befanden. Wie sollte man mit einem so verführerischen Reichtum hei einer» so verdächtigen Menschen wie Sseliwan bleiben?

Wir waren natürlich verloren. 3m übrigen hatten wir nur die 'Wahl, ob wir Hebet im Schneesturm erfrieren, oder unter dem Messer Sseliwans rind seiner Spießgesellen fallen wollten.

19. Kapitel.

Ebenso wie das Auge im Dunkeln bei dem kurzen Aufleuchten des Blitzes mit einem Male eine Menge Gegenstände unterscheidet, so sah auch ich ieht mit einem Male beim Scheine von Sseliwans Laterne, die uns beleuchtete, den Schrecken aller Insassen unserer üluglückseguipage. Der Kutscher und der Lakai fielen vor ihn, schier auf die Knie und erstarrten in einer Verbeugung, und die Dante wich, zurück, als wolle sie die Rückwand der Kibitka hinaus­drücken. Die Amme preßte ihr Gesicht auf das Kind und schrumpfte auf einmal so zusammen, daß sie selbst nicht größer als das Kind war.

Sseliwan stand schweigend da, aber in seinem unschönen Gesicht sah ich keine Spur von Bosheit. Tr schielt mir jetzt nur ernster als damals, als er mich auf de» Schultern trug. Gr schaute uns Mi und fragte leise:

Wollt ihr euch wärmen, wie?"

Die Dante erholte sich schneller als die anderen und erwiderte: Ja, wir sind ganz erstarrt. Rette uns."

Gott ist der Retter! Fahrt herein, die Hütte ist geheizt."

Gr stieg von der Schwelle herunter und leuchtete mit der La­terne in die Kibitka.

Zwischen der Dienerschaft, der Tante und Sseliwan wurden nun einzelne kurze Worte gewechselt, die unsererseits Mißtrauen und Furcht gegen den Wirt ausdrückten und seitens Sseliwans eine heimliche bäuerliche Ironie und vielleicht gleichfalls Miß­trauen.

Der Kutscher fragte:Ist Futter für die Pferde da?"

Sseliwan erwiderte:Wir werden suchen."

Der Lakai Boris wollte erfahren, ob noch andere Reisend« da seien.

Komm herein, dann siehst du's," antwortete Sseliwan.

Die Auune fragte:Ist es nicht ».»Heimlich, bei dir zu bleiben?" Sseliwan antwortete:

Wenn es unheimlich ist, so geh nicht herein."

Die Dante gebot ihnen Einhalt und sagte einem jeden so leise wie möglich:

Hört auf, widersprecht ihm nicht. Es hilft nichts. Weiter- fahren können wir nicht, bleiben wir da, wenn Gott eS so will."

'Während diese Wort« gewechselt wurden, traten wir in einen Bretterverschlag, der von der geräumigen Hütte abgeteilt war. Allen voran ging die Dante hinein, ihr folgte Boris mit der Scha­tulle. Dann kamen ich der Vetter und die Amme.

Die Schatulle wurde auf den Disch gestellt, und auf sie stellte man einen blechernen, talgtriefenden Leuchter mit einem kleinen Skummek, der höchstens für eine Stunde reichen konnte.

Der praktische Sinn der Tante wandte sich sogleich diesem Gegenstände, d. h. der Kerze zu.

Väterchen," sagt« sie zu Sseliwan,bringe mir vor allem eine neue Kerze."

Hier ist die Kerze."

Rein, gib eine neue, ganze Kerze her!"

Eine neue, ganze?" fragte Sseliwan wieder, sich mit der einen Hand «us den Tisch, nett der anderen auf die Schatulle stützend.

Gib mir schnell eine neue, ganze Kerze!"

Weshalb brauchst du eine ganze?"

r -Das geht dich nicht« an. Ich will mich noch nicht gleich fd&tafen legen. Vielleicht hört der Sturm auf, und wir fahren Welter."

Der Sturm hört nicht auf."

Run einerlei, ich bezahle dir die Kerze."

Freilich würdest du die Kerze bezahlen, aber ich habe keine."

Such mal nach, Väterchen."

W ist vergeblich etwas zu suchen, was ich nicht habe."

. dieses Gespräch mischte sich unerwartet eine ganz schwache, dünne Stimme hinter dem Verschlage ein.

Wir haben keine Kerzen, Mütterchen."

Wer spricht da?" fragte die Tante.

Meine Frau."

Die Gesichter der Tante und der Amme erhellten sich ein wenig, Anwesenheit einer Frau hatte anscheinend etwas Bern-

Sie ist krank, wie?"

Krank."

Was fehlt ihr?"

...Die kränkelt eben. Legt euch hin, ich brauche das Licht für dte Laterne. Mutz die Pferde hereinführen."

-ihtb wie man auch auf Sseliwan einsprach, er beharrte dabei, daß er das Licht brauche und fertig. Gr versprach, es wiederzu­bringen, mzwischen nahm er es aber mit und ging hinaus.

..... Ob Sseliwan sein Versprechen, das Licht zurückzudringen, auS- führte, habe tch nicht mehr gesehen, weil mein Detter und ich wieder

schliefen. Aber ettvas beunruhigte mich: durch den Schlaf hindurch hörte ich die Tante hin und wieder mit der Amme flüstern, wobei das WortSchatulle" am-häufigsten fiel.

