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1923 — Nr. 17
Samstag, 28. April
Aus den Briefen eines Bankdirektors an feinen Sohn.
ArgentarluS, von dessen volkswirtschaftlichen Briefen wir früher bereits unseren Lesern Proben vorgelegt haben, spricht in seinem neuen Bande „Wäh- rungsnot, Bilder aus einem geldkranken Lande" (Bank-Verlag, Berlin W, Mansteinstr. 9) Gedanken aus, die wohl manchmal etwas über die Stränge schlagen, im großen und ganzen aber das Richtige treffen. Wenn er den Staat kritisiert, so kritisiert er das ganze Volk, das nicht denjenigen Willen und diejenige Organisation aufbringt, um das Zeitübel an den Wurzeln zu fassen. Freilich ist dies unter der auf uns lastenden Gewalt- und Fremdherrschaft unendlich schwer. Wie wäre unter unseren heutigen Parteiverhältnissen wohl eine gerechte Wirtschaftsdiktatur denkbar? Wir geben den 4. Brief wieder, der sich mit dem „gerechten Preis" und dem „Kampf gegen die Teuerung" befaßt:
Berlin, den 15. Februar 1923.
Die große Kiste Zigarren, lieber James, die ich Dir gestern gesandt habe, stellt so etwas wie eine Extra-Festgabe dar. Ich habe mir nämlich den vorläufigen Abschluß meiner Dank vorlegen lassen, und der hat zwei Gedanken in mir wachgerufen. Erster Gedanke: Diese Ziffern darf kein Außenstehender erfahren, er glaubt sonst, ich hätte im vergangenen Jahre Wucher getrieben. Zweiter Gedanke: Angesichts eines solchen Resultats habe ick die Pflicht, meinem Junten eine Freude zu machen. And das ist mir nut den tausend Zigarren hoffentlich gelungen.
Wenn Du mich nun aber nach dem Preis der Zigarren fragst, wie du es undelikaterweise meist tust, so setzest Du mich in große Verlegenheit. Sie haben nämlich gar keinen Preis. Als ich meinen Hoflieferanten um die Rechnung ersuchte, strich er sich nachdenklich über seinen Patriarchenbart und sagte: „In Amsterdam kostet diese Zigarre 30 Cents, das heißt nach heutigem deutschen Geld 4000 Mark das Stück. In Hamburg müßte dieselbe Zigarre, da mit billiger deutscher Arbeit hergestellt, trotz des Zolls nur 2500 Mark kosten. In Wirklichkeit können Sie sie aber in Hamburg für etwa 800 Mark haben, da noch große Postmr alter Ware dort lagern, die zu einer Zeit hergestellt worden find, als der Arbeitslohn und die Tabak-Valuta noch niedrig waren. Ich selbst babe die Zigarre schon vor einem halben Jahre auf der Preisbasis von 150 Mark gekauft. Soll ich Ihnen nun 4000 oder 2500 oder 800 oder 150 Mark berechnen? Ich kreiß es beim besten Willen nicht. Bezahle,, Sie dafür, was Sie wollen."
Ich habe dem Mann überhaupt kein Geld bezahlt, sondern ihm ein paar feine Aktien, zehn Flaschen Kognak und ein Markenalbum überlassen. Ich bin also zur „Tauschwirtschaft" zurück-^ gekehrt. Denn ich stehe auf dem Standpunkt, daß man in einem am Währungsschwindel leidenden Lande unfehlbar betrügt oder selbst betrogen wird, sobald man in sogenanntem „Gelds" bezahlt, von dem niemand weiß, was es morgen wert sein wird.
Solange es eine Volkswirtschaftslehre gibt, zerbrechen sich die Gelehrten den. Kopf über die Frage des „gerechten Preises". Die einen konstruieren ihn aus den Elementen „Arbeitslohn", „Kapitalzins" und „angemessener Gewinn", andere leiten ihn im Gegensatz hierzu nicht von den Kosten der Gestehung, sondern von denen der Wiederbefchaffung ab, wieder andere lassen Angebot und Nachfrage unter der Herrschaft der freien Konkurrenz über ihn entschei
den. Aber welche Theorie man auch aheptieren mag: Für unseren Fall und damit zugleich für alle Fälle des heutigen Verkehrslebens paßt keine von ihnen. Es ist einfach unmöglich, in Mark, will sagen in einem Gelde ohne festen Wert, den Preis zu er- nntteln, der „gerecht" ist, das heißt jedem Beteiligten das angemef- sene Entgelt für feine Leistung sichert und niemand schädigt. Aus dem einfachen Grunde, weil der in Mark ausgedrückte Preis ein Perpetuum mobile ist, dessen tatsächliche Kaufkraft sich jeden Moment ändert.
