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Oie Klingel tönte. Der Dicker ui engte eine Bewegung, um die ein tretende Kundin zu bedienen.
Wer die Klaudi war schon hinter dem Ladentisch.
Die fretnde Frau wollte Krankenbrot haben; ganz leicht verdaulich müßte es sein.
Wieder machte der Bäcker einen Schritt. Auch Frau Stine wollte eingrerfen.
Aber die Klaudi gab- Bescheid. Zwiebäcke sollte sie nehmen, die Kundin. Das set sehr gut für Kranke.
„Woher weißt du denn das?" fragte die Käuferin belustigt.
„Bon selber," sagte die Klaudi und lachte nicht; es war ihr auch gar nicht zum Lachen.
Aber durch das Ladenfenster fiel ein bleicher Sonnenstrahl und war wie das Licht eines Scheinwerfers. Er umlenchtete die Gestalt der Klaudi, fadenscheiniges Kleid, Flickstrümpfe, plumpe Schuhe, schmale Hände und altkluges Gesicht. Ein wissender Zug war in diesem. And doch war es jung. And- man bekam, wenn man es sah, Lust, den blonden Kopf zwischen die Hände zu nehmen und —
Der Bäcker Hausammann schlurfte hinaus und begann in der Backstube Blätterteig zu kneten. Er ärgerte sich nicht mehr, daß der Geselle krank war und die Frau nicht wie sie sein sollte. Es war ihm merkwürdig znmut. Leise und vergnügt begann er vor sich hin zu pfeifen.
Frau Stine nahm ihren Platz am Ladentisch ein. Bun verkauften da zwei. Die Frau begann, das Kind allerlei zu lehren. Aber zuweilen war es, als sei es umgekehrt, und Frau Stines Blick streifte von der Seite scheu die Züge der Klaudi.
Die blasse Sonne im Fenster wurde hell, taghell.
Das wehrhafte Fräulein.
Bon Friedrich Freksa*).
(Fortsetzung.)
Sn dieser ganzen Zeit stand Herr Josias, der bei alledem nichts zu tun vermochte, da es die Kufsin nicht litt, voll Mitgefühl und ratlos neben dem Lager. Des öfteren wanderte der Leuchter, den er hielt, von der rechten Hand in die Linke.
Leide, die Katze, saß am Fußende des Bettes und schaute mit schiefein Kopfe ein wenig mißtrauisch den neuaufgenommenenHaus- genossen an. Jammer lag zur Seite des Bettes und beroch sorgsam die herabgesunkene Hand des Fräuleins, als wolle er sich Über den Charakter des Gastes klar werden.
Während die Kufsin in der Küche und am Bette hantierte, war Herr Josias nur der Betrachtung dieses Bildes hingegeben. Gemach Überkam ihn das Gefühl von der Schönheit dieses trotzigen Mädchengesichts. Königlich ruhte der Kopf im reichsten Kissen, das gebildet war durch die aufgelösten Flechten des Üppigen, braungoldenen Haares. Der schlanke Körper zeichnete sich unter den wollenen Decken ab. Schwerlich hätte ein Fremder, der in die Kammer getreten wäre, vermeint, die Gestalt eines Mädchens zu sehen, hätten es nicht die beiden kleinen Füß-e verraten in den Minuten, da sie die Kuffin mit ihren braunen Händen fast zärtlich strich und- rieb.
Fünf Jahre zuvor hatte der Pfarrherr der Jungfrau den notwendigsten Airterricht in des Doktor Martini Katechismus und der Bibel erteilt. Seitdem hatte er das Fräulein selten und nur von ferne gesehen, da sie den Besuch der Stadt mied. Doch war es in Emmspringe bekannt, daß sie tagelang auf ihrem Bosse durch Wald und Wiese klepverte, ohne Begleitung, ohne Schuh.
Sie verließ sich auf sich selbst und- ihre Schießfertigkeit. Daß sie das tun durfte, hatte sie eines Abends vor den geschlossenen Stadttoren bewiesen, als sie sich siegreich mit den Halfterpistolen marodierende Soldaten vom Leibe hielt. Bon ihrer Kühnheit und Gewandtheit, von ihrer Sinnenfchärfe und ihrem Jagdeifer konnte der alte Förster von Herrenbruch nicht genug erzählen, wenn einmal im Goldenen Horn auf das Fräulein die Rede kam.
