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Schrill» bei uns zurück. Tut. daß du nicht mitgegangen warst. Was kann jemand, der am offenen Grabe Tröstliches sagen will, für Trost spenden, wenn er den Verstorbenen nicht gekannt hat, wie wir diesen nun Verstorbenen kannten."
Sie nickte stumm.
»Hätte ich ihm den letzten Abschiedsgruß zurufen dürfen," fuhr er fort, „so hätten alle diese »Leidtragenden" wirklich Leid tragen müssen. Heiße Tränen hätte, ich ihnen entlockt um den Wann, der schon um seines frühen Sterbens willen solche Tränen verdient, um den Mann, der" —
Sie hatte plötzlich wie abwehrend seine Hand gefaßt. Sie sah ihn forschend an, ob die Tränen, von denen fein Redeschwall so faul sprach, als wenn er einen Angeklagten zu verteidigen hätte, auch in seinen Augen ständen, und unter diesem forschenden Blicke hielt er inne. Er wich ihren Augen aus. Es entstand eine stumme Pause. •
Er griff mechanisch in das offene Bücherschränkchen seiner- Frau und nahm einen Band heraus. Es war Tennysons Enoch Arden, eine zierliche Prachtausgabe. Aus dem ersten Blatte stand in Arnos seinen Schriftzügen geschrieben: »Frau Marianne Feuerbach Der» ehrungsvoll Arno Brandt." Daneben ein Datum. Er blätterte fai dem Buche. Wie war doch die Geschichte gleichl
„Das nettste Ding im Hasen, Annie Lee, ilnb Philipp Ray. des Müllers einzig Kind, And Enoch Arden, rauhen Seemanns Sohn." Ah, jetzt erinnerte er sich der sentimentalen Begebenheit.
Arno hatte ihnen das Gedicht vor Jahren vorgelesen. Er las gut, dieser Arno, und er war offenbar beim Borlesen sehr ergriffen gewesen. Auch Marianne war sehr gerührt gewesen. Sie hatte sogar Tränen vergossen, und er, Otto Feuerbach, hatte sie gründ» sich ausgelacht.
Er blätterte in dem Buche weiter.
Philipp ruft dem jungen Rebenbuhler zu: „Enoch, ich hasse dich. —
And dann begann die kleine Frau wohl mitzuweinen And bat sie, nicht zu streiten ihretwegen. Sie wollte gern ja beider kleine Frau sein."
Enoch Arden bleibt in dem Liebesstreite Sieger. Annie legt ihre Hand in seine Hand.
„Philipp sah:
In beider Äug' und Miene stayd fein Urteil. Dann, als sich Wang' an Wange schmiegte, stöhnt er Und schlüpfte weg: wie arg zum Tode wund. Kroch tief er in die Waldschlucht und dieweil Die andern jauchzten, halt' er ungesehen Dort seine dunkle Stunde, ging und trug 3m Herzen mit sich lebenslange Sehnsucht."
Und so weiter. Uird so weiter. Was diese Dichter nicht alles ausgeheckt haben in ihren Dielen Mußestunden. Die Geschichte war viel zu lang ausgesponnen. Das lange Zaudern Anniens, ehe sie den verschollenen Mann aufgab. der auf die Nerven schwacher Leute wirkende Abschluß I
Jetzt erinnerte er sich auch, daß er damals dem trübseligen Grübeln der beiden durch eine juristische Wendung ein Ende zu machen suchte, indem er die Frage aufwarf, ob sich der Dichter mit dem geltenden Rechte in Uebereinstimmung befand, wenn erbte Frau trotz der Wiederkehr des Berschollenen im Besitze des zweiten Mannes beließ. Wie wäre die Sache ausgelaufen und gerichtlich entschieden worden, wenn Enoch Arden seine vermeintlichen Rechte geltend gemacht hätte?
Merkwürdig, daß dieses Buch heute gerade in seine Hände iiel, — wie ein Anklopsen Arnos. Und er reichte es seiner Frau »in.
