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Ich für den Neu-Einkauf zu zahlen hätte. Sch muh mein Geschäft schließen, weil ich kein Veld mehr habe, um Ware anzuschaffen!

Was mir dieser Mann erbittert zugerufen hat, daS kannst Du, lieber James, in allen Städten und in allen Gewerbeszweigen tausendfältig Horen. Die Leute haben sich samt und sonders arm verkauft, haben ihreSubstanz" verschleudert, weil sie.nach den von Vater und Großvater überkommenen soliden Geschästsprin- zipien gehandelt und redlich kalkuliert haben. Sie haben sich rui­niert, weil ste in einer Zeit des Geldschwindels ehrlich gebliebm sind. Machte aber einer oder der andere von ihnen den Versuchs sich vor der Verarmung zu retten, indem er seine Preise nicht nach den Kosten des Einkaufs, sondern nach den Kosten der Wieder- beschaffung berechnete, so schritten die PreisprufungssteNen und die Wuchergerichte ein und bestrasten ihn.

Natürlich verbrennt kein Mensch bei lebendigem Leibe, ohne eS allmählich zu merken, älnd so merken denn mrchdie Kaufleute jetzt, viel zu spät, was die Geldentwertung für sie beamtet. Kem Preisprüfungsamt und kein Wuchergericht kann sie heute noch Haran hindern, ihre Preise so zu bemessen, wie es notig ist, wenn sie vernunftgemäß wirtschaften und sich ihre Existenz erhalten wol­len. llnb parallel mit dieser Erkenntnis werden auch ber den Ge­richten, gleichfalls viel zu spät, Bedenken ob der bisher befolgten Praxis wach. Das Reichsgericht, das sich an den Buchstaben von Gesetzen halten muh, die sür geldehrliche Zeiten geschrieben worden sind, tanzt einen Eiertanz zwischen dem formalen Recht und semer besseren Einsicht, ohne sich aber zu dem Appell an 6en Gesetz­geber aufzurasfen:Schaffe deine sinnlos gewordenen Gesetze ab oder kehre zu einem Gelbe zuriick, das den Gesetzen ihren Sinn wiederaibt!" , _, , .

Mrtb zwischendurch erschallt immer lauter der Schrei der Straße:Kampf deut Wucher, Hängt die Preisverderber die das Volk dem Elend überliefern," Man schlägt Ladenfmster ein, raubt die ausgestellten Waren, prügelt die Händler und droht dem gan­zen Kaufmannsstande blutige Vergeltung an -Unb der S.aat, der die Flut der Empörung immer gefährlicher branden sieht, wendet Desänftigungsmittel an, wie sie bei Kindern erprobt sind, die man nicht überzeugen kann, sondern durch kleine Konzessionen zur Ruhe bringt: Gr greift sich ein paar älebeltäter, die ihre Preise zu aus­fälligin die Höhe gezeichnet" haben, heraus, schließt ihre Lager beschlagnahmt ihre Waren und verkauft diese zu Preisen, die das Volksempfinden fürangemessen" hält. .

Also gibt es keinen Wucher?" wirst Du hier vermutlich em- werfen, mein Junge. Sicherlich gibt es den. Wuchertreibr ä- ®- jede kartellierte Industrie, die durch bindenden Komm,sstonsbeschlutz ihre Preise auf eine Höhe steigert, die der Geldentwertung voll migepaßt ist, obwohl zur selben Zeit die Löhne, die Gehälter und die sonstigen älnkosten dem Entwertungsstande noch nicht entfernt entsprechen Wucher treibt jede Volksgemeinschaft, die einzelnen wehrlosen Gruppen der Bevölkerung Leistungen abpreßt, ohne sie für diese Leistungen angemessen zu entschädigen, wie es zum Bel- spiet gegenüber dem städtischen Hausbesitz geschieht, dem man we­nig wertloses Geld für viel wertvollen Wohnraum gibt. Aber das was die große Masse gemeinhin als Wucher empfindet, das, was Dir selbst vielfach wucherisch erscheint, wenn Du durch die Straßen gehst und die Preise in den Schaufenstern studierst, gerade das ist höchst selten Wucher, sondern die berechtigte Notwehr der Erwerbsstände, sich gegen das Sinken der im Gelbe verkörperten Kaufkraft zu schützen. Es ist oft geradezu ein Kampf der Ver­zweiflung gegen die unheimlichen Mächte, die den Kaufmann mit Gewalt in das Proletariat hinunterwerfen wollen.

