Ausgabe 
27.10.1923
 
Einzelbild herunterladen

172

allein die Aufgabe war unjd blieb zu schwer, und man kam M keinem reinen Genuß des Ganzen.

Obgleich nun aber der Freiherr das Spiel zumeist verdorben Satte, ahnte und erriet er doch am tiefsten die verlorenen Schön­heiten des Werkes, und da er sie auf seiner Bratsche nicht hatte klarmachen können, so begann er, während man eine Weile ver­schnaufte, dieselbe um so beredter mit Worten zu erklären. Das ärgerte nun wieder den Grafen, der so gut zu geigen, aber nicht halb so gut über das Gegeigte zu reden verstand, und er wandte sich deshalb, derweil sein Freund ästhetisierte, an den Verwalter ünd fragte nach seiner Wenigkeit in der Hinteren Rocktasche.

Der Freiherr schaute auf sein Rotenblatt und sprach, halb in sich hinein, halb für die anderen:Der Anfang ist ganz schlicht, ruhig, bescheiden," das hat Hahdn oft; man erwartet ein sinnig gemütliches Stück--"

Karlsruhe, den 30. April", las der Graf mit halber Stimme in einem Zeitungsblatte, welches der Verwalter aus seiner Hin­teren Rocktasche gezogen.Der Rastatter Kongreß hat ein schreck­liches Ende genommen. Da der Erzherzog Karl die Franzosen in den letzten Wochen über den Rhein zurückgeworfen hatte, so rüste­ten sich die französischen Gesandten zur 2lbreise. Allein

Allein gefesselt von den einfachsten Melodien," fuhr der Frei­herr fort,von den unscheinbarsten Themen, aus denen sonst kein Mensch etwas Gescheites machen könnte, werden wir mit jedem Takte durch neue Tongebilde überrascht.

Kaum sind sie vorgestern abend um zehn Uhr zum Tore hiirausgesahren, so wird ihr Wagen von Szekler Husaren angefal­len, und die zwei Minister Avbertjot und Bonnier werden mit Säbelhieben jämmerlich erschlagen;"

Recht heiter beginnt der Sah; zu tief bewegendem Ernste aber wächst er empor im zweiten Teile;

Der dritte, Dedoy, wird schwerverwundet in den Chaussee­graben geworfen;

Denn das ist die wunderbare Art dieses Mannes, daß er uns oft da ani innigsten rührt, wo er scherzt und lächelt,

Indem er sich aber tot stellt, begnügen sich die Szekler, ihn auszuplündern und liegen zu lassen."

Und indenr er schwermutssvll klagende Weisen anstimmt, über­kommt uns eine stille Seligkeit, ein heiterer, heiliger Friede,

Halbtot, halbnackt, mit Schmutz und Blut bedeckt, rafft er sich bei Tagesanbruch aus dem schlammigen Chausseegraben auf,

Was ist das?" rief der Freiherr, wie aus einem Traume er­wachend.Wovon redest du?"

Run, von Debrh, dem französischen Gesandten I aus dem schlammigen Chausseegraben auf und kommt, von den umherstrei- fenden Soldaten ungesehen, wieder in die Stadt zurück. Der öster­reichische Oberst Darbaczh hat die Papiere der französischen Ge­sandten mit Beschlag belegt; Debrh wurde gestern unter militäri­scher Bedeckung sicher hierher geleitet. Riemand weiß sich das Rät­sel der Greuel tat zu lösen; denn obgleich jene Franzosen durch ihre Anmaßung und Arglist jedes deutsche Herz empörten, so stan­den sie doch als Gesandte unter völkerrechtlichem Schutz, und dieser Word ist eine unerhörte Greueltat, deren Folgen kein Mensch ab- zusehen vermag." <

Der Freiherr nahm dem Grafen die Zeitung aus der Hand, um nun auch den Anfang des Artikels zu lesen. Er starrte in tiefem Sinnen noch lange in das Blatt, als schöpfe er eine ganze Welt von Tatsachen und Gedanken aus den wenigen trockenen Zeilen.

