Eichener Hamilienblätter
UnterhattungsbeNage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (92^ Samstag, den 6. September Nummer 37
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Herbst.
Von HermannLSnS.
Heber die Heide der Ostwind zieht, Die Kiefern rauschen leise, Die Goldammer singt ihr blasierte- Lied, Die alte, gleichgiltige Weise;
Der Frühling ist tot, die Blumen sind krank, Verstummt ist der lustige Finkengesang, Bur die Ammer noch singt voller Traurigkeit: „Mein Best ist so weit, so weit!"
Don meiner Brust ein Seufzer weicht: Wozu der Kampf und die Sünde? Hab' nie den Saum des Glückes erreicht, Ich glaube nicht, daß ich es finde; Mein Lebenskahn ist lange zerschellt, Mein Leib ist müde und weit ist die Welt, Der Tag ist kurz und so schnell die Zeit, 'Und mein Glück liegt so weit, so weit.
Blühende Heide.
Von Hermann Lons.
Selten wird inan eine Skizze finden, in der Hermann Wns, der Mann mit den vielen Gesichten, so bekenntnis- reich aus seinem Freundschaftsleben erzählt. Diese bisher unveröffentlichte Skizze, die er seinem toten Freunde, Dr. V ah land-Osterwald gewidmet hat, zeigt treulich- entäußernd, wie tief, wie erschütternd-verhängnisvoll tief der Dichter aus Zwang neben den Frauen die Freunde geliebt hat. So ist Hermann Löns, nicht der gefeierte Dichter, sondern der schon früh zertretene Mensch, der hier spricht, ohne zu wissen, an wen. Es ist der Hermann Löns, der Tag für Tag, Jahr für Jahr um ein ganz kleines bischen Liebe bettelt, der sie nicht findet, immer wieder herzlos abgewiesen. Es ist Hermann Löns, einer Blume gleich, von Kräutern zerdrückt. Die alle nicht wissen, daß er ein anderer ist als sie. Gr ist der verspottete Herm. Löns. Sie kennen ihn nicht, und weil sie ihn nicht kennen, wollen sie ihn nicht, Und uns bleibt es nun, wo er tot ist, ihn als unfern Freund zu verehren, zu lieben. Grausamer Spott des Geschickes! Schauriger Hohn auf das Leid eines Mannes, der seine Dichtungen unter Weinkrämpfen zustande bringt, sich selber belügend, der in der Heide angeblich Trost hat, und zuletzt nichts anderes als seine logische, vorgezeichnete Bestimmung sieht, „es ist ja doch alles umsonst
Mein Schauen: ein rosiges Meer sättigt es; — mein Horchen: zahlreicher Stimmchen Gesang schmeichelt ihm; — mein Einatmen: Hvnigduft macht es zur Wonne.
Die Heide blüht. Ein rosiges Meer brandet vor meinen Blicken, die verschwimmend, ohne festes Ziel, darin Untertauchen. Es summt und säuselt um mich, wie ein Sturm im Elfenreiche: unzähliger Dienen Singsang lullt das Horchen ein zu achtlosem Halbschlaf, unzähliger Kelche Hvnigduft, so leicht, so zart, so vornehm aufdringlich, kost die Aervek. .
Kein lauter Dvgelschrei, kein herber Duft, keine harte Farbe stört meinen Sinn; mild ist das Rosenrot der Heide, zartpurpurn vor meinen Äugen, mattrosig weiterhin, rötlichbraun in der Ferne, ewig gleich in seiner leisen Gröhe, der Immen Chvr- gesang, unauffällig der ruhige Honigduft der Blüten: Milliarden gleicher Farbenpunkte, übereinstimmender Laute, verschwisterter Düfte geben eine große, ruhige, beruhigende Stimmung.
Blühende Heide beruhigt. Komme mit Verven, zitternd wie zarte Halme im Winde, in das blühende Heidefeld, flüchtet müde Ohren, abgehetzte Augen in den Frieden der Heideröte, trage dein zuckendes, gequältes Herz in der Heide blühende Unendlichkeit Herz und Sinne, Fühlen und Denken werden gekühlt, erquickt,
Blühende Heide macht gut. Wenn dein Zorn lodert ob Vieder- tracht und Gemeinheit, wenn dein Herz hart geworden ist im Lebenskämpfe, wenn Falten des Menschenekels deine Lippen umkriechen, ... flüchte zur Heide, sie lehrt dich vergasen ntetere T<Ä und klein« Gesinnung, sie glättet deine» Herzen» harte Rind« und erlöst deinen Mund von dem bitteren Zug».
Wit grauer Seele, eisigem Herzen, kalten Augen, Todeinsamkeit in mir, fuhr ich hinaus: das Blütengewimmel der Heide, das Summen ihrer Immen, ihrer Rosenkelche süßer Duft verjagten Kälte, Härte und Einsamkeit. Die Heide lehrte mich das Leben verstehen.