Kehren wir zu meinem Zigarrenhändler zurück. Hätte er von mir den Preis gefordert, der am Amsterdamer Markt gilt, so hätte er sich ohne Zweifel zu meinem Schaden bereichert. Denn dieselbe Zigarre, die ich ihm mit 4000 Mark bezahlt hätte, konnte ich mir, wie er selbst sagte, in Hanrburg für 2500 Mark anfertigen lassen. Also sollte man annehmen, daß dieser letztere Preis angemessen gewesen wäre. Aber das kann wiederum nicht zutreffen, denn dieselbe Zigarre war ja aus irgendwelchen Gründen in Hamburg für 800 Mark am Markt und in jedem Quantum käuflich. Der Mann hätte mir mithin mehr als das Dreifache des Betrages abgenommen, für den er sich wieder „eindecken" konnte. 'Wären sonach 800 Mark — zuzüglich eines Prozentauffchlages für den Händlergewinn — der angemessene Preis gewesen? Subjektiv, vom Standpunkt meines Lieferanten, ja. Aber auch objektiv? Rein. Denn wenn ich aus irgendeiner Laune heraus nach Hamburg gefahren wäre und dort den ganzen Zigarrendorcat zum Preise von 800 Mark je Stück aufgekauft hätte, so würde mir das Handelszentrum, das man „Hamburger Markt" nennt, eine Ware für 800 Mark verkauft Halen, die es sich selbst nur um den Preis von 2500 Mark wiederbeschaffen konnte, ja deren Beschaffung ihm sogar 4000 Mark nebst Spesen gekostet haken würde, wenn der Bedarf so dringend war, daß die notwendige Fabrikationszeit nicht abgewartet werden konnte und die Ware deshalb am Amsterdainer Engrosmarkt gekauft werden muhte. Allgemeinwirtschaftlich wären also auch 800 Mark nicht der angemessene Preis gewesen; irgendwelche Erwerbsgruppen, gleichviel welche, wären dabei notwendig zu Schaden gekommen. And was von einem Preise von 800 Mark gilt, gilt natürlich erst recht von dem letzten und niedrigsten der vier Preise, von 150 Mark.
Die Frage ist also einigermaßen verwickelt. And sie wird noch verwickelter, wenn wir beschließen, die Praxis zu Rate zu ziehen, wie ich es des Spaßes halber einmal getan habe. Es handelte such damals um einige Flaschen eines bekannten Parfums, die ich kaufen wollte. In dem ersten Laden, den ich betrat, forderte man 8000 Mark. Das schien mir zu teuer, und ich betrat den zweiten Laden. Preis 15 000 Mark. Ich frage „warum so viel?" Antwort: „Weil ich die Flaschen gestern erst gekauft und selbst mit 12 000 Mark bezahlt habe. Hier ist die Faktura. Bitte sich zu überzeugen." Ich überzeugte mich und betrat einen dritten Laden. Prers 1500 Mark. Weil der Mairn das Parfum bereits einige Monate auf Lager und dem Valutastande entsprechend billiger eingekauft hatte. In einem vierten Laden schrie mich der Inhaber zornig an, als ich fragte, „Ich verkaufe das Zeug nicht mehr! Ich verkaufe überhaupt nicht« mehr! Bei jedem Verkauf wird man ja betrogen! Gestern habe ich die letzte Flasche für 390 Mark hingegeben. Das war mein Einkaufspreis plus 30 Prozent Ruhen; so kalkuliere ich, solange mein Geschäft besteht. And wissen Sie, was mir die Fabrik heute für eine neue Flasche abfordert? 12 000 Mark, mein Herr, 12 000 Mark Im Einkauf! And so geht es mir mit allen meinen Artikeln. Ich habe mich arm verkauft! Sehen Sie sich meine Regale an: alle« leer, sozusagen verschenkt, für den zwanzigsten Teil dessen, toa»


