Ausgabe 
30.6.1923
 
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rahmen glänzte «was Schmales, Aufrechtes wie ebt verlorener , Streifen Mondschein. Ich trat verwundert näher, zu sehen, was | da so Hel! schimmerte tn mondverhangener Nacht. Sch trat näher, I und da regte sichs. Ich erstaunte: aber doch, ich erschrak nicht, I denn etwas war in dieser Nacht mir wunderlich dem Phantastische» I st en bereit, alles schon vorher gedacht und traumdewuht. Keine Ne» | gegnung wäre mir so sonderbar gewesen und diese am wenigsten, 8 denn wirklich: sie war es, die dort stand, sie, an die ich unbewußt i gedacht, bei jeder Stufe, bei jedem Schritt in dem schlafenden Haus, | und deren Wachheit meine aufgesunkelten Sinne durch Diele und I Tür gespürt. Nur als einen Schimmer sah ich ihr Gesicht, und wie ! ein Dunst lag um sie das weiße Nachtgewand. Sie lehnte am ! Fenster, und wie sie. dastand, ihr Wesen hinausgewandt tn die I Landschaft, von dem schimmernden Spiegel der Tiefe geheunnis- I voll angezogen in ihr Schicksal, schien sie märchenhaft, Ophelia I über dem Teiche. I

Ich trat näher, scheu und erregt zugleich. Das Geräusch mußte I fle erreicht haben, sie wendete sich um. Ihr Gesicht war im Schatten. I Ich wußte nicht, ob sie mich wirklich erblickte, ob sie mich horte, denn nichts Jähes war in ihrer Bewegung, kein Erschrecken, kein Widerstand. Mles war ganz still um uns. An der Wand tickte eine kleine Mr. Ganz still blieb es, und dann sagte sie plötzlich leise und unvermutet:Ich fürchte mich so." Ich trat auf sie zrn sie zu beruhigen und faßte ihre Hand. Wie Zunder fühlte sie sich an, heiß und trocken, und der Griff der Finger zerbröckelte weich in meiner .Umfassung. Lautlos ließ sie mir die Hand. Alles an ihr war schloff, wehrlos, abgestorben. Und nur von den Lippen flü­sterte es nochmals wie aus einer Ferne:Ich fürchte mich so! Ucy fürchte mich so." Und dann tn einem Seufzer hinsterbend wie aus einem Ersticken: Ach, wie schwül es ist!" Das klang von ferne und war doch leise geflüstert wie ein Geheimnis zwischen uns beiden. | Aber ich fühlte dennoch: sie sprach nicht zu mir.

Ich faßte ihren Arm. Sie zitterte nur leise wie die Bäume I nachmittags vor dem Gewitter, aber sie wehrte sich nicht. Ich j faßte sie fester: sie gab nach. Schwach, ohne Widerstand, eine i warme, stürzende Welle fielen ihre Schultern gegen mich. Nun hatte ich sie ganz nahe an mir, daß ich die Schwüle ihrer Haut atmen konnte und den feuchten Duft ihres Haares. Ich bewegte mich nicht, und sie blieb stumm. Seltsam war all dies, und meine Neugier begann zu funkeln. Allmählich wuchs meine Angeduld, Ich rührte mit meinen Lippen an ihr Haar sie wehrte ihnen nicht. Dann nahm ich ihre Lippen. Sie waren trocken und heiß, und als ich sie küßte, taten sie sich plötzlich auf, um von den meinen zu trinken, aber nicht dürstend und leidenschaftlich, sondern mit dem stillen, schlaffen, begehrlichen Saugen eines Kindes. Doch da, wie meine wandernden Lippen zu ihren Lidern emporwollten, zu den Augen, deren schwarze Flammen ich so schauernd gefühlt, da ich mich hob, ihr Gesicht zu schauen und im Anschauen stärker zu ge­nießen, sah ich überrascht, daß ihre Lider fest geschlossen waren. Eine griechische Maske aus Stein, augenlos, ohnmächtig, lag sie da Ophelia nun, die tote, auf den Wassern treibend, bleich das fühllose Antlitz gehoben aus der dunklen Flut. Ich erschrak, und sie ward mir im Arme schwer. Leise wollte ich die Willenlose hin- gleiten lassen auf den Sessel, auf das Bett, um nicht aus einem Taumel Lust zu stehlen, nicht etwas zu nehmen, was sie vielleicht selbst nicht wollte, sondern nur jener Dämon in ihr, der Herr ihres Mutes war. Aber kaum fühlte sie, daß ich nachließ, begann sie leise zu stöhnen.Laß mich nicht! Laß mich nicht!" flehte, sie, und heißer sogen ihre Lippen, drängte ihr Körper sich an. Meine Ner­ven brannten vor Angeduld, sie wach, sie sprechend, sie als wirk­liches Wesen zu sehen, nicht bloß als Traumwandlerin, und um jeden Preis wollte ich aus ihrem dumpf genießenden Körper diese Wachheit zwingen. Näher faßte ich sie, tiefer grub ich mich in sie ein, und plötzlich suhlte ich, wie eine Träne die Wange hinabrollte, die ich salzig trank. Furchtbar wogte es, je mehr ich sie preßte, In ihrer Brust, sie stöhnte, ihre Glieder krampften sich als wollten sie etwas Ungeheures sprengen, einen Reif, der sie mit Schlaf umschloß, und plötzlich wie ein Blitz war es durch die getoitternbe Welt brach es in ihr entzwei. Mit einemmal ward sie wieder schweres, lastendes Gewicht in meinen Armen, ihre Lippen ließen mich die Hände sanken, wie ich sie zurücklehnte auf das Bert, blieb sie liegen gleich einer Toten. Ich erschrak, Anwillkürlich fühlte ich fle an und tastete ihre Arme und ihre Wangen. Sie waren ganz kalt, erfroren, steinern. Immer menschlicher und kindlicher, immer Heller, entspannter wurden ihre Züge. Der Krampf war entflogen. Sie schlummerte. Sie schlief.

