1923
Samsmg, 29, Dezember
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Zum neuen Jahr.
Von Gduard Möciks.
Wie heimlicherweise Ein Engelein leis« Mit rosigen Füßen Die Erde betritt. So nahte der Morgen. Jauchzt ihm, ihr Frommen, Ein heilig Willkommen, Ein heilig Willkommen! Herz, jauchz« du mit!
In Ihm sei's begonnen, Der Monde und Sonnen An blauen Äezelten Des Himmels bewegt. Du, Vater, du rate! Lenke du und wende! Herr, dir in die Hände Sei Anfang und Ende, Sei alles gelegt!
Die Vedeutung Fichtes für die Gegenwart.
Don Professor August Messer*).
Da die Religiosität d«r Lebensquell für Fichtes Persönlichkeit und für sein Philosophieren ist, so öffnen sich von ihr her Ausblicke auf das Ganze seines Wesens und seines Werkes. Staunen ergreift uns Über die Fülle und Mannigfaltigkeit, die sich uns hier bietet, aber zugleich über die Einheit des Mannigfaltigen, die G«. schlvssenheit des Tanzen. So kann er Vorbild sein für die Menschen unserer Zett, deren Kultur ja noch reicher geworden ist, zwar nicht an Hauptgcbieten und beherrschenden Richtungen, aber an unüber» schbarer Masse von Einzelheiten des WiffenS mrd Könnens rind Ansprüchen de» ganzen Kulturapparats und deS hastigen Kultur- betrtebS. Zudem ist das Gehäuse zerbrochen, in dein unser Volk jahrzehntelang selbstsicher- gewohnt; wir müssen neu aufbauen, wenn wir alS Volk, als Kulturvolk, weiter leben wollen. Die Zerriffen» heil, Zerklüftung, die Reigung zur Selbstzerfleischung, die unS aufs äußerste gefährden: sie legen unwillkürlich mich Zeugnis ab sowohl für den inneren Reichtum unserer Kultur wie für die Kleinheit und Enge von Millionen Volksgenossen, die berufen sind,
*) Professor Dr. August Messe r, der Ordinarius der Philo» saphie an unserer Landes-Universität hat in der bekannten Samm- luirg philosophischer Schriften des Verlages Strecker u. Schröder in Stuttgart unter dem Titel „Fichtes religiöse Weltanschauung" ein Buch erscheine» lassen, dessen Ziel eS ist, Fichte, dein „wirksamsten Herold der nationalen Kdee", dem Führer zu dem Zdsal einer innerlich geeinten Ration den Weg zu unserem Herzen zu bahnen. Von dem tiefreligiösen Grundzug seines Wesens aus ist am ersten Verständnis für Fichtes Weltanschauung, für feine geistige Persönlichkeit zu gewinnen. Messer nellt daher diese religiöse Seite aus seinem umfassenden philv- sophischem Schaffen heraus, und eS gelingt ihm in der klaren, ^erzeugenden Diktion, die allen seinen Werkeir eigen ist, mit einer mitreißenden, von Herzen kommenden Wärme uns den großen Mensch«» Fichte nahezubrtagen, den religiösen Fithrer unserer Religion suchenden Zeit neu zu schenken.
diese Kultur zu tragen und fortzubilden. Denn ein Hauptgrund des gegenseitigen Richtverstehens und der inneren Verfeindung ist der, daß auf den verschiedenen Lebensgeb ist en die einzelnen Dichtungen und Parteien aus der Fülle der Kulturidren und Kultr- güter, die unser Volk durch seine reiche Schöpferkraft hervorgebracht hat, nur einen Teil sehen und schützen und für das übrige kein Verständnis uird keinen offenen Sinn haben. So kommt eS, daß einzelne und ganze Gruppen sich aufs erbittertste bekämpfen, die sehr wohl friedlich nebeneinander sich auswirken, ja freundlich zu- sammenarbeiten könnten.
Angesichts dieser Zeitlage — wieviel kann uns da ein Mann wie Fichte bedeuten, der über die Gabe der großen SyntHess, der Vereinigung der Gegensätze, in bewunderungswürdigem AuS- maß verfügte.
Auf der einen Seite ist er der ausgeprägte Theoretiker, der kühl«, scharfe Denker, der sich ausgezeichnet durch feinste Be- griffsunterscheidung und streng logische Beweisführung; der in bi« abstraktesten Untersuchungen sich vertieft, nie beim Gegebenen, rein Tatsächlichen („Historischen") sich beruhigen will, sondern alles Faktische^ ans tveiteren Dernunftzusammen hängen heraus zu verstehe» rutd so zu begründen, zu „deduzieren" trachtet, womit er denn arlch die Synthese von Mannigkeit i.nd Einheit erreicht. Die riesenhafte Denkarbeit, di« er leistet, ist aber nur möglich, weil in ihm die Zu- verlicht lebt, daß der Mensch wirklich zur Erkenntnis der Wahrheit, von tief verborgen liegender Wahrheit, gelangen könne. Gr war ein Mann, der wirtlich noch wußte, was Ueberzeugtsein bedeute, weil er echte Aeberzeu gangen erlebte und in sich trug. So kann er uns herausreihen aus dem lähmenden Skeptizismus, Subjektivismus und Relativismus, der heute so viele beherrscht. Durch die vielen fremden Ansichten, die sie als „Gebildete" kennen lernten, sind fix zu nrüde getvorden, sich selbst eine Ansicht zu bilden, und sie entschuldigen ihre Müdigkeit mit der Erklärung, alles sei subjektiv und relativ, eine objektive Wahrheitserkenntnis sei unmöglich. Freilich auch Fichte hat gewußt und erlebt, was Zweifel bedeutet, und er hat jahrelang mit Problemen gerungen und sein« Anschauungen um- und weitergebildet; er hat auch gewußt, daß der Weg der menschlichen Erkenntnis ins .Unendliche führt, und daß es ein Letztes gibt, das wir nicht erkennen, sondern nur ehrfürchtig ahnen können — das Absolute, die Gottheit. Aber das hat ihn nicht wankend machen können in seiner Zuversicht, Wahrheit zu erkennen, die Menschen durch "Wahrheitserkenntnis zu einen und den Fortschritt der Kultur durch Wissenschaft zu fördern.
So sollte sein Beispiel auch denen ernst zu denken geben, dir heut« nicht Klagen genug erheben können über Rationalismus und Intellektualismus. Gewiß haben sie manchen Grund zu solcher Klage, aber sie übersehen dabei leicht, daß sie dazu neigen, unentbehrliche Kulturgüter zu mißachten und preiszugeben: die Schulung des Verstandes, d. h. der Mhigleit streng sachlichen Denkens, un5 die Pflege echter Wissenschaft und wissenschaftlicher Philosophie.
Wenn man oft meint, eine starke Entwicklung des Verstands ertöte das Gefühl und lähme den Willen so beweist gerade Fichte durch feine ganze Persönlichkeit vor allem ihre praktisch«! Seite, wie anfechtbar diese Meinung ist.
Hätte jemand so packend wie er die Seligkeit des Erkennens Sech geistigen Schaffens und fittlichen Handelns schildern können, wem« er selbst nicht im innersten Gefühl diese Erhebung und diese Wonn» gefühlt hätte. Ohne ein Herz voll glühender Leidenschaft wäre Fichte nie der gewaltige, fortreißende Redner geworden. Freilich von frühe an war er bemüht, durch kühles Denken und ehemeq Willen sein leidenschaftliches Gefühlsleben zu zügeln. An seins


