zu schätzen Weitz, weil sie beides selbst einmal besessen hat, aber auch die schlimmen Gesche nie kennt, die die bösen Feen solchen begnadeten Kindern in die Wiege legen.
Fräulein Gvttliebe sprach wenig. Im Ankunftsfieber hatte sie alles gesagt, was ihr das Herz bedrückte. Run schwieg sie und sann über sich und ihr Geschick »rach.
Am dritten Abend ward sie von der Kuffin im Stall gefunden. Sie hatte die Arme um den Hals ihres Pferdes gelegt, weinte und seufzte. Doch raffte sie sich schnell zusammen, als sie die Kuffin bemerkte und sagte: „Ich bin ein närrisch Ding, das sich noch nicht in das fügen kann, was ihm verhängt ist."
Die Kuffin antwortete: „Arm Käuzlein, willst wohl fliegen? Wollen einmal sehen, ob es gelingt."
Am andern Tage brachte sie dem Fräulein lederne Reithosen, Wams und- grauen Ftlzhut und sagte: „Zieh es des Abends an und rÄt hinaus, arm Käuzlein. Der Torwart vom Lipper Lor läßt dich passieren, wenn du ihm als Losung zurufst: Kauz!"
Als der Herr Josias dem Fräulein eine Gutenacht bieten wollte, fand- er sie nicht im Hause, und die Kuffin sagte ihm' „Es tut nicht gut, daß so jung, hitzig Mut in der Kammer verdampft. In die Stadt kann das Fräulein nicht gehen, da sie ihr aus allen Fenstern nachzüngeln würden. Habe dem Kinde darum Männergewand gegeb-en, daß- es herumstreifen mag, so lange es ihm behagt."
„Wenn sie nun aber in das Land hinausreitet und nicht wiederkommt?" fragte Herr Josias, und seine Miene war des Jammers voll. — „Wen es hinaustreibt, den vermag niemand zu halten," sagte die Kuffin, „aber mich dünkt, daß daS Fräulein hier noch etwas zu tun hat. Ein so wehrhaft Kind läßt sich /nicht leichthin von der Scholle seiner Voreltern treiben, und ich meine, das arme Käuzlein wird zurückkommen in das Restlein, das ihm hier bereitsteht.
„Oh, Kuffin!" seufzte Herr Josias. „Ich finde nicht viel Christentum in Euch lebendig."
„Hab es auf meinen langen Wanderwegen nicht eher gefunden, als bis ich zu Euch gekommen bin. Da ist es mir eingegangen wie ein kühler Trunk in eine heiße, vertrocknete Kehle. Aber sprecht dem Jüngferlein jetzt nicht davon, sofern Ihr nicht wollt, daß sie uns gänzlich verlasie; denn Ihr wecket sonst Scham und Trotz, und beides sind schlimmere Feinde für ein junges Menschenkind, als eine schnelle, böse Tat."
„Kuffin! Kuffin!" sagte Herr Josias und schüttelte den Kopf. „Woher kommt Euch solche Kenntnis des menschlichen Herzens? Habe sie bisher an Euch noch nicht verspürt."
„Habt mich auch nicht gekannt, Herr Josias Rottner, da ich als zwanzigjährig Kind die silbernen Lössel und Taufbecher der Mutter nahm und mich des Morgens in der Früh hinten mit aufs Pferd des Kürassiersähnrichs setzte, der bei uns im Quartier lag. War ein silberblauer Morgen damals. Lag noch in Streifen der Märzschnee zwischen den gefrorenen, braunen Ackerschollen, und Trompeten riefen auf den Landstraßen. Wie ich mich schämte, als wir des Abends über der Trommel zusammengegeben wurden und die knebelbärtigen Herren bei meinem Anblick mit den Zungen schnalzten! War aber nur ein kurz Glück, denn mein blutjunges Ehegespons ward vier Wochen später eingeschaufelt nach einem Scharmützel.
