Ausgabe 
27.10.1923
 
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solchen Fällen kaum je ihre Hilfe versagt, oder auch gleich dem Ob e r h e s fische n Mu seum in Gießen Nachricht AU geben. Von rascher Mitteilung (Portokosten werden natür­lich erseht) hängt viel ab, da manche Beobachtungen sonst viel­leicht nicht mehr möglich sind. Es wird wohl kaum jemand so arg verständnislos sein, wenn er einmal etwas über die Bedeutung der Sache gehört hat, baß; er nicht selbst die innere Verpflichtung fühlte, an Dodenfunden für die Wissenschaft Ku retten, was nur in seinen Kräften steht. Schön wäre es, wenn auf diese Weise es ganz überflüssig würde, auch nur ein einziges Mat auf die scharfen Bestimmungen des Denkmalschuhgesetzes zurück­zugreifen.

In Leihgestern weih man schon längst, worauf es an­kommt, und macht gleich Meldung, wenn etwas gefunden ist.

So ist es nicht die Schuld der Finder, wenn Über den Oberbau der neuerdings dort angeschnittenen st einzeitlichen Woh­nung sich nichts mehr erschließen lieh (durch Psostenlöcher. und dergleichen). In früheren Fällen war eine solche Feststellung, die gerade in unserem Arbeitsgebiet aus mancherlei Gründen toissenschaftlich äußerst wichtig wäre, leider bereits mehrmals infolge verspäteter Benachrichtigung unmöglich: man bedachte picht, dah die Beobachtungen an der Fundstelle, bei der Grabung selbst, oft bedeutungsvollere Aufschlüsse geben als die schönsten Gegenstände, die dem Boden entnommen werden.

Diesmal aber liegt die Zerstörung bereits viele Jahr­hunderte zurück: eine spätere Generation hat durchs Anlage.einer Hütte große Einordnung in die Neste der steinzeitlichen gebracht. Man konnte das an einer dicken Drandschicht erkennen und das hohe Alter der zweiten Behausung an verschiedenen Scherben ablesen, ilnb nun entsteht wieder eine Wohnung an derselben Stelle. Welcher älnterschieb zwischen damals und heute, wo die Grundmauern auch des bescheidensten Häuschens den Boden einer steinzeitlichen Hütte tief durchfurchen! Wieviel Menschenschicksal spielt sick) im Lauf der Hahrtausende auf einem kleinen Fleckchen Erde ab!

Trotz aller Zerstörung war von der bandkeramischen Behau­sung noch der untere Teil zweier offenbar ovaler G r u b'e n erkenn­bar. Denn der Warme wegen, zum Schutz vor den vinbilden der Witterung, pflegte man den Wohnraum möglichst in die Erde hineinzutiefen. Besonders am Rand der einen Grube fand sich reichlich Hüttenlehm mit deutlichen Abdrücken vom Stakwerk der Wände.

Die ganze F ü l l e r d c, durch deren dunkle Farhe sich die Wöhngruben gewöhnliche von dem helleren gewachsenen Grund sehr deutlich abheben, war in her unteren Schicht stark durch­setzt mit Tonsch erben: verzierten und unverzierten, solchen mit Oesenhenkeln oder mit ungelochten Wulstgriffen, von größeren und kleineren Gefäßen.

Aeben einer Feuer stelle lagen die Trümmer eines ziemlich weiträumigen Topfes. Am Boden der einen Grube stand ein fast vollständig erhaltenes bvmbenf'örmiges Gefäß, dessen ganze Außenseite mit schönen eingeritzten Mustern wie mit Tragbändern umflochten ist ein hübsches Stück uralter Töpferkunst, und das erste in Oberhessen gefundene seiner Art, dem wir unsere Achtung um soweniger versagen werden, als man damals noch keine mechanischen Hilfsmittel kannte, wie etwa die Töpfer­scheibe, die erst viele Jahrhunderte später aufkam. (Zur Be­lehrung derjenigen, hie noch keine Töpferscheibe gesehen haben, auch keine Gelegenheit zum Besuch etwa der Töpferei in Wieseck finden, ist im Handwerkssaal des Oberhessischen Museums ein solches Gerät aufgestellt.)

