als unschuldige Zerstreuung bezeichnen, aber das war kaum der 8alk
Sein gutes Herz zeigte sich auch aus andere Art. Besonders gegen die vielen Armen, von denen er heimgesucht wurde, unv pte er seine „Kunden" nannte. Unter den Günstlingen vetand H<9 eine Madame Rilsson, die so grob und dick war, daß sie kaum Platz bn Fahrstuhl hatte. Die stellte sich eines Lages ein, als wir noch nicht wußten, dah sie zu Len besonders Begünstigten gehörte. Da Vtrindberg gerade ruhte, baten wir ste, etwas Wateram Aach Mittage wiederzukommen. Als er horte, dab ste dagewesen s und ihn habe sprechen wollen, ries er aus: -Pohtausend, eine Kundin! Sie dürfen sie nicht ohne Hilfe gehen lassen! Dann steckte er fünf Kronen in einen Umschlag für die Alte Wechnachleniward« immer eine Leihe Umschläge mit Geld an diese Kunden verteilt ■Unter ihnen befand sich ein origineller Mann, der Albion hieß und behauptete, ein Schulkamerad von Strindberg gewesen zu s-m. Er soll früher Strindberg geholfen haben und auch anderen Dichtern Ait einige von diesen wurde er von Strindberg empfohlen, um Manuskripte für die Bühne abzuschreiben Man kann mcht Len dab Strindberg gab, ohne zu prüfen; ander glaubte st^ nicht all die Geschichten, die ihm aufgeitscht wurden., 2m Gegenteil gebot er uns, diesen Betrügern nicht zu glauben, dte stch sur seme Schulkameraden ausgaben, um etwas Geld oder abgelegte Klrtdei zu erpressen Oft konnte es auch geschehen, daß er Mina morgens En die Stadt schickte, um vornehmeren Kunden Geschsnks zu brin- aen Zuweilen gab er rücksichtslos seine Kleider fort. Einst konnte er seinen allerfeinsten Anzug nicht finden. Sc schlug gewaltigen Lärm sprach heftige Beschuldigungen aus. Natürlich war der Anzug gestohlen worden. Da kam Mina auf den Gedanken, er habe ihn vielleicht selbst mit alten Sachen zusammengepackt, die sie ihn hatte sortgeben sehen. Sie erinnerte sich sogar, werdieses Paket erhalten hatte. Man schickte Zu dem Betreffenden. Der war sehr eiittäuscht, als ihm der elegante Anzug wieder abgenommen wuri^. Mach dieser Lektion zeigte sich der freigebige Schenker sehr ver buht, bat aber keineswegs um Entschuldigung; äußerte auch kein versöhnendes Wort über die älmstände, die er gemacht hatte.
Aus Bauernfelds Grillparzer-Erinnerungen.
Eduard von Bauernseld gehört mit seinen geistreichen und anmutiaen Lustspielen noch In jene Zeit des Wiener Bormärz, derdie^eigentliche klassische Zeit der Wiener Kunst bedeutet. Als Herzensfreund von Schwind und Schubert stand er mitten inne in dem Kreis genialer Menschen, die damals eine neue Schonhests- welt heraufführten. So sind die Erinnerungen, die er uns hinterlassen, wohl das kostbarste Bermächtnis seines fruchtbaren Schaf- fens und aus ihnen steigt uns der ganze Duft jener seligen Tage entgegen, da Grillparzer und Raimund schufen. Schubert lerne Lieder sang und Langers erste Wiener Walzer die Anmut der Frauen verklärten Sn einem schönen Bande sind bei rem Wiener Derlaa E. P. Tal u. Co. Bauernfelds „Erinnerungen aus Alt- Wien" erschienenen, seine bereits bekannten Aufzeichnungen um wichtige beim Druck in den gesammelten Werken fortgelasfene Stellen über Schubert, Wolfgang Menzel usw. vermehrt, und dann die kostbare, ganz verschollene „Nachlese" seiner Erinnerangen nebst Len seinen „biographischen Skizzen". Alle diese Drohen jener kunst- gesegneten Epoche ziehen an uns vorüber. Am wichtigsten aber sind wohl die Mitteilungen Bauernfelds über Grillparzer, der größten und rätselhaftesten Persönlichkeit dieses Kreises, die der jüngere Dichter mit feinem Verständnis verehrte. . Bauernseld hat sich freilich nur sehr vorsichtig, auch nach Grillparzers Tode geäußert, weil