Inzwischen examinierte der Graf den Verwalter, wie ihm die fremde Zeitung zugekommen; denn in den Wiener Blättern stand noch nichts von dem Morde. Cs fragte sich überhaupt, was man in Wien von dem Ereignis wollte wissen lassen, und inwieweit Thu- gut und Lehrbach, die leitenden Staatsmänner Oesterreichs, dem­selben nah oder ferne standen. Das reizte den Scharfsinn des Gra­fen, und seine Einbildung erging sich in hundert neugierigen Fra­gen, indes er auf der Guarnerigeige seltsame Figuren, Triller und Doppelgriffe phantasierte, als wolle er die Jrrgänge der Diplo­matie in Musik übersetzen; und dazwischen hielt er wieder ein sund beliebäugelte die schöne Geige wie das Bild eines reizenden Mädchens.

So der Geigenfreund. Der Freiherr, der Musikfreund, legte die Bratsche weg und es war ihm, als sei es fast Sünde, jetzt noch gemütlich Musik zu machen. Sein sittliches Gefühl war empört. Wie mußte die Freveltat auf Europa, wie mußte sie auf das ohne­hin schon so wahnsinnig überreizte französische Volk wirken! Und welche Gewitterluft lagerte über Europa, welche Stürme zogen gegen das Vaterland heran! In Italien und am Rhein kämpften die Oesterreicher gegen die Franzosen, Tausende von Landsleuten bluteten vielleicht in dem Augenblicke, bas ganze Schicksal des Deutschen Reiches entschied sich vielleicht eben jetzt, wo man hier so weltvergessen im Quartett sich vergnügte.

,®r hatte sich kindisch gefreut aus diesen Abend und schämte sich jetzt, daß er sich gefreut hatte, und der Gras, sein alter Freund, erschien ihm mit jeder Minute fremder, abstoßender; er hätte ihm die Guarneri aus der Hand reißen und sie zum Fenster hinaus­werfen mögen.

Allein er fahle sich wieder und sprach;Llnser Spiel geht heute schlecht zusammen; dem Grafen ist der Blitz in seinen ita­lienischen Oellack gefahren und mir der Gesandtenmord in mein Quartett. Ich wollte euch mit einer fröhlichen Botschaft überraschen und weiß nicht mehr, ob es recht ist, sich) jetzt von Herzen zu freuen. Doch verbuchen wir's noch einmal mit der Kunst. Die Musik ist eine so göttliche Trösterin und trägt unser Gemüt so rein zum Himmel empor, daß ich manchmal sage, eine echte Musik ist auch ein Gebet, und warum sollen wir dann nicht beten oder musi­zieren in dieser Stunde? Stimmen wir also die Geigen aufs neue zum zweiten Satze!"

Den zweiten Satz des Quartetts bildeten aber jene ergreifen­den Variationen überGott erhalte Franz den Kaiser". Schon bei den ersten so feierlich innigen Takten verklärte sich das Auge des Freiherrn, und auch die anderen amtmeten tief auf. Die Musik klang ja so trvstdoll, und der patriotische Bratschist fürchtete sich alsbald nicht mehr der Sünde, jetzt Musik zu machen; denn es war ihm, als spreche aus diesen Tönen eine Verheißung, daß das Vaterland nicht gar zugrunde gehen solle. Als alle tief gerührt und hoch erhoben die letzten kirchenfeierlichen Akkorde gespielt, rief Der Freiherr:Gottlob, das war eine rechte Musik der Genesung, ßrnd jetzt ist mir auch die Zunge gelöst für meine zweite Wenigkeit! Ich habe den Meister dieser Töne, ich habe Joseph Haydn, den ich so lange schon vergebens zu sehen begehrte, hierher aufs Schloß eingeladen, und er wird kommen. Das wird ein Fest werden! Dann müssen wir ihm sein Quartett vorgeigen, daß er seine Lust daran haben soll. Und was ist köstlicher, als einem Manne endlich einmal dankend die Hand drücken zu dürfen, der uns unbekannt nnd ferne durch seine Werke seit langen Jahren schon so befreun­det begleitet hat, ein Fremder und doch zugleich der teuerste alte Freund!"

