte einen Sonnenschirm in der Hand. Zaghaft grüßte ich sie und glaubte wahrzunehmen, daß ihr Gegengruß freundlich sei. Ich fragte nach dem Ziel ihres Weges, da gab sie mir zögernd zur Antwort, sie wolle nach Alzeh gehen, um sich dort bei dem Agenten der Schiff­fahrtslinie BremenHoboken ein Billett zur Lieberfahrt nach Amerika zu besorgen, sie habe eine Tante in St. Louis, zu der sie gehen wolle. Ich war wie aus den Wolken gefallen, als ich das hörte. Es war so viel erzählt worden von den reichen Ver­wandten und den vornehmen Freiern der Mathilde Hagenbruch, daß ich alles andere erwartet hätte, nur nicht, daß sie sich dem Strom der Auswanderer, der damals nach Amerika ging, an­schließen würde. Aber daß das Mädchen ernsthaft mit diesem Ge­danken umging, sah ich an ihrem Antlitz, ihre Augen füllten sich mit Tränen. Unter Liesen Limständen konnte ich mich von ihr nicht mit einigen nichtssagenden Worten verabschieden, ich bat, daß ich sie einige Schritte begleiten dürfe.

Wie waren Wald und Feld an diesem Dage so herrlich auf­geblüht! Vorher hatte rauhe Witterung geherrscht, lästiger Staub, von dem Winde oft haushoch aufgewirbelt, hatte auf den Land- stratzen gelegen, jetzt war nach einem warmen Regen die ganze Aatur neu geworden. Die Bäume blühten, die Blätter waren grün, die Vögel sangen über der Flur, einige Holzfuhren kamen an uns vorüber, im übrigen war die steil aufwärts nach Erbes- Büdesheim führende Straße menschenleer. Langsam gingen wir nebeneinander her, da schlossen sich die Herzen einander auf. Ma­thilde vertraute mir an, daß sie ein mittelloses Mädchen sei, daß die vornehinen Verwandten sich gar nicht um sie kümmerten, und daß einer der Bewerber nach dem anderen den Rückzug angetreten habe, als er in Erfahrung gebracht hatte, daß sie kein Vermögen besitze. Run wolle sie es in Amerika machen, wie Hunderttausends junge Deutsche, sie wolle arbeiten und suchen, allein durch die Welt zu kommen. Da hielt auch ich nicht mehr zurück, ich holte mein Bewerbungsgesuch um die Alsfelder Schulstelle hervor und sagte, warum ich es geschrieben habe. Da haben wir uns unter einem großen Nußbäume, von dem man hinunter in das Wies- bachtal schaut, verlobt. Mathilde gestand mir, daß sie mir schon feit langer Zeit zugetan sei. So blieb mein Vewerbungsgesuch unabgesandt, und das Billett für die Lieberfahrt nach Amerika wurde nicht gekauft. Der Nutzbaum, von dem ich erzählt habe, steht heute noch ein Baum -dauert länger als ein Mensch, jeden Sommer gehe ich dort einmal vorüber, lasse mich im Schatten des alten Baumes nieder und gedenke dessen, das ich dort erlebst habe." '

Vom Hause her kam die Enkeltochter.

Sehen Sie, Herr Pfarrer," sagte Oestreich,die hat ihren Namen von meiner seligen Frau und ähnelt ihr auch an Haltung und Gesichtsausdruck."

Hier, Großvater," sagte Mathilde,ein ganzer Stotz von Briefen und Postkarten, die der Briefträger soeben gebracht hat, gewiß lauter Glückwunschschreiben. Wie ist es doch so schön, wenn man achtzig Jahre alt ist."

Schöner ist es, toenn man, wie du, zweiundzwanzig ist."

Die Enkelin ging wieder weg. Oestreich setzte die Drille auf und sah die eingelaufenen Sachen durch. Indem er las und die gelesenen Schreiben zur Seite legte, sagte er:Da haben gute Menschen an mich gedacht. Hier schreibt der alte Kollege Rühl, der mit mir im Jahre 1861 in Friedberg abgegangen ist, er wohnt in Worms, kann sich aber nicht mehr bewegen und wird im Fahr­stuhl gefahren. Ach, was wird aus dem Menschen, wenn er alt ist. in Friedberg war der Friedrich Rühl unser bester Turner.

Sehen Sie einmal hier diese steife Kinderschrift! Da wohnt ejn kleines Mädchen in meiner Nachbarschaft, sie ist sieben Jahre alt, im Winter hat sie mich ost besucht, da habe ich ihr Geschichten erzählt; denn, mit Kindern gehe ich immer noch gern um. Auq wünscht sie mir Glück und hat mir als Geschenk das Dlld aus. einem Schokoladetäfelchen beigelegt. Hier der Brief im grünen Umschlag kommt von Mannheim. Der ihn schrieb, ist einst M mir in die Schule gegangen, er war ein böser Bub, hat nichts gelernt, aber gestohlen und gelogen. Da habe ich ihn ernstlich vorgenommen, auch wiederholt gezüchtigt. Als er konfirmiert war und die Fortbildungsschule besuchte, versuchte er, den Unterricht durch Flegeleien zu stören. Gr spritzte mit dem nassen Schwamm nach dem Lampenzhlinder, daß dieser zersprang, rauchte vor dem Linterricht im Schulsaal die kurze Pfeife, und was schlimmer war, er vergriff sich an seinem alten und schwächlichen Vater. Da hab« ich ihn eines Abends, als alle anderen Schüler toeggegangefl waren, allein dabehalten, habe ihm mit deutlichen Worten ge­sagt, daß fein Weg nach dem Zuchthause gehe und habe ihn ge­fragt; ob er sich denn nicht vor der Sünde fürchte. Allmählich fing er an, anders zu werden, er kam zum Militär, hielt sich wacker, kam ohne Strafen durch. Nun ist er ein braver Familien­vater, arbeitet in Mannheim in einer Fabrik und dankt mir, daß ich ihn auf den rechten Weg gebracht habe. And hier die Karte kommt vom Herrn Geheimrak, unserem Kreisdirektor, er hat mich kennengelernt, als er noch Kreisamtmann war; er schreibt mir, daß er meiner heute in freundschaftlicher Gesinnung gedenke."