In und .neben dem eben erwähnten schönen Gefäß "lagen diele teils, angebrannte Tierknochen, meist vom Rind und vom Schwein Reste der -Mahlzeiten.

Seitlich davon, ziemlich dicht am Ostrand der Grube, wo auch eine .Feuerstelle war, lag ein großer Stein mit flacher Ober­seite er mag als Sih« oder als Mahlstein zum Schroten des Getreides, vielleicht auch beiden Zwecken gedient haben.

Auffallend spärlich, besonders im Vergleich zum übrigen Teil der großen Leihgesterner Siedelung, waren in der jetzt ge­fundenen Wohnstätte die Stein gerate vertreten. Rur einige rohe Fäustel und Splitter kamen zutage.

Die Gefäßscherbea mit ihren charakteristischen Verzierungen lassen Elemente der reinen Dandkeramik neben solchen mit ge­wissem Modischen Einschlag erkennen. Sie bezeugen also das Dorliegen einer eng mit der typischwetterauisch.n verwandten bandkeramischen Mischkultur, deren Träger mau mit einigem Recht bereits (unter den BegriffIn doge r manen" ein- vrdnen darf.

So Hat .Leihgestern unserem Museum und der Wifsen- schäft wieder eine schöne, erfreuliche Bereicherung gesch.nk. Es gibt, dank dem rühmlichen Verständnis vieler Vevvh .er kaum eine andere Gemarkung, deren Vorzeit aus den Dodenden ma.e.n genauer bekannt wäre als die von Leihgestern: von der Steinzeit an bis zur fränkisch-merovingifchrn Periode, des frühen Mi.tel- alters, aus her die berühmten einzigartigen Särge mit den reichen Beigaben das Oberheffische Museum zieren, sind fast alte Kulturen vertreten.

Aus solche allseitige Hilfsbereitschaft, namentlich draußen auf dem Land, wo es mitunter nur ein klein wenig Auf­

merksamkeit bedarf, um Spuren der Vorzeit zu finden, sind wir beute ganz besonders angewiesen, wo regelmäßige Forschungs­fährten und größere Untersuchungen durch die Verhältnisse un­möglich gemacht werden. .Und es braucht nicht besonders betont zu werden, wie dankbar auch jede Spende zu begrüßen ist, die mit­hilft, die Kosten für die notwendigsten Forschungen aufzubringen.

Alles, was geleistet wird, soll ja der Oefsentlichkeit zugute kommen und der allgemeinen Bildung dienen. Wünschen gerade in letzterer Hinsicht hat das Oberhessische Museum in Gießen, soweit es irgend in seinen Kräften stand, sich noch nie versagt; es hak ihnen vielmehr durch Vorträge und Führungen immer bereitwillig und mit Freuden zu entsprechen versucht.

Das Quartett.

Von W. H. Riehl.

(Fortsetzung.)

Der sonst so schweigsame Gutsverwalter räusperte sich und stot­terte" auch etwas von einer Neuigkeit, welche er mitgebracht, und griff nach der hinteren Rocktasche, als ob er sie da herausholen wollte. Allein ein strafender Blick seines Herrn traf ihn so scharf, daß er verstummte und die Hand ganz langsam und leer aus der Tasche zurückzog.

Der Graf aber trat kühn gegen die Lichter und hielt eine prächtige Guarneri-Geige in die Höhe.Welche Anmut der Form!" rief er;die Mediceische Venus hat keine reizendere Taille als diese Guarneri! Döelch unvergleichlicher Schnitt der b-Löcher! Kein Bildhauer hätte die Schnecke zierlicher winden können! Dor allem aber bewundert diesen odeln, leuchtenden, fpiegelklaren, unversehr­ten echten altitalienischen Oellack! Er ist mir lieber als ein ganzes Gemälde in Oel. Ein Oellack--"

Hier schlug ein Blitz herab, als ob er mitten durchs Schloß gefahren- sei, ein kurzer Donner wie ein Kanonenschuß krachte im selben Augenblicke nach, und schwere Steine rasselten vom hohen Giöbelschornstein.Gott steh" uns bei!" rief der Kammerdiener; Jesus, Maria und Joseph!" der Verwalter;Es hat ein«: geschlagen!"' der Freiherr und-sprang hinaus.

