Ausgabe 
4.11.1924
 
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Bärengeschichten.

Unter dem TitelTiere im Zoo" erscheint soeben bei Dr. Werner Kltnkhardt, Verlag, Leipzig Halbleinen Mk.12.) ein interessantes Buch, das den Begründer und Direktor des Zoologischen Gartens in Rom Dr. Th. Knvttnerus-Meher, einen Deutschen, zum Ver- sasser hat. Die Erinnerungen dieses fast einzigartigen Tierfreundes und Zoologen bergen einen Schatz lesens­werter und vielfach von schönstem Humor erfüllter Einzel­heiten und Studien aus den Tiergärten halb Europas. Wir entnehmen dem Werk des Erfassers, der sich zu Hage-nbecks Schülern zählen darf, folgenden netten Ab­schnitt:

Zu den beliebtesten Tieren unserer Gärten gehören nach den Affen die Bären. Ihre Zwinger sind stets von vielen Schau­lustigen umlagert. Als früherer Bewohner unseres Heben deutschen Vaterlandes, als Meister Braun in der Tierfabel, imReineke Fuchs", steht besonders der Braunbär unserem Volke nahe. Ihn bekam einst ja auch der Bewohner des entlegensten Dorfes zu­sammen mit Kamel und Affe wohl einmal zu sehen, wenn er sich mit Grazie als Tänzer vor dem erstaunten Volke produziert.

Komisch-scherzhaft erscheinen Bären auch den Besuchern der Tiergärten. Schon die uns allen innewohnende Vorstellung des Mit dem Maulkorbe versehenen, und am Rasenring vom rohen Bosniaken herumgezerrten unglücklichen Tanzbären erhöht ihr An­sehen in den Augen der großen Menge nicht gerade. Löwe oder Tiger in solcher Rolle! das könnte man sich, ganz abgesehen vom dazu ungeeigneten Körperbau, nicht vorstellen.

Erfreulicherweise ist diesen Vagabunden jetzt das Handwerk gelegt. Das Herumziehen mit Bären ist verboten worden. Das pt im Interesse der öffentlichen Sicherheit, wie des Tierschutzes nur zu begrüßen. Denn das Leben dieser Bären war ein Hunger- und Märtyrerleben.

In ihrer Sagend sind die Bären allerliebste, drollige und täppische kleine Burschen und in der Regel zahm wie Hunde. Auch erlernen sie leicht kleine Kunststückchen. Sv lernen die kleinen braunen Petze mühelos mit den Vorderpfoten selbst die milch- spsndende Flasche zu halten.

Doch zeigt sich schon bei solch kleinem Kerl oft der Trotzkopf des alten Düren, der Ehvleriker in seinen Anfängen.

Solch eine kleine Kröte befand sich 1910 in Hagenbecks Tier­park. Das Kerlchen war ein richtiger Dreikäsehoch im wahren Sinne des Wortes, dabei ein echter Choleriker. Wenn man ihn gn der Kette führte und er über den einzuschlagenden Weg an­derer Ansicht war, als der ihn führte, so fuhr er diesem ohne weiteres in die Beine, oft unter wütendem Geheul. Dann half nichts weiter als ihn an der Kette auf die Hinterfüße hochzu­ziehen, um ihn sich vom Leibe zu halten. Besonders gern ging er auf den Restaurationsplatz. Er schien die Musik zu lieben. Dann aber gab es hier oft ein Stück Zucker oder Kuchen. Der kleine Kerl, der höchstens fünf Monate alt sein konnte, Bären wachsen bekanntlich sehr langsam un& werden im Winter geboren, wanderte dann nach Buenos Aires aus in die dortige Hagen- becksche Tierausstellung. Die Wutairfälle wirkten immer unglaub­lich komisch, da es sich um ein so Heines Tier handelte, «waren aber keineswegs so ungefährlich, denn sie kamen wie ein Blitz aus heiterem Himmel, oft ohne jeglichen sichtbaren Anlaß, und wenn er zufaßte, biß er sich, nach Bärenart hin- und herreißend, fest.