An Ihnen," warf der Pfarrer ein,erfüllt sich das Bibel­wort: .Graue Haare sind- eine Krone der Ehren, die auf dem Wege der Gerechtigkeit gefunden werden'."

Es hat in meinem Leben nicht lauter Ehrenkronen gegeben, davon will ich Ihnen hernach noch erzählen, aber so weit bin ich noch nicht. Wir waren erst unter dem Nußbaum auf der Erbes-Büdesheimer Höhe angelangt. Also, wir haben uns ver­lobt und haben im Oktober 1869 geheiratet. Unser Einkommen war klein, aber wie glücklich haben wir miteinander im Schul­hause zu Nack gelebt! Es gibt jetzt so viele Beamten, die unter keinen Limständen auf einem Dorfe wohnen wollen. Ich gebe zu, daß manche Familie wegen der Ausbildung der Kinder suchen muß, daß sie in der Nähe der Stadt oder an eine Eisenbahn­station zu wohnen kommt. So ging es auch uns, wie gern wären wir in Aack geblieben, aber wegen der Ausbildung unserer Kinder mutzte ich die Gemeinde verlassen. Ohne mich zu rühmen, kann ich sagen, daß ich dort, wo kein Pfarrer am Orte wohnte, der 03err trauensmann der ganzen Gemeinde war. Als der siebziger Krieg ausbrach, habe ich so manchen Brief hinaus in das Feld geschrie­ben, habe den Leuten abends im Schulzimmer die Zeitung vor­gelesen und ihnen an der Karte die Bewegungen unseres Heeres klar gemacht. Ich habe Lebensmittel und wärmende Kleider ge­sammelt, die nach Metz geschickt worden sind. Keine Eingabe an; irgendeine Behörde ist auch in den nächsten Jahren abgesandt worden, die ich nicht geschrieben hätte. Wir haben uns dort weit von der Eisenbahn recht glücklich gefühlt. Lim Aack her dehnt sich Wald- und Dergland aus, der Donnersberg grüßt herüber. Die Orte Bechenheim, Aiederwiesen, Oberwiesen und Orbis liegen alle im Walde oder dicht am Walde. Gern ging meine Frau aft schönen Sommertagen mit in den Wald, wir haben Beeren und Kräuter gesammelt, Blumen gepflückt, wir sind auch in Forst» Häusern eingekehrt, wo wir gastlich ausgenommen wurden, und haben mit den Jägern, die durch den Wald streiften, gesprochen. Ich weiß es von meinen Kindern, wie es in der Stadt zUgeh^ da kommen die Leute in ihren Vereinen zusammen oder laden sich gegenseitig ein. Ob das immer zu allseitiger Zufriedenheit ge­schieht, weih ich nicht. In Aack haben wir einander nicht ein» geladen, wir gingen abends ungeladen aber freundlich aufgenom­men in die Häuser, und die Leute kamen auch zu uns. Das Spinn­rad schnurrte im Winter, Aepfel und Nüsse oder auch Kastanien aus Dannenfels wurden auf den Tisch gestellt, wir sprachen von alten und neuen Zeiten, es gab keine Aufregung, keine Reiberei und keinen Rangstreit. In der Stadt gehen die Menschen oft von einem Vergnügen zum anderen, wenn sie einmal einen Abend zu Hause zubringen sollen, so sind sie unglücklich, dort läßt man schon die Kinder Theater spielen und erwähnt ihre Leistungen! dann in der Zeitung. Bei uns in Nack ging alles viel ruhiger und einfacher zu. Mein Schwiegersohn erzählte mir von Darmstadt, daß da manchmal Kinder morgens vom Schuhmann in die Schule gebracht werden müssen, das war in Nack nicht nötig, sie gingen alle gern in die Schule und waren treuherzige, folgsame Kinder. Dort find unsere Kinder geboren. Als ich 1875 wegkam, war die ganze Gemeinde traurig. Ich weih genau, wie es war, als wir damals wegfuhren. Wir sahen auf einem Bordwugen, dessen Bänke mit Kissen versehen waren, meine Frau hielt da­jüngste Kind, unsere zweijährige Tochter, auf dem Schoß, die Buben freuten sich, daß sie auf dem Wagen fahren durften. Der älteste, der Otto, hatte die Peitsche des Fuhrmanns genommen und ver­suchte. damit zu knallen, wie er das an den jungen Burschen des Ortes oft beobachtet hatte. Meine Frau und ich aber wein­ten, und die Leute, die sich um den Wagen drängten und uns die Hände reichten, weinten auch.

(Fortsetzung folgt.)