Eichener ZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

Jahrgang <924 Samstag, den November Nummer 49

Meine Toten.

Von Karl Berner.

Ihr laßt mich nicht, und ich kann euch nicht lassen Ihr bliebt euch selber treu und eurer Pflicht: Ihr kanntet die geschminkte Lüge nicht Und suchtet nicht das Heil auf Markt und Gassen.

So wolle Gott, daß wir zusammenpassen!

Ihr lebtet euer Leben stark und schlicht Und seid mir selber Spiegel und Gericht, Wenn alle Farben dieser Welt verblassen.

Ihr spendet Stille mir, wenn and're lärmen, Und steten Sinn im wilden Rarrentreiben, Ihr schenkt das Lachen mir zu meinem wpott

Ich werde nicht für neue Götter schwärmen: Wie meine Toten waren, will ich bleiben Er ist mir gut genug, der alte Gott.

Schranke der Unsichtbarkeit getrennt sein, so wird dieser Grub der Liebe die Hinübergegangenen erreichen.

Der Weltkrieg hat d>em Tag von Allerseelen eine andere ernste Bedeutung g g Len. Lieber zehn Millionen junge; Menschenbrüder ruhem über die Welt zerstreut als Opfer ihrer Treue und Dater- landsliebe in meist verschollenen Gräbern, überdeckt von Granaten- splittern und Stacheldraht. Hier und da erheben sich Wälder von einfachen Hvlzkreuzen, die mit Aufhäufungen verfallener Schühen- ga&en abwechseln. Wenn jetzt die Rovemberstürme darüber Hin­wegfegen, und die kalten Regengüsse die Feldwege aufweichen und ungangbar machen, so bleiben die Kriegergräber in starrer Einsam­keit und werden, wenn die Hvlzkreuze vermodert sind, von kommen­den Generationen vergessen sein. Lebendig aber bleibt das An­denken und die Opfertat. ein heiliges Memento am Tage von Allerseelen, der den Verschiedenen geweiht ist. Im Westen sind die Sparen der Schlachtfelder mehr oder weniger verwischt worden, an manchen Orten sind gepflegte Friedhöfe für die Gefallenen ent­standen, im Osten aber, am Rande der Sümpfe von Pinsk, an den Hügeln bei Darrowice, in den Wäldern von Polen und Litauen lie­gen die Totenfelder zum groben Teile unberührt, so wie sie nach den Schlachten entstanden find und beim großen Rückzüge verlassen wurden. Reben ihnen pflügt der Bauer sein Feld und er macht schon lange keinen Unterschied mehr, ob Freund oder Feind dort in der Erde ruht, bald wird er feine Furchen gleichmäßig über die Massengräber ziehen und die neue Saat auswerfen, und wenn in den Dorfkirchen jetzt das Tvtenamt gelesen wird, so gilt es den Seelen der Deutschen und Russen und ihrem Frieden in einer bes­seren Welt. Allerseelen wird zum Tage des Friedens und mahnt die Menschheit an die Vergänglichkeit trennender Feindschaften in irdischer Größe.

In den Städten des Ostens ist es anders. In der einst mäch­tigen russischen Festung Kowno, die von den deutschen Truppen im Sturm genommen wurde, ruhen die Gebeine der Soldaten und Offiziere in geweihter Erde unter Steinkreuzen. Die Litauer, denen Stadt und Land heute gehören und die ihr junges Reich auf den Trümmern des Weltkrieges neu aufrichteten, haben für die Gefalle­nen kein anderes Gefühl, als das der Achtung. Sie, bei denen die Liebe zum Vaterlande Religion ist, lassen die Messe auch für die Seelen ruhe der gefallenen Deutschen gelten, wenn die Truppen vor dem Freiheitsdenkmal vor dem Arsenal aufziehen unö das Kom­mando zum Abnehmen der Mützen und zum Gebet gegeben wird. Vielleicht mehr noch als in Litauen liegt über den Soldatengräbern in Finland eine geheiligte Weihe der Erinnerung, ein äußeres Zeichen dafür sind die vielen Kränze und frischen Blumen, die die Brüderfriedhöfe alljährlich schmücken.

De Maistre nennt die Zeitden Minister Gottes auf Erden". Montlofier sagt, daß die Zeit die oberste Gottheit der Politik sei. Durch Jahrtausende webt die Geschichte und lehrt uns wie das Heute die Formen des Gestern zerschlägt, wie Völker, Staaten' und Menschen entstehen und vergehen, wie der tiefere Sinn des Lebens nicht in der Welt des Scheins, liegt. Wir werden im An­blick der Ewigkeit bescheiden und sehen, daß die Anbetung irdischer Güter Götzendienst ist. Fürst und Bettler streben gleichermaßen da­nach, dem rinnenden Augenblick zu entfliehen. Die Selbstzucht kann weise werden, sobald sie einen überindividuellen Zeitraum ins Auge faßt und sich um der Zukunft willen Opfer auferlegt. Die Zeit, am Irdischen gemessen, fordert und erzwingt die Abrüstung alter Feindschaften, birgt aber stets den Keim zu neuen in sich, denn die Fortentwicklung entsteht aus dem Auseinanderprallen der Gegen­sätze. Im Vergleich zur Ewigkeit wird sie Chimäre und Täuschung, ein Vorhang vor der Gottheit und vor der Erkenntnis der gött­lichen Liebe. Der Totentag soll uns ein feierliches Memento mvri zurufen und soll die Gläubigen daran mahnen, daß ihr Leben auf die Einigkeit abgestimmt ist. Die Erkenntnis, die am Allerseelen­tage aufdämmert, müßte stets im Llrgrunde des Bewußtseins, bei all den Verrichtungen des täglichen Lebens, lebendig bleiben.