Offenbar wußten die Amme und die anderen Leute, daß sich int Kästchen große Kostbarkeiten verbargen, und alle hatten bemerkt, daß die Schatulle vom ersten Augenblick an die gierige Aufmerk­samkeit unseres verdächtigen Wirtes auf sich gezogen hatte.

Die Tante, die über große Lebenserfahrung verfügte, sah die klare Notwendigkeit ein, sich den Umständen zu fügen, traf aber dafür sofort ihre der gefahrvollen Situation entsprechenden Mah­nahmen.

Damit uns Sseliwan nicht ubschlachten könne, wurde beschlossen, daß niemand einschlafen solle. Dis Pferde sollten ausgespannt wer­den, aber tut Kummet bleiben, und der Kutscher und der Lakai sollten beide im Schlitten sitzen: sie durften nicht getrennt werden, :6a Sseliwan sie sonst einzeln erschlagen würde und wir dann ganz schutzlos wären. Dann würbe er natürlich auch uns töten und uns alle unter dem Fußboden einscharren, wo schon ohnedies eine Menge Opfer seiner Grausamkeit lagen. Bei uns in der Stube konnten der Kutscher und der Lakai nicht bleiben, weil Sseliwan die Schlingen am Kummet des Mittelpferdes abgeschnitten hätte, um es unmöglich zu machen, die Pferde anzuspannen, wie er über­haupt die ganze Troika seinen Spießgesellen, die vorerst noch irgend­wo verborgen waren, ausgetiefert hätte. In diesem Falle hätte eS für uns keine Rettung gegeben, während es sich leicht so fügen konnte, daß sich das Schneegestöber bald legen und der Kutscher einspannen würde. Boris sollte dann dreimal an die Wand klopfen, wir würden alle zur Türe stürzen, uns in den Schlitten sehen und davonfahren. Um beständig in Bereitschaft zu sein, sollte sich niemand von uns ausziehen.

. M weih nicht, ob für die Andern viel oder wenig Zeit ver- floh, für uns schlafende Hungen war sie aber in einem Augenblick verflogen, der mit einem schrecklichen Erwachen endete.

16. K a p i t e l.

Ich wachte auf, weil mir das Atmen unerträglich schwer wurde. Ich schlug dis Augen auf, sah aber nichts, da es um mich herum dunkel war,- nur irgendwo in der Entfernung schinrmerte ein grauer Fleck, der das Fenster bezeichnete. AIS ich aber beim Schein von Sseliwans Laterne mit einem Male alle Gesichter der bei dieser schrecklichen Szene Anwesenden sah, erinnerte ich mich sofort wieder an alles: wer ich war, wo ich war und weshalb ich hier war, an meine Lieben tut väterlichen Hause und alles und alle taten mir so leid, und es wurde mir so schmerzliche und schrecklich zuntute. dah ich aufschreien wollte. Das war aber unmöglich Meine Lip­pen waren fest von einer menschlichen Hand verschlossen, und dicht an meinem Ohr flüsterte, die zitternd« Stimme der Tante:

Keinen Laut, sei still, keinen Laut! Sonst find wir verloren, man bricht zu uns herein."

Ich erkannte die Stimme der Dante und drückte ihr die Hand zum Zeichen, daß ich ihr Verlangen begriffen hatte.

Hinter der Türe, bi« nach dem Flur ging, war ein Geräusch Hörbar: jemand setzte dort leise Fuh vor Fuß und tastete mit den Härchen an der Wand ... Offenbar suchte der Bösewicht die Türe und konnte sie nicht finden.

Dis Taut« drückte uns an sich und flüsterte, daß Golt uns noch retten könne, denn sie habe die Türe verbarrikadiert. Im selben Augenblick, vielleicht gerade weil wir uns durch unser Flüstern und Zittern verraten hatten, lief jemand hinter dem Bretterverschlag, svo di« Stube war und woher beim Gespräch über die Kerze Sseli­wans Frau hereingerufen hatte, hinaus und geriet dort mit dem zusammen, der sich leise an unsere Tür heranschlich Nun versuchten sie beide, zu uns hereinzubrechen. Die Tür barst, und zu unseren Füßen kollerten der Tisch, die Bänke und die Koffer, mit denen die Saute sie versperrt hatte. In der weit aufgerissenen Türe taucht« BoriskaS Gesicht auf. dessen Hals die mächtigen Hände Sseliwan« umklammert hielten ...

Ass die Tante dies sah, schrie sie Sseliwan an und stürzte zu Boris.

Mütterchen! Gott hat uns gerettet!" röchelte Boris.

Sseliwan löste seine Hände und blieb stehen.

Schnell, schnell fort von hier!" sagte die Tante.Wo sind unser« Pferde?"

Die Pferde stehen vor der Türe, Mütterchen. Ich wollt« Sie eben heraus rufen ... Aber dieser Räuber ... Gott hat un« gerettet, Mütterchen!" flüsterte Boris hastig. Dann nahm er mich und meinen Detter bei der Hand und raffte alles zusammen, was ihm in die Hände fiel. Wir alle stürzten zur Tür und sprangen in den Schlitten, der, so schnell die Pferde laufen konnten, im Galopp davonfuhr. Sseliwan war anscheinend furchtbar verstört und blickte uns nach. Offenbar wußte er, daß dies nicht ohn« Folgen bleiben werde.

Dfvaliißen wurde es hell, und vor uns im Osten brannte daS rote, frostige Morgenrot des Weihnachtstages.

(Fortsetzung folgt.)

Schristleltung: Dr. Friedr. Wilh. Lange. Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Girtzen.