Zsamstag, L7. QNtvöer
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1923 — Nr. 48
Große Männer.
Aus ben weltgeschichtlichen Betrachtungen Jak. B u r ckha rdts*). rm Die als J^ale fortlebenden großen Männer haben einen hohen Jä e rt für die Welt und für ih-ve Nationen insbesondere,- sie geben denselben em Pathos, einen Gegenstand des Enthusiasmus und f®9ert Ue b-s tn die untersten Schichten intellektuell auf durch das ^ige Gefühl von ©roße; sie halten einen hohen Maßstab der Bmge aufrecht, sie helfen zum Wiederaufraffen aus zeitweiliger Erniedrigung, Napoleon, mit all dem Unheil, welches er über die Franzosen gebracht, ist dennoch weit überwiegend ein unermeßlich wertvoller Besitz für sie,
_ -^utzutage ist zunächst eine Schicht von Leuten auszufcheiden, welche |ich und die Zeit vom Bedürfnis nach großen Männern emanzipiert erklären. Es heißt, die jetzige Zeit wolle ihre Geschäfte seiber besorgen, und man denkt sich etwa, es werde ohne die Der- brechet! großer Männer recht tugendhaft zugehen. Als ob nicht die Kleinen, sobald sie auf Widerstand stoßen, eben auch böse würden, abgesehen von ihrer Gier und ihrem Neid untereinander,
, Andere führen die Emanzipation (NB. wesentlich nur auf in- telwktuesien Gebieten) praktisch durch mittelst allgemeiner Garantie der Mediokrität, Assekuranz gewisser mittlerer Talente und falscher, an ihrem schnellen Daherrauschen kenntlicher Renommeen, die dann s^'lich auch bald platzen**). Gas Asbrige tut die polizeiliche An- niDgibd)ieit alles großartig ®|>ont.in€n. Mächtige 5tegicrung-?n ha-- ben einen Widerwillen gegen das Geniale. Im Staate ist es kaum zu „brauchen", außer nach ben stärksten Akkommodativnen: denn dort geht alles nach „Brauchbarkeit". Auch in den übrigen Lebens- nchtungen lieot man mehr die großen Talente, d. h die Ausbeutungsfähigkeit des Gegebenen, als das Große = Neue.
Dazwischen aber verlautet heftiges Begehr nach großen Scannern, und das hauptsächlich im Staat, weil die Dinge in allen großen Ländern auf eine solche Bahn geraten sind, daß man nut gewöhnlichen Dynasten und Oberbeamten nicht mehr durch- lommt, sonderm Extrapersonen haben sollte. ,
aber der große Mann käme irnd nicht gleich in fernen ä1f 29en unterginge, so ist noch die Frage, ob man ihn nicht zer- lchwahen und durch Hohn über ihn Meister würde. Unsere Zeit hat eine zermürbende Kraft.
Dagegen ist die Zeit sehr geneigt, sich zeitweise durch Abenteurer und Phantasten imponieren zu lassen.
. Sn frischer Erinnerung steht auch noch, wie man sich 1848 nach emern großen Wanne sehnte, und womit man dann in der Folge vorlieb nahm.
„ Aicht jede Zeit findet ihren großen Mann, und nicht jede große Fähigkeit findet ihre Zeit. Melletcht sind jetzt große Männer vorhanden für Dinge, die nicht vorhanden sind. Jedenfalls kann Ud das vorherrschende Pathos unserer Tage, das Besserleben- wollen der Massen, unmöglich zu einer wahrhaft großen Gestalt verorchten. Was wir vor uns sehen, ist eher eine allgemeine Der- nachung, und wir dürften das Aufkommen großer Individuen für L^?9lich erklären, wenn uns nicht die Ahnung sagte, daß die
■!td einmal von ihrem miserablen Terrain „Besitz und Erwerb'^
*) Sm Verlag von W, Spemann in Stuttgart, Allerdings gibt es, je nach dem Fache, auch echten und Auhnt raf$ durch plötzliche Enthüllung des Genius gewonnenen
plötzlich auf rät anderes geraten, und daß dann „der Rechte- emmal über Nacht kommen könnte, — worauf dann alles hinter- vVvlll LUU JE.