Kein Gesetz und keine Polizei, kein Volksprotest und kein vtraßenkampf kann die Preise hindern, auf den Stand zu steigen, bei dem sich die in den Konsum abfließenden Produkte wieder erzeugen lassen. Versucht man es mit Gewalt, die Preise unter diesen ihren natürlichen Stand zu drücken, so hat das notwendig zur Folge, daß die unlvhnend gewordene Produktion stillsteht, die Dolksversvrgung stockt und die Preise schließlich infolge des Mißverhältnisses zwischen Angebot und Nachfrage noch er­heblich höher steigen als vorher. Der Staat mit seinen Machtmit­teln kann dieses Gesetz nicht unwirksam machen, etwa dadurch, daß er die Produktion in die eigenen Hände nimmt. Denn auch dann muß er sich dem Gesetz unterwerfen, das die Preise auf denjenigen Stand hebt, bei dem die Nachfrage sich dem Angebot anpaßt; und wenn er die Nachfrage steigert, indem er wieder und immer wieder neues Geld in den Verkehr pumpt, zwingt er selbst das Angebot, sich der Nachfrage auf einem erhöhten Preisstande ent­gegenzustellen, weil sonst die älebereinstimmung zwischen der Nach­frage und der Möglichkeit ihrer Befriedigung verloren gehen würde.

Welches ist also der angemessene Preis der Zigarre, die ich Dir geschickt habe? Es ist derjenige Preis, der dem Importeur des Tabaks, dem Zigarrenfabrikanten und dem Zwischenhändler genü­genden Nutzen läßt, um sie zur Aufrechterhaltung der Produktion, zur gleichmäßigen Versorgung des Markts und zur Wiederauffül- lung der Läger zu veranlassen. Wenn Du mich nun aber auffor- herst, Mr ein konkrete Ziffer zu nennen, also Dir zu sagen, ob ein Preis von 4000 oder von 2500 Markangemessen" in diesem Sinne ist, so kann ich Dir nur dann antworten, wenn Du mir die Bedingungen nennst, mit denen die Zigarren-Herstellung während der nächsten Produktions-Periode zu rechnen hat; wenn Du mir also sagst, wie teuer der Tabak und wie hoch die Löhne, Frachten gab sonstigen älnkosten sein werden. Mese Ziffern kannst Du mir

aber nicht nennen, denn st« hängen von der Bewegung des Geld­werts ab älnd wir kommen sonach zu dem Resultat: Wo ein fester Geldwert fehlt, da fehlt notwendig auch der Begriff einesan» gemessenen Preises". Schwankender Geldwert bedeutet Spekula- tivität auf allen Gebieten. Gr macht den Preis zum Dpielball des subjektiven Ermessens der wirtschaftenden Kresie. Da drefe Kreise bemüht sind, sich vor Schaden zu bewahren und kein Opfer des schlechter! Geldes zu werden, so wird der Preis dre Tendenz haben, noch über den Stand zu steigen, der durch den momentanen Grad des Währungsverfalls gerechtfertigt ist Da aber dre all­gemeine, vom Geldwerte abhängige Kaufkraft dem Preise nicht auf diesen Stand zu folgen vermag, der Konsum also zarÄckgeht, so sorgt die Konkurrenz der Produzenten und Händler, die ihre Ware verkaufen wollen, dafür, daß der Preis wieder auf dmr Stand zurückgeht, der nach Lage der Dinge gerechtfertigt ist Exakt läßt sich dieser Stand aber im Lande des Geldverfalls nicht be­stimmen.

Sn Liebe

Dein alter Papa.

GoeLhes Krankheit.

Wie uns der Münchener Verlag C. H. De ck mitteilt, bringt er demnächst ein Buch heraus,Alr-WeimarsAbend', Briefe und Aufzeichnungen aus dem Nachlasse der Gräfinnen E g l o f f - stein, herausgegeben von Hermann Freiherr von Egloffstein, das eine überraschende Anzahl von bisher unveröffentlichten Briefen aus dem Goetheschen Kreise und eine Fülle unbekannter interes­santer und anmutiger Erinnerungen an Goethes Weimar und das Leben an europäischen Höfen dieser Zeit bieten werd«.