des Dichters „ewige Braut" eifersüch ig über das Andenken des lebenslang Geliebten wachte. Er hat sich darüber zu Karl Gniil Franzos bezeichnend geäußert: „Spreche ich von meinem Verkehr mit Grillparzer, so tun's die paar Anekdoten nicht ’ ich muß sagen, wie er war und warum er ein-Torso geblieben ist älnd da müßte ich die Hauptsache verschweigen. Man schuldigt die Metternicherei an, die Zensur, die Kritik, seine hypochondrische Anlage. Nichtig! Aber das Wichtigste war doch das qualvolle Verhältnis zur Kathi! Hätte er die Courage gehabt, sie zu heiraten oder in Gottes Namen ohne Heirat zu besitzen - dann toär’ er trotz Metternich und Zensur ein Ganzer, Großer geworden! Glauben Sie mir: daß die Zwei nicht zusammen ge- tommen sind, ist das größte Unglück, das die deutsche Literatur tn diesem Hrhrhundert betroffen hat. Aber das kann ich doch nicht schreiben; da kratzen mir ja die Parzen (die Schwestern Fröhlich) die Augen aus." Als er schließlich einige Bemerkungen über seinen „Verkehr" mit Grillparzer veröffentlichte, in denen er nur ganz behutsam zum Schluß aus das Verhältnis hindeutete, da bekam er denn auch sofort einen gekränkten Brief von der Kathi, in dem es u. a. beißt: „Sßre Beurteilung seines Charakters ist, wenn auch Im Ganzen ziemlich richtig, doch in einigen Zügen zu hart, selbst schonungslos, in manchem sogar unrichtig; und wenn sie der arme Grillparzer noch lesen könnte, würde er in dem, der sie ausgezeichnet, schwer einen Freund erkennen,"
Troy dieser Kritik von nächstbeteiligter Seite zeugen Bauernfelds Schilderungen von seinstem Gesühl für die Eigenart des großen Dichters. So erzählt er -. B über seine Arbeitsweise: „Wenn Schiller gelegentlich bemerkt, ein Drama sollte eigentlich
die Blüte und Fr-ucht eines Sommers fein, so bedurfte unserer Dichter einer längeren Frist zu seiner Komposition, wohl auch einer zu langen. Nur die „Ahnfrau" wurde frischweg in einem Zuge geschrieben, und „Sappho" folgte ihr ziemlich rasch Am Goldenen Vlies", sreilich einem bedeutenden und mehrguedrigen Stoff, wurde jahrelang gearbeitet und gefeilt. Bereits zu Anfang der 20er Jahre erschien der erste Akt von „Der Traum ein Leven in einem Almanach. Wie war ich überrascht, als mir Gnllparzer im Winter 18Z4 das fertige Stück zu lesen gab. Er hatte sich in den letzten Jahren damit beschäftigt und erlaubte nur nun, das Stück in seinem Namen einzureichen, nur sollte ich für den Erfolg gut stehen. Eine wunderliche Zumutung. Sch ging aber daraus em. Zum Glück, daß das Drama einschlug." Sm Gasthaus^zum Stern", wo sich die Künstler trafen und Grillparzer Cen Spitznamen „Sapphokles Sstrianus" führte, war der Dichter ein treuer Kumpan in der Tafelrunde und schätzte besonders Ferdinand Raimund. „Beide Dichter, auch in den seinen und nervös durchfurchten Gesichtszügen einander nicht unähnlich, waren zugleich echte Oesterreicher-Naturen, nichts Gemachtes an ihnen, alles einfach und wahr. Raimund war primitiv; sein Humor war im Grunde harmlos; der tragische Grillparzer, weit schärfer in seiner Satire, hatte dagegen einen aufmerksamen Blick für alles Lächerliche und Verkehrte." „Eines Sommers," erzählt Bauernseld an anderer Stelle, „wohnten beide in der Brühl und begegneten sich im Walde. Raimund hielt Schriften in der Hand, sah verstört aus, sein Rock wie seine Beinkleider waren mit Harz und Pech beschmiert. „Aber Raimund! Wie sehen Sie denn aus?" rief ihm der Tragiker zu. „Na. wie soll man denn ausschauen." erwiderte dieser barsch, „wenn man auf die Bäum' sitzt und dicht't?" Rai» mund schrieb damals an seinem „Verschwender" und hatte sich irgendeinen harzigen Baumstrunk als Poetensitz erkoren.