„Weißt du noch, als er uns daraus vorlas?"
„Ja, ich weiß es."
'„Er hat uns manche schöne Stunde bereitet, besonders dir. Dein Leben wird jetzt einsamer fein ohne ihn."
„Und nicht auch deines?" fragte sie zögernd.
„Mein Leben gehört der Arbeit!"
„Rur der Arbeit?"
„Rein, verstehe mich recht, auch dir. Für wen hätte ich sonst zu arbeiten 7*
Marianne war aufgestanden. Sie reichte ihrem Manne die Hand in jener stillen Art, die bei ihr Worte ersetzte.
„Es mag sich mancher jüngere Kollege," fuhr er fort, „nach feer Stelle umsehen, die Arno bei mir verlassen hat. Aber es hat damit gute Weile. Es war ein Versuch mit ihm, und ich kann wohl sagen: Der Versuch war geglückt. Aber ich werde vorläufig keinen Ersatz suchen. Weißt du, er war nicht im eigentlichen Sinne das, was man nach meiner Theorie einen tüchtigen Anwalt nennt. Erhalte bei aller Tüchtigkeit nicht jenen subjektiven Eifer, der sich ganz für eine Sache erwärmt, eben weil man sie zu seiner Sache gemacht hat. Arno hatte etwas anderes, nach gewöhnlichem Ur« teil vielleicht Idealeres in seinem Wesen, das meine besonderen Pläne zuweilen zu durchkreuzen drohte: er stand mehr auf einer richterlichen Warte. Ihn reizte nicht der Sieg des Klügeren und Stärkeren an sich. Gr setzte nicht sein ganzes Empfinden so in den ihm anoeitrauten Stoss hinein, daß er uns fortreißt, als wenn er unser persönliches Glück und Schicksal bedeutete, so gefangen nimmt, daß wir selbst die Schwächen und Fehler riserer Rechts
stellung nicht mehr entdecken, sondern uns ganz im Rechte glauben, auch wenn wir es nicht sind. Er strebte nach reiner Wahrheit nach vollkommener Offenheit."
Sie sah ihn erstaunt an.
„Tut ihr das nicht alle?"
„Gewiß, wir tun es. Wir sollten es tun. Aber du wirst mich nicht ganz verstehen. Wir gehören nicht uns. Wir gehören vielen anderen, die auf uns bauen und die durch uns siegen wollen. Das Recht ist dehnbar und verwickelt. Das Kleinste, was unserer Sache nützen kann, muß das Größere, das ihr Gefahr bringt, zu Überwinden suchen. Das ist unser Amt, unsere Pflicht, unsere schwere Pflicht."
Es trat bei seinem pathetischen Bortrage eine Ermüdung in ihre Augen, die ihm nicht entging, und er sagte:
„Ich sollte in dieser Stunde nicht von seinen anwaltlichen Eigenschaften sprechen. Den rein menschlichen Zug seiner Offenheit erwähnte ich schon. Arno hätte nie etwas dauernd vor mir verbergen können."
Marianne senkte den Blick. Es ging wie ein leises Zittern durch ihre Glieder. Rachdenllich das Zimmer durchschreitend, machte sie den Eindruck eines Menschen, der vor einer Entschließung steht und noch nicht weiß, wie er Beginnen fall Dann schien ihr Entschluß gefaßt.
.Bist du dessen ganz gewiß, daß er dir nichts hätte verbergen können 7'
„Ganz gewiß. Hat er mich doch auch zu seinem Testamentsvollstrecker ernannt.“
„Zu seinem Testamentsvollstrecker7'
„Ja, am Tage vor seinem Tode, als er mich rufen ließ, übergab er mir seine Schlüssel und bat mich, dieses in seinem letzten Willen mir übertragene Amt anzunehmen."