Ich blieb sitzen am Bettrand, zitternd über sie gebeugt. Ein friedliches Kind lag sie da, die Augen geschlossen und den Mund leise lächelnd, belebt von innerem Traum. Ganz nahe beugte ich mich herab, daß ich jede Linie ihres Antlitzes einzeln sah und den Hauch ihres Atems an der Wange fühlte, und von je näher ich auf sie blickte, desto ferner ward sie mir und geheimnisvollen Denn wo war sie jetzt mit ihren Sinnen, die da steinern lag, her­getrieben von der heißen Strömung einer schwülen Nacht, zu mir, dem Fremden, und nun wie tot gespült an den Strand?

Etwas flirrte hinter mir. Ich fuhr auf tote ein Verbrecher. Nochmals flirrte das Fenster, als rüttele eine riesige Faust daran. Ich sprang auf. Vor dem Fenster stand ein Fremdes: eine verwan­delte Nacht, neu und gefährlich, schwarzfunkeknd und voll wilder Regsamkeit, ©in Saufen war dort, ein furchtbares Rauschen, und

schon Baute sichs auf zum schwarzen Turm des Himmels, schon warf stchs mir entgegen aus der Nacht, kalt, feucht und mit wildem Stotz: der Wind. Wie ein furchtbarer Schlund war das Finster« aufgetan, Wolken fuhren heran und bauten schwarze Wände in rasender Eile empor, und etwas sauste gewalttätig zwischen Him­mel und Welt, älnb plötzlich ritz dies weih entzwei: ein Blitz, den Himmel spaltend bis zur Erde hinab. And hinter ihm knattert« der Donner, als krachte das ganze Gewölk in die Tiefe. Hinter mit rührte sichs. Sie war aufgefahren. Der Blitz hatte den Schlaf von ihren Augen gerissen. Verwirrt starrte sie um sich.Was ists," sagte sie,wo bin ich?" And ganz anders war die Stimme als vordem. Angst bebte noch darin, aber der Ton klang jetzt klar, war scharf und rein wie die neugegorene Luft. Sie sprang empor. Ihre Bewegungen waren mit einemmal frei, wie ich sie nie an ihr gesehen. Sie starrte mich an in der Dunkelheit. Ich spürte ihren Blick schwärzer als die Nacht.Wer rind Sie . . . Wo bin ich?" stammelte sie und raffte erschreckt das aufgesprengte Gewand über die Brust zusammen. Ich trat näher, sie zu beruhigen, aber sie wich aus.Was wollen Sie von mir? schrie sie mit voller Kraft, da ich ihr nahe kam. Vergebens wollte ich im Dunkel, das mit dem Donner auf uns niederfiel, sie fassen, sie beruhigen, ihr etwas erklären, aber sie riß sich los, stieß die Türe auf, die ein neuer Blitz ihr wies, und stürzte hinaus. And mit der Tür, die zufiel, krachte der Donner nieder, als seien alle Himmel auf die Erde ge­fallen.

