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St Nollong stopfte feine flachkvpfige, lMgröhrige Metallpfeife, und Sudungarvn löste sein Kopftuch, in dem er eine feingravierts Messingdose aufbewahrte, aus deren In Hilt er eine braune Kugel rollte, die er, nachdem er aus einem geschnitzten Bambusrohr Weihes Kalkpulver darübergeschüttet hatte, in den Mund steckte. Si Nol- legte sich dampfend auf den Boden, streckte die Deine zur Tür hinaus und unterhielt sich auf batakisch mit seinem Standes- .genossen und Gast Sudungarvn, der sog, lutschte uird rote Slrisoße in den weihen Sand unter der Treppe spuckte.
Ich fühlte mich überflüssig und ging fort, um mir das Dorf und seine Bewohner anzusehen. Deshalb war ich ja hergekommen.
Frauen kanien heim mit gefüllten Strobsäcken auf dem Kopfe. Männer trugen Brennholz unter die Leiche auf der Anhöhe.
Da sah eine Frau und färbte Leinwand in einem Gefäh mit einer dunklen Flüssigkeit, wahrscheinlich Wasser und Saft des „Da- niarlautbaumes". Sie trug wie fast alle erwachsenen Frauen hier den vorn geschlitzten, dunkelblauen Sarong unter der Brust, so daß der Oberkörper nackt war.
Auf der Treppe seines Hauses sah ein Mami und schnitzte sich eine Flöte aus Bambus. Neben ihm hockte ein anderer auf der Erbe und schmiedete ein Krummesser zwischen zwei Steinen. Weiter fort sah ein kleines, nacktes Mädchen und setzte Stäbe in einen Hühnerkäfig, und auf dem Rücken eines schlafenden Schweines stand ein Hahn rind krähte die große, errötende Sonne an.
Im Dreschhause stieh eine Schar von jungen Mädchen die schweren Nibungstäbe^s auf und nieder in die gelben Reiskörner und sang im Takt zu den Stößen.
Sie trugen den Sarong hoch über der Brust und bis gmrz zu den Füßen hinab. In den Ohren hatten einige von ihnen — die Tanzmädchen — kolossale Silbergehänge in Form einer Acht mit vielen Schnörkeln. Da das Ohrläppchen nicht allein das Gewicht des Schmuckes tragen kann, wird der oberste Teil an dem schwarzen Kopftuch befestigt, das wie ein dreieckiges Kissen ans dem Kopfe liegt. — Das Kopftuch ist aus mehreren Gründen sehr groß und schwer: teils, weil es nachts als Schlafdecke benutzt wird, und teils, weil es wie bei den Hindus das Leichentuch der Trägerin ist, aber wohl auch, um den Kopf gegen die scharfe Sonne zu schützen, die man in den Bergen weniger spürt als im Tieflande, obwohl sie ebenso scharf ist. —
Die anderen Mädchen hatten nichts in den Ohren als einen Ring, einen Stein, eine Münze oder ein Holzstück: doch um den Hals trugen sie einen Kranz von dreieckigen, mit Kupfer legierten Goldstücken mit daran hängenden Quasten und Klunkern aus Metall.
Auf einem Baumstamme hinter dem Dreschhause saß ein älteres Ehepaar und lauste sich gegenseitig: die kleinen, grauen Kameraden verzehrten sie mit augenscheinlichem Wohlbehagen.
Ich kam auf den „Markt", einen viereckigen Platz, der von den Wohnungen der angesehensten Bürger des Ortes bekränzt war. In der Mitte des Platzes stand der alte Warterpfahl, der, wenn er hätte reden können, von den fürchterlichen Handlungen, die hier vor nicht einem Menschenalter begangen wurden, erzählt hätte. Denn dort wurde der gefangene Feind angebunden, und nachdem si« ihre wilden Kriegstänze getanzt hatten, sprangen die achtbaren Bürger des Ortes auf den wehrlosen Krieger los und schnitten sich die leckersten Bissen aus Wangen und „Kotelett" des heulenden Opfers.
