dl unregelmäßig prismatischen Stücken nicht zu selten sind. Ms Unterlage hat man wohl hauptsächlich wieder Quarzitstücke benutzt. Manchmal sind es Platten, die deutlich die vertieften Spuren von starten Schlagen zeigen. Sn anderen Fällen hat man anscheinend die Kante eines oben mehr oder weniger halbkreisförmigen und keilförmigen „Ambosses" benutzt, wie er in zahlreichen Fällen noch aufrechtstehend in der Kulturschicht des Hinteren Teiles der Höhle angetroffen wurde. Wir schließen auch daraus, Latz sich im Hinteren Teil der Höhle eine Werkstätte zur Steinbearbeitung befunden hat (s. o.).
Der überwiegende Teil der Instrumente ist so grob, daß die Stücke wahrscheinlich aus freier Hand benutzt worden sind. Die Feuersteine sind aber zu klein, als daß man dies von ihnen cur- nehmen könnte. Sie sind wohl in Holz gefaßt worden, wie wir es jetzt noch von primitiven Völkerschaften kennen.
Sn der Hauptkulturschicht befinden sich auf dem Vorplatz der Höhle zahlreiche Knochenreste, die zusammen mit den Quarzit- Werkzeugen lagern und in den mittleren Teil der Höhle im Grunde noch hineinziehen. Bei den Knochen fällt auf, daß sie in zahllose, meist fingerlange Bruch st ücke zerschlagen sind. Daß dies absichtlich geschehen ist, wird dadurch klar, daß manche Spitzenenden als Bohrer verwandt worden sind, wie uns dies Abb. 14 zeigt. Andere Stücke zeigen auffällig gerundete Enden; vielleicht haben sie beim Glätten von Fellen Verwendung gefunden. Als Meitzel sind wieder andere Stücke verwendet worden; manchmal sind nur die Enden abgeschrägt, aber es kam auch ein sehr schöner, sorgfältig vierkantig bearbeiteter Meißel von 6,5 Zentimeter Länge heraus. Auf dem einen Ende war er zugeschärft, das andere Ende war rundlich zugespitzt und zeigte eine Verjüngung, die wohl zu dem Zweck hergestellt worden ist, das kleine Stück in Holz zu fassen. Aus Llnterarmknvchen sind drei ziemlich große Pfriemen (Abb. 13) Hergestellt, die uns zeigen, daß immerhin schon eine gewisse Kunstfertigkeit entwickelt war. Sehr merkwürdig sind eine Reihe von kleinen unregelmäßig gerundeten Knochenstücken, deren Verwendung noch nicht klar ist. Spuren von irgendwelcher Verzierung der Knochen sind nicht gefunden worden und bei dem einfachen Zustands der Knochenwerkzeuge nicht zu erwarten. Die Knochen liegen zum Teil auf den schon erwähnten Tischen.
Quarzit- und Knochen-Werkzeuge und ein einzelner Schaber aus Basalt befinden sich in der unteren Kulturschicht. Sn der Kulturschicht II sehen wir mannigfaltiges Werkzeugmaterial erscheinen. Außer den Quarziten beobachten wir Feuersteine, die zum Teil von weither eingeführt sind, und die Benutzung von Lahngeröllen. Knochenstücke sind bisher nicht bekannt. Unter den wenigen bisher gehobenen Quarzitstücken steht sehr auffällig der schon be- schriebene große Keil (siehe Abb. 12) da, der, wie auch die Technik der Bearbeitung der Feuersteine, auf eine höhere Kultur hinweist.
Das Alter der Funde läßt sich geologisch recht gut ermitteln. Die Tierwelt zeigt uns zunächst einwandfrei an, daß wir von der Gegenwart weit entfernt sind. Wir befinden uns mitten in der Eiszeit und gerade das Vorkommen von Pferd, Aashorn und Mammut zeigen uns an, daß wir uns zeitlich in einer Vereisung befinden. Mammut und Aashorn waren durch einen dichten Pelz gegen die Kälte geschützt und lebten in einer kalten Grassteppe. Das Vorkommen von Hirsch und Rind weist aber aus Durchwaldung hin. Offenbar ist das Eis erst im Anrücken begriffen. Run zerfällt die gesamte Eiszeit des Diluviums wieder in mehrere einzelne Eiszeiten. Aach der Lage der Höhle kann es sich aber nur um die letzte Vereisung handeln, da sich unser Fundpunkt schon unter d-r Höhe der diluvialen Hauptterrasse befindet, die uns den früheren hohen Stand der Flüsse anzeigt. , i ’ f
Arm liegt die Kulturschicht unter dem Löß, jenem kalkhaltigen Staub, der während der Eiszeiten durch Winde an» gehäuft wurde. Da sich auf dem Boden der Höhle kein Löß befindet, glaube ich annehmen zu dürfen, daß es sich um den älteren Teil des jüngeren Löh handelt. Danach würde sich dann ergeben, daß unsere Fundschicht in den Höhepunkt der letzten Vereisung gehört, als weite Teile Aorddeutschlands noch unter einer mächtigen Eisdecke lagen und sich im Vogelsberg auf dem damals vorhandenen Eisboden große Schuttflröme bildeten, die uns jetzt noch als Felsenmeere entgegentreten.
Daß Sie Lößschicht zwei verschieden alte Kulturen trennt und damit einen großen zeitlichen Zwischenraum bedeutet, ergibt sich klar aus dem Werkzeugmaterial dgr Kulturschicht II, die den Lößlehm der Höhle schräg abschneidet. Haben wir i n der tieferen Knlturs chicht nur einheimisches und »«icht erreichbares Material, so sehen wir in der oberen
Kulturs chicht, wie man schon einen weiteren Fortschritt gemacht -alte. Don der Lahn her holte man feste Kieselfchiefer, Feuer» ieine suchte man in der weiteren Umgebung zusammen und erwarb ie auf Raubzügen oder vielleicht durch Tausch
Für die Bestimmung des Alters sind die Reste der Tierwelt und die Lagerungsverhältnisse der Schichten in erster Linie wichtig. Man hat früher ost versucht, von Gerätesormen auszugehen, nachdem in Frankreich, das zur Aelteren Steinzeit reich besiedelt war, eine bestimmteReihen- solge typischer Geräte aufgestellt werden konnte. Man hat diese Gliederung lange Zeit unmittelbar auf Deutschland zu übertragen versucht. Mehr und mehr erkannte man aber, daß die Entwicklung der deutschen Kultur doch wohl nicht in solcher Abhängigkeit bestand, und so haben in neuerer Zeit Wiegens und H. R. Lehmann besonders betont, daß wir selbständig vorgehen müssen. Unser« Funde scheinen mir ein ausgezeichneter Beweis dafür zu fein, daß die französische Gliederung nicht mehr im einzelnen anwendbar ist. (Man unterscheidet dort folgende Stufen: Chelleen, Acheulsen, Wousterien als früheren Teil der Aelteren Stettizeit und Aarig- nacien, Solutreen, Magdalsnien als späteren Teil der Aelteren Steinzeit.)
Die Kulturschicht II dürfte, was auch mit der Lagerung zu- sammenpaßt, wohl ungefähr mit dem Aurignacien übereinstimmen. Smmerhin zeigt der Keil (Abb. 12) schon einen sehr merkwürd^en Typus. tiefere Kulturschicht läßt sich aber nicht so einfach mit dem französischen Schema vergleichen. Die vorwiegende Randbearbeitung, das Austreten von Schabern (wie Abb. 11) oder Spitzen (wie Abb. 8) zeigt, daß wir uns auf einer Kulturhöhe befinden, die ungefähr dem Mou st orten entspricht. Aur selten geht die Schartung noch über die Fläche hinweg, wie das Gerät Abb. 1, das als Einzelstück einen Anklang an ältere Kulturen giht. Freilich ist man sonst gewöhnt, den Beginn der Knochenkultur etwas später anzusetzen. Ganz abweichend von anderen Fundorten ist die Größe einzelner Stucke, die bis fast auf 30 Zentimeter Länge geht. Die primitiven Kielkratzer^ und große Kraherstücke mit kielrratzerährrlicher Bearbeitung würden scheinbar auch auf jüngere Zetten hindeuten. Mammut, woll» haariges Aashorn oder Pferd zeigen aber, daß dies nicht der Fall sein kann. So sehen wir die Werkzeuge unserer Oberhessen eine Reihe von eigentümlichen Zügen tragen, die eine Sonderstellung bedingen und deutlich darauf Hinweisen, daß das französische Schema nicht mehr gilt und sich selbständige Einflüsse gri* tend machen.
Fragen wir, wie lange diese Ereignisse zv- rückliegen, so dürfen wir aus Gründen, die wir a» dieser Stelle nicht näher auseinandersetzen können, sagen, daß es sich um Zeiten handelt, die 20 000 bis 25 000 Jahre z u r ü ck l i e g e n. Es ist eigenartig, daß die Ansiedler der CiSzett schon den Wert des Quarzits kannten und gutes Material bevorzugten. Lange Jahre hat es gedauert, bis die Menschheit in ganz anderer Kulturentwicklung den Quarzit aufs neue zu schätzen begann.
Fassen wir zusammen, was sich cms den Einzeldav- legungen ergibt: Vor dem Höhepunkte der letzten Eiszert, als Wildpferde in großen Scharen die kalte, spärlich durchwaldek» Grassteppe durchstreiften, lebte in Höhlen des Lumdatales eine Hägerhoröe, die ihre Hagdtiere draußen in der Steppe an Oct und Stelle zerlegte und nur das Fell Mit anhängenden Gliedmaßen zur eigentlichen Wohnung brachte. Hier war eine Werkstätte, in der Steinwerkzeuge her gestellt wurden und die Knochen zur Verarbeitung gelangten. Die gewonnenen Werkzeuge wurden wohl wesentlich gur Fellbearbeitung verwendet. .Unbekannte Gründe, vielleicht die Zunahme von Staubstürmen, Haben die Horde zum Auswandern veranlaßt, und die Höhle wurde durch Lötzstaub zugeweht. Sn späterer Zeit siedelten sich in unmittelbarer Aähe Menschen einer höheren Kultur an, die sich nicht nur auf Quarzit beschränkten, sondern durch Wanderung und Raubzüge schon besseres Material schätzen gelernt hatten und den Feuerstem vorzuziehen begannen.
Ein Ueberblick über die bisherigen Funde fist damit gegeben. Freilich ist noch sehr viel Material auszugraben und verschieden« Stellen der Aachbarschast sind in Angriff zu nehmen. So werden! sich die Ausgrabungen noch über Monate hinzieh en und das Bild in mancher Beziehung noch mehr erweitern können. Wi« schwer es in jetzigen Zeiten ist, die Mittel dafür aufzubringen, braucht nicht betont zu werden. Vielleicht gibt dieser Aufsatz interessierten Kreisen Veranlassung, sich hilfreich zu zeigen, um die weitere Durchführung der Grabungen zu ermöglichen, Bfa uns die älteste menschliche Kultur unserer Heimat aufdecken.
Schriftleituna: 3. V.: Heinz Gorreuz. — Druck und Verlag der Brübl'icIHen Univ.-Buch» und Steindruckersi. R. Lange, Wietzen.