And dann rauschte es, Bäche stürzten von unendlicher Höhe wie Wasserfälle, und der Sturm schwenkte sie als nasse Taue pra- selnd hin und her. Alles vergaß ich in dem ekstatischen Gefühl, wieder atmen zu können und frisch zu sein, und ich sog diese Kühle in mich wie die Erde, wie das Land: ich fühlte den seligen Schauer des Durchrütteltseins wie die Bäume, die sich zischend schwangen unter der nassen Rute des Regens. Dämonisch schön war der wollüstige Kampf des Himmels mit der Erde, eine gigantische Braut­nacht, deren Lust ich mitfühlend genoß. Mit Blitzen griff der Himmel herab, mit Donner stürzte er auf die Erbebende nieder, und es war in diesem stöhnenden Dunkel ein rasendes Ineinandersinken von Höhe und Tiefe, wie von Geschlecht zu Geschlecht.

Am nächsten Morgen, als ich ans Fenster trat, sah ich eine ver­wandelte Welt. Ich ging hinab in den Saal. Die Menschen waren schon beisammen. Anders war auch ihr Wesen als tn diesen ent­setzlichen Wochen der Schwüle. Ich setzte mich zwischen sie, ganz ohne' Feindlichkeit, und irgendeine Neugier suchte nun auch die Andere, deren Bild mir der Schlaf fast entwunden. And wirklich, zwischen Vater und Mutter am Nebentisch saß sie dort, die ich suchte Sie war heiter, ihre Schultern leicht, und ich hörte sie lachen, klingend und unbesorgt. Endlich sah sie gelegentlich auch zu mir hinüber, und bei dem flüchtigen Anstreifen stockte unwillkürlich ihr Lachen. Sie sah mich schärfer an. Etwas schien sie zu be­fremden, die Brauen schoben sich hoch, streng und gespannt um­fragte mich ihr Auge, und allmählich bekam ihr Gesicht einen an­gestrengten gequälten Zug, als ob sie sich durchaus auf etwas be­sinnen wollte und es nicht vermöchte. Doch dann ließ ihr Auge mich beruhigt los, und an der unbefangenen Helle ihkes Blickes, der leichten, fast frohen Wendung ihres Kopfes spürte ich, daß st« wach nichts mehr von mir wußte, daß unsere Gemeinschaft ver­sunken war mit der magischen Dunkelheit. Fremd und weit waren wir wieder einander wie Himmel und Erde. Sie sprach zu ihren Eltern, wiegte unbesorgt die schlanken, jungfräulichen Schultern, und heiter glänzt«, im Lächeln die Zähne unter den schmalen Lip­pen, von denen ich noch vor Stunden den Durst und die Schwül« einer ganzen Welt getrunken.

Aus Sumatras Bergen.

Von Helge Kaarsberg.

Helge Kaarsberg ist ein junger dänischer Schriftsteller und Weltreisender, dessen ErstlingswerkMein Sumatra» b u H" ihm in Skandinavien und Holland viele Leser verschaffte Es ist tn frischen, prächtigen Tagebuchblättern versaßt, und Franz Schneiders Verlag (Berlin, Leipzig, Wien und Bern) bringt es nun auch in der Aebersetzung vyn Erwin Magnus, mit einigen photographischen Aufnahmen versehen, auf den deutschen Markt. Wir entnehmen ihm die Schilderung eines Ausfluges in die Dörfer der Bataker, der kannibalischen Dorf­bewohner, die zwar heute nicht mehr ihre Feinde fressen, aber, wie man sehen wird, noch wenig genug von Kultur beleckt smd.

Derastagi, den 4. November 1920. Willst du mich mit meinen Pferden als Führer mieten, Tuan? dann reiten wir nach batakschen Dörfern, die schöner und reicher als mein eigenes sind," fragte Pungullo Subungaron.

Selbstverständlich sagte ich ja war es doch ein Erlebnis mehr und bezahlte die Miete voraus, für die Ponys billig, aber für Pungullo teuer, da er seine persönlichen Eigenschaften als Führer und Reisebegleiter recht unbescheiden zu bewerten verstand

Am folgenden Tage also vorgestern befliegen toir bie scharfrückigen, ungesattelten Ponys, als die ersten milden Strahl«« der Sonne über die zackigen Bergkämme im Osten lugten. WM