Samstag, 30. Juni
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1923 — Nr. 26
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Erne neue Entderkung
im Kampf gegen die Tuberkulose.
Gins Entdeckung, die von größter Wichtigkeit für die Heilung der Tuberkulose und zum Schutz gegen Infektionskrankheiten sich erweisen kann, wurde von dem Professor der Pathologie an der Universität Oxford, ®r. Dreyer, bekanntgegeben. Den ausführlichen Berichten Londoner Blätter entnehmen wir, daß es sich dabei um ein Mittel handelt, um die Wirkung der Gerazu verstärken, die zur Heilung oder zum Schuh des Körpers dienen sollen. Sn jedem Serum befinden sich tote Bazillen der betreffenden Krankheit. Die Wirkung dieser toten Bazillen besteht darin, die Zellen des Blutes, die die Krankhertskeime vernichten, zur Veriilgmrg der lebenden Bazillen anzuregen. Bun sind manche Krankheitskeime mit Fett umhüllt, das sie gegen die Angriffe der Schmhzellen des Blutes verteidigt. Anter diesen befinden sich die Tuberkelbazillen. Don diesen Erfahrungen ging Dreyer bei seiner neuen Entdeckung aus. Er behandelte in seinem Vortrag, der die näheren Angaben über seine Entdeckung enthält, zunächst die Fragen der Schutzimpfung. Wenn man Bakterien einem Kaninchen einimpft, so wird dieses Tier in sich die Fähigkeit entwickeln, die Bakterien zu zerstören. Es entstehen »Antikörper" im Blut, die sowohl durch die Einimpfung toter als auch lebendiger Bakterien hervorgeruse» werde«. Beim Menscher, bevorzug! man die Einimpfung toter Bakterien, weil das weniger gefährlich ist. Die genauen Dorgänge, durch die geimpfte Personen imstande sind, Batterien zu zerstören, sind noch nicht erkannt. 3« manchen Fällen werden die Mikroben aufgelöst und verschwinden aus dem Blut, während sie in anderen Fällen von den Phagozyten-Zellen des Blutes aufgefressen und s» vernichtet werden. Man hat nun für die Phagozytose die sog. »opsonische" Theorie aufgestellt, derzufolgr das Blut »Opsonin" hervorbringt, einen Stoff, der als eine Art „Sauce" bei den Mikroben wirkt und sie den Blutzellen schmackhafter macht, so daß sie sie leichter verzehren. Bei der Impfung mit toten Bakterien soll mehr Opsonin erzeugt werden und daher die Schuhwirkung stärker sein. Diese Impfungen hat man mm in den letzten zwanzig Jahren bei den verschiedensten Krankheiten vorgenommen, mit mehr oder weniger Wirkung. Am gut zu wirken, müssen die Mikroben, die etngeimpft werden, durch die Gewebe des Patienten verdaut werd«, können. Wenn sie so zäh sind, daß sie wie Sandkörnchen unter der Haut bleiben, können sie die Entstehung von Antikörpern im Mut nicht Hervorrufen. Kapitän Douglas zeigte nun, daß die Anverdaulichkeit mancher Mikroben durch eine Fetthülle hervorgerufen wird, die sie umgibt und die Säfte des Körpers von der Einwirkung fernhält. Diese Fetthülle der Krankheitskeime ist ein Dchuh, den die Bakterien entwickelt haben, um in ihrem Wirt leben zu können, ohne von ihm zerstört zu werden. Wenn man diese Mikroben „entfettete", d. h. von ihrer Fetthülle befreite, dann wirkten sie viel besser bei der Erzeugung der Antikörper. Anglücklicherweise erwies sich das Fett bei den meisten Bakterien so widerstandsfähig, daß es sich nicht auflösen lieh.