„And worin besteht dieses Amt 7'
„In mehr oder weniger. Jedenfals ist es ein Vertrauensamt, das mir erlaubt, jedes Geheimnis zu wissen, welches der Sterbende nicht etwa mit in das Grab zu nehmen gedenkt, jedes etwaige Geheimnis, das sich aus seinen Papieren und Driesen ergeben könnte."
Marianne blickte betroffen auf.
„And wenn nun nichts dir Verborgenes in diesen Papieren zu finden wäre 7'
„Dann würde dies gewissermaßen meine Lieberzeugung von Arnos Offenheit bestätigen. Aber es wird etwas zu finden sein."
„Du weißt es jetzt schon?"
„Ja. Ich merkte es ihm deutlich an in jener letzten Stunde. Er wollte mir noch etwas anoettrauen. Aber ich verschloß ihm den Mund. Er wollte mir offenbar eine Erklärung geben über das, was ich finden würde."
Da stöhnte fie auf: „OttoI"
Sie wollte weitersprechen. Er ließ sie nicht zu Worte kommen.
„Sei ruhig, Marianne und sei — fing. Die Stunde hat dich erschüttert. Laß uns ruhigere Stunden erwarten."
Lind ehe sie noch erwidern konnte, hatte er fie verlassen. — Die Abenddämmerung war eingetreten.
Der Justizrat faß in dem Arbeitszimmer neben seinen Bureaus. die sich außerhalb seiner Privatwohnung befanden. Sein Personal hatte bereits die Arbeit verlassen. Er befand sich mutterseelenallein im Hause. Am nicht gestört zu werden, hatte er dis Zimmertür abgeschlossen und breitete eine Reihe von Papieren vor sich aus, die er foeben'einer Kassette entnommen hatte.
Es waren Amos Privatpapiere, wohlgeordnet in Deinen Paketen und mit Aufschriften versehen, die den Inhalt andeuteten.
Er legte eins nach dem andern zur Seite, bis er auf einen dreimal versiegelten Amschlag stieß. Er trug die Aufschrift: „Marianne und ich."
„Da," sagte er leise und legte die Hand an die Siegel. Aber dann ließ er sie doch noch ungebrochen. Ihm kam plötzlich das Wort an .seine Frau in den. Sinn: „Sei ruhig, Marianne und sei flug.“
Eine Art Doppelgesühl 'spiegelte.)ich in feinen Mienen, als ob jemand zu ihm sagte: „Du hast es gewußt" und wieder ein anderes fragte: „Hast du es wirklich gewußt?"
Er wog Las Paket in der Hand, legte es wieder auf den Schreibtisch und trat an das offene Fenster. Es führte nach einem Deinen ©arten hinaus. Gerade unter ihm stand ein Baum mit jungen Trieben, fein Lieblingsbaum.
Feuerbach war kein Nachtschwärmer. Aber dieses Baumes, des einzigen Stückchens poesievoller Natur in der Nähe seiner nüchternen Arbeitsstätte, freute er sich in jedem Frühling, und als kürzlich nach schönen warmen Lenztaqen ein eiliger Aprilwind viele der zart anfe! enden T lebe niedergebeugt hat.e, war etwas wie ein schmerzliches Mcueid über ihn gekommen.
Run hatten die wieder anbrechenden wärmeren Tage aus den noch nicht erstorbenen Knospen rottoeiße Blüten hervorgelockt.
Als er in die Zweige des jungen Baumes hineinstarrte, trat plötzlich das Bild Mariannes hell vor seine Seele. Er kehrte aufatmend zum Schreibtisch zurück und erbrach die Siegel.
Bor ihm lagen wohl zwanzig Briefe in Aimos Handschrift und dazwischen nicht ganz so viele in den Schriftzügen Mai-iannes.
Die Briefe waren nach der Zeit ihrer Absendung geordnet, 5ciicrbd<^ yKoraot» nto Grh fv> Sat3»
beite sich um zwei Schreibperioden.
Die erste lag vor seiner Derlobung mit Marianne, in der Zeit, als Arno, der Referendar, ihr Verehrer gewesen war,