Selbst der Graf w^rde jetzt angesteckt von der Begeisterung des Freiherrn; sie jubelten miteinander so hoch, wie man es nur in dieser fieberglühenden Zeit konnte und heutzutage gar nicht mehr vermag, stießen an mit den Gläsern und tranken und geigten die halbe Rächt hindurch. Der Oellack, das verunglückte Allegro und der Rastatter Gesandtenmord wurden ganz vergessen, und die in­wendige Musik siegte über die Politik und die Geigen und löste alle vorbereiteten und unvorbereiteten Dissonanzen zur lauteren Harmonie sogar im Gemüte des Kammerdieners, den es an­fangs schwer beunruhigt hatte, daß er nächster Tage den Hahdn, einen bürgerlichen Musikanten, wie einen Edelmann werde bedienen müssen.

Drittes Kapitel.

Die ganze Woche ward gerüstet aus den Empfang des Gastes. And da der Herr des Hauses vor lauter Musik nun gar nicht mehr zu haben war, und die alte Tante siech und hinfällig, so hatte 6ieje des Grasen Schwester von Reuhaus herübergebeten, damit dieselbe anordnend und repräsentierend ihren Platz einnehme.

Gräfin Helene Thürmer auf Reuhaus war nach ihrer eigenen 2vnsicht noch jung, nach der Ansicht ihres Tausscheins war sie sechsunddreißig Jahre alt. Früher blendend schön, fesselte sie noch immer durch stolzen, untadeligen Wuchs, edles Profil und geist- volles Auge, und da Vater Hahdn auch in seinen alten Tagen schöne Mädchen gerne sah, so taugte sie diesmal besonders zur Rolle der Wirtin. Dazu verstand sie gar wohl künstlerische Fest­tage anzuordnen und zu schmücken; denn hatte sie auch niemals etwas Ordentliches gelernt, so bewies sie*doch Geschick für alles, trieb alle Künste ein bißchen und waltete mit Geschmack, wohin ssmr ihre feine Hand rührte. Insbesondere aber schwärmte sie für Musik und ließ oft den ganzen Tag das Klavier nicht kalt werden.

Allein gerade wegen ihrer Musikwut schwankte der Freiherr, ob er seine schöne Rachbarin höchst liebenswürdig oder ganz unaus­stehlich finden solle. Er hatte in diesem Punkt feine eigenen Er» Ehrungen gemacht und pflegte zu sagen:Die unmusikalischen Frauenzimmer ärgern einen, weil sie die Musik nicht verstehen, die musikalischen, weil sie die Musik mißverstehen."

In früheren Jahren verband ihn nämlich eine lang genährte, tiefe und gegenseitige Reigung mit jener vornehmen Dame, welche als Erato im Musikzimmer hing, mit ihrem rechten Taufnamen aber eigentlich auf gut Wienerisch Babette hieß. Sie hätten sich gerne geheiratet, allein aus Familieninteressen mußte Babette den Ritt­meister von Gretenstein nehmen. Das war der bitterste Schmerz gewesen, welchen der Freiherr in seinem friedlichen Dasein jemals erlebt hatte, und der auch nach Jahren noch oft genug insgeheim an seinem Herzen nagte. Babette aber hatte so wenig musikalisches Gehör, daß sie nicht einmal die falschen Töne empfand, welche ihr Geliebter zeitweilig seiner Bratsche entlockte. Trotzdem ließ sie sich ihm zuliebe als Erato malen, quälte sich ihm zuliebe in die Musik hinein und lernte Klavier, oder vielmehr sie lernte am Kla­vier, daß sie mit dem besten Willen kein Klavier lernen könne. Dies war dem Freiherrn ein großer Kummer; doch als der größere Kummer kam und Erato einen anderen heiratete, ward ihm jener erste Kummer wieder zum Tröste; denn er meinte, es stehe sehr in Frage, ob eine Ehe zwischen einem so musikbedürftigen Manne und einer so musikarmen Frau dauernd hätte glücklich werden können.

(Fortsetzung folgt.)

Schriftleitung: Dr. Äriedr. Wilh. Lange. Druck und Verlag der Brühl'schen Amv.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.