Hält' nach Hause gehen können zur Mutter! Aber die beiden bösen Feinde in mir, Scham und Trotz, jagten mich zwanzig Jahre über die Landstraßen. Wär' ich nicht ein Benuskind gewesen, geschützt durch den mächtigen Planeten, ich stünde heute nicht vor Euch, Herr Josias."
„Habt mir in Jahren nicht erzählt, Kuffin, wie es um Euer Leben bestellt war!"
„War auch nit Rot! Hat Jammer, der Hund, erzählt, und Leide, die Katz, wie es um sie stand, bevor sie zu Euch kamen? Wollte Euch zu Dank sein und in Treue dienen, Herr Josias, und nicht noch die Bürde Eures Mitleids tragen. Sprach Euch nur von meinem Lebensweg, weil's dem armen Käuzlein frommen | mag."
Herr Josias schüttelte den Weißen Kopf, als er mit dem Lichte in der Hand die Treppe hinaufstieg. Vor ihm ging langsam und bedächtig Leide, die Katze, aber sie schritt trotzdem schneller als der Pfarrherr und schaute sich auf jeder fünften Stufe vorwurfsvoll um, warum er verzöge. Jammer, der Hund, machte gähnend den Beschluß,
Beide Tiere gingen in die Kanimer, in der das Fräulein zu I schlafen pflegte. Jammer winselte leise, die Katze setzte sich auf f das Fußende des Detkes und schaute nachdenklich aus das leere * Lager. Herrn Josias war es zumute, als hätte er etwas von seinem Leben verloren, da er sich zur Ruhe niederlegte.
Allein am nächsten Morgen fand er das Fräulein in seinem Studierzimmer. Sie hatte frische, leuchtende Wangen, aber dunkel- umränderte, übermüde Augen und sagte: „Der Ritt hat mir gut getan, Herr Josias. Run will ich versuchen, ein nützliches Glied
im Hause zu sein, und heute will ich den Anfang machen mit den Büchern, die in den Fächern und auf dem Speicher durcheinander liegen in Staub und LNäusedreck!"
Seit so langer Zeit hatte sich Herr Josias gescheut, an die Arbeit der Bücherordnung heranzugehen, bis das Unterfangen seine Kräfte überstieg. Er hätte es nicht mehr vermocht, die zwei- tausend Quartanten hin und her zu tragen. Auch hatte er den äleberblick darüber verloren, wo die einzelnen Bücher lagen und standen. Sv nahm er diesen Dienst des Fräuleins dankbar an.
Allein damit ließ es sich Fräulein Gvttliebe nicht genügen. Sie begann mit Hilfe der Kuffin in den Truhen und Kisten zu kramen und- brachte Tücher, Decken und Geräte zum Vorschein. Sie waren vvrd-em von der jungen Frau des Herrn Josias benützt, die nach halbjähriger Ehe gestorben war. So gewann das Haus ein heimliches, wohnendes Aussehen, und selbst Leide, die Katze, und Jammer, der Hund, zeugten davon, daß eine getreue Hand für sie sorge. Der Hund ward von dem Fräulein mit einer selbstverfertigten Kräutersalbe behandelt und gewann alsbald ein glänzendes Fell. Die Katze aber erhielt zum Lager ein Körbchen mit Kissen, in das sie sich, wann es ihr behagte, voller Stolz und Befriedigung zurückzog.
Selbst die Kuffin begann sich besser zu kleiden, so daß- sie nicht mehr wie ein Landstraßenbettelweib im Hause umherstrich, sondern eher im Aussehen einer wackeren Dürgerfrau glich
Jede dritte Rächt aber legte das Fräulein Männerkleidung an und ritt auf dem Hengste Roland in die Rächt. Wohin sie ritt, verriet sie selbst der Kuffin nicht, vor der sie sonst kein Geheimnis hegte.