Der „Medizinmann" stand vor feiner Tür und reparierte seinen Zauberstab, dessen Federbufch sich gelöst hatte. Er war welk und grauhaarig. Seine Rippen kamen unter der runzeligen, mit Schorf bedeckten Haut zum Vorschein wie die Rillen eines Waschbrettes. Er verstand nur wenig Malaiisch, doch genug, um sich verständlich zu machen. Als wir einige Minuten mittels Ärmbewegungen und seltsamen Zeichen miteinander gesprochen hatten, lud er mich ein, einen „weißen" Radial/) anzusehen, der sonst nur gegen Bezahlung einer bestimmten Anzahl von Arekanüssen^) gezeigt wurde.
Ich kroch die Bambustreppe hinauf und trat in seine Wohnung ein, die acht Familien feines Geschlechtes beherbergte.
Kraft feines verantwortungsvollen Amtes ist er der zweit- vornehmste Mann des Dorfes. Er steht in täglichem Verkehr mit allen Geistern, guten und bösen, und kann mit seinen Giften. Formularen und Zauberkünsten Kranke gesund, Gesunde krank, Tote lebendig und Lebende tvtmachen — namentlich letzteres.
Wie ein rabenschwarzes Deckbett senkte sich die Nacht über das Land, und der Regen pladderte in schweren, kalten Strahlen herab. Ich sprang von Haus zu Haus zurück nach Pungullos Wohnung. Si Nollong und Sudungarvn ritten, die Gesichter einander zu- gekehrt. auf den Grundbalken unter dem Fußboden des Hauses, mit einer schwelenden Oellampe zwischen sich. Sie saßen vvrnüber-
8) Nibung --- eine sehr harte und schwere Holzforte, die zu Waffen und Gebrauchsgegenständen verwandt wird.
*) Radjah — König.
Aus Arekanüssen gewinnt man „Siri", auch „Betel" ge- ilannt.__
gebeugt, die Gesichter in tiefe Falten gelegt, in Gedanken versunken da.
In den breiten Dalken waren von einem großen Quadrat umgebene Quadrate geritzt, und in vielen von ihnen lagen Stückchen grünen Zuckerrohrs, die alle verschiedene Form hatten. —
Sie spielten „Schach". Si Nollong machte einen „Zug". <3te dachten eine halbe Stunde nach. Dann machte Sudungarvn einen Zug. Wieder eine halbe Stunde verging in Schweigen und Spannung. Dann machte Si Nollong einen Zug, sperrte das Maul mit einem gewaltigen Grinsen auf und brüllte: „Opis!!" — fertig, matt
Aergerlich fegte Sudungarvn die Steine mit der Hand auf dl« Erde, sah auf, bemerkte mich und sagte:
„Tuan, Pungullo Si Nollong wollte die jüngsten Mädchen des Dorfes heute abend vor dir tanzen lassen, doch der Reg^ hat es verhindert Gr wollte die Männer zu deinem Vergnüg«, miteinander ringen lassen, über das Wasser läuft ja immer noch vom Himmel herunter, und er wollte den Medizinmann nicht mit seinen Zauberkünsten aufhören lassen, da das Wohl und Wehe des Ortes von der Ernte der Felder abhängt und die neue Anpflanzung Wasser braucht.
„Was willst du nun, Tuan?"
„Schlafen!" antwortete ich: ich war furchtbar müde von dem langen Ritt und den vielen neuen Eindrücken.