Moi'8 mltiism.
Von Fritz Fuldne r.*)
Der Justizrat Otto Feuerbach trat mit ernster Miene in daS Zimmer seiner Frau. Gr kam von dem Begräbnis seines Freundes, des noch jugendlichen Rechtsanwaltes, den er vor einigen Jahren zur Mitausübung seiner großen Praxis zugezogen hatte.
Man hatte es damals allgemein als ein Glück für den jungen Juristen bezeichnet, in eine so bedeutende Stellung ausgenommen zu werden. Der Justizrat stand selbst noch in den vierziger Jahren. Seine nie ermüdende Arbeitskraft, sein überragendes Talent und ein stark ausgeprägter Zug des Selbstvertrauens mit dem Hange, fremde Meinung und Hilfe abzulehnen, ließen seinen Entschluß, mit dem eben erst aus dem Examen Hervorgegangeuen die berufliche Arbeit zu teilen, trotz aller Fülle der Arbeit einigermaßen überraschend erscheinen. Allerdings hatte der junge Arno Brandt während seiner früheren Referendarbeschäs igung bei dem Justizrat Gelegenheit gehabt, zu zeigen, daß er bei aller Weichheit seines Gemütes und einer großen Vorliebe für die schöne Literatur, in der er sich sogar selber versucht hatte, auch juristisch zu denken verstand. Aber es gab einige Eingeweihte, die auch wieder wußten, daß gerade während jener Referendarzeit Arnos etwas wie ein beginnendes Liebesverhältnis zwischen ihm und der späteren Frau des Justizrats im Gange gewesen war.
Marianne war bedeutend jünger als ihr Mann. Die Heirat zwischen den beiden war in ihrer Plötzlichkeit vielfach besprochen worden. Man sprach in jenen eingeweihten Kreisen von einer Kraftprobe Feuerbachs, der, für Mariannes blonde, vielumworbene Mädchenschönheit erglühend, in einer aufwallenden Stunde dem damals hoffenden Referendar erklärt haben sollte: „Sie sind mir ein lieber Mensch, dessen Vorzüge ich zu schätzen weiß. Aber hier lassen Sie Shre Wünsche fort. Dieses Mädchen wird mir gehören."
Alle diese Vorgänge waren halb in Dunkel gehüllt. Man sand sich später mit dem unter diesen Umständen etwas eigentümlichen Zusammengehen der beiden Männer ab, und die freundschaftliche Art ihres kollegialen Zusammenwirkens ließ allmählich die früheren Flüsterstimmen verstummen.
Als ihr Mann eintrat, faß die junge Frau in Trauerkleidung am Fenster. Shre Blicke gingen nach der alten Domkirche, deren Glocken kaum noch den Verblichenen dahingeläutei hatten. Sie schien hinauszuhorchen, ob denn jener letzte Ton der vergangenen Zeit auf immer verhallt sei.
Feuerbach blieb, nicht sogleich von ihr bemerkt, einen Augenblick an der Türe stehen. Dann trat er an Marianne heran unlegte die Hand auf ihr Haar.
„Hast du ihn in Gedanken mit zu Grabe getragen ? Es war ein schwerer Gang für mich, ich möchte sagen, einer der schwersten meines Lebens. Man kann einem Menschen noch so viel Gutes erwiesen haben, geht er von uns, so bleibt doch etwas wie eine
•) Aus einem hübschen Novellenbändchen des Verfassers <Ver- fag von F. W. Cordier, Heiligenstadt), in dem er zeigt, daß seine Begabung den Durchschnitt der gegenwärtigen deutschen Srzäb- lungskunst überragt. Man fühlt sich nicht nur stofflich, sondern psychologisch gefesselt, und die erfrischende Ruhe, die über feiner Formgebung liegt, erinnert an gediegene Vorbilder der älteren Literatur.


