Ausgabe 
30.9.1923
 
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Auf dem Friedhof zu Frankfurt aber stehen auf dem nörd­lichen Felde noch heute die Denkmäler der damals beim Barri­kadenkampf gefallenen Soldaten und Aufständischen. Der letzteren Maren es 31. Sie fielen auf den Barrikaden in den Straßen zu Vewen Seiten der Zeil: in der Friedberger Straße und ihrer Fortsetzung jenseits der Zeil, der Fahrgas ss bis zur alten Main­brücke: an den Mündungen der beiden westlich auf die Fahrgasse rechtwinklig zulausenden Straßen: der Töngesgasse mit dem Lieb» frauenberg und der Schnurgasse,' dazu noch beiderseits der Fähr­gasse: in der Hafengasse und der Ällerheiligenstratze.

Was hatte denn nun aber der so unmenschlich hingemetzrlte Fürst Lichinowsky verbrochen? Wie v. Auerswald, so hatte auch er nichts, gar nichts verbrochen. Als Mitglied der Rechten des Parlaments war er einer der geistig äleberlegensten in der ganzen Paulskirche, und darum freilich, ein Schrecken für alle geistig Beschränkten, die daran verzweifelten, ihm in der freien Rede irgend etwas anhaben zu können. Mit einschneidender Schärfe war er den demokratischen, ja revolutionären Bestrebungen der Linken unablässig entgegengetreten. Darum hatten ihn die Führer der revolutionären Demokratie den niederen Volksklassen in Wort, Schrift und Bild als den vorzüglichsten Gegenstand ihres Hasses bezeichnet, als den hauptsächlichsten Träger der volksverräterischen Absichten der Rechten stets geschildert. Da war denn die politische Stockblindheit, die gänzliche Ärteilslosig- feit der breiten Massen der fette Boden, in dem diese Wühlerei gedeihen und üppig wuchern konnte. Es ist daher ein unauslösch­liches Brandmal, daß ein Ehrenmann, dazu erwählt und gesandt, um eine freie Äeberzeugung durch freies Wort in der Rational­versammlung geltend zu machen, unt dieser Freiheit der Heber« zeugung und des Wortes willen so feig und so ehrlos hat er­würgt werden können, und daß, wie es damals überall geschah, die Partei der Revolutionäre in lauten Jubel über diesen, von feigen Meuchelmördern und ehrlosen Mordbuben begangenen Greuel ausbrechen konnte.

Als dann am Tage nach, den beiden Mordtaten die Berhaf- tungen begannen, da entflohen diese feigen und ehrlosen Mord­buben ins Ausland: nach Paris, nach London und nach der Schweiz. Dazu kam dann, daß die ausländischen Regierungen wenig geneigt waren, Schritte zur Verhaftung der seit 1848 steckbrieflich Verfolgten zu tun, und noch weniger zu deren Aus- lieserung bereit waren. So war durch Passagiere sestgestellt worden, daß die Mörder der beiden Abgeordneten auf dem Dampfboot von Mannheim nach Straßburg mit ihren Taten geprahlt hätten. Als dann in Erfahrung gebracht worden war, daß sich ein Hauptverdächtigter, der Etuifabrikant Rispel aus Bocketzheim, in Paris aufhalte, und als dieser bereits am 25. No­vember 1849 ergriffen worden war, war es trotz diplomatischer Verwendung behufs der Erwirkung seiner Auslieferung nicht zu erreichen, daß er früher als am 1. August 1850 in Frankfurt ankam. Nachdem er dann zu 14jähriger Zuchthausstrafe ver­urteilt worden war, erhängte er sich, in seinem Gefängnisse zu Frankfurt.

Alle in dieser Darstellung gemachten Angaben beruhen auf den eidlichen Zeugenaussagen der mir im Druck vorliegenden Gerichtsverhandlungen.

Ich schließe mit des Dichters Wort:

Verdeblich, ist des Tigers Zahn: Jedoch der schrecklichste der Schrecken Das ist der- Mensch in seinem Wahn.

Vom deutschen DolKsheiligen.

Von Franz Wichmann (München).

Dem Erzengel Michael ist es bei den Deutschen ähnlich ergangen wie unserm Herrgott bei den Franzosen. Der zeitweilige Sinn ihrer Beziehungen zu den beiden Völkern hat sich mit der Zeit fast in ihr Gegenteil verkehrt. Wenn wir die Redensart: Wie Gott in Frankreich leben" Höven, so stellen sich die meisten ein herrliches Leben vor. Gerade das älmgekehrte aber will die sprichwörtliche Redensart bezei Hn«i, denn der Herrgott, der zur Zeit der großen Revolution entitteont und durch die Göttin der Vernunft ersetzt wurde, hatte nirgends ein so unsicheres und wechselvolles Leben wie in Frankreich

Ebenso widersinnig erwachs bei Nennung des deutschen Michel in unserm Geiste das Bild eines plumpen, trägen, verträumten Menschen mit der Zipfelmütze über den Ohren, die symbolisierte Selbstironisierung unseres Volkes, wo uns doch ein strahlender Kriegsheld vor Augen stehen sollte. Denn nur ein solcher wurde ursprünglich, unter dem deutschen Michel verstanden.

Einst waren die Germanen ihren Göttern Wodan und Thor in die Schlacht gefolgt. Als diese dem Ghristentum weichen muß­ten, da gefiel jenen unter den himmlischen Helden am besten der streitbare St. Michael. Sie sahen in ihm den leuchtenden Gottes­kämpfer, der einst Luzifer in die Hölle gestoßen und mit dem feurigen Schwert die Dämonen der Tiefe schlug. Schon im Alten Testament war er dem jüdischen Volk, sobald es mit übermächtigen Feinden zu tun hatte, als Schutzengel erschienen. Ihm ward nach der Sage die Bestattung der Seidy; Mosis übertragen, und unt der frommen Pflicht zu genügen, muhte er erst einen harten

Strauß mit dem Satan bestehen. Auch die Apokalypse des Jo­hannes sah in ihm den Besieger höllischer Mächte, das Sinnbild des Lichtes int Kampfe mit der Finsternis, und so konnte sich unser Volk feinen himmlischen Schutz nur zur Ehre anrechnen. Die deutschen Siege gegen die Hunnen dienten dazu, den Glauben an seine Ws reiche Macht zu stärken. In der Schlacht an der Austritt ward 933 sein Banner vorangetragen und ebenso führte 955 Kaiser Otto auf dem Lechfeld das Bild des Heiligen aus seinen Fahnen.Da kommt der deutsche Michel!" war zum Schreckruf der Feinde geworden, wenn sie die Reichssahne mit dem Erzengel auf dem Schlachtfelde nähen sahen.

Die weise Schonung des Volksempfindens durch, Papst Gregor hatte den lichten Heiligen an die Stelle des alten Wodan treten lassen. Wie jener den finsteren Winter verjagte, besiegte dieser den höllischen Drachen, und das altheidnische Ernte-Osterfest ging über in den Feiertag St. Michaels am 29. September. Viel trug dieses Fest zu dessen wachsender Volkstümlich,leit bei. Wo einst die Opferaltäve der alten Götter gestanden, erhoben sich aus freien Dergeshöhen zu feinen Ehren Kirchen und Kapellen, lateinische Hymnen und deutsche Volkslieder entstanden zu seinem Lobe, und hatten einst die Kriegsleute mit Vorliebe ihre Söhne auf seinen Namen getauft, so taten das gleiche jetzt auch, die Bauern. Für diese bildzte der Michaelstag bald einen der wichtigsten Zeit­abschnitte, an dem der Pachtzins gezahlt wurde, das sommerliche Arbeitsjahr abschloß und die Dienstboten neue Stellen suchten. Der Name Michel aber itähm in bäuerlichen Kreisen dermaßen zu, daß man bald Öamit schlechtweg den deutschen Landmann überhaupt bezeichnete.

Der Spott aus ben deutschen Michel ist zweisellos zuerst im feindlich gesinnten Ausland entstanden, man verstand dar­unter, wie heute unter dem neuen SchimpfwortBoche" einen tölpelhaft, bäurisch ungeschickten Menschen. 3m 15. Jahrhundert hatte der Rame bereits in der Literatur Eingang gefunden, denn wir begegnen ihm bei Sebastian Franck, in Grimmelshausens Simplicissimus", derZimmerschen Chronik", und drei Jahr­hunderte später fällt unseren Klassikern Lessing, Goethe uab anderen das zweifelhafte Verdienst zu, die Bezeichnung eben- falls in dem völlig entstellten Sinne zu gebrauchen. Der Ge- Ishrtenstolz gegenüber dem bäuerlichen, ungebildeten Stande kam darin zum Ausdruck, und die seltsamen, bei allen Völkern nach­weisbare Degradierung der Sprache, die Worte von ursprüng­lich heiliger und ehrenvoller Bedeutung immer mehr entweiht und zuletzt in den Schmutz der Gasse wirft, tat wohl ein übriges, diese Profanierung zu unterstützen.

Den Witzblättern der Reuzeit wurde der entwürdigte Michel eine willkommene Karikatur, in der eine mehr harmlose als boshafte Selbstironie den Typus öder Philisterosität verkörperte, eine Erbschaft besonders des Jahres 1848, in dem der emper­strebende Freiheitsgeist alles, was ihm entgegenstand, mit Vor­liebe unter diesem Bilde verächtlich machte.

Wir können dem streitbaren, ewig siegreichen Erzengel art seinem Namenstage wohl nicht besser dienen, als daß wir ihn in unserer Vorstellung in seine alten Ehrenrechte wieder einsetzen, uns mit Stolz als seine Schutzbefohlenen betrachten und mit dem alten schönen MichaÄslieöe bitten:

Du Held, dess' Rame wohlbekannt, Beschirm' das deutsche Vaterland, St. Michael!"

Sophus Lie,

Norwegens großes Finanzgenie.

Der ordentliche Professor für Mathematik an der Landes­universität Gießer, Friedrich Engel, hält sich zur Zeit in Norwegen auf. Die in Kristiania erscheinende ZeitungAften- pvsten" bringt neben dem Bild des deutschen Gelehrten dessen Ausführungen über tzophus Lie,Norwegens zweites großes Ma th ema t ikerg en ie", der in feinen besten Jah­ren als Fuhwanderer berühmter gewesen sei als als Mathe­matiker. Prof. Engel führte derAstenposten" gegenüber aus:

Norwegen hat zwei große mathematische Genies hervorge­bracht: Henrik Abel und Sophus Lie. Der erstere der beiden, Abel, starb nur 11 Jahre alt Seine Arbeiten sind in zwei Aus­gaben herausgekommen, und er hat eine sehr große Bedeutung für die Entwicklung der Mathematik gehabt. Sophus Lie ist nicht fv beachtet worden wie Abel. Seine Arbeiten sind weniger zu­gänglich gewesen: nur ein Teil von ihnen ist bis jetzt veröffentlicht worden und sie haben deshalb nicht den Einfluß auf die Ent­wicklung der Mathematik erlangt, den sie verdienen.

Erst als Lie 26 Jahre alt war, ging es ihm auf, daß er ein geborener Mathematiker war: erst da wurde er sich über feine großen Gaben klar. Er hatte früher feinen Beruf nicht erkannt, aber jetzt erwachte feine schöpferische Fähigkeit auf dem Gebiete der Mathematik. Die Ideen brachen mit einer ungeheuren Kraft hervor. Was.er leistete, ist in Wirklichkeit so imponierend, daß wenige Mathematiker gegen ihn auf kommen: aber er lieh sich nicht Zeit, feine vielen großartigen theoretischen Arbeiten aus­führlich zu entwickeln. Es war immer so, daß er sich mehr für neue Dinge interessierte, als dafür, alte zum Abschluß zu bringen.