Dreher setzte nun die Beobachtungen von Douglas fort, indem ex die Fetthülle des Tuberkelbazillus mit einer Anilinfarbe färbte, dann das tuberkulöse Gewebe mit Formulin tränkte und in Sviri- ttls ausbewahrte. Die mit Formalin getränkten Tuberkelzellen lieven sich im Spiritus leicht entfetten, während es vorher nicht gelungen war, und bei der Einspritzung dieser entfetteten Tuberkel- b^illen entstanden sehr viel mehr Antikörper im Blut der Tiere, Ms bet der Verwendung gewöhnlicher Tuberkelbazillen. Dreyer
impfte 4 Meerschtvetnchen mit Tuberkelbazillen, die darauf 64$ deutlichen Zeichen der Schwindsucht aufwiesen, tote starke Gewichts« «bnabme. Anschwellung der Drüken ufw. Drei dieser tuberkulösen Meerschweinchen wurden nun mit Serum von den entfetteten Ba- ztllen oesanoelt, wahrend eines unveyaudelt blieb. Die drei behandelten Meerschweinchen nahmen sofort an Gewicht zu; die Drüsen wurden kleiner, und sie wurden bald gesund, während das unbehandelte Meerschweinchen an Schwindsucht einging. Dreyer glaubt, dass feine Gntfettungsmethvde der Bazillen einen großen Fortschritt im Kampf gegen die Tuberkulose gewähren wird, und dieser Ansicht sind auch namhafte englische Aerzte Man bat bereits in verschiedenen Londoner Krankenhäusern Versuche mit dieser neuen Unechvöe gemacht und wichtige Erfolge erzielt. Fälle von Schwindsucht, die noch nicht zu fortgeschritten sind, werden durch die Einspritzung der entfette‘en Tuberkelbazillen sehr günstig Beeinflußt. Dies ist auch der Fall bei Knochentuberkulose und bei Drüsentuberkulose. Man zweifelt nicht daran, das) die Methode sich im Kampf gegen alle Infektionskrankheiten bewähren wird, und sie hat bereits in Fällen, wo llnfektivneu mit Streptokokken, Staphylokokken und Gonokokken Vorlagen, sich als nützlich erwiesen Freilich stehe« die Versuche und Erfahrungen noch am Anfang
Die Frau und dis Landschaft«
Von Stefan Zweig..
(Schlug.f
Wett war die Lacht vor dem glänzend«» -Haus. Das Tal schien versunken, und der Himmel glänzte feucht und schwarz tote nasses Moos. Gin geflochtener Stuhl, noch vom Tag her vergessen, stand da: ich warf mich hinein. Die Glieder fielen von mir ab, regungslos streckte ich mich hin. And da, nur nachgedend angeschmiegt an das weiche Lohr, empfand ich mit einemmal die Schwüle als wunkwrbar. Sie quälte nicht mehr, sie drängle sich nur an, zärtlich und wollüstig, und ich wehrte ihr nicht. Ich liest mich hmgleilen ta das neue, Gefühl, und dunkel, traumhaft empfand ich nur, datz dies: die Lacht und jener Blick von früher, die Frau und die Landschaft, daß dies eins war, in dem es fiifj war, verloren zu feto. Manchmal war mir, als wäre diese Dunkelheit nur sie, und jene Wärme, die meine Glieder rührte, ihr eigener Leib, gelöst m Aacht wie der meine, und noch im Traume sie empfindend, schwand ich hin in dieser schwarze»», warmen Welle von wollüstiger Verlorenheit.
Die Halle war schon leer, die Sessel standen noch zufällig durcheinander gerückt im fahlen Schein eines einzelnen Lichtes. Aber ich formte hier im Flur nicht bleiben, es war alles dunkel und verlassen. So ging ich die Treppe hinaus und wollte doch nicht, irgendein WidÄstand war in mir, den ich nicht zu zähmen wußte, (kch war müde, und doch, fühlte ich mich zu früh für den Schlaf. Irgendeine geheiinnisvolle, hellsichtige Witterung verhieß mir noch Abenteuerliches, und meine Sinne streckten sich vor, Lebendiges, Warmes zu erspähen. 2lur leiser Atem zog durch das windstille Haus. Müde und enttäuscht ging ich die letzten Stufen hinauf, und mir graute vor meinem einsamen Zimmer wie vor einem Sarg.
Die Klinke schimmerte unsicher aus dem Dunkel, feucht und warm zu fassen. 2ch öffnete die Tür. Rückwärts stand das Fenster offen und tat ein schwarzes Viereck von Rächt auf, gedrängte Tannenwipfel drüben vom Wald und dazwis^m ein Stück des verwölkten Himmels. Dunkel tvar alles außen und innen, die Welt und das Zimmer, nur — seltsam und unerklärlich — am Fenster»