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Zu dieser Zeit begab es sich, daß in Emmspringe ein Fähnlein entlassener Dragoner einritt. Diese Männer trachteten, unter Führung eines Rittmeisters ihre Heimatländer zu erreichen, dre im Rorden Deutschlands gelegen waren. Die alten Krieger hielten gute. Ordnung. Der Rittmeister ging aufs Rathaus und bat den Bürgermeister um Erlaubnis, mit seinen Leuten sieben Tage in der Stadt zu rasten. Da er sein Wort verpfändet hatte, daß den Bürgern kein llrißiit geschehen solle, ward das Erbetene von Bürgermeister und Ratmannen zugestanden.
Allein am zweiten Tage wurden von den Reitern einige krank, die bereits in der Rächt daraus verstarben. Da drangen die geängstigten Bürger darauf, daß das Fähnlein die Stadt alsbald wieder verlasse, um nicht ohne Rot Seuche und Gefahr herauf- zubeschwören.
Der Rittmeister gestand Erfüllung der Forderung zu und bat nur darum, daß den dahinger-affien Reitern ein christlich Begräbnis zuteil werde. Erbot sich auch, den Armen der Stadt ein ansehnlich Geschenk zuzuwenöen. Da mußte Herr Josias Rottner, weil Eile nottat, noch zur Rachtzeit sich aufmachen und den Rittmeister Acha- tius in seinem Quartier aufsuchen.
In der gebräunten Wirtsstube zur Goldenen Kanne trat der Reiterführer dem Pfarrherrn entgegen. Herr- Josias sah einen langen, hageren Mann von stolzer, schöner Haltung vor sich. Aus dem Gesicht schwang sich, eine große, seingeüogene Rase, wie sie dem niedersächsischen Stamme eigen ist. Scharfe, klare, graue Augen umfaßten die dürftige Gestalt des Geistlichen. Eine große, adelige Hand lud zum Sitzen ein.
An dem Tische nahm neben dem Rittmeister und dem Pfarrherrn noch ein grauhaariger Krieger mit langem Barte Platz, den der Herr Achatius dem Pfarrherrn als seinen Wachtmeister auswies.
Der Wirt trug eine Kanne heißen Würzweines und drei Zinnbecher herbei. Rach dem Begrüßungsschluck dankte der Rittmeister Herrn Josias, daß er seinem Rufe so schnell Folge geleistet habe, und erklärte, wie das Begräbnis statlfinden solle.
Er sagte zum Schlüsse: „Die drei, deren Fleisch wir morgen der Erde geben müssen, waren wackere Burschen, keiner unter zehn Kriegsjahren. Vielleicht aber ist es so für sie besser, als daß sie später einmal auf Rad oder Galgen verrecken müssen."
Herr Josias schaute erschrocken auf und fragte: „Sind wackere Burschen nicht vor Rad und Galgen bewahrt?"
Der Rittmeister zuckte die Achseln. Er sagte: „Was denkt Ihr, Pfarrherr, was aus so altem Kriegsvolk werden soll? Auf. eigene Faust habe ich die Leute zusammengehalten, dieweil ich der Hoffnung bin, es müßten doch zwei Potentaten wieder Lust an kriegerischen Taten finden. Ein älterer Mann kann nicht aus seinen, Handwerk, und diese Männer wissen nur die Waffen zu führen. Wenn aber einer sein Handwerk nicht mehr üben darf, so bleibt ihm nur der eine üble Weg, der endlich zu Rad und Galgen führt. Ihr Bürger habt gut Beten zu Gott und ihm zu danken für den Fried-en. Aber an die ehrlichen Kerls, die durch den Krieg gelebt haben und ohne ihn umkvmmen, denkt ihr in eurem Eigennutz nicht."
„Ersehet Ihr nicht daraus," fragte Herr Josias Rottner ernst, „ein wie teuflisch Handwerk der Krieg sein muh, daß ihm selbst hernach noch seine Kinder zum Opfer fallen?"
(Fortsetzung folgt.)
Schriftleitung: Dr. Friedr. Wilb. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'ichen Univ.-Buch- und Steinbruckeret. R. Lange. Gieben.