Eine reizende Gruppe war im Kopenhagener Zoologischen Garten im Abe vg Bsoerne-Bur (Affen und Därenkäfig) ver­einigt. Eine ganze Anzahl kleiner Braunbären mit Javrnerafsen, Rh^us, Rasenbären u. a. Einer der kleinen Petze schien tiefes Herzeleid zu haben: klagend streckte er die Vorderpranken aus dem Gitter. Ich streichelte ihm, um ihn zu trösten, seine Pfoten, erhielt aber dafür einen festen Klaps auf die Finger. Der kleine Querkopf wollte scheinbar seinen gesunden Aerger mit sich selbst ausmachen.

Sn Hannover hielt man einen jungen Braunbären lange Zeit K" mmen mit einer jungen Löwin. Beide schlossen enge Freund- t, und der Löwin war das Zusammenleben mit dem tollen und immer spiellustigen kleinen Bären in gesundheitlichem Sntereffe nur vorteilhaft. Da Petzchen aber schließlich die kleine Löwin etwas zu derb anzufasien schien, trennte man beide. Doch das nun beginnende Wehegeheul beider Beteiligten veranlaßte, daß man die kleinen Kerle wieder zusammenbrachte.

Sungen Tieren geht es eben wie Kindern! Trennt man sie wegen fortdauernder Unverträglichkeit, dann ist der Schmerz plötz­lich groß.

Was sich liebt, das neckt sich.

Ein anderer kleiner Typus dieser Art war Martino im römischen Zoologischen Garten. Ihn hatten die ersten Lebens­schicksale, die ersten Eindrücke, die er vom Menschen erhielt, scheu und zum Menschenhasser, überhaupt bösartig gemacht. Martino kam im Alter von wenigen Monaten in den Garten. Ein Abruzzen- bauer hatte ihn im Walde gefunden und aufgezogen un& brachte ihn dann dem Zoologischen Garten. An einer langen, überschweren Kette, die für einen Elefanten gut war, führte »der vielmehr zog er das kleine Vieh hinter sich her. Wollte es nicht, wie feini Herr, so bekam es Faustschläge an den Kopf oder Fußtritte!

Daß eine derartige Behandlung ein Tier mcyl bester macht, ist klar. Sm Garten wurde Martino dem bewährten und sehr tierliebenden Affenwärter Tomassino übergeben, einem Manne, der, wie so viele Staliener, unter rechter Anleitung ein warmes Herz und Verständnis für seine Tiere hat. Die Methode wurde nun natürlich eine andere. Martino wurde in einen Käfig voll Meerkatzen, Savaneraffen, Rasenbären und Dachsen gesetzt und lebte sich hier auch mit der Zeit ganz gut ein. Anfangs zog er sich vor allen unter den eigentümlich schmückenden Tönen, wie sie die Daren in Wut gemischt mit Angst von sich geben, zurück, und zwar immer auf den Baurn. Rachher befreundete er sich beson­ders mit den Dachsen, mit denen er häufig zusammen schlief.

Auf besondere Anweisung führte ihn der Wärter auch oft an einer leichten Kette spazieren. Dann hielt er in der Rechten einen Dambusstvck, den Martino in der Wut zerbiß. So fuhr er we­nigstens dem Wärter nicht in die Beine. Allmählich nahm er auch dem Wärter, aber nur diesem, im Käfig Dissen aus der Hand. Mit anderen Personen befreundete er sich nicht. Streicheln ließ er sich allerdings auch nicht von seinem Wärter. Rahe ans Gitter kam er nie, und da das Badebecken nahe an diesem war, badete er nur, wenn keine Menschen in der Rähe waren.

ilnfere Hoffnungen, daß Martino mit -der Zeit zahm werden würde, erfüllten sich nicht. Die Erinnerung an die in früher Sa­gend erlittenen Mißhandlungen saßen zu fest. Mchrtino blieb ein Menschenhasser.

Das wehrhafte Fräulein.

Don Friedrich Freksa.

(Fortsetzung.)