Hier vor mir, auf gelbem Sande und vckerigem Boden, drängt sich Sträuchlein bei Sträuchlein, Zweig an Zweig, Aestchen neben Äestchen zum Sonnenlicht. Wie schwach die dunkelen Stämmchen auch sind, die braungelben Aeste, die grünen, vierkantig geblätterten Zweiglein, die rosigen Glockenrispen — sie kämpfen um Platz, sie kämpfen um Luft und Licht, sie kämpfen, wie Menschen kämpfen. Keine sorgsame Hand gab ihnen ein Plätzchen, sorgte für Spielraum, grenzte sie ab von den Genossen. — Hier sprießten sie dicht beieinander, karg ist ihnen Boden und.Luft bemeffen, kümmerlich krüppeln sie sich hoch mit verkrüppelten Aesten, bleichsüchtigen Blüten, bräunlichem Laube. Weiterhin hat der Zufall wenige Körner aus großen Raum gesät, reichlich jedem Platz geschenkt für Wurzeln und Gezweig; schlank und straff stehen die Stämme empor, stattlich recken sich die langen Aeste, vollblütig prangen die Rispen in reicher Röte.
Dicht gesät oder dünn gepflanzt werden Blumen und. Menschen. Das ist die Moral der Heide. Kann die Krüppelheide für ihre Mistform, für ihre Hählichkeit? Ist der Mensch schuld an der Häßlichkeit der Seele, an der Verkümmerung seines Gemütes, wenn Tausende dicht neben ihm seiner Seele Blühen hindern?
Auch die Krüppelheide hat ihre Schönheit. Auch im Herzen des Herdenmenschen gibt es versteckte Blumen.
„Vieles, das man mit Füßen tritt, ist so schön und ist so lieb."
Im Herzen der armseligsten Dirne eine keusche Stelle, in des rohesten Mannes Brust eine zarte Empfindung ... bleiche Blüten an Krüppelästen. ,
Sv übersetze ich deine Worte, mein Fritz, mein letzter Freund. Die unendliche, braune Heide, in die wir uns alle einst flüchten, hat dich ausgenommen, das unabsehbare Moor der .Unendlichkeit, das alles, alles, alles gleich macht, hochstämmige Föhren, kranke Kusseln, sturen, trotzigen Machangel, zartes, schmiegsames Wollgras, rosige glühende Heide und trockene Flechten.
Du saßest, die Füste in tauüberperlter Heide, auf taubeperlten Tvrfhausen, ein Heidezweiglein in der großen, langfingrigen, haarigen Hand; lange schauten deine blauen, klaren Augen auf die winzigen, grünen Blättchen, auf die seidigen, rosigen Dlütcyen, und dann sprach die tiefversteckte Poesie deines Härte heuchelnden Herzens das große, schöne Wort. Unbewußt, geträumt, sprachst du es, es brach die Sonne aus deiner Seele Vebelkühle. Scheu sahst du dann empor zu mir, fürchtend des oft bespöttelten Poe leg Ironie Mein lieber Junge, ich wußte, daß hinter deinen harten Worten ein weiches Herz zuckte, ich hatte längst verstanden, daß du mit Kälte deiner Seele Wärme verhüllst, lange wußte ich das. Sonst hätte ich niemals alle Schubladen meiner Seele vor dir aufgezogen, nie in deinem Beisein herumgekramt in wertvolles Schätzen und unnützem Plunder, in lieben Andenken und dummen Erinnerungen. ,
Wie kam es, daß wir so spät, fast zu spät einander lieb gewannen? Wir sahen nebeneinander auf der Schulbank! Du der Philister in Anzug und Gebaren, glatt gescheitelt, gemessen, wie ein Alter ... ich ganz das Gegenteil, immer zu jedem Unfinn bereit, zu jeder Dummheit da ... einer des anderen stiller Spott. Als das einzig Gemeinsame, die Schulbank, uns nicht mehr verband, vergaßen wir einander, jahrelang, wußten nichts einer vom andern. Wenn wir uns trafen, zwischen zwei Semestern zur Ferienzeit, kühle Grütze im Vorbeigehen.
Mur einmal in dieser langen Zeit hörte ich von dir etwas, das ein Steinchen in den ruhiges Spiegel meiner Gleichgültigkeit für dich warf. Bei einer mörderischen Pistolenmensur durchschlug dir im elften Gange — es war auf Kampfunfähigkeit gefordert, auch dein Gegner mutzte heimgetragen werden — die Kugel beide Kniekehlen. Als man dich vom Wagen in das Haus trug, liesst du deiner Mutter zu: „Mutter, sei nicht böse, daß ich die beste Hose anzvg!" und dann warst du ohnmächtig. Im Schwinden des Bewußtseins, unter quälenden Schmerzen, ein lustiges Wort, um die Mutter zu beruhigen ... das ist männliche Art. Dieses Wort brachte dir mein Herz nahe, aber das Leben trennte uns.
Dann, nach Jahren, eines Vachts, ein Wiedersehen auf dem Dadchvse. .Wo komm» Z*i her?" - „Ich wohne hier: und du?