Der Verlag stellte uns anheim, folgende Brief« daraus abzu- drucken:

Brief des Kanzlers von Müller an Henriette Freifrau Beaulieu.

Den 24. Februar 1823, abends 9 Uhr.

Eben komme ich von Goethens Krankenbette, wo ich vier Stunden in großer Spannung zubrachte. Es scheint eine Krisis eingetreten, die wieder Hoffnung schöpfen läßt, das Bewußt­sein ist wieder ganz frei, das Atemholen ruhig, die Schmerzen minder, die Todeskälte in den Händen beginnt zu weichen und alles deutet auf eine ruhige Nacht. Welche merkvürdige Aeuße- rung tat er, wie klar beurteilt er eine Krankheit wie die eines- Fremden, und wie liebevoll, wie graziös spricht er noch immer mit seinen Familiengenossen, wie humoristisch, ja ironisch mit den Aerzten. ,Der Tod steht in allen Ecken um mich', sprach er ganz heiter diesen Morgen, und- diesen Abend ,es ist ein Hinder­nis in mir, zu leben wie zu sterben, mich soll nur wundern, wie es enden wird'. Wenn er Morgen überlebt, ist er gerettet, glaubt man. Linen war es ein wahrer Trost, seine Stimme im Nebenzimmer, zu hören, ja ihn selbst durch die Türe aufrecht sitzend zu sehen. Ottilie benimmt sich wie ein Engel, verbirgt ihren ungeheueren Schmerz und umgibt Tag und Nacht sein Lager mit den freundlichsten Worten und Hilfsleistungen. . . v. M.

Line an Julie.

Freitag, am 28. Februar.

O meine Julie, freue Mch und liebe Dein« alte Sine! Heute gerade, wo ihr unsre traurigen Berichte erhalten müht, schreibe ich Dir in voller Sicherheit über des teuern Freundes Leben!Beifolgendes Billett von Svret, ganz andern Inhalts und ariderer Wendung als die frühern, wird Dir den bestimmten Zustand zeigen, und freilich, die Zukunft selbst läßt vieles befürch­ten und die Wassersucht scheint sich ganz zu deklarieren. Aber der Mensch hofft so leicht, er hofft so gerne, und leichten Sinns sehe ich jetzt die Stunden hingehen, da ich nicht mehr zu fürchten brauche, beim Beginn einer jeden, sie sei die letzte eines ge­liebten Hauptes!!

O wie segnete ich Deine Abwesenheit! tote schmerzlich ward mir die Notwendigkell, Dich betrüben zu müssen. Geliebtes, teures SHwesterherz! Dein lieber, langer Brief hat meine Seele teils erquickt, teils erschüttert. Glaubst Du, ich hätte keinen Kampf oder nur einen sehr gewöhnlichen zu bestehen gehabt, um einzusehen, daß Deine Entfernung von hier Notwendig­keit sei? Me Empfindung, daß Dein Wohl mein Weh aus­machen muhte, konnte allein mir Mut und Ausdauer geben, konnte allein die Stärkung in dem trostlosen Schmerz sein, meine beste Lebensfreude von mir zu lassen und nicht sagen zu dür­fen, wie ich leide!! älnd so ruhe denn, geliebtes Leben, ruhe still, heiter, beschäftigt und erfreuend und fülle Deinen Wir­kungskreis in der weitesten Ausdehnung aus.

... Der Montag, gerade -der 24. Februar, war ein schauer­licher, entscheidender Tag und ich hatte allen Mut zusammen- gefaht, um hilfreich aber nicht hilfefordernd zu sein. Schon die Nachmittagstunden sollten entscheidend werden, und man hatte uns erlaubt, im Krankenvorzimmer Du kennst das kleine Ka­binett zu verweilen. Einen Schritt über die Türschwelle und man hörte die Stimme, die wie in guten Tagen, kräftig und wohllautend tönte. Einen Schritt weiter und man sah, ungesehen, den Kranken selbst. Sonderbar wirkt« alles, wovor ich mich als zu erschütternd gefürchtet hatte, beinahe beruhigend auf mich, und trotz aller Vernunft, Me jede Hoffnung in mir ausgelöscht