DKS Kleins Ladenmädchen.

Skizze von Ernst Zahn.

Zwei Stufen ging es in den sauberen Bäckerladen hinab. Reben der Tür war ein Schaufenster mit ein paar Broten, ein paar Brötchen und vielem Raschwerk. An der Tür befand sich eine Glocke, die den Eintritt jedes Kunden nach der hinter dem Laden gelegenen Backstube meldete. Ein aufmerksamer Zuhörer hätte aus ihrem Bimmeln allerlei heraushören können. Denn

Allerseelen.

Von E. von Llngern-Stern berg.

Es ist nicht sinngerecht, daß man den Gedenktag für die Toten mit dem Herbst zusammensallen läßt, wenn die kalten Stürme die letzten gelben Blätter von den Bäumen schütteln, wenn die Erde schwarz und kahl daliegt und keine Ernte mehr verspricht. Für den, der an die Unsterblichkeit glaubt, ist Allerseelen ein Fest der Weihe und Liebe, an dem keine traurigen Gedanken Platz finden sollten denn sie wären egoistische Fühlen, Linser Aller Weg mün­det im Tvtenlande, es ist das Ziel der Crdenwanderung, und wenn unsere Lieben, die die dunkele Schwelle, bie uns von ihnen trennt, bereits überschritten haben, so dürfen sie unsere Tränen nicht mehr zurückrufen. .. ,

Wenn die Lleberlebenden mit Kränzen und Blumen auf den Friedhof pilgern, die Gräber pflegen, und Moos und Immortellen aus den Hügeln niederlegen, so vergessen viele, daß es ja nicht die Verstorbenen sind, die dort in der Erde ruhen, sondern nur ihre irdischen Lieberreste, Staub vom Staube der vergeht und verweht, und von dem nach toenigen Jahren gar nichts mehr übrig bleibt Der Friedhof skull'is in seiner naiven Linmittelbarkeit ist ein Aus­druck der Pietät für die Herübergegangenen und eine fromme Ge­wohnheit der Lleberlebenden, der aber nicht im tieferen religiösen Empfinden seine "^Htfertigung findet. Die fromme Witwe, die am Grabe ihres 'Ufern neS trauert und weint, die Tochter, die um das Kreuz am Grabhügel ihrer Mutter jeden Morgen einen fri­schen Blumenkranz windet, handeln hübsch, aber nicht christlich, sagt doch Christus:Laßt die Toten ihre Toten begraben! Der Aberglaube und das Märchen lassen den Kirchhof als Statte des Grauens erscheinen. Skelette tanzen in fahler Mondbeleuchtung über den Gräbern, Dämonen und Hexen hocken im Hintergründe, Vampire suchen nach ihrer ekelen Aahrung, aber all dieser Racht- spuk verschwindet beim erften Sonnenstrahl, wenn der Hahn kräht, den die Gespenster fürchten.

Allerseelen ist eigentlich ein Fest der katholischen Kirche, es ist eng mit der Lehre vom Fegefeuer verbunden. Zum erstenmal wurde es im Kloster von Clugny im Jahre 993 vom Abt Odilck eingeführt, der ein feierliches Totenamt für alle im Fegefeuer schmachtenden Seelen abhalten ließ.. Papst Sylvester der Zweite empfahl dann der gesamten Kirch- wenige Jahre darauf, das Fest von Allerseelen einzuhalten, Totenmessen zu lesen unb auf den Kirchhöfen die ©räßer mit Weihwasser zu besprengen. So ist es dearn auch besonders in den katholischen Ländern, wo der Glaube an das Fegefeuer, an Engel und Dämonen, an Wunder und an die geistige Macht der Priester, lebendiger geblieben ist, daß der Tag von Allerseelen seine tiefere Bedeutung bewahrt hat. Es ist der Tag des Fürbetens für die Verschiedenen. In den hochgewölbten Kathedralen der südlichen Länder, dort, wo der naive Glaube noch durch keine Aufklärung verfälscht wurde, drängen sich unter die Betenden überall Priester in einfachem schwarzen Talar ohne Or­nat und flüstern gegen ein kleines Entgelt, das ihnen diskret in die Hand gedrückt wird, Gebete zum besten der im Fegefeuer sich läu­ternden Lieben. Lind die Priester und die Spender der Pesata glauben an die Wunderkraft der Fürbitte. Sollten aber Diesseits und Jenseits, wie es manche Religionen, Spiritisten und Okkultisten lehren, nebeneinander bestehen und nur durch eine imaginäre