Doch waren diese wehrhaften Tugenden nichts Sonderliches bei den Frauen von Herrenbruch. Hatte doch selbst noch vor acht Jahren das fünfzig Jahre alte Fräulein Mathilde von Herrenbruch, die ältere Schwester des bei Bördlingen gefallenen Schloßherrn, das feste Haus mit den Knechten und Mägden gegen einen Heerhaufen schwedischer Böller siegreich verteidigt. Bei einem Ausfall, dessen die Schweden sich nicht versahen, hatte das Fräulein sogar den Führer der Schar, den Kapitän Sir Stuart Hamilton, der verwundet liegen geblieben war, gefangen. Fast ein Jahr lang krankte dieser Gefangene, den das kühne Fräulein um ihrer Ehre willen ritterlich hielt, an seinen Wunden. Gr war noch nicht gesundet, als seine Besiegerin selbst von einer schnellen, fiebrigen Seuche dahingerafft wurde. Als er endlich genesen war, betrachtete die Schlvßherrin, Frau Magdalis, den Gefangenen schon längst als einen ließen Gast. Er war in guter Freundschaft mit dem sechzehnjährigen Jungherrn Gustav Friedrich verbunden, mit dem er fischte und jagte nach Engländerart, den er die feineren Künste des Fechtens lehrte und den Gebrauch der französischen Sprache.
Die Kenntnis dieser Sprache besonders war es, die Frau Magdalis für den Fremden einnahm. Sie entstammte einem Geschlecht, das im Rheinlande faß und durch Gastfreundschaft und Bersippung mit den westlichen Bachbarn verbunden war. So war es natürlich bei ihr, daß sie Freude an dem altmodischen Wesen
welscher Art hatte, weil Erinnerungen an ihre Jugendzeit dadurch erweckt wurden.
In den Jahren des Krieges war sie einsam geworden. Ihren Gemahl hatte es hinausgetrieben ins Feld, ebensosehr aus Freude an Abenteuern und- Kampf, als aus der gebieterischen Botwendig- keit, Beutegut zur Stärkung des heimatlichen Besitzes zu erlangen. Der große Krieg war für dieses Menschengeschlecht nichts anderes als ein gutes, ehrsames Geschäft, in dem der tüchtige Mann, wie in jedem anderen Gewerbe, den verdienten Lohn empfängt, während- der Antüchtige unter die Füße getreten wird, was auch sonst im Menschenleben als Gesetz gilt.
Sir Stuart aber war zum Glücksürv-alier geworden, als Cromwell die Königsherrschaft in England zermalmt hatte. Don seinem Bermögen war ihm nicht viel mehr geblieben als sein Schwert. Die unverhoffte Ruhe, die er als Gefangener in Herrenbruch fand-, tat ihm Wohl. Sich freizukausen, hätte er nie vermocht. So entfaltete er denn seine natürliche Liebenswürdigkeit, um aus feiner Lage möglichst großen Butzen zu ziehen. Er hatte Ruhe und Gelassenheit, die ein wechselvolles Leben in starken Baturen erzeugt. Als er seine Kräfte zurückgewonnen hatte, erschien er trotz seiner vierzig Jahre als schlanker, geschmeidiger Kavalier. Das lange, straffe, dunkle Haar, dicke Brauen über den großen, stahlgrauen Augen und der Schw-edenbart verliehen dem sehnigen dunklen Gesicht einen sonderlichen Reiz. Es war kein Wunder, daß der her- anwachseird-e Jungherr, dessen Träume von kriegerischen Bildern erfüllt waren, den englischen Herrn wie einen Abgott liebte. Erzählte er ihm doch von seinen Feldzügen am Rhein unter Bernhard- von Weimar, von den Kavalierschlachten in England unter dem Prinzen Rupprecht von der Pfalz, von den Biederlagen gegen die Eigenseiten Cromwells, von der Enthauptung des Königs Karl.