Ein Oellack," fuhr der Graf begeistert fort und faßte den Verwalter, der auch hinaustrachtete, am Rockknopf;hören Sie, ein Oellack, wie er außerdem gar nicht mehr auf unsere Zeit gek kommen ist. Der Teufel hole

Bei diesen Worten fuhr ein zweiter Blitz hernieder, daß die ganze Stube wie im Feuer aüfleuchtete.stlrn Gottes willen, fluchen Sie nur jetzt nicht, fluchen Sie nicht das Schloß in Brand!" flehte der Verwalter.

Aber der Graf faßte ihn nur etwas fester, nämlich, am gan­zen Kragen und fuhr fort:Ich sage, der Teufel hole die neuen Geigemnacher, welche mit ihrem niederträchtigen Spirituslack nicht nur ihre eigenen schlechten Fiedeln verpfuschen, sondern oft genug auch noch die edelsten alten Geigen dazu."

Dann ließ er den Verwalter, los und spielte mit keckem Vogen die Tonleiter auf und ab auf der wunderbollen Guarneri und prüfte alle Saiten und Lagen, bis endlich der Freiherr zurückkam und meldete, es habe in einen Baum neben dem Schlosse ge­schlagen, ohne weiteren Schaden. Hierauf aber wandte er sich zum "Grafen und fragte ihn trocken, ob denn dieser edelste -Oellack etwa auch den Ton der Geige veredle?

Der Ton." erwiderte jener,wird dadurch nicht besser und nicht schlechter; aber ein echter italienischer Lack ist eine Augen­weide an und für sich, und ohne ihn wäre die schönste, Geige ein totes Bild, wie ein Menschengesicht ohne den verklärenden Licht­glanz des Auges:"

Nun gut," sprach dervFreiherr,so wollen wir nachher diesen in Oel leuchtenden Seelen blick deiner Guarneri' bewundern, vorerst aber greifen wir zu unseren altgewohnten Instrumenten und zum Quartett" und begann das a zu streichen, und dies war das Signal, daß jedes Gespräch verstummen solle. Der Graf biß sich auf die Lippen und stimmte die dargereichte Stainer-Geige so heftig, als wolle er alle vier Saiten durch und durch spielen, und das Quartett begann. ' .

Der erste Satz in G-Dur hob ganz gemächlich an, stei­gerte sich aber bald zu einem überraschend schwierigen Tongewebe. Dos war dem Grasen ganz recht; denn er spielte leicht und keck, fast wie ein Virtuose. " Der Freiherr dagegen, bei welchem die Musik so überwiegend inwendig faß, spielte schwach und war im Zählen noch schwächer. Nun verließ er sich gewöhnlich daraus, daß ihm der Guts- und Quartettnachbar zur rechten Zeit einhelfe, vorzähle und sonst einen kleinen musikalischen Rippenstoß gebe. Allein die Hilfe blieb diesmal aus. Der Graf war ganz versunken ir, seine erste Stimme und ließ den armen Bratschisten hilflos su­chend umherirren, bis er im nächsten Wirtshause, das heißt beim nächsten Halt, mit den anderen wieder zusammentraf. Der Frei- harr'merkte wohl, daß dies die D.che für den Oellack fein solle, itnt fand feinen Freund", der auch als Mensch ganz besonders terd: Lack und Schnitt glänzte, diesmal unangenehmer als je zu­vor. Es dünkte ihm impertinent, daß ein Graf so fertig geige, als ob er ein Musikant fei, und über diesem Gedanken verlor er völlig den Boden undschwamm" und konnte kein Ufer gewinnen. So fing man denn den Allegrosatz vier- bis fünfmal wieder von vorn an und schlug sichzuketzt auch mühsam bis zum Ende durch;