Sudungarvn übersetzte meinen Wunsch Si Nollong, der sich sogleich erhwb uird mich ins Haus hinaufführte. ।
Es war ein einziger großer, sonst wohl zu Schlafräumen bestimmter, kojenartig eingeteilter Raum, der In Si Nollongs Wohnung ein Magazin für Hausgerät und allerhand Rummel, wie Decken, Stangen, Waffen, Tvntöpfe, Metallschalen, alte Sarongs, halbverfaulte Büffelhäute, Schleifsteine, gekochte Schinken, Riesen- orangen und getrocknete Fische, darstellte. i
Die Bewohner lagen an den Wänden entlang und schliefen den Schlaf des Gerechten. Männer, Weiber und Kinder, Onkel und Mütter, Tanten und Schwäger, Großmütter und Enkelkinder, Vettern, Großonkel und Halbkusinen, Säuglinge und Greise. Sie schnarchten, ächzten, röchelten und stießen bestialische Naturlaute aus. Unaufhörlich knallte es durch die Luft wie die Funken stark geladener Leydener Flaschen. Ein fader Schweinekobengestan! wogte durch den Raum.
Si Nollong stieß ein paar Familienmitglieder beiseite und machte Platz für seinen Gast. Daraus nahm er eine neue, gelb« Strohmatte aus seinem Privatmagazin, rollte sie auf dem Balken- boden auseinander, wünschte mir eine geruhsame, gute Nacht und ging fort.
Da schüttete ich eine Düte Insektenpulver über die Matte, zündete eine Stange „Obat Niamok" — einen Stoff, der glimmend brennt, und dessen Rauch die Moskitos fvrthält — an und legt« mich, meinen Sonnenhelm unter dem Kopfe, schlafen.
Das Bellen eines verzweifelten Hundes gellte durch die Stadt. Ich erwachte. Die Sonne sandte einen warmen Lichtstreifen durch die Türöffnung herein. Alle Bewohner waren fort. Ich war gan- allein im Hause. Die Sonne mußte schon vor mehreren Stunden ausgegangen sein, die Leute mochten sich au die Arbeit auf den Feldern gemacht haben.
Durch den Fußboden hindurch hörte ich jedesmal, wenn der Hund heulte, das brutale Gelächter Si Nollongs und SudungaronS. Rasch war ich an der Tür und sah hinaus.
Gerade vor dem Hause standen sieben junge, kräftige Männert Sie hielten einen zappelnden Hund zwischen sich. Einer hatte den Kopf, einer den Schwanz und je einer die vier Beine gepackt während der siebente mit einem ellenlangen, rostigen Messer langsam mn Glied nach dem andern, dann den Schwanz und zuletzt de« Kopf vom Körper sägte. — Vorbereitungen zu einem Festmahl.
„Sudungarvn! die Pferde, und dann laß uns fortkommen!" rief ich, während ich meine Kleidung in Ordnung brachte. Gr ließ di« Order an Si Nollong weitergehen, der in ein Büffelhorn stieß und ein Junge brachte die Pferde.
Mit Hilfe Sudungarons als Dolmetscher dankte ich dem großen Herrscher über Kampvng Bah Bungbawungbiriah. der mir als Gegengabe für meine siamesischen Silberknöpfe zwei Zauberstäb« überreichte, die sich als unbewohnt von den guten Geistern erwiesen hatten. Es waren Stäbe, die zuletzt vergebens von einem geköpften Medizinmann geschwungen worden waren.
Sudungarvn band sich die Stäbe auf den Rücken, und Wik trabten fort auf den kleinen, zerzausten Ponys, zur Pforte hinan«, wo sich der runzelige Medizinmann mit der Hand auf der Brust tief verneigte und uns „gute Reise" wünschte.
Im Schritt trugen uns die Ponys durch den Dorfhain und zwischen den Feldern hindurch, wo die Männer trockenes Hol» zum Feuer unter der Leiche von Pungullo Si Nollongs Sohn schleppten, und die grauen im Reispslücken innehielten und un« nachsahen, indem sie die Augen mit der Hand beschatteten, während die kleinen Kinder bange vor meinem weißen Zeug und 6e® großen Sonnenhelm fortliefen. —
_ _ Air ritten, liefen, kletterten und krochen, und geftern abend faß ich wieder am Tische mit der elektrischen Stehlampe im Fe» rlenhaus des Trustes.
Schristleltung: August Goetz. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei» R. Lange, Gießen.