An der Türe zu ihrer Mutter Gemach habe sie angepocht, aber kein Herein sei erklungen, obwohl sie Schritte und Geräusche gehört. Habe sie sich verwundert und die Türe aufgestoßen. Da nun habe sie die Mutter mit heißem, rotem Gesicht, von Tränen überströmt, in den Armen des Sir Stuart Hamilton gesehen. Herr Stuart habe verzweifelt un& finster aufgeschmut als einer, der einen mörderischen Vorsatz faßt. Die Mutter fjabe ihn umschlungen und das Gesicht an seiner breiten Brust geborgen. Sie aber sei, unmäch­tig ein Wort zu sagen, hinausgegangen, um ihren Bruder aufzu­suchen.

Shn habe sie aufgefvrdert, Sir Stuart ob so ungeheuerlichen Schimpfes ritterlich zu fordern. Der Bruder aber habe sie abgewie­sen mit den Worten, sie sei ein törichtes Kind, wisse auch nichts vom Wesen der großen Welt. Sei die Mutter Herrn Stuart zu­getan, so habe die Tochter sich nicht darum zu kümmern. Wenn die Mutter es zugestehe, daß die Tochier Herrn Stuart heirate, so möge die Tochter dadurch ermeßen, wie groß die Liebe der Mutter zu ihr sei. Zum Beschluß habe der Bruder alle Tugenden des Sir Swart laut gepriesen.

Da sei sie fortgegangen, habe zusammengerafft, was ihr eigen sei an Schmuck und habe in den Mantelsack gerollt, was ihr zur Deckung von des Leibes Blöße von nöten sei. Dann habe sie sich ihres Baiers Degen und Pistolen genommen.

Mer als sie sich aufs Roß schwingen wollte, sei Herr Stuart dazugekommen und dem Pferde in die Zügel gefallen. Da habe sie blind eine Pistole beim Lauf gepackt und dem Engelschmann den Knauf zweimal ins Gesicht gehämmert, daß er hätte loslassen müssen und sich den Kopf halten vor Schmerz. So sei sie frei gekommen und durch das Tor hinausgeprescht in den aufbrausen­den Sturm. . .

Herr Sosias ergriff die kleine mutige Hand, die solches vvll- sührt hatte, und druckte sie fest. Es war ihm warm geworden ums Herz, dieweil nach dreißig Kriegsjahren sich noch solche Mädchen- zucht in deutschen Landen fände, trotz fremder Verderbnis.

Die Kussin ftanb am Fußende des Bettes. Die knorrigen, braunen Arme hatte sie unter der Brust gekreuzt und und sagte, während sie den Kops schüttelte, als das Fräulein seine Erzählung beendet hatte:Arm Kind, Arm Kind!"

Gottliebe von Herrenbruch aber war es leichter ums Herz ge- wvrden, da die Trauben ihres Schmerzes ausgepreßt waren. Wohl und heimlich war ihr zumute, trotz des Sturmes, der an das Haus rüttelte, trotz des kahlen Gemaches. Dankbar hielt sie die alten Hände des Herrn Sofias fest, während sich ihre Augen fchvn schlossen und sie nach den Leiden des Tages in den traumlosen Schlaf sank, den Gott so gern frischer und starker Sagend schenkt.

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Ein neuer Mensch bringt neues Geben mit sich. Diese alte Wahrheit erfuhr das Pfarrhaus in Emmspringe nach der Ankunft des Fräuleins Gottliebe von Herrenbruch. Wenn der Herr So­sias in seinem Studierzimmer saß, über die Predigt meditierte oder in alten Papieren Abrechnungen mit zitternden Händen nach­jagte, so ertappte er sich allzuoft bei dem Gedanken: Sieh einmal nach, tote es dem Fräulein ergeht. Zumeist fand er sie dann in einer Ecke im Dunkel sitzen, gegen das Licht des Fensters starrend wie ein gefangener Sperber. Ward sie ihres Wirtes gewahr, so zwang sie sich zu einem dankbaren Lächeln, das dem Herrn Sofias nicht allzusehr gefiel. Heiter ward sie nur, wenn die Kussin kam, die mit wenigen derben Worten auf sie einsprach.

Sie sah das Fräulein an mit den Blicken der alten erfahrenen Frau die Sugendkraft und Schönheit bei einem Mädchen neidlos