Zwei politische Morde vor dreivrertel Jahrhunderten in Frankfurt a. M.
Bon Pfarrer i R Horbach in Greben.
(Schluß.)
Bach vollbrachter Tötung des Generals v. Auerswald um etwa 5 Mr nachmittags stürmte ein großer Teil der vor den Garten hinausgegangenen Bewaffneten wieder in den Garten zurück. „Der hat seine-, Lohn/' Hirst es, „nun den andern!" „Einen Spitzbub' haben wir; jetzt soll der anders auch noch dran!" Die Durchsuchung des Gartens und des Hauses wurde nunmehr mit neuem Eiser und doppelter Genauigkeit fortgesetzt. Zweimal schon 'hatte man vergeblich den Keller durchsucht. Da holte ein Turnerbürsch- cheu ton 16 Jahren ein Licht herbei und leuchtete auch in eine dunkle Ecke Hinein. Alsbald rief er: „Da ragt etwas Schwarzes, — ein Rockzipfel heraus!" Man stand vor einem Obst verschlag. Da er aber Verschlossen und Lein Schlüssel zu haben war, so holte man eine Axt herbei und tat einen Schlag wider die Türe, daß der Kloben Herausfuhr, und drei von der Rotte drangen in den Verschlag ein. Bort fand man den Surften Lichnowsky. der sich hinter einem Brettergerüste, auf ebener Erde liegend, verborgen hatte. Er wurde sofort gepackt und herausgezogen. Der Keller füllt« sich mit Bewaffneten, da alsbald das Geschrei erscholl und sich weiter verbreitete: „Wir paben ihn!"
Unter Mißhandlungen derselben Art wie vorher bei Auerswald, stieh und zerrte man den Fürsten aus dem Hause in den Garten ^hinaus. Gin roher Mensch gab ihm dort mit dem Gewehrkolben einen furchtbaren Schlag auf das linke Ohr, daß es blutete. Ein anderer zerfleischte ihm mit dem Hahn seiner Büchse wie mit einem Hackmesser den rechten Vorderarm, daß die Flsisch- fetzen herabhingen. Mit Knütteln und Flintenkolben schlug die brüllende und tobende Masse von allen Seiten aus ihn ein. Hierbei tat sich auch wieder die Zobel besonders hervor, die mit Steinen auf den Kopf des armen Opfers losschlug. Dann stieß und zog man den Fürsten zu demselben hinteren Tartentürchen hinaus, wie vorher seinen Leidensgenossen. Hier war es der Schuster Daniel Georg aus dem Rachbarorte Ginnheim, der Führer des Freischarenzuges Ginnheim-Bockenheim, der den Fürsten zu jenem Graben führte, in dein Auerswalds Leiche lag, und zu ihm sagte: „Komm her! Ich will dir noch einmal deinen Freund zeigen, daß du ihn, die Hand geben kannst." Lind wie er vorher zu Auerswald, als dieser im Garten um fein Leben gefleht, höhnisch gesagt hatte: „Komm her! Du sollst ein republikanisches Rachtessen mit mir genießen," so sagte er jetzt zu dem Fürsten: „S o hat dein Kamerad ein Nachtessen gekriegt, so sollst du auch eins speisen," wobei er ihm das Zündhütchen zeigte, mit dem er erschossen werden solle. Nun schwenkte der Fahnenträger des Ginnheim-DOckenheimer Freischarenzuges vor Lichnowsky die Fahne und ging dann vor ihm her, als man diesen weiterführte.
