Gietzener Zamilienblötter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang Samstag. Sen Z. April "Hmmerzß
Erste Sonne.
Don Hermann Conrad ie). Wie gerne laß ich von der ersten Sonne Mich bescheinen! — Wenn der Januar Mit feiner Atemzüge Eishauch wich — Wenn in der Monde Schnur die zweite Perle Sich übertropfen läßt von Goldreflexen — Der WinternebÄvorhang in zwei Stück« Geborsten ist . . . und ihrer Gnaden Truhe Aach träumerischer Aast die Sonne leert — Den ganzen Köcher ihrer funkelnden Pfeile: Wie gerne laß ich mich von dieser Sonn«, Don dieser Sonne sanft verkühltem Licht Bescheinen! Leise kommt auf leichten Sohlen Ein Sinnen über mich... ein dunkles Suchen — Und doch, wie so klar und wunschlos still. . . All' Winterunrast hab' ich abgetan — Als schritte ich auf Wolken, treib ich hin . . . Die Augen halb geschlossen . . . seltsam müde —- Und an dem Sonnenstrahl, der mich berührt. . . Leise, ganz leise meine Wange streift, Möcht' ich mich lehnen . . . und in seiner Goldspur Derdämmern lassen meiner Seele Leben . . .
Husarenstücks auf See.
Als der Rat der Bier in Versailles das unbezwungeneDeutsch- Üanb in Fesseln schmiedete, wußten die Feinde Wohl, was sie taten, als sie den Versuch machten, das deutsche Volk vom Meere, der Pulsader internationalen Wirtschaftslebens, dem Symbol der Freiheit, abzudrängen. Unsere Küsten konnten sie uns nicht nehmen, wie Rom den Karthagern, aber unsere Schisse mußten wir ausliefern. unsere stolze Kriegsflotte sank bei Skapa Flow ins nasse Grab, unsere Handelsschiffe wurden fremden Rationen dienstbar gemacht. Die deutsche Flagge sollte vom Weltmeer verschwinden, der deutsche Kaufmann, der deutsche Seefahrer sollte aus dem Weltmarkt ausgeschaltet werden. Wenn trotzdem heute schon wieder eine kleine, aber trutzige Kriegsflotte unsere deutschen Küsten schirmt, wenn heute schon wieder deutsche Reedereien ein stolzes Handelsschiff nach dem andern vom Stapel lassen, so ist das der beste Beweis für deutschen 'Wagemut, deutschen Unternehinergeist, ein neuer Beweis für die Wahrheit des alten Bremer Schifser- wortes: „Navigare necesse est, vivere non est necesse“. Unter diesem Motto hat nun A. Frhr. v. Czibulka*) **) ein Buch zusammengestellt, das wie kein anderes der Aufgabe dienen kann, das deutsche Volk wieder bei seiner alten Liebe zum Wasser, zum freien Meer zu packest, es hinzuführen zu den großen Zielen ewiger deutscher Sehnsucht, den Deutschen wieder stolz zu machen, stolz aus die Daten der Vorfahren, stolz auf die Seehelden des Weltkriegs. Manch einer der „großen Kapitäne", die hier in ihren eigenen Berichten an uns vorüberziehen, gehören unserm Volk nicht an, aber sie alle haben den kühnen, trotzigen Mut, das stolze Vertrauen auf eigene Kraft, die schrankenlose Hingabe an eine große Idee, sie alte waren „ Führer", und Führer sind es, die unser Volk heute wieder braucht, tapfere Steuerleute, die uns hinausbringen aus
*) Als dritten Reuchlindruck hat der Dessauer Verlag Karl Rauch unter dem Titel „ F e u e r b a 11 r o 11 t" eine Auswahl aus Hermann Conradis dichterischem Schaffen herausgebracht, die Kurt Liebmann in einem, die Grenze des Erträglichen auf eine harte Probe setzenden ekstatischen, gewalttätigen Stil entfettet. Immerhin gelingt es ihm, Conradis geistiger Entwicklung, seinem Ringen um dichterischen Inhalt, seinem Kampf mit dem Leben, mit den Widerständen seiner Mitfebenden, mit der hingebenden Glut des verstehenden Freundes gerecht zu werden. Von dem aus Conradis Werk mit weiser Beschränkung Gebotenen überragt das Lyrische bei wei em an Verinnerlichung und Form.
**) Die großen Kapitäne, ihre und ihrer Gefährten Berichte, mit 32 zeitgenössischen Bildtafeln im Drei Masken Verlag. München.