< m.®exnn ^E ^roßen Wänner sind zu unserem Leben notwendig, damit dre weltgeschuhtlrche Bewegung sich periodisch und rucTtotife jE.umche von bloßen abgestorbenen Lebensformen und von re* flektierendem Geschwätz,
And für den denkenden Menschen ist gegenüber der ganze» bisher abgelaufenen Weltgeschichte das Offenhalten des Geistes kur iede Groß- eine der wenig sicheren Bedingungen des höheren geistigen Glückes,
Wilhelm Hegelsr.
Von S, v, K l ö st e r l e i n.
Anter den literarischen Erscheinungen der naturalistischen Epoche gehört Wilhelm Hegeler zu den wenigen starken Persönlichkeiten, die ohne den fruchtbaren Nährboden, dem sie entsprossen, zu verlassen, doch über ihre Zeit in neue höhere Ausblicke hineingewachsen sind. Es ist bas große Verdienst des Naturalismus, daß er die schlaffen und ausgetrockneten Adern der Dichtung wieder mit frischem Blute gefüllt und den Tempel der Kunst, der bei dem einen zur leeren Kulisse der Schönheit, bei bem andern zum Salon, auf den nur die Vertreter der .Gesellschaft" mit ihren Formen und Gesetzen ein Anrecht zu haben glaubten, wieder dem Leben, dem strömenden Leben der Allnatur, den stürmlscheii und drängenden Lebensäußerungen des ganzen Volkes geöffnet hat. Leben hieß die Losung der Zeit, und den jungen Dichtern von damals waren seine Stimmen heilig und verheißungsvoll, auch wenn sie rauh und unfreundlich klangen oder nur ein unartikuliertes Stammeln waren. Dieser Drang, das Leben in seiner Fülle und Tiefe zu erfahren, die Schranken der Konvention zu durchbrechen und den engen Erfahrungskreis, in den der Zufall der Geburt ihn gestellt, zu erweitern, war e8* der den jungen Schriftsteller veranlaßte, den Verkehr mit seinen bisherigen Kameraden abzubrechen und irgendwo im Norden Berlins unter den Armen der Großstadt sich ein Asyl zu suchen Aber während die meisten Vertreter des Naturalismus in dieser Hingabe an das Leben sich verloren und, von ihrer Amwelt, bie sie Wohl in ihrer vielseitigen Differenziertheit Wiedergaben, aber nicht meistern konnten, erdrückt, es über glänzende Milieuschilderungen nicht herausgebracht haben, ist es für Hegeler charakteristisch, tote stark schon in seinem ersten Werk der bauende Form- Wille das Chaos, unter ein bestimmtes Gesetz zwang und so aus einem Widerhasi des Lebens den Nhythmus einer Melodie schuf. Trotz aller Mängel der Jugendlichkeit ist der Roman „Mutter Bertha" ein witckliches Kunstwerk, weil seine Hauptgestalt über eine reine Milieufigur hinaus wächst zur Trägerin eines Schicksals, das aus ihrem Charakter und dem Zwang der Amwelt sich> mit Notwendigkeit vollzieht. Wenn da und dort auch dem jungen Dichter die Lust am Erzählen und cm farbiger Milieu- schilderuung fortreißt, nirgendwo ist die Wiedergabe de-- Amwelt Selbstzweck, sondern sie muß dienen zur Folie dieser Frau die dem Zwiespalt erfiegt, daß sie zugleich Mutter und Gesiebte ist Für den, der Hegelers Werks in seiner Ganzheit kennt, Hinten in diesem Jugendroman schon lauter oder leiser die Stimme!! stlner späteren an: tragische Wucht neben zartem Gefühl, farbige Sinn« Wdt neben konstruktivem Formwillen, ein vvlkshafter PH an- tastehunger, der auf erregende Situationen drängt und eine Ge»