Heute, wo jene vor 74 Jahren noch freie Gegend ganz bebaut ist, könnte man als die Stelle, wo Auerswald in dein hinter dem Schmidtfchen Garten sich herztehenden Graben erschossen wurde, den freien Platz bezeichnen, an dem sich die GünHersburgallee und die Bornheimer Landstraße voneinander scheiden. Don dort aus führte vor 74 Jahren eine Pappelallee durch di« Bornheimer Heide nach Bornheim. In dieser Pappelallee führte man Lich- nowsktz weiter, bis Mr 19. Pappel, 270 Schritte vom Schinidtschen Garten, Dis dahin war er von der blutdürstigen Rotte umringt, die ihn noch weiter mißhandelte. Da Lichnowsky nun sah, daß
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1922 — Nr. 39
Samstag, 30. September
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man ihn zum Tode führen wolle, sprang er an jener Stelle plötzlich in die Rotte hinein und suchte einem Burschen das Gewehr zu entreißen, was ihm jedoch nicht gelang. Das war das Signal. Es wurde „Platz!" gerufen, und plötzlich stand der Fürst vereinzelt: er sprang noch, um sich zu decken, aus jene Pappel zu, aber da fiel auch schon der erste Schuß; der Schuster Hatte ihn abgefeuert. Der Fürst taumelte, schrie auf und hielt eine blutige Hand in die Höhe. Erst auf einen zweiten Schuß, den er in den Rücken erhielt, brach er zusammen; und nun fielen noch mehrere Schüsse. Er lag, aus vielen Wunden blutend, am Boden, ein gräßlich zerfleischtes Opfer, ein Sterbender.
Nachdem die Morögesellen ihr blutiges Werk vollbracht hatten, stoben sie nach allen Richtungen, aus denen sie gekommen waren, wie die Mäuse in ihre Löcher, so schnell auseinander, als habe die Erde die etwa 200 Verfolger verschlungen. Sie sagten sich mit Recht, es könne jetzt jeden Augenblick das Militär aus der Stabt eintreffen.
Es war jetzt etwa l/Jö Ähr nachmittags. Die.Spätnachmittagssonne schien an diesem, in der Herbstnatur so ganz besonders klar- schönen Septembernachmittage mild und friedlich auf das an der Strafte verlassen liegende, zerfleischte Opfer des Hasses und der Blutgier, an dem sich Wutschnauben und Mordgrimm aaSge- tobt hatten.
Jetzt aber lieft Gärtner Schmidt den Fürsten sogleich in sein Haus hineintragen. Dieser sagte zu seinen mitleidigen Trägern: „Tragen Sie mich, wohin Sie wollen! Nur tragen Sie mich von diesen Kannibalen weg! Sie haben mir auch meine Uhr gestohlen." Im Schmidtfchen Hause gab Lichnowsky seinen letzten Willen zu erkennen, wobei er noch ausdrücklich aussprach, daß er seinen Feinden verzeihe, Unterdessen, etwa gleich nach 6 Uhr, kam der Fürst Felix v. Hohenlohe mit einer Abteilung hessischer Ehe- vaulegers an, unter deren Bedeckung der Verwundete nach der Stadt gebracht werden sollte. Zugleich nahm man die Lüche v. Auerswalds, die Schmidt bereits um 1/26 .Uhr aus dem Graben gleichfalls in sein Haus hatte tragen lassen, in diesem Zuge mit. Als man eben an dem Landhaus des Herrn v. Belhmann vor- üleifam, eilte dieser dem Zugs nach, legte dein Fürsten mit den Worten „O du mein lieber Fürst!" die Hand auf die Schulter und bat, man möchte den Verwundeten doch in fein Haus hereinbringen, was dann auch geschah, während man die Leiche des GcncralS unter militärischer Bedeckung nach dessen Wohnung in der Stabt weitertrug. 3m v. Bethmannschen Hause wurden nun dem Fürsten von zwei Aerzten Verbände angelegt. Alsdann aber verbrachte man ihn, wie er es selbst wünschte und wie es auch seine Umgebung für das beste hielt, unter Bedeckung einer Abteilung Kavallerie, nach dem Hospital zum Heiligen Geist, wo er zwar reichlichen ärztlichen Beistand fand, jedoch um 1/211 Uhr abends verschied.
Einige Tage später fand die Beerdigung beider Gefallenen mit vielem Pompe, als politischer Gegendemonstration, auf dem Friedhof zu Frankfurt statt. Bei Lichnowsky war es freilich nur eine Scheinbeerdigung. Seine irdischen HeBerrefte sind geteilt worden. Aach seinem eigenen Wunsche wurde sein Herz in eine reiche silberne Kapsel verschlossen und tarn nach Sagan (im nordwestlichen Schlesien), wo es noch jetzt neben dem Sarkophag der Herzogin Dorothea in der dortigen Schloßparkkirche aufbewabrt wird. Sein Körper ruht in einer kleinen Dorfkirche bei Schloß Grätz in Mähren neben seinen Vorfahren in der fürstlichen Familiengruft.


