Jahrgang (92<
Samstag, den 2.Zebruar
Nummer S
Gietzener jamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Vergänglichkeit.
Dvn Hugo v. Hofmannsthak
Doch spür ich ihren atem aus den Wangen: Wie kann das fein, daß diese nahen tage Sort find, für immer fort und ganz vergangen? Dies ist ein ding das keiner voll aussinnt And viel zu grauenvoll als daß man klage: Daß alles gleitet und vorüberrinnt.
And daß mein eignes ich durch nicht- gehemmt Herüber glitt aus einem kleinen kind. Mir wie ein Hund unheimlich stumm und fremd. Dann: daß ich auch vor hundert jähren war And meine ahnen die im totenhernd Mit mir verwandt find wie mein eignes haar. So eins mit mir als wie mein eignes haar.
Hofmannsthal.
Zu feinem 50. Geburtstag, am 1. Februar, Don Dr. Paul Landau.
Di- Stellung Hofmannsthals in unserer heutigen Literatur ist merkwürdig und einzigar.ig. Don früher Jugend an mit dem Ruhmeskranz des gr.hn Dichers gekrönt, hat er in der reifsten Zeit sei res Lebens wenig mehr für diesen Ruhm getan und bleibt vorläufig in unserem Schrifttum der „junge Hofmannsthal", der Poet einer überreifen Schwermut und späten Romantik, als der er, kaum d-nr Kn-abenal.er entwachsen, zu Anfang des letzten Jahrzehnts des vv igen Jahrhnter s h-rvortrat. Sine „Gerichte Mio -leinen Dramen" aus dieser Frühzeit, die in einem kostbaren Dand des Jnselverlagrs gesammelt sind, umschließen einen unvergänglichen Schatz unserer Poesie und wirken noch heute mit einer ebenso betäubenden Süße und Anmut, wie damals als wir sie zuerst bewunder.en. Was der Dichter im letzten Jahrzehnt geschaffen, ist unbedeutend, wenn man es mit der Pracht dieser Juge.idschöpfungen vergleich': ein paar schöne schmiegsame Opern- texte, blasse preziose Theaterstücke, hie und da ein Gedicht. Aber in anderer Weise ist er nunmehr zu einer geistigen Macht geworden, nämlich als Verwalter des Kulturerbes deutscher Dichtung. In seinen Essays und Arteilen, in seinen Bekenntnissen und Aphorismen, in jeder flüchtigsten Aufzeichnung dieses großen vnllsten, liegt etwas von einer ästhetischen Weltanschauung und hohen Schönheitsanbetung die uns in den Tagen des Zusammenbruchs aller Werte besonders teuer ist. Jedes Wort, das Hvf- mannsthal schreibt, ist g ttragen von einer hohen und harmonischen Bildung, tote sie heu.e fast ganz verloren gegangen ist. Die Kraft des Racherlebens und des Reuformens des Geformten die seinem Dichten ve.hängaisvoll wurde, befähigt ihn zu seiner kulturellen Herrfcherpellung. und so lebt in ihm eine Macht die rhn zum „S atthal'er GoetheS" im heutigen Deutschland macht, zu ein®« weisen Magier, der die guten Genien der großen Ver- «a-S^heil zu neuem Dasein heraufzubeschwören vermag.
Die „Times' hat kürzlich in einer Besprechung des herrlichen rvK1.'$en Lesebuches", in dem Hofmanns thai das Reifste Md Reinste an deutscher Prosa gesammelt hat, gesagt, ein solches 2~'frattjeife besser als alles Reden die Kulturmission, die Deuts-.),sand in der Welt habe, zeig: die unvergänglichen ewigen vchätze, gie es der Menschheit geschenkt. And in seiner schlich- stclzen Vorrede hat Hofmannsthal selbst die Bedeutung die Größe eines solchen Werkes umschrieben. Hierher gehört auch die Herausgabe seiner neuen Zeitschrift „Deutsche Beiträge", in । Güter unseres Geisteslebens gesammelt werden und
rtn Jltoeau des Geschmacks von einsamer Höhe herrscht. Dem- flegemiter haben die letz'en Dichtungen, die er veröffentlicht, "Wt viel zu bedeuten. Seit fast 20 Jahren, seit er in dem ^Eretteten Venedig" das Werk des Engländers Otway gearbeitete. hat er sich immer wieder an fremde Stoffe und fremde Sonnen ang lehnt, so auch in der grandiosen, gewaltsam über- sl^-rnden „Elektra", so in seinen beiden besten größeren bra« manschen Dichtungen, dem vielaespielten „Jedermann" und
Sem Ealderonische Mo i'oe tiefsinnig verwertenden, aber doch Spielerische streifenden „Großen Wel t t he a t e r".
lV ^Esem letzten Werk lenkt der Dichter zu Gestaltungen » rua, wie sie tbm blutvoller und reicher in dem DLmmerunge«
der Jugend auftauchten, und was schön aus diesen letzten Werke« klingt, ist doch nur jene ergreifende Melodie der Frühwerke, di« einen neuen zilte-mden Seelenton in unsere Dichtung gebracht haben. Hofmannsthal ist trotz all seiner dramatischen Versuche, trotz einzelner schöner Erzählungen, die er uns gespendet, doch im Kerne nur Lyriker, und so tritt uns der Zauber feines Schöpfung am stärksten in der Sammlung seiner „Gedichte^ entgegen, die vor kurzem im Insel-Verlag erschienen ist.