Sumpf und Morast hinaus ins freie Meer. Das alles durchMnai: unausgesprochen jede Seite dieses Buches, ob wir mit Kolumbus die Entdeckung Amerikas erleben, mit Vasco da Gama und Ma- galhaes die Erde umsegeln, ob wir mit der auf das reizvollste geschilderten Lichtgestalt Don Juan d'Austrias in die gewaltigste Seeschlacht christlicher Zeitrechnung ziehen, den großen Holländer de Ruyter den kühnen Franzosen Jean Bart auf ihren Seekriegen folgen, oder aus Cooks und Forsters Tagebüchern von der seltsamen Entdeckerreise um die Welt vernehmen, ob wir schließlich mit Relson nach Abukir, Kopenhagen und Trafalgar ziehen, allen stellt sich würdig an die Seite, was deutsche Helden zur See geleistet und erstritten haben: Tegetthoff, Scheer, Spee. unsere kühnen Kreuzer- und A-Boot-Kommandanten des Weltkriegs. — Von deutsc^m Heldentum zur See geben wir nun im folgenden ein paar Skizzen aus dem Leben des alten Hanseaten Paul BenÄe.
Ware der Danziger Schiffshauptmann. Paul Beneke, nicht Deutscher gewesen, so wäre sein Name nicht nur durch die Geschichte auf uns gekommen, sondern seine Taten wären heute noch in den Sagen seiner Heimat lebendig. So aber ist sein Rame so sehr vergessen und verschollen, daß er nirgends, auch nicht in den großen Rachschlagewerken und Enzyklopädien zu finden ist und es nur der liebevollen Arbeit Reinhold von Werners und Gustav Schalks zu danken ist, daß das in der Verborgenheit alter Chroniken ruhend« Leben dieses Kapitäns auf uns gekommen sind.
In einer Oktobernacht des Jahres 1442 hat das Meer Paul Beneke gleichsam zum zweiten Male geboren. Denn in jener Rächt bargen, während die Mutter versank, Schiffsleute der Danziger Kriegskogge „Mariendrachen" das wenige Wochen alte Kind von den Trümmern eines Fahrzeugs, das die Kogge in der tiefen Finsternis übersegelt hatte. Der Kapitän des Schiffes nahm sich des Findlings an und brachte ihn seiner Ehefrau, so daß das Kind der Sohn und Schüler jenes berühmten Schiffshauptmanns Kurt Dvkelmann wurde, der in der Mitte des 15. Jahrhunderts mit feinem „Mariendrachen" die nordischen Meere von den Feinden der Deutschen Hansa, den Dänen und den fetzten Resten der Vitalien- brüder, den Flibustiern jener Zeit, reinfegte, die unter dem frommen Wahlspruche „Gottes Freunde, aller Welt Feinde" die Pest jener Meere waren. Ein gewaltiger Besen über dem F ckmast seiner mächtigen Kogge verkündete als weithin sichtbares Symbol, daß er dieses Unterfangen, die Ost- und Rordsee auszukehren, mit Erfolg begonnen.
Drei Taten sind es vor allem, deren sich sein Pffegesohn und Schüler, Beneke, der gleich ihm Danziger Kapitän der Hansa wurde, rühmen kann. Zum ersten sein fröhliches Bfeigießen in der Reu-- jahrsnacht 1470, zum zweiten wie er den engelländischen König fing und zum dritten, daß er mit 6 Schiffen 17 große französifchs an der Mündung der Maas vernichtete.
Als König Eduard IV. auf Rat und Betreiben der Londoner Gilde der wagenden Kaufleute den deutschen Stahlhof zu London geschlossen, die Kaufleute der Hansa gefangen setzen oder erwürgen hatte lassen und deren Waren geraubt hatte, beschloß die Hansck durch rücksichtslosen Kaperkrieg die Wahrung ihrer Rechte zu erzwingen und die englische Gewalttat zu rächen. So kreuzte auch Schiffshauptmann Beneke mit seinen Schiffen „Adler" und „Po- muchel" vor den englischen Küsten, brach in die Häfen und Flußmündungen des Königsreichs, verbrannte Handelsschiffe und holte sich Prisen von den britischen Reeden, ohne daß die Engländer sich seiner zu erwehren vermocht hätten. — Da war es in öeq Abendstunden des letzten Tages des Jahres 1470, daß ein englischer Fischer, der unweit der Hafenstadt Downs ahnungslos an Bord des „Adler" gestiegen war, um den Fang des Tages zum Verkaufe anzubieten, an Leib und Leben bedroht, zitternd verriet, daß im Hafen von Downs sieben englische Handelsschiffe, geführt von dem berühmten, großen und wehrhaften Kauffahrteischiff „S. John of Rewcastel" vor Anker lägen, um bei gutem Winde mit ihrer reichen Last nach Spanien und Frankreich zu segeln. Da beschloß Paul Beneke, die sieben kostbaren Vögel zu fangen, fetzte den Fischer in sicheres Gewahrsam, ließ Holz. Kohle, ein Kesselchen voll Blei und einen kleinen Herd in die Barke des Fischers tun und ruderte mit einem Mann seiner Besatzung, der früher Matrose auf englischen Schiffen gewesen, in die Rächt hinaus. Angekommen auf der Reede von Downs ließ er durch seinen Gefährten den „S. John" anrufen und fragen, ob die Herren nicht zur Feier der Jahreswende Fische bewehrten. Als dies verneint wurde, bäte«