Frau Magdalis berichtete er von den üppigen Festen am Hofe des englischen Königs. Gr beschrieb Kleider und Haartracht der Damen, die von der Freifrau auf Herrenbruch nachgeahmt wurden, erzählte von den französischen Sitten und ward so unmerllich ein unentbehrlicher Freund-. Die Dame von Herrenbruch zitterte bei dem Gedanken, daß- der lieb-gewvrdene Fremde das Haus verlassen könne. Bach drei Jahren schaltete Sir Stuart im Schlosse als unumschränkter Herr. Als er mit den Führern durchziehender Kriegs- scharen in geschickter Berhand-lungen für die umliegenden Ortschaften Erleichterungen und- Befreiung erwirkt hatte, galt er als der natürliche Führer der Landschaft. In der ganzen Amgebung gab es keinen Herrn, der ihn nicht geachtet, gefürchtet oder geliebt hätte. ।
Also war es um das Haris Herrenbruch bestellt, als an jenem Abend mit dem Herbststurm die Friedensbotschaft durch das deutsche Land- brauste und das Fräulein Got li be ohnmächtig neben ihrem Pferde vor der Pforte des Pfarrhauses gefunden ward. Die fürsorglichen Bemühungen der Kuffin waren nicht vergebens gewesen. Gemach hatte das Fräulein seine Kraft wiedergefunden. Als ihre Augen, die zunächst wie tote Spiegel das Bild des Raumes ausnahmen, von innerem B-ewußtseinslük) erhellt, Herrn Josias Rvttner erkannten, reckte Gottliebe in plötzlicher, freier Bewegung die Arme aus, umschlang die Schultenr des alten Mannes, zog ihn zu sich herab- und sagte: „Ihr seid milde zu mir, Pfarrherr, die Milde heischt Bertrauen. Will Euch drum erzählen, warum ich wie ein flüchtig Wanderweib zu Euch geraten bin. Aber lasset mir Zeit, da mir's noch wirr im Kopfe ist und die Gedanken mir entrinnen, wenn ich sie haschen will."
Ist einem jungen Menschenkind das Herz voll und schwer und sind um dieses Menschenkind gütige, alte Hürde besorgt, forschen keine neugierigen, dringlichen Stimmen nach dem Kummer, sondern lassen Ruhe und Bachsicht die Schmerzen und Leiden fein satt und reif werden, wie Trauben in der Sonne, so fallen nachher die Worte gemach von selbst aus der Traube jugendlichen Leides, wie überreif e Beeren von den Reben.
So antwortete Herr Josias auf den plötzlichen Ausbruch des Fräulein Gottliebe mit einem Schweigen der Lippen, aber die guten alten Augen sprachen um so mehr. Sie sagten: Du bist hier Gast. Wir wünschen nichts von dir und deinen Geheimnissen! zu wiston, doch wenn es dir wohl tut, so sprich!
Die Kuffin, die aus ihren HvlzsHuhen geschloffen war, ging unhörbar auf nackten Sohlen ab und zu. Jammer der Hund sch-aute mit großen, glänzenden Augen starr, wie arrs Stein gehauen, zu dem Mädchen empor. Bur Leide, die Katze, die sich zur Kugel geballt hatte, schnurrte am Fußende des Bettes leise ermunternd.
Während- das Fräulein wohlige Wärme durchdrang, verblich ihr die Gegenwart zum Traum, in den das Vergangene wie der Traum eines Traumes schattete, ßangfam lösten sich die Worte von' ihren Lippen, als suche sie entschwindende Bilder mit dem Bebe der Erzählung einzufangen.
Schon lange habe sie eine Abneigung gegen Sir Stuart Hamilton gehegt. Sie hab-e sich seine höfische Art gegen die Mutter und- andere Herren und Damen vom Adel iricht zusammenreimen können mit der Roheit gegen Knechte und Mägde. Mit der Faust habe er die jungen Burschen, die ihm nicht gehorchen wollten, ins Gesicht geschlagen, den Mächten habe er Backenstreiche gegeben oder auch wohl die Reitpeitsche über die nackten Waden gezogen. Sei er ihr genaht, so habe sie immer ein Gänsehäutlein gefühlt, so ihr über Schultern und Arme gekrochen. Als Keines Juirgsräulein hätte sie den Herrn Stuart noch meiden können, und daß Mutter und Bruder, die von dem Engelschnrmrn ganz bezaubert getoefen