_ 2lls der !8jährige Hofmannschal 1892 das Bruchstück „Der Tod d e s T i z i a n“ veröffen lichte, da brach eine neue Epoche in unserer Literatur an. Aeber die trübe Grau in Grau-Malerei
Raturalrsm'as triumphierten leuchtende Farbenfanfaren von tizianischem Gold, über die mühselige Rachahmung der Amgangs-- fprache hymnische Rhythmen edelster Worttunst. Das wundersam« und scheinbar VoraussetzungSlose Auftreten des jungen „Loris*, wie er sich nannte, erklärt sich uns heute rückblickend aus jenen Keimen, die damals schon in der Kunst Georges und der Stimmung einzelner Wiener hrrdorbrachen. 3m Grunde genommen aver war diese Poesie „der halb erwehten Klänge, der unerfahren ften Farbe« des Verlangens", schimmernd vom „Schmelz der ungelebten Dinge, altkluger Weisheit voll und frühen Zweifels", mit der die Aeuromantik in Deutschland begann, eine Parallel- erfchmnung zu den Strömungen, die in Frankreich von Maeterlinck aufg nommen wurde. Sin Auflösen der ganzen Welt in Schönheit, ein Betrachten alles Geschaffenen unter dem einen Gesichtswinkel des Aesthetischen, das was das Evangelium der reine» Kunst, das der junge Hofmanns-Hal predigte. Richt am Leben und an der Aatur entzündete sich sein Lebens- und Aatu-gefühl sondern an den inneren Visionen und an den künstlichen Dingen seiner Amwelt. Müde von der doppelten Last des Vergangenen und der Kunst blickte der Dichter, der Erbe vieler Geschlechter und Gefühle, auf das Dasein, das ihm nur im Bilde, nur durch dis Storm Gestalt und Wirklichkeit gerinnen konnte. Daher sind ihm vie Erscheinungen des Lebens Schatten eines Traums, Marionette« eines Puppenspiels, bunt sprühende Tropfen eines im etotgen -WechsZ und Wandel Kerstiebenten Springbrunnenstrahles. Mil einer rn'ellektuellm Lust versenkte sich der junge Hofmannsthal in die g ästigen Qualen und übe.sin ilichrn Verzückungen der Menschen seiner Zeit, und diese unkörperlichrn Schwebungen des Gefühls schilderte er in möglichst plastischen, von allem Glanz der Erve umwobenen Bildern. Wir würden hru'e fügen, daß die eine Kunst ist. die auf die Grundlage einer impressionistischen Weltanschauung des Expressionismus trotte ei e'e, und tatsächlich ist die jung: Genera ion der Dich'ung. die im 20. Jahrhundert ter» aufkam. von seiner Kunst stark beeinflußt worden.
Die bew. ß e Abkehr von „allen Zeugen menschlicher Bedürftig eit“, d:r Gegenstoß gegen den Raturalismus, die vollkommene Ve.ach/urg dw Wirklich leit, wie sie Hofmannsthal mit unvergänglicher Intensität und Grazie festgebalten, führte zu jenem tief« erlebten tragischen Konflikt, dessen Typus er in dem Claudw fcon .,D e r Tor und der Tod" aufgestellt hack 3n dieser er« g-eisenden Gestalt ist die Wesenheit einer ganzen Generation fest« gehilten, die Anfähigkcit des Erlebens, die schrudervolle Ichsucht, die aus dem Gefäß ter eigenen Persönlichkeit vergebens er andere überzuströmen sucht. Dramatisch ist in dieser Jugenddichtti rg nur die ganz äußerliche Form, sonst ist alles lyrisch, auch in den „Kleinen Dramen", mit denen Hofmannsthal eine neue Form schuf. Am höchsten stehen wohl seine Gedich e. deren blühende Wortpracht an die Sprachkunst des alten Goethe anknüpft und die bald anmutig und leicht wie ein Liedchen ter Anthologie erklingen, bald rätselhaft-tief wie eine Hymne Pinda r s, dann wieder klar und rein tote ein Sonett Petra« cas oder mag'sch-geheimnisvvll wie ein Gedicht der chinesischen Lyrik. Daneben stehen die „Gestalten", die sich- als harmonisch ruhende Reliefs vom Hintergrund der Versuche abheben, die „Prologe u n d T ra uer reden" .Meisterwerke einer hochge« stimmten, feierlich hinraufchenden Festdichtung die „V o r s p i e le", die bedeutsamen Anlässen aus dem Bereich der Bühne ihre Entstehung verdanken. Anter den „Dramen" hält sich der wundersame Monolog der „Frau im Fenster", dem „Tod des Tizian* am nächsten: das Visionäre von „Tor und Tod" lebt in den fiebrig-lebendigen, purpurn glühenden Trophäen von „Der Kaiser und die Hexe“, in denen bereits dir Melodik drS „Großen We l t t hea te r s" angeschlagen wird. Die psychologische Vertiefung des graziösen Zwischenspiels „Der weiße Fächer" weist auf „Christinas Heimreise" hin. und die Mystische MLrchenstimmuag st» „Bergwerk